Montag, 20. Februar 2017

DRACULA UND SEINE BRÄUTE (The Brides of Dracula 1960 Terence Fisher)


Auf ihrer Reise in ein Mädcheninternat landet die junge Lehrerin Marianne aufgrund veränderter Umstände im Schloss der Gräfin Meinster. Dort stößt sie nachts in einem anderen Teil des Schlosses auf den heimlich weggesperrten Sohn der Gräfin. Sie befreit ihn, ohne zu ahnen dass sie damit einen Vampir auf die Menschen in der Umgebung losgelassen hat. Denen kann nun nur noch Dr. van Helsing helfen, der seinerzeit bereits Dracula ins Jenseits befördert hat...


Graf Meinster und seine Bräute...

Die erste von insgesamt acht Fortsetzunges des legendären Hammer-Erfolges „Dracula“ mit Christopher Lee sollte ebenfalls wieder, ebenso wie die zweite Fortsetzung „Blut für Dracula“, von Terence Fisher umgesetzt werden, der bereits das Original von 1958 schuf. Auch wenn sowohl der deutsche, als auch der englische Originaltitel „The Brides of Dracula“ den getöteten Grafen des ersten Filmes im Titel erwähnen, so taucht dieser in der ersten Fortsetzung doch gar nicht auf. Er ist nicht einmal relevant für die weiblichen Nachkommen im Titel, werden diese doch durch den bereits viele Jahre als Vampir infizierten jungen Grafen Meinster zu Geschöpfen der Nacht, womit sie seine Bräute sind und nicht die seiner berühmteren Konkurrenz.

Ein wirklicher Konkurrent ist David Peel als Meinster freilich nicht, legt er seine Rolle doch weit weniger düster an als es Christopher Lee tat. Ob das eine Entscheidung von ihm oder von Terence Fisher war, lässt sich schwer feststellen, zumindest passt sein Stil der Darbietung zur Restinszenierung, die sich sehr dem klassischen, fast schon naiven, Vampirstoff hergibt. Modern ist es nicht, was man hier zu sehen bekommt. Wie die Vampire erwachen, mit ihren spitzen Zähnchen die Menschen anzischen, wie Meinster per Hypnose verführt, vor Kreuzen zurückschreckt und die Vampire in ihren Särgen hausen, „Dracula und seine Bräute“ ist höchst klassisch und harmlos ausgefallen, keinesfalls gruselig oder zumindest so düster ausgefallen wie der Vorgänger, zieht meiner Meinung nach aber gerade daraus seinen eigenen Reiz.

Einzig jene Szene ist etwas moderner ausgefallen, in welcher Dr. van Helsing völlig unerwartet selbst von einem Vampir gebissen wird, und er daraufhin zu drastischen Mitteln der Selbstheilung greift. Ohnehin hat es diese Phase kurz vor Schluss in sich, ist doch auch die Methode mit welcher es der gebildete Vampirjäger schließlich schafft Meinster endgültig ins Jenseits zu befördern eine sehr interessante, und besonders schön für unvorbereitete Menschen wie mich zu schauen, die sich bei dem Handlungsort einer Windmühle nichts weiter gedacht haben.

Wie auch immer, so naiv der Plot dieses wunderschönen Vampirfilmes auch ausgefallen ist, die Optik dieser etwas schlichter angegangenen Fortsetzung bietet das was man sich von einem Genrebeitrag der legendären Hammer-Studios grundsätzlich erhofft: stimmige Studioaufnahmen, reichhaltige Dekorationen, und klassische Handlungsorte wie Schloss, Friedhof, Kutschfahrt durch den Wald und final wie erwähnt eine Windmühle. Das kann sich alles sehen lassen, sorgt für eine stimmige Umsetzung, wie bereits betont zwar frei von Grusel, aber durchaus mit gothischem Charme umgesetzt. Wem das reicht und wer auf die Härte des Vorgängers verzichten kann, der wird auf klassische Art bestens unterhalten.


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Sonntag, 19. Februar 2017

MAREBITO (2004 Takashi Shimizu)


Der Kameramann Masukoa ist fasziniert vom Erschreckendem im Leben, sammelt Aufnahmen verstörter Menschen, während er selbst fast lethargisch gefühlsarm durchs Leben geht. Von der Aufnahme eines Selbstmörders fasziniert, stößt er in den Tiefen der U-Bahn-Station, wo der Suizid stattfand, auf eine unheimliche Welt unter der Stadt. Dort trifft er auf eine angekettete, nackte, junge Frau, die er von der Unterwelt hoch in die seine nimmt. Zu Hause erforscht er die Befreite, von der er nicht weiß ob sie Mensch oder Kreatur ist...


Unter Wasser waren wir klüger...

Beim Sichten des hier besprochenen Werkes, das eine Art Mix aus Geisterhorror und Psychopathenfilm sein soll, sind mir mehrere (teilweise erst nach „Marebito" entstandene) Parallelstoffe eingefallen, die phasenweise immer Pate für den jeweiligen Schwerpunkt der Geschichte sind. Da sind Elemente aus „Baby Blood“, „Deadgirl“, „Der kleine Horrorladen“, „Alice im Wunderland“, „Nell", „Freeze Frame“, „Silk“ sowie diverse Filme über Wahnsinnige und Geisterwelten enthalten, quasi ein Mix der es in sich hat, aber trotzdem keinen großen Film hervorbringt. Je nach Phase schaut sich das Werk des Regisseurs Takashi Shimizu, der auch „Shock Labyrinth“, sowie „Ju-on“ im Original, im Remake und in diversen Fortsetzungen gedreht hat, stets unterschiedlich interessant.

Den nüchtern erzählten Part erfährt man zu Beginn, wenn wir den dokumentatorischen Worten der Hauptfigur lauschen, viele Aufnahmen aus der Perspektive seiner Videokamera vorgesetzt bekommen und etwas zu schwerfällig in den Stoff eingeleitet werden. Umständlich, ja geradezu wunderlich und verwirrend wird die Geschichte beim Abstieg in die Phantomwelt, bei der man nie weiß wie der gute Mann nun darauf kommt es mit einer Geisterwelt zu tun zu haben. Erst als er auf den quicklebendigen Selbstmörder trifft, scheint es dafür einen Beweis zu geben. Aber bereits hier stellt sich die Frage ob Masukoa etwas Ungewöhnliches erlebt, oder ob aus dem nah an einer Geisteskrankheit angesiedelten Sonderling ein wahrhaft Wahnsinniger geworden ist.

Wirklich interessant wird „Stranger from Afar“ (Alternativtitel) erst in seiner bodenständigeren Phase, wenn der Film sich in einen Forscherfilm a la „Andromeda - Tödlicher Staub aus dem All“ wandelt, dürfen wir doch nun das Wesen kennen lernen, welches Masukoa schlicht F nennt und mittels moderner Technik stets unter Beobachtung hält. Ist F eine Frau, der Schreckliches zugestoßen ist? Oder ist sie ein fremdes Wesen? Hat sie ihr merkwürdiges Verhalten deswegen weil sie von etwas Unmenschlichem großgezogen wurde, oder ist nur ihr Aussehen menschlich?

Dass dieser an Fakten gekettete Part nicht das ist was er zu sein scheint, erfährt man erst mit der Zeit. Zumindest stößt der Protagonist nun auf einige wertvolle Informationen über das Wesen, u.a. auch darauf wovon sie sich ernährt, und da beginnt nun die Phase der Selbstzerstörung und endgültig die des Wahnsinns, wird Masukoa doch für F zum Mörder, bis er aus diesem Teufelskreis als Ernährer einer Kreatur schließlich die Flucht ergreift und weit von daheim als Einsiedler unter lauter Obdachlosen versucht sich selbst zu finden.

Erst hier erfahren wir die Wahrheit über die miterlebten Geschehnisse, dessen Masukoa sich im Gegensatz zu uns stets bewusst war. Einige Momenten flammten zuvor auf, in welchen sich Vermutungen auftaten, die nun bestätigt werden, und das komplette Geschehen steht damit final in einem anderen Licht als zuvor. Allerdings ist es, wie erwähnt, weder eine schockierend unerwartete Überraschung, noch sorgt der andere Blick auf die Dinge für einen intelligenten Wandel. Die Sachlage ist einfach eine andere. Punkt und aus. Das kann man so annehmen und sich für gedankenlose, wandlungsreiche 90 Minuten der Unterhaltung bedanken, oder man bleibt enttäuscht zurück, nicht wissend was uns Shimizu mit dem Film überhaupt sagen wollte. Vielleicht verrät er es in dem ebenfalls auf der DVD enthaltendem Interview. Auf dieses hatte ich trotz solider Unterhaltung allerdings keine Lust mehr, dafür ist mir „Marebito“ dann doch zu austauschbar ausgefallen.


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DIE RÜCKKEHR DER ZEITMASCHINE (1984 Jürgen Klauß)


Ein Arzt entdeckt in den 20er Jahren im Hinterzimmer eines Trödelladens eine Zeitmaschine und ersteht diese. Herzkrank wie er ist kann der Internist die Reise nicht persönlich angehen, also sucht er gemeinsam mit Freunden nach einer Person, die sie 100 Jahre in die Zukunft schicken können. Nach kurzer Suche ist jemand relativ Unentschlossenes gefunden, aber man bekommt ihn schließlich doch noch überredet auf Reisen zu gehen. Zurückgeblieben im Jahr 1925 warten die Herren nun auf die Rückkehr ihres Zeitreisenden...


Ein Fremder kehrt zurück...

Leicht angelehnt an H.G. Wells‘ berühmten Roman und George Pals Verfilmung „Die Zeitmaschine“, erschien in den 80er Jahren ein recht interessant klingendes Produkt aus Deutschland, welches mittlerweile sogar den Weg auf den DVD-Markt gefunden hat. „Die Rückkehr der Zeitmaschine“, wie das Stück so reizvoll heißt, entpuppte sich schnell als etwas völlig anderes als von mir erwartet, handelt es sich doch um keinen Film, sondern um ein kostengünstig produziertes Fernsehspiel, so wie z.B. auch „Tagebuch eines Frauenmörders“ eines war.

Bei dem aufgedrehten Spiel der beiden zuerst auftauchenden Figuren, hätte man noch eine Komödie vermutet, werden die Charaktere doch überdreht agierend präsentiert, einen Hang zum Klamauk in sich tragend. Die später hinzugestoßenen Figuren bringen aufgrund des ruhiger werdenden Szenarios diese Eigenschaft auf reduzierte Art mit, aber sie schwebt noch immer im Raum, die affige, realitätsferne Übertreibung eines jeden Mitwirkenden. Jeder Darsteller soll eine Parodie des von ihm verkörperten Figurentyps darstellen, was in seiner zu gestellten Art bereits nicht funktioniert. Im Kontext mit der auf Drama orientierten Geschichte macht dieser Ansatz zusätzlich jedoch gar keinen Sinn, so dass sich eine Ernüchterung über das Produkt bereits breit macht, noch bevor das Interesse der Geschichte schwindet.

Dieses wird nie ganz hoch gehalten, so penetrant wie man Zeit schindet. Eine Erwartungshaltung aufbauen wollen, ein Thema vertiefen und Figuren intensiv vorstellen wollen sind alles positive Eigenschaften, aber wenn der Erzählfluss darunter so intensiv leidet, wie hier geschehen, dann ist das nur noch ärgerlich zu nennen. Mit einer Laufzeit von über 110 Minuten überfordert dies die Aufnehmungskraft jener Zuschauer, die auf leichte Unterhaltung hoffen. Wer eher etwas Philosophisches erwartert, bekommt aber ebenfalls eine Geduldsprobe präsentiert, dauert es doch eine gefühlte Ewigkeit bis endlich über das Reisen in die Zeit etwas tiefgründiger gesprochen wird.

Da warten sie nun auf die Rückkehr ihres Zeitreisenden und kommen ins Gespräch. Ich wurde endlich neugierig und hoffte gar darauf, dass sich „Die Rückkehr der Zeitmaschine“ zumindest den Kniff gönnt es bei diesem Szenario zu belassen und den Rest von den Dialogen und somit der Vorstellungskraft der Zurückgebliebenen zu zehren - was zugegebener Maßen bei der uninteressanten Charakterzeichnung der Gruppe selbst bei besserem Ergebnis eine wackelige Angelegenheit gewesen wäre. Aber diese erhoffte Phase der Erzählung ist nur von kurzer Dauer, kehrt die Zeitmaschine kurz darauf doch noch zurück - jedoch mit einer fremden Person an Bord.

Mit diesem unerwarteten Kniff gewann das müde Projekt endlich mein Interesse zurück, aber nun muss man leider warten bis der Rückkehrer auch endlich erzählen kann wer er ist, warum er die Zeitmaschine bedient hat und wie die Welt in 100 Jahren aussieht. Redet er endlich, kommen die Antworten zaghaft aus ihm heraus. Dass manches von ihm Gesprochene den Ohren der Menschen aus dem Jahr 1925, und auch jenen des Zuschauers von heute, rätselhaft klingt und mehr Fragen anstatt Antworten aufwirft, gehört zu einer der wenigen Stärken von „Die Rückkehr der Zeitmaschine“, findet jedoch zu einem Zeitpunkt statt, in welchem der Geduldsfaden des Zuschauers hauchdünn geworden ist, so dass diese Eigenschaft eher eine theoretische Stärke ist, anstatt eine die nun den Unterhaltungswert tatsächlich bereichern würde.

Über den Einfallsreichtum dessen was die Leute mit ihren unterschiedlichen Fachrichtungen nun aus dem Zeitreisenden herauskitzeln, vergleichbar mit dem Szenario aus „Man From Earth“, kann man nun unterschiedlicher Meinung sein. Ich persönlich fand das aufgezeichnete Zukunftsbild zu konstruiert darauf gesetzt pseudo-philosophisch über den Verlust von Freiheit und Individuum debatieren zu wollen, wahrer Tiefsinn sieht anders aus, aber das wird manch Anderer sicher anders sehen können/wollen. Wie auch immer: auch diese interessanteste Phase des Stoffes ist nicht das Gelbe vom Ei, so dass ich bis zum Schluss von „Die Rückkehr der Zeitmaschine“ enttäuscht wurde, so sehr sogar, dass mir die Vorstellung dessen, was man mit diesem Fernsehspiel versucht hat, nicht einmal theoretisch gefallen oder imponiert hat.


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Samstag, 18. Februar 2017

DIE ZEITMASCHINE (The Time Machine 1960 George Pal)


Der Erfinder H.G. Wells reist im Jahr 1899 mit einer selbst entwickelten Zeitmaschine in die Zukunft, um dem Kriegstreiben der Menschen zu entgehen. Doch anstatt Frieden zu stiften werden die Ideen einander zu zerstören im Laufe der Jahre immer gewaltiger. Als eine Atombombe im dritten Weltkrieg alles zerschmilzt was der Mensch erschaffen hat und Wells in seiner Zeitmaschine sitzend in einem Berg eingeschlossen wird, dauert es bis zum Jahre 802701 bis er wieder hinaus kommt. Das Leben unter den Menschen scheint in dieser fernen Zukunft friedlicher geworden zu sein, doch der Schein trügt...


Hilfe für die Elois...

Alle Jahre wieder krame ich mir diesen wunderschönen Science Fiction-Klassiker hervor und lasse mich von ihm verzaubern. Das mag etwas verträumt klingen für einen Kriegs-kritischen Film mit düsteren Aussichten für die Zukunft, doch mag „Die Zeitmaschine“ auch nicht „Das zauberhafte Land“ sein, wie für die 50er Jahre typisch wurde der Film stilistisch wie ein Märchen für Erwachsene angegangen, das Staunen und die Faszination des Unfassbaren ins Zentrum setzend und weniger die technische Raffinesse und der Hang zur Authentizität. Und es ist genau diese Art der Herangehensweise, welche George Pals erste von bislang drei Verfilmungen zu einem solch sehenswerten Film macht.

Pal richtet sich an das Kind im Manne, an den Abenteuerlustigen in uns bei dem Gedanken durch die Zeit reisen zu können, in eine ungewisse Zukunft. Das zeigt sich allein schon an der kunterbunt verspielt aussehenden Zeitmaschine selbst, die, wenn auch professioneller zusammengezimmert, der Wunschmaschine im Kinderstoff „Das Sams“ von der Augsburger Puppenkiste von seiner zauberhaften Wirkung her in nichts nachsteht. Wie sie funktioniert wird nie erörtert, das würde dem magischen Schleier des Märchens schaden.

Trickreich setzt die Geschichte bereits im Erscheinungsjahr in dessen Vergangenheit an, so das erste Entdeckungen des Protagonisten dem Zuschauer bereits bekannt sind. Um so erschreckender wird Wells‘ Ausflug in die uns nahe unbekannte Zukunft, prophezeit sie dort doch das Ende der Zivilisation durch eine Atomexplosion im dritten Weltkrieg. Doch so unverschönt und hart der Film auch in dieser Phase mit uns ins Gericht gehen mag, auch hier liegt ein gewisser Zauber anstatt eines zu strengen Tones in der Luft, herbeigeführt durch die Melancholie des Wiedersehens eines Bekannten. Und als dieser sich über den nicht gealterten Helden wundert, ist er wieder da, der Zauber des Unbekannten, die Verführung des Unmöglichen, also jener Ton, der den Träumer in uns anspricht und nicht den Gesellschaftskritiker.

Weiterhin konsequent den Träumer in uns ansprechend ist man auch im weiteren Verlauf der Zeitreise. Ebenso wie in der literarischen Vorlage, so landet Wells schlussendlich nicht in einer popelig fernen Zukunft 1000 Jahre später, sondern jeden Abenteurer in uns hochschrecken und neugierig werden lassend im Jahre 802701, wo die eigentliche Geschichte nun Fuß fasst und sich als eine Art Menschheits-Drama präsentiert. Zwar existiert die Menschheit noch, aber alles Kultivierte, die Wissenschaft, die Kunst, die Ethik, alles was den Menschen als wertvolles Wesen ausmachte ist vergangen. Wells stößt auf eine ungebildete, egoistische und ignorante Gesellschaft, und er sieht es als seine Aufgabe an diese Zustände zu ändern.

Hier verhält sich Wells nicht so dominant wie ein Captain Kirk aus „Raumschiff Enterprise“, der eine Gesellschaft vorverurteilt. Zwar beginnt auch Wells zu schimpfen, aber er revidiert diese aus dem Affekt entstandene Reaktion, ist ihm doch klar dass die Elois, wie die Menschen sich in der Zukunft nennen, nichts für ihren Zustand können und dumm gehalten werden - von den Morlocks, monströse unter der Erde lebende Menschen, die Wells noch kennen lernen wird. Sie versorgen die Elois und bewaren dort unten ein düsteres Geheimnis. Man kann sich denken welchen Zweck die friedlichen Elois für die bösen Morlocks haben, diese Vorhersehbarkeit macht die Erlebnisse Wells‘ jedoch nicht uninteressant. Die charakterlich Schwarz/Weiß gezeichnete Trennung der zwei Menschenarten unterstreicht noch einmal den naiven Charme der Geschichte, der klar macht, dass ein solches Werk meiner Meinung nach märchenhaft erzählt werden muss, anstatt es intellektueller oder quantitativ erwachsener umzusetzen.

Wie auch immer, Wells mischt sich aus anderen Gründen ins Geschehen ein, als es der Egomane Kirk tun würde, so dass die Mission Wells, wenn dieser erneut von der Vergangenheit in die ferne Zukunft reist, eine edle zu sein scheint, aber auch ein abenteuerliches Unterfangen, welches durchaus scheitern kann. Vieles der Fantasie des Zuschauers überlassend schließt der Film mit einer verträumt zum Nachdenken anregenden Frage: Welche Bücher hätten sie mitgenommen? Somit schließt der Film so verspielt, den kleinen Entdecker im Erwachsenen ansprechend, wie er die ganze Zeit über war und hinterlässt ein gutes Gefühl beim Zuschauer.

Dieser ist aufgrund der verträumten Verharmlosung und der Naivität des Stoffes keineswegs unterfordert worden. Ganz im Gegenteil: die Ruhe mit welcher die Geschichte in ihrem vereinfachtem Miniaturkosmos erzählt wird, die nostalgisch anmutenden Spezialeffekte und Masken, die Charme anstatt spöttisches Lästern versprühen und das Herz am rechten Fleck machen „The Time Machine“ (Originaltitel) zu einem besonderen Seherlebnis, zu einem Evergreen des phantastischen Films und damit zu einem der größten und wertvollsten Science Fiction-Filme seiner Zeit.


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Freitag, 17. Februar 2017

DER LANGE BLONDE MIT DEN ROTEN HAAREN (La moutarde me monte au nez 1974 Claude Zidi)


Der Mathematiklehrer Pierre landet aufgrund vertauschter Unterlagen und einer Verkettung ungünstiger Umstände in der Klatschpresse als Geliebter einer berühmten Schauspielerin...


Von einer eingegipsten Gummipuppe...

Seit Pierre Richard mit „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ einen Hit gelandet hatte, wurde jeder gefühlte dritte Film des Komikers in Deutschland irgendwie als Anlehnung an diesen betitelt. Ob nur in einer Nebenrolle agierend in „Der Blonde mit den blauen Augen“, den Titel nur leicht streifend mit „Der Sanfte mit den schnellen Beinen“ oder ganz dreist eine Fortsetzung des Erfolgsfilmes vorgaukelnd in „Der große Blonde auf Freiersfüßen“, es wurde getrickst und verfälscht, um irgendwie am vergangenen Erfolg gebunden Zuschauer ins Kino zu locken, anstatt die Werke für sich sprechen zu lassen. Zu den einfallsreichsten Titeln dieser Art darf aufgrund seines absichtlich absurden Widerspruchs „Der lange Blonde mit den roten Haaren“ gezählt werden, der sich auf eine relativ kurze Phase des Filmes stützt, in welchem Pierre rosa gefärbte Haare hat.

Mit der eigentlichen Geschichte hat dies recht wenig zu tun, ist es doch nur ein Ungeschick von hunderten, welches Pierre passiert ist. Und dem geschieht wahrlich viel Unangenehmes in Claude Zidis Werk, so dass man diesen als wirklich geradezu typischen Pierre Richard-Film zählen kann. Zu seinen besten gehört „Lucky Pierre“ (Alternativtitel) nicht, dazu ist er etwas zu lahm inszeniert und zu konstruiert erzählt. Aber er geht als Zwischendurchverzehr, gerade für Freunde des großen Blonden, in Ordnung, zumal er in der letzten halben Stunde flotter und kurzweiliger ausfällt als zuvor.

Einfallsreich sieht anders aus, und die lustigsten Szenen besitzt der Film meist dann, wenn Pierre Richard gar nicht zur Stelle ist. So gibt es eine sehr lustige Szene in einem Operationssaal zu sehen, in welcher der amtierende Chirurg aufgrund unangenehmer Nachrichten ein größeres Blutbad anrichtet, als man es in manchem Horrorfilm zu sichten bekommt. Und wenn in einer anderen Szene die aufgrund der Boulevardpresse wütend gewordene Schauspielerin in einer Saloonschlägerei so wild auf die Stuntmänner einprügelt, dass die ihres Lebens nicht mehr sicher sind, haben wir den zweiten humoristischen Höhepunkt des Streifens erreicht.

Was das Pech des Pierre, der Hauptperson, betrifft, das wird etwas zu hochgeschaukelt, selbst für meinen Geschmack. Wo ein „Der Tolpatsch mit dem sechsten Sinn“ aufgrund der absurden Erlebnisse in der überdrehten Dosis zu gefallen wusste, da fallen die Chaosketten in „Der lange Blonde mit den roten Haaren“ wesentlich durchschnittlicher aus, und schauen sich gelegentlich anstrengend anstatt belustigend.

Wie bereits erwähnt geht das als Durchschnittskost in Ordnung, zu Schmunzeln bekommt man schließlich genug vor die Nase gesetzt. Und mit Jane Birkin hat man Pierre Richard zudem eine wahre Schönheit an die Seite geschrieben, sogar mit einer kurzen Nacktaufnahme versehen. Diese in Kombination mit dem amourösen Thema veranlasste die Texter des deutschen DVD-Covers dazu den Film idiotischer Weise wie eine Erotikkomödie klingen zu lassen, was erneut beweist wie bemüht man in Deutschland ist Geld mit Pierre Richard zu machen, der nie den Bekanntheitsgrad von Louis de Funès erreicht hat, was sehr schade ist, so talentiert wie dieser Mann in jedes Chaos stürzt.


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ZWEI IRRE SPASSVÖGEL (Les Compères 1983 Francis Veber )


Die Mutter des mit einem Mädchen ausgerissenen, 17 jährigen Tristan ist verzweifelt, glaubt sie doch nicht, dass die Polizei ernsthaft nach ihrem Sohn sucht. Also erzählt sie zwei Verflossenen dass es sich bei dem Kind um das Ihrige handeln würde, damit sie als Vater motiviert den Jungen suchen...


Der Junge mit den drei Vätern...

Zwischen ihren gemeinsamen Filmen „Ein Tolpatsch kommt selten allein“ und „Zwei irre Typen auf der Flucht“ ließ Francis Veber Pierre Richard und Gèrard Depardieu auch in „Zwei irre Spaßvögel“ miteinander agieren, den einen als selbstmordgefährdeten Sensiblen eingesetzt, den anderen als schlagfertigen Schnüffler. Letzteren als Journalist zu fragen, der es selbst mit den größten Ganoven der Welt aufnimmt, macht Sinn. Warum Tristans Mutter nach dessen Verweigerung auf den labilen Francois zurückgreift, bleibt die grundlegende Unlogik der Geschichte, ohne welche sie jedoch nicht funktionieren würde, so dass dieser Schwachpunkt damit verziehen sei.

Wo sonst der von mir so geschätzte Pierre Richard in diesem Duo die Nase vorn hat, da ist es, unterfordert wie Richard mangels Trottelmomente diesmal ist, Gèrard Depardieu der dieses eine Mal positiver hervorragt. Generell stehen sie sich sowieso in nichts nach und harmonieren bzw. disharmonieren wunderbar zusammen, weswegen ich mir mehr als diese drei gemeinsamen Projekte mit ihnen gewünscht hätte, es ist quasi eine subjektive Sympathie die mich stets Richard bevorzugen lässt. Aber die leisen Zwischentöne, mit denen Depardieu zwischen verärgert und beleidigt diesmal den stolzen Papa mimt, bzw. das stille Wachsen dieser Position innerhalb seines ruppigen Charakters, ist herzzereißend gespielt und schenkt der Komödie, gerade gegen Ende, jene sensiblen Momente, von denen später „Mein Vater, der Held“ einen großen Teil seiner Kraft zehren sollte.

Im direkten Vergleich ist „Zwei irre Spaßvögel“ der schwächeste der drei Filme geworden. Er guckt sich nicht so sprudelnd komisch wie der erste und nicht so grundlegend emotional wie der dritte, aber er zieht die Stärke aus seiner Geschichte und aus dem gern unterschätzten Gefühl des Vaterstolzes und schafft es, trotz der wenigen gemeinsamen Momente, aus dem männlichen Trio eine glaubwürdige Einheit zu bilden, was nach der langen Dauer des aneinander vorbei Suchens und der ewigen Teenagerbockigkeit weit weniger Laufzeit in Anspruch nimmt, als normaler Weise mötig gewesen wäre, um glaubwürdig zu sein. Hieran erkennt man Vebers enormes Können.

Auch das Drehbuch ist bemerkenswert zu nennen, schafft es doch das arg konstruierte Grundszenario möglichst natürlich umzusetzen, ohne lediglich auf die Ausrede Komödie bauen zu müssen, und arbeitet es doch parallele Stoffe stets gekonnt mit ein, sei es die recht kurze Phase, in welcher beide Väter zusammen arbeiten, ohne zu wissen den selben Sohn zu suchen, oder sei es die Kriminalgeschichte gegen Ende, welche die Rolle Pierre Richards in einer völlig anderen Wahrnehmung erlebt als die Rolle Gèrard Depardieus. Mag es also auch nicht so urkomisch oder hochemotional hergehen wie in den Vergleichsfilmen, „Les Compères“ (Originaltitel) besitzt von beidem genug um zu funktionieren, so dass einer Empfehlung auch diesmal nichts im Weg steht.


DER TEUFEL MIT DEN 7 GESICHTERN (Il diavolo a sette facce 1971 Osvaldo Civirani)


Julie Harrison sucht den Anwalt Dave Barton auf, fühlt sie sich doch in letzter Zeit verfolgt. Scheinbar wird sie mit ihrer im Ausland lebenden Zwillingsschwester verwechselt, die etwas ausgefressen zu haben scheint. Als Julie nach dem Anwaltsbesuch auf offener Straße von zwei Männern angegriffen wird, nehmen sich Dave und sein Freund Tony der Frau an und geraten dabei zwischen die Fronten von Polizei und Gangsterbanden...


Das Glasimmitat...

Der Alternativtitel „Die Diamantenlady“ wird dem Thriller von Osvaldo Civirani gerechter als der nach Giallo klingende Titel „Der Teufel mit den 7 Gesichtern“, ist der Film letztendlich doch ein kleines, banales Stück Gangstergeschichte. Was wir zu Beginn der Handlung wissen und nicht wissen, wandelt sich im Laufe des immer neue Überraschungen aus dem Ärmel ziehenden Plots, wobei das meiste erst kurz vor Schluss eine Änderung erhält, um die Geschichte in ein neues Licht zu rücken. Besonders piffig geht man dabei nicht vor, zumal sich vieles zuvor erahnen lässt, und die austauschbare Handlung, so sehr sie auch mit Actionsequenzen versucht wird aufzupeppen, plätschert somit weit mehr seicht vor sich her, als es dem Regisseur lieb wäre.

Rein inszenatorisch gibt es eigentlich wenig zu meckern. „Der Teufel hat sieben Gesichter“ (Alternativtitel) ist meist hübsch fotografiert, die Schauspieler agieren ordentlich, die Musik untermalt sanft das Geschehen und auch die deutsche Synchronisation suggeriert mit seinen professionellen Sprechern mehr Stil als es die eigentliche Geschichte einhalten kann. Sie erscheint nicht immer sinnvoll und dreht sich stets im Kreis. Schlecht sieht anders aus. „Il diavolo a sette facce“ (Originaltitel) weiß phasenweise zu gefallen, gerade zum Anfang hin, und weiß sein immer wiederholendes Spiel zumindest halbwegs kompatibel zu variieren, meist durch interessante Orte. Mehr als Routine für den Stammzuschauer des Gangsterfilms bekommt man durch solche Rettungsaktionen jedoch auch nicht gezaubert.

Zumindest kann man Civirani einen sicheren Stil zugestehen. Es ist zwar einer, der in seiner Zeit feststeckt, aber das muss nichts negatives bedeuten. Die trockene, immer wieder durch Actionmomente aufgepeppte, Art, mit welcher der gute Mann dem Film eine angenehme Grundatmosphäre schafft, steuert erfolgreich gegen überholte Figurentypen, allen voran Tony, dessen plumpe und selbstverliebte Anmachversuche heutzutage keine Chancen mehr beim schwachen Geschlecht hätten, die dem Werk eine unfreiwillige Komik bescheren. Es ist eben diesem von Civirani gesetzten Grundton zu verdanken, dass dies nicht den kompletten Film der Lächerlichkeit Preis gibt, zumal manch unlogischer Gehalt innerhalb der Geschichte der unfreiwilligen Komik zusätzlichen Zunder hätte bescheren können.

Allein aufgrund dieser Stärke ist es schade, dass das Werk auf seine komplette Laufzeit gesehen so ein müdes Stück Routine geworden ist, vergleichbar mit einem Fahrstuhlsong, der durchaus angenehm sein kann, aber auch völlig austauschbar ist und bestens dafür geeignet ihn während er läuft zu ignorieren. Wer nicht gerade versessen darauf ist wirklich jeden italienischen Thriller in seinem Leben gesehen zu haben, der sollte sich diesen Mix aus Kriminal- und Abenteuerfilm besser sparen, ist er doch zu banal ausgefallen, als dass er das Ergebnis wirklich unterhaltsamer Routine erreichen könnte.


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DIE RACHE DER PHARAONEN (The Mummy 1959 Terence Fisher)


Ein Ägypter hilft einer Mumie in England Rache an den Schändern des Grabes seiner Prinzessin vorzunehmen...


Ein Sumpf wie eine Drehtür...

Sehr geachtet sind sie nicht, die vier Mumienfilme der Hammer-Studios, gelten sie doch allgemein hin als Schwachpunkt der sonst so geschätzten britischen Schmiede des Horrorfilms. Während ich noch meine Freude mit „Das Grab der blutigen Mumie“ und „Der Fluch der Mumie“ hatte, und somit den Argwohn gegen diese Filme nicht nachvollziehen konnte, sollte es gerade der erste Hammerfilm zu diesem Thema sein, der auch mich nicht überzeugte. Als Neuverfilmung der ersten von vier Fortsetzungen des 30er Jahre „Die Mumie“ anvisiert, von der leider nicht eine einzige in Deutschland erschienen ist, scheitert sie an allerlei Punkten, ohne dass man zum Vergleich das (mir nicht bekannte) Original herauskramen müsste.

Bereits die Einleitung ist lieblos angegangen, wenn der olle Ägypter mangels mystischer Betonung lächerlich auf Rache sinnt, und die Grabkammer sich weder als schmutzig, noch staubig, noch frei von Atemluft herausstellt. In der Hoffnung in England angekommen würde die mangelnde Atmosphäre durch glaubwürdigere Bilder verspätet aufkommen, muss man, von einer schlichten Rahmenhandlung um die geistige Erkrankung eines Archäologen einmal abgesehen, erst viel zu lange Rückblicke über sich ergehen lassen, die alle an den selben Schwächen scheitern wie die Einleitung: unglaubwürdige Locations, theatralisches, leider nicht ernst zu nehmendes Schauspiel, und mitten drin ein sonst so brillanter Christopher Lee, der seine Rolle, warum auch immer, mit ängstlichem Blick verkörpert, selbst dann noch, wenn er als Mumie durchs Geschehen stampft, ohne dabei ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie die Bewegungen einer Mumie auszusehen hat.

Zwar bleibt auch nach Beendigung der Rückblicke die Glaubwürdigkeit der Geschehnisse höchst naiv und unglaubwürdig, aber durch den leichten Krimi-Touch der nun aufkommt, weiß das Ganze zumindest endlich einen gewissen Charme zu versprühen. Zwar macht der Gesinnungswandel des Kommissaren keinerlei Sinn, wenn er nach ersten, verständlichen Zweifeln, nur deswegen an die Existenz eines lebenden Toten glaubt, weil seine (sehr kurz angegangenen) Untersuchungen nichts Gegenteiliges beweisen konnten, aber wenn die Rolle des stets charmant spielenden Peter Cushing mit dem Kriminalisten endlich an einem Strang zieht, dann bereitet auch „Die Mumie“ (Alternativtitel) endlich Freude.

Höhepunkt des Filmes ist dann allerdings nicht das putzig ausgefallene Finale, sondern der Besuch von Cushings‘ Figur bei seinem Erzfeind, der einen langen Dialog verlogener Herzlichkeit und aufgesetzter Höflichkeit hervorbringt, bei dem es eine Freude ist dran teilnehmen zu dürfen. Hier weiß der Darsteller des Ägypters zumindest diesen Part der ihm zugeteilten Rolle zu erfüllen, wenn er auch sonst wie ein Flüche und Gebete vor sich herplappernder Kasper wirken mag. Dass das Klischee der jungen Frau, die der Prinzessin von einst bis aufs Haar gleicht, auch noch krampfhaft mit ins Geschehen gestoßen wird, würde nur dann stören, wenn wir es bei „Terror of the Mummy“ (Alternativtitel) mit einem guten Film zu tun hätte. So reiht sich diese Idee zumindest in die Schlange der charmant lächerlichen Ideen ein, welche das maue Produkt zumindest in der letzten halben Stunde noch halbwegs gerettet bekommen.


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Donnerstag, 16. Februar 2017

DER PROZESS (Le Procès 1962 Orson Welles)


Der kleine Angestellte Josef K. wird eines Tages verhaftet und wartet unter Hausarrest stehend auf seinen Prozess ohne zu wissen was er getan haben soll. Eine Antwort darauf bringt auch der Prozess selbst nicht zu Tage...


Selbstanklage...

Der auf dem gleichnamigen, unfertigen Werk von Franz Kafka basierende Film „Der Prozess“ erzählt eine Geschichte über die eigene Wahrnehmung der Gesellschaft. Die Außenwelt bricht in das von K. geordnete Leben ein, in welchem er sich zurecht fand und wohl fühlte. Nun auseinandergesetzt mit einer höheren Instanz, die ihn klein hält, fühlt er sich wehrlos, sich erfolglos drehend, windend und wehrend in einer willkürlichen, viel zu großen und ungeordneten Welt, in welcher der auf Gerechtigkeit pochende Idealist sich selbst zum Verhängnis wird. Äußere und innere Umstände vermischen sich. „Der Prozess“ ist ein Film der Selbstanklage, des schlechten Gewissens, der innereigenen Vorgänge. Die Geschehnisse sind nicht real, spielen sich im Kopf von K ab wie ein Alptraum, den Regisseur Orson Welles meisterlich mit bizarren optischen Reizen hervorbringt.

Nicht miteinander kombinierbare Orte werden zu Nebenräumen, nicht dem unseren Bild ähnelnd wie ein solcher Ort auszusehen hat. Größenverhältnisse verschwimmen, skuriles Füllmaterial der Räume erzeugt Entfremdung und einen Blick ins Unterbewusstsein Ks. Zu viele Menschen, zu wenig Menschen, zu viele Räume, zu große Räume, baufällige Gänge, alles wirkt schräg und unrealistisch, dabei entfremdet Welles lediglich den Sinn und Zweck der zu zeigenden Räume und Begebenheiten, er filmt nichts ab was künstlisch geschaffen werden müsste. Ks Alptraum wird gekonnt auf die Leinwand projeziert, ein Alptraum der sich nicht eines gewissen Humors scheut, so wenig dem Zuschauer auch zu lachen zu Mute ist.

Beim Zuschauen wird einem bewusst wie sehr sich Kafka und Welles mit der inneren und äußeren Welt, der Realität und dem Geschehen im Kopf auseinandergesetzt haben. Sexuelle Elemente fließen ebenso mit ein wie weltliche, Beklemmungen und Ängste gehen Hand in Hand mit Übermut und Arroganz. K schafft sich seine Umstände selbst. Weder die Polizei stellt sich als solche vor, noch gibt es einen Haftbefehl oder einen Prozess gegen ihn bevor K dies von selbst äußert. Dies ist sowohl das Ergebnis seiner egoistischen, übermütigen Charaktereigenschaften, als auch seiner verängstigten, selbstkritischen Seiten.

So ziemlich jeder im Film gesprochene Satz bringt einen neuen Denkansatz hervor, einen Aspekt aus dem Leben der ebenfalls mitspielt, ist das Leben doch das Sammelsorium des Gesamten, und kann es als solches doch nur subjektiv wahrgenommen werden mit all den Grenzen die ein Mensch körperlich wie geistig meistert. „Der Prozess“ funktioniert von innen als eingebildeter Prozess wie von außen als tatsächliches Machtinstrument auf wen Wehrloses. Das Geschehen kann als Synonym geistiger Verwirrtheit ebenso herhalten wie als Prozess des Gewissens, als Warnung vor dem totalitären Staat ebenso funktionieren, wie als Warnung vor dem überheblichen Intellekt. „Der Prozess“ funktioniert auf so vielen Ebenen, auch im abgeänderten Schluss Welles‘, welcher damit eine Aussage über die Exekutive äußert, die leichter vonstatten geht, wenn außerhalb des eigenen Blickfeldes exekutiert wird, anstatt Auge in Auge durch eigene Hand.

Politik, Religion, Sexualität, Psychologie, Normen, Gesetze, Spinnereien, blind befolgte, gelernte Muster, „Der Prozess“ berichtet von alledem aus der Perspektive eines Mannes, der aus seinem Leben gerissen wurde, ob von sich selbst oder durch wem Fremdes, das zu deuten wird dem Zuschauer überlassen. Und auch wenn jede neu hinzugekommene Szene neue Denkansätze zu Tage bringt und damit für den Intellekt unverzichtbar wird, so kommt „Der Prozess“ in dem Gefühl sich nicht gegen die unsichtbare Obrigkeit wehren zu können, über das erste Drittel nicht hinaus, welches dies bereits vorbildlich verdeutlicht.

Das nagt am Unterhaltungswert, den auch eine intellektuelle Literaturverfilmung besitzen sollte. Über diese perfekte Verdeutlichung Ks Unbehagen nie weiter hinauskommend, dreht sich die Geschichte für einen Filmstoff trotz reichhaltig nachgereichter Denkansätze zu sehr im Kreis, darin bemüht uns etwas deutlich zu machen, was bereits längst beim Zuschauer angekommen ist. Ob ein solch geniales Werk, wie jenes welches Kafka, bzw. eher dessen Nachlassverwalter, uns hinterlassen hat, sich für das Medium Film eignet, darf somit, trotz der gekonnten Überleitung der Hauptaussagen der Printmedie auf das cineastische, angezweifelt werden.


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Mittwoch, 15. Februar 2017

MEPHISTO-WALZER (The Mephisto Waltz 1971 Paul Wendkos)


Als der Musikjournalist Myles eine Freundschaft mit dem weltberühmten Pianisten Duncan Ely eingeht, ahnt er nicht, dass er von dem Okkultisten für einen teuflischen Plan auserkoren wurde, nach dessen Tod sein neuer Körper zu werden...


Wenn Menschen zu freundlich sind...

„Mephisto-Walzer“ ist ein stilvoll und sehr stimmig erzählter Horrorfilm, der es schafft die oft so lasch angegangene okkulte Thematik interessant und spannend verpackt einzufangen. Gerade der Aspekt um Träume die wahr werden, ein Bereich von dem ich in anderen Werken meist genervt werde, so gerne wie er lediglich zum Strecken von Laufzeit verwendet wird, wird von Regisseur Paul Wendkos derart packend inszeniert, dass die optisch verschleiert eingefangenen Aufnahmen wie ein wahrer Alptraum wirken, den man als Zuschauer mit der Heldin mitempfinden muss.

Es ist etwas schade, dass die Rolle Curd Jürgens konsequenter Weise recht früh aus der Geschichte gestrichen wird, ist seine Besetzung in der Rolle des Duncan Ely doch der Pluspunkt des Streifens schlechthin. Aber zum einen darf er in Traumsequenzen gelegentlich noch einmal vorbei schauen, und zum anderen ist die Geschichte selbst in ihrer vorhersehbaren Phase so atmosphärisch stark erzählt, dass „Null Uhr fünf - Frauenleiche in der Badewanne“ (Alternativtitel) auch ansonsten an Sehwert nicht verliert. Das liegt neben dem gekonnten Spiel der anderen Darsteller zudem recht stark am Drehbuch, welches es schafft den Zuschauer stark an die Heldin zu binden, stellen die Figuren doch mehr als lose Hülsen dar, auch wenn die Geschichte sie gerade als solche benutzt.

Die Geschichte von „Der lebende Tote“ (Alternativtitel) ist eine gehaltvolle, wenn auch nicht zwingend eine neue. Und die stilvoll eingefangenen Bilder, sowie der langsam aufbrodelnde Spannungsaufbau machen aus einer zunächst routinierten Erzählung einen sehenswerten Genrebeitrag, selbst dann wenn dieser zur zweiten Hälfte hin, wenn der Exmann von Elys Tochter ins Spiel kommt, nicht immer nachvollziehbar erzählt wird. Ohnehin ist es eigentlich eine Schwäche des Drehbuches wie Paula hinter die Wahrheit kommt. Und auch wie sie es schafft den unerwarteten Schluss einzuleiten, bleibt ein ungeklärtes Geheimnis.

Da der sich zunächst so vorhersehbar schauende Film aber gerade in der Schlussphase eine unerwartete Wende erlaubt, mit welcher man den Zuschauer vor den Kopf schlägt, denkt man nicht weiter über diesen Schwachpunkt nach, wird das Finale doch ein Erlebnis der Täuschung, das sich den Gefallen tut diese dem Gegenüber nicht zu enthüllen. Ob der Preis dafür nachvollziehbar ist, gerade wenn man bedenkt wie die dort agierende Figur zunächst charakterisiert wurde, bleibt Einschätzungssache des jeweiligen Zuschauers. Von einem klaren Verstand konnte man im letzten Drittel des Filmes aber ohnehin nicht mehr sprechen. Da muss jeder für sich wissen für wie nachvollziehbar er das Geschehen betrachtet oder nicht.

Über Sinn oder Unsinn kann man streiten. Die Kraft der Erzählung beweist, dass es so oder so funktioniert. Ein leise beginnender Film, der im Mittelteil seine enorme Kraft beweist, um eher tückisch und augenzwinkernd zu schließen, das ist eine Methode, gerade in der kultivierten Form seiner Umsetzung, mit welcher der Stammzuschauer des Horror-Genres in der Regel nicht zu überzeugen ist. Der wird nur dann herzlich eingeladen an „The Mephisto Waltz“ (Originaltitel) seine Freude zu haben, wenn er nicht auf die quantitativen Schauwerte üblicher Horrorware hofft. Blutige Bilder, psychotische Übertreibungen, Spuk und Terror wird er hier alles nicht vorfinden, ebenso wie Schockeffekte und theatralische Momente. Die Spannung wird eigens aus der Kraft der Geschichte und ihrer Bilder eingefangen. „Mephisto-Walzer“ ist eine Besonderheit für Cineasten und kein Horrorfilm in Form eines typischen Genre-Vertreters.


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SCHACHNOVELLE (1960 Gerd Oswald)


Auf einem Schiff trifft Werner von Basil auf den Schachweltmeister Centowic, der, nachdem er schmerzhaft feststellen musste wie gut von Basil in dem Spiel ist, ihn zu einer Partie Schach auffordert. Von Basil weiß dass es für seinen Gesundheitszustand besser wäre nicht darauf einzugehen. Der Grund dafür liegt in seiner Vergangenheit begründet...


Matt, wenn auch nicht auf dem Brett...

Viele Jahre sind vergangen, seit ich Stefan Zweigs „Schachnovelle“ gelesen habe, und viele Erinnerungen an den Inhalt des Stoffes sind dahin. Aber ich weiß noch wie schrecklich mir einst der Gedanke einer Verfilmung vorkam, bei all den inneren Vorgängen im Kopf der zentralen Figur von Basil, von welchen die Geschichte lebte. Ich hielt das Buch für unverfilmbar, zumindest wenn man der Vorlage sehr treu bleiben wollte. Dass ich mich nach über 20 Jahren nun doch an die Verfilmung heran gewagt habe, liegt an der Besetzung Curd Jürgens in der Hauptrolle, die mir Mut machte, dass das Projekt doch recht gut ausfallen könnte, halte ich den Mann doch für einen hochkarätigen Schauspieler und besaß er doch die Gabe selbst simplen Stoffen ein gewisses Niveau zu bescheren.

Wie zu erwarten kann die Geschichte so wie im Buch nicht auf das Medium Film übertragen werden. Aber Gerd Owalds Drama überzeugte mich dennoch mit seiner sehr respektvollen Umsetzung, welche, wie das Buch, die Vergangenheit von Basils erst mit der Zeit beleuchtet, und dies vor seinem Zusammenbruch auf dem Schiff. Oswald setzt voll und ganz auf das Spiel Jürgens‘, der den von Basil vor seiner Nazifolter mit hohem Selbstbewusstsein, voller Stil und Intellekt, verkörpert. Schrittchenweise beleuchtet der Film wie er zu dem wurde was er später ist. Curd Jürgens beweist hier großes Können, gehört ihm der Film in dieser Phase doch fast allein, zwischen Würde, Verzweiflung und Tapferkeit schwankend.

Oswald gönnt dem Stoff die Ruhe die er benötigt. Bis von Basil auf das Buch stößt dauert, allein schon weil Oswald dem Zuschauer nicht erklärt wie die Nazifolter stattfindet, er muss sie selbst miterleben und als solche begreifen wie sie funktioniert. Zwar habe ich mir den Raum, in dem von Basil gefangen gehalten wird, im Buch steriler vorgestellt, ich meine es wäre im Buch ein kahler Raum gewesen, aber auch das schlichte Hotelzimmer, welches der Hauptfigur Muster an den Tapeten, einen Schrank und andere Sehwerte gönnt, wird zur glaubhaften Umgebung des schrecklichen Psychoterrors, der auf ganz passive Art auf von Basil ausgeübt wird.

Trotz großartigem Spiels kann auch Curd Jürgens die Enttäuschung nicht so intensiv wie im Buch hervorbringen, die in von Basil aufkommt, wenn er entdeckt welches Buch er bei seinem einzigen Ausflug aus dem Zimmer heraus hat mitgehen lassen. Die vorherige Verzweiflung, die in ihm immer mehr gewachsen ist, ist jedoch überzeugend genug herübergebracht worden, so dass man dennoch versteht warum er sich trotz dieses Frustes schließlich auf das Buch einlässt. In dem hervorragend umgesetzten, sehr langen, fast den kompletten Film einnehmenden, Rückblick, der an keinerlei Klischees zur Nazi-Thematik leidet, und in dem selbst der meist plump agierende Hansjörg Felmy sich zu beweisen weiß, fehlte mir lediglich der Aspekt, dass von Basil schließlich x Spiele parallel auf einmal spielt und gerade diese Eigenschaft ihn endgültig in den Wahnsinn treibt, nicht mehr wissend welche Partie Schach er gerade spielt.

Es ist in gewisser Weise verständlich warum Oswald diesen Aspekt unter den Tisch fallen lässt, so hochkomplex er die inneren Vorgänge im Kopf des Protagonisten benötigt, die so nur ein Buch dem Publikum näher bringen kann. Und doch, irgendwie hätte er versuchen sollen diesen Aspekt zumindest anzudeuten, anstatt aus von Basil lediglich einen eher schlichten durch Schach gestörten Mann zu kreieren, der in der filmischen Alternativversion zum Buch nun durch das Verhör erinnert seinen Gegenüber, den Schachweltmeister, attackiert, anstatt diesen damit zu verwirren ein völlig anderes Spiel zu spielen, als die Runde Schach die gerade tatsächlich vonstatten geht.

Wie gesagt sind die Erinnerungen an das Buch verblasst, und vielleicht irre ich mich auch in manchen Punkten nach all diesen Jahren. Aber so wie ich „Schachnovelle“ in Erinnerung habe, fehlt dem Film genau jener Aspekt, welcher der Geschichte meiner Meinung nach den letzten Schliff gab. Kennt man die Vorlage nicht, vermisst man das Weggelassene freilich nicht, zumal die Geschichte auf schlichtere Art trotzdem funktioniert. Mehr noch, „Schachnovelle“ ist durch seine ruhige Inszenierung, der hervorragenden Darsteller und seiner sachlischen, Klischee-freien Betrachtung der Geschehnisse, ein hervorragender Film geworden, ein Niveau besitzend, welches ich ihm ehrlich gesagt nicht zugetraut hätte.

Was er an mancher Stelle der Vorlage gegenüber nicht einhalten kann, macht er an anderer Stelle wieder wett, z.B. durch die Idee aufgrund des gekachelten Bodens von der Treppe aus ein Schachspiel aus jenen Menschen zu machen, die in der Halle auf besagtem Boden stehend warten. Ich meine, dass diese Idee im Buch so nicht enthalten war. Das Medium Film findet immer seine eigenen Wege Unzulänglichkeiten gegenüber Buchvorlagen auszubügeln. Das macht aus der Verfilmung in diesem Falle keinen gleichrangigen Stoff zum Original, letztendlich befindet sie sich aber auch nicht im Wettbewerb zum Buch und beweist auf ihre Art wie gelungen sie trotzdem ausgefallen ist.


Dienstag, 14. Februar 2017

THE FOG - NEBEL DES GRAUENS (The Fog 2005 Rupert Wainwright)


Die Gründungsväter eines Küstendorfes betrogen einst Leprakranke um ihr Recht, raubten deren Vermögen und verbrannten die Kranken auf offener See, um mit dem geraubten Geld ihre Stadt aufzubauen. 100 Jahre später kommen die Toten auf einem Geisterschiff im dichten Nebel angereist, um Rache an den Nachfahren ihrer Mörder zu nehmen...


Geisterrache mit lautem Tamtam...

Dass John Carpenter als Produzent mit an Bord war, ebenso wie die damalige Produzentin Deborah Hill, schien nicht viel Einfluss auf das Remake von „The Fog - Nebel des Grauens“ gehabt zu haben, ist er doch das typisch blankpolierte, aufgepeppte Produkt geworden, wovor es jedem Horror-Fan bei dem Begriff Neuverfilmung fröstelt. Ich bin nun keiner jener Cineasten, die grundsätzlich gegen Remakes und Fortsetzungen schimpfen, kann ein Original doch nie geschädigt werden und ist es doch meist zumindest einen Versuch etwas Altes anders aufleben zu lassen. Ich gehe da immer recht offen heran, auch wenn es sich um neue Versionen besonders kultisch verehrter Stoffe handelt. Rupert Wainwrights „The Fog - Nebel des Grauens“ will in meinen Augen aber so gar nichts Besonderes werden, egal wie sehr er sich dafür auch abstrampelt. Es ist ein Produkt voll von Fehlentscheidungen, falschen Schwerpunkten und vergeigter Möglichkeiten.

Wenn ich mir das so wundervoll wirkende Geisterschiff im Nebel anschaue (ein leider viel zu kurzer Moment) und wenn ich auf die für den eigentlichen Film unpassende, aber dennoch recht hübsch geratene, Szene zurückblicke, in welcher eine Frau nach einem Autounfall mit unheimlich wirkenden Seegeistern unter Wasser konfrontiert wird, dann wird mir bewusst welche Möglichkeiten es mit der heutigen Technik gegeben hätte etwas Besonderes aus der Zweitverfilmung von Carpenters Ur-Grusler zu zaubern. Doch „Fog“ (Alternativtitel) ist ein typisches Produkt von Produzentenentscheidungen, die den sichersten Weg gehen wollen es jeder Form von Zielpublikum recht zu machen, und das schadet dem Film ungemein, zumal es ihn wirr und sinnlos erscheinen lässt, bei all den Kompromissen die gemacht werden mussten.

Auch das Original wurde von Produzentenseite mit Nachdrehs beordert, Szenen die durch Carpenters gekonnt stimmige Umsetzung dem Werk jedoch nicht schaden konnten. Wainwrights Film scheint jedoch ein Produzentenfilm von Anfang an zu sein, ist doch so ziemlich alles verwässert was es zu verwässern gibt. Der Quotenschwarze mit seiner lockeren, leicht Gangster angereicherten Art will trotz aller Moderne die den Film umgibt weder in den Ort noch ins Szenario passen. Die unheilbringenden, vorwarnenden Omen werden nun bereichert durch Visionen, welche nur unsinnig und zufällig erscheinen und einzig dem Zweck dienen, es dem Drehbuch einfacher zu machen den Protagonisten beim Begreifen der Dinge zu helfen.

Das Einbringen der Visionen steht jedoch noch für eine weitere Fehlentscheidung der Neuverfilmung. Das vorwarnende Unheilvolle im Original, wurde von allen Figuren des Filmes als solches begriffen. Es gab keine Zweifel am Übernatürlichen, und das war einer der wirkungsreichen Grusel-Grundeckpfeiler, welches einem solch ein Unbehagen bescherte. Die Figuren im Remake sind im Gegensatz dazu so ziemlich alle ahnungslos, großteils bis zum Schluss, vertrauen den Visionen der Frau nicht, stolpern dementsprechend unvorbereitet durch ein Szenario, welches in seiner Abfolge dennoch den Geschehnissen des Originalfilmes in seiner Reihenfolge gleicht, was gar keinen Sinn ergibt, da hier niemand überlegt handelt. Jeder folgt seiner Intuition.

Dementsprechend ist es oftmals unsinnig Szenen aus dem Original zu entnehmen, weil diese in der Neuversion keinen Sinn ergeben. Die Moderatorin des Originalfilmes konnte ihren Leuchtturm nicht verlassen und flehte deswegen um Hilfe für ihren Sohn per Radiosendung. Die Parallelfigur im Remake macht selbiges, obwohl sie kurz danach mit dem Auto selbst losfährt. So als hätte sie zuvor geahnt, dass sie einen Autounfall bauen wird und deswegen ihren Sohn nicht erreichen kann. Der wird stattdessen ohne wahre Beweggründe und ohne zur zweifelhaften Charakterisierung der männlichen Hauptfigur zu passen, von dem Heldenpaar aufgegabelt. Und wem das an Unsinn noch nicht reicht: die Radiomoderatorin hatte, im Gegensatz zur Parallelfigur im Original, gar keinen Grund Angst um ihren Sohn zu haben. Auch hier war lediglich weibliche Intuition im Spiel. Ein Freudenfilm für Esoteriker, die keinerlei logische Zusammenhänge benötigen, um sich unterhalten zu lassen.

Leider besteht der komplette Film aus solchen Unsinnigkeiten. Einzelszenen in einem sonst halbwegs nachvollziehbarem Komplettpaket hätte man ihre wackelige, unsinnige Art sicher verzeihen können. Aber „The Fog - Nebel des Grauens“ ist ein Produkt das bereits logisch ins Wanken gerät, noch bevor man nachzudenken beginnt. Stets werden einem die Widersprüche und Unsinnigkeiten regelrecht auf die Nase gedrückt. Und das einzige was Wainwright im Kampf gegen sie unternimmt, ist mit wuchtigen Spezialeffekten dagegen zu halten. Alles was im Original still und ruhig angegangen wurde, und da sprechen wir von keinem subtilen Film, kommt im Remake mit einem lauten Karacho daher.

Morde werden regelrecht zelebriert, die Geschichte der Vergangenheit von einem hinterlistigen Trick auf ein riesiges Massaker aufgeschaukelt. Und der Nebel, der in seiner schleichenden Art wie ein fremdes Wesen im Original wirkte, bekommt hier Eigenschaften des „Blob“ zugeschrieben, verdünnisiert sich sogar einmal schurkisch, kurz nachdem er unten durch die Türritze hindurchgewandert ist, als sich jemand unverhofft besagter Tür nähert. Der Nebel greift nach Opfern, zieht sie in seinen Sog, während er an anderer Stelle wie ein ätzender, chemischer Stoff agiert. Ohnehin sterben die Menschen auf unterschiedlichste Art, ohne dass ein Muster zu erkennen wäre.

Pflichtopfer der Rache wegen und zufällig Ermorderte werden bunt durcheinander gewirbelt, so dass die Frage nach Schuld oder Unschuld kaum noch gestellt wird. Ein kitschiger Überraschungsmoment stößt den Zuschauer im Finale gerade bei der Schuldfrage nun komplett vor den Kopf. Es ist nicht so dass die Heldin, die ebenfalls Nachfahre eines Mörders war, verschont bliebe, aber sie regelt die Dinge auf ihre Art, und das wird dann auch gleich zum Tiefpunkt eines Filmes, den man in seiner kompletten Laufzeit ohnehin nie ernst nehmen konnte.

Man muss schon viel Unsinniges ignorieren können, oder Zusammenhänge grundsätzlich nicht verstehen können, um von „The Fog - Nebel des Grauens“ unterhalten werden zu können. Würde der Film lediglich aus Momentaufnahmen bestehen, so als hätte es die drei Minuten vor und nach jeglicher Szene nie gegeben, dann könnte das Remake funktionieren. Wainwrights „Stigmata“ war nun kein Vorzeige-Horrorwerk und hat ebenfalls gerne mit Schauwerten gespielt, aber er war zumindest ein gelungenes Stück Routinekost. Das kann man vom hier besprochenen Remake Carpenters Klassiker jedoch so gar nicht behaupten. Was Wainwright dazu prädestiniert haben mag Regisseur der Neuverfilmung zu werden, wird mir ohnehin nicht klar. Seinen besten Film hat er meiner Meinung nach mit „Mac Millionär“ abgeliefert, und das war eine Komödie, die halbwegs angenehm im Fahrwasser von „Kevin - Allein zu Haus“ mitgeschwommen ist. Wahrscheinlich war es aber ohnehin egal wer Regisseur dieses missglückten, aufgebauschten Remakes wird, schaut er sich doch, wie eingangs bereits erwähnt, ohnehin wie ein Produzentenfilm.


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THE FOG - NEBEL DES GRAUENS (The Fog 1980 John Carpenter)


Kurz vor der Feier zum 100. Geburtstag der Küstenstadt Antonio Bay entdeckt der Pfarrer des Ortes ein Tagebuch seines Vorgängers zu Gründungszeiten der Stadt, und erfährt dadurch, dass einst absichtlich eine Gruppe Leprakranker, die über das Meer kamen, in den Tod geschickt wurden, damit von deren Reichtümern die Stadt erbaut werden konnte. Nun 100 Jahre später kehren die Toten zurück um sich zu rächen...


Das Buch in den Mauern...

Ich verstehe nicht, warum Carpenter seine Gruselgeschichte nach der Geisterstunde abbricht, um sie in der kommenden Nacht zu einer willkürlichen Uhrzeit wieder einzusetzen. Der Film hätte doch auch einzig in einer Nacht spielen können. Ich verstehe nicht, warum er der Geschichte um die Wiederkehrer so viele zusätzliche böse Omen in Form von Spukereignissen beschert, zumal die Rückkehrer und gerade ihre Waffen körperliche Gewalten sind und keine reinen Spukerscheinisse. Ich verstehe nicht warum aus solch eher willkürlich wirkenden Bausteinen ein solch großartiger Film werden konnte. Ist Carpenters spannungsgeladener Kultstreifen aufgrund dieser Entscheidungen so gut ausgefallen, oder konnten die guten Elemente diesen theoretischen Fehlentscheidungen trotzen? Ich weiß es nicht, ich weiß nur dass „The Fog - Nebel des Grauens“ blendend funktioniert.

Eine Spukgeschichte mit einer Gruselgeschichte am Lagerfeuer zu beginnen, und diese ganz für sich wirken zu lassen ohne Rahmengeschichte oder einem plötzlich aus dem Gebüsch hüpfendem Angstmacher, beweist bereits dass Carpenter in die richtige Richtung denkt, weiß doch bereits diese Einleitung in ihrer recht naiven Art zu gruseln, so toll vorgetragen wie sie ist, und so sehr wie sie uns den Grundstein wohligen Gruselns präsentiert. Auch die lange Vorphase die der Einleitung folgt weiß in ihrem Mix aus Figurenvorstellung/vertiefung und dem Einbringen diverser warnenden Omen zu gefallen. Die Parallelereignisse sind alle so interessant ausgefallen wie ihre recht nüchtern vorgestellten Personen. Hokuspokus mixt sich mit Sachlichkeit, und das langsame Zusammenflicken der einzelnen Situationen und Erkenntnisse geht gekonnt und glaubwürdig vonstatten, zumal vieles bis zum Schluss parallel geschieht und nicht immer am Ende eine Einheit erhält.

Die bösen Omen, die Erkenntnis dass der Nebel gegen die Windrichtung wandert, der so positiv unecht wirkende, grelle Nebel, das alles weiß zu beunruhigen, noch bevor die Rächer ihre erste Tat vollbringen. Die Grundstimmung ist gesetzt, und wenn das eigentliche Geschehen ins Zentrum tritt, bleibt „The Fog“ so stimmig wie in seiner Vorphase, nutzt Carpenter den Nebel doch wahrlich um zu gruseln und nicht einzig um kostengünstig optisch zu verschleiern. Dass die Geister der Vergangenheit im Nebel nie ganz deutlich zu sehen sind ist sogar ein Pluspunkt des Streifens. Einzig ihre Ärmchen dringen hin und wieder durch Fensterscheiben.

Dass dies weniger an „Die Nacht der lebenden Toten“ als vielmehr an Amando de Ossorios reitende Leichen erinnert, liegt u.a. daran, dass sich Carpenters zusammen mit Deborah Hill geschriebene Geschichte ohnehin wie der Zusammenschluss aus „Die Rückkehr der reitenden Leichen“ und „Das Geisterschiff der reitenden Leichen“ anhört, nur dass es Carpenter im Gegensatz zu dem Spanier gelungen ist, einen wahrhaft spannenden Film zu zaubern, während die reitenden Leichen trotz stimmiger Momente stets mehr zum Schmunzeln als zum Gruseln einluden. Interessanter Weise ist Carpenters Film nicht viel weniger naiv ausgefallen als die spanischen Vergleichswerke, der Unterschied in Sachen Wirkung könnte trotzdem größer nicht sein.

Wenn die Radiomoderatorin vom Leuchtturm aus die letzten nichtbenebelten Straßen Antonio Bays durchgibt und damit zum Navi der letzten Flüchtenden wird, ist „The Fog - Nebel des Grauens“ auch in den rasanteren Szenen auf einem Spannungshoch angekommen. Auf der Zielgeraden wird immer klarer worauf es die Geschichte abgesehen hat, sie beinhaltet keine Überraschungen mehr, und diese benötigt sie auch nicht mehr, werden die Rächer, die im unheimlichen Nebel agieren, doch nun zum Selbstläufer. Und das ist wohl das beste was einem Horrorfilm geschehen kann, dass im Hoch der Geschichte einzig sein Aggressor für Interesse und blank liegende Nerven sorgt.

Wie gesagt, viele Entscheidungen John Carpenters verstehe ich nicht, ebenso die etwas ruppige Entscheidung dass der Pfarrer am Ende doch noch ein weiteres Mal von den Rächern aufgesucht wird, aber es funktioniert. „The Fog - Nebel des Grauens“ ist nun einmal zu einem Carpenter-Hoch entstanden, und da hat der gute Mann wirklich nur brillante Filme abgeliefert. Das Zusammenspiel von Dunkelheit, Musik, der bösen Omen, der Figurenkonstellation und das Puzzle dass sich mit der Zeit zusammenfügt in Kombination mit dem titelgebenden Nebel und den unheimlichen, kaum sichtbaren Wesen die in ihm mörderisch lauern und agieren, das weiß im Entfachen und Erhalten einer spannungsgeladenen Atmosphäre einfach bestens zu unterhalten.


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Montag, 13. Februar 2017

COME OUT AND PLAY - KINDER DES TODES (Come Out and Play 2012 Makinov)


Francis macht zusammen mit seiner schwangeren Frau Beth Urlaub in Mexiko. Sie mieten ein Boot um eine Insel aufzusuchen, stoßen dort angekommen im Dorf jedoch nur auf Kinder. Erwachsene scheint es nicht zu geben. Erst als sie sehen wie ein Mädchen einen alten Mann angreift und sie zusammen mit ihren Freunden auf ihr Opfer lachend einstechen, beginnen die Urlauber zu begreifen was auf dieser Insel Schreckliches vorgeht...


Fremde Kinder leichter als die eigenen...

An sich kann man über Makinovs Verfilmung des Buches „El juego de los niños“ nicht meckern, ist sie doch mit Bedacht erzählt, nutzt das Geheimnisvolle / Unerklärliche der Geschichte vorteilhaft und ist direkt ohne große Umschweife in aller Seelenruhe erzählt. Es ist allerdings die zweite Verfilmung des Stoffes. 1976 drehte      Narciso Ibáñez Serrador den Film „Ein Kind zu töten“, und der hatte es in sich, hat es dies mit Augen von heute noch immer, und da sich Makinovs Umsetzung kaum von der des Originalfilms unterscheidet, ist „Come Out and Play“ ein ziemlich unnötiges Werk. Es ist trotzdem spannend geraten und weiß zu gefallen, so dass Nichtkenner der Erstverfilmung gut unterhalten werden. Dennoch würde ich jedem das Original empfehlen. Dies nicht rein aus Prinzip, sondern weil es tatsächlich der bessere Film ist.

„The Child“ (Alternativtitel) ist in keinem Punkt wirklich schlecht, schwächelt aber stets im Vergleich zum Original. Das Paar ist gut besetzt, das Paar der Erstverfilmung jedoch besser. Das Remake ist langsam erzählt, die Erstverfilmung jedoch langsamer und stimmiger. Änderungen die Makinov vornimmt sind meist nachteiliger Natur. Während das Original einzig aus der Perspektive des Helden erzählt ist, gönnt sich der Regisseur des hier besprochenen Streifens einige wenige Abstecher in die Welt der Kinder. Er zeigt uns was sie so mit den Körperteilen ihrer Opfer treiben. Doch das bietet nur Ekelbilder, quantitativen Sehwert und ist somit den Erzählbruch nicht wert.

Ein Kind zu töten“ ist subtiler und sinniger ausgefallen, geduldiger, und auch die Kinder wissen dort viel eher zu wirken, eben weil ihnen Serrador keine grimmigen Gesichter beschert wie Makinov, sondern sie sich einfach wie Kinder verhalten lässt. Das weiß im Kontext zur Story zu beunruhigen. Ein kindliches Lachen klingt plötzlich psychotisch, von ganz allein. Nicht aber in „Come Out and Play“, in dem, wie typisch für den Film, die Kinder zwar zu wirken wissen, aber eben nicht so intensiv wie im Original.

Zwei Pluspunkte hat das Remake jedoch zu bieten. Zum einen ist der Finalkampf gegen die Kinder auf dem Steg sehr packend erzählt und hätte meiner Meinung nach noch eine Spur ausführlicher angegangen werden können. Zum anderen fehlt die nervige politische Einleitung des Originals, die mit den Aussagen des Hauptfilms nichts wirklich zu tun hatte und uns unter einer Pseudo-ethischen Begründung Gräueltaten aus vergangenen Kriegen zeigte, die einem den Spaß am Schauen eines Kinofilmes kurzfristig nehmen. Nun kann man diesen Tiefpunkt des Originals aber auslassen, indem man zum nächsten Kapitel weiter drückt und ist somit nicht gezwungen sich diesen anzugucken, womit der zweite Pluspunkt der Neuverfilmung eigentlich schon irrelevant zu nennen ist.

So oder so, beide Filme erzählen ziemlich genau Schritt für Schritt die selbe Geschichte, fast in allen Einzelheiten. Nur Kleinigkeiten wurden ausgetauscht, im Remake weggelassen oder ihm zusätzlich beschert. Das ist in sofern interessant, als dass die Buchvorlage einen Grund für das Fehlverhalten der Kinder nennen soll, wohingegen beide Verfilmungen sich diesbezüglich in Schweigen hüllen. Man erzählt uns dass es nachts geschah und die Kinder sich zur selben Uhrzeit wandelten. Und man zeigt uns eine beunruhigende Szene, in der normale Kinder aus dem weniger bewohnten Innenbereich der Insel unter dem Einfluss der sich mörderisch verhaltenden Dorfkinder in nur wenigen Minuten ebenfalls mörderische Kinder werden. Makinov schien also bewusst eine Neuverfilmung von „Ein Kind zu töten“ zu kreieren anstatt eine Neuinterpretation des Romans vorzunehmen oder aber einfach dessen Geschichte exakter nachzuerzählen. Makinov setzt auf keine anderweitige Deutung des Stoffes, er erzählt einfach was die Erstverfilmung auch erzählte. Es ist somit definitiv ein unnötiges Remake. Aber das macht es inszenatorisch noch zu keinem schlechten Film.


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FROSTY KEHRT ZURÜCK (Frosty Returns 1992 Evert Brown u.a.)


Der Zauberzylinder eines kleinen Mädchens lässt Frosty den Schneemann zum Leben erwachen. Doch für den Kälte benötigenden Frosty scheint es keinen Platz mehr zu geben, hat doch ein windiger Geschäftsmann ein Spray erfunden, welches jeglichen Schnee vernichtet, und die ganze schneeverhasste Stadt ist begeistert von diesem teuflischen Produkt...


Sei nicht so engstirnig, Schlombie Brown...

23 Jahre nach der Entstehung des auf einem Kinderlied basierenden Kurzfilmes „Frosty der Schneemann“ entschied man sich für eine Fortsetzung. Bis auf Frosty sollte keine der im Klassiker verwendeten Figuren wieder auftauchen, und auch stilistisch ging man andere Wege. Ich hätte es als ehrbare Verbeugung vor dem Original empfunden, wenn die Fortsetzung auf die damaligen Figuren aufgebaut hätte und den selben Zeichenstil erhalten hätte. Aber da man Bill Melendez als Produzenten und Mitregisseur an Bord hatte, verwandelte sich die Optik in eine Art Charlie Brown-Film, was aus Produzentensicht sicher kein dummer Kniff ist, so beliebt wie die Festagskurzfilme der Peanuts von Melendez sind, was sie selbst zu Klassikern neben dem Original Frosty werden ließ.

Den Stil der Peanuts-Cartoons mag ich, dennoch wurde ich mit ihm hier in diesem Nicht-Peanuts-Film nicht warm. Erwachsene, die wie wir wissen in einem Charlie Brown-Cartoon niemals optisch in Erscheinung treten, wurden den kindlichen Figuren nicht angeglichen. Sie werden recht bizarr als Karrikatur verkörpert. Der böse Erfinder besitzt gar äußerliche Züge zur klassischen Mr. Magoo-Figur, während man ihn in Begleitung mit einer bösen Katze eher Richtung Bond-Bösewicht treten will. Letztendlich geht das alles in Ordnung, ohne wahrlich zu beeindrucken, lediglich Frosty selbst weiß diesmal so gar nicht zu gefallen. Zwar konnte man John Goodman als Sprecher für diese liebevolle Rolle gewinnen, aber was nutzt eine gute Stimme, wenn die Animatoren am Rest der Figur scheitern?

Am ärgerlichsten ist es wohl, dass man ihm die Pfeife gestrichen hat, wahrscheinlich aus den selben selten dämlichen Gründen weshalb Lucky Luke im Laufe der Zeit um seine Zigarette beraubt wurde. Viel zu rund geraten und mit einer kitschigen Fliege versehen, fehlt dem neuen Frosty der Charme des alten, und dass er kleiner als das Original ausgefallen ist, stielt ihm seine Wirkung. Nun ist er nur noch ein fröhlicher, kugelrunder Spaßmacher, den man so gar nicht ernst nehmen kann. Das fällt ganz besonders immer dann auf, wenn er ohne Zylinder auftaucht. Ja, richtig gelesen, Frosty benötigt den Zylinder nicht mehr um zum leben, ein weiterer Tiefschlag Richtung Original. Die Autoren machten einfach worauf sie Lust hatten, so als hätte es einen Teil 1 nie gegeben.

Mag sein, dass das auch okay ist, wenn man eine klassische Cartoonfigur nach all den Jahren wieder zum Leben erweckt. Aber die optischen Veränderungen an Frosty und, noch schlimmer, der neu eingebrachte Erzähler, eine widerlich unsympathisch gezeichnete Rahmenfigur, stellen den Tiefpunkt kreativen Schaffens in diesem Werk da und bilden damit noch nicht einmal den übelsten Part des Streifens. Der findet sich in der Mentalität der Geschichte wieder. Zwar ist es schön den Kindern das Zauberhafte dieser Welt vermitteln zu wollen, gerade bei einer Generation die Kreativität und das Nutzen der eigenen Fantasie immer mehr verlernt hat, warum die Wissenschaft aber dafür zum Buhmann gemacht werden muss, verstehe ich nicht. Denn dadurch wird aus einer fröhlichen Botschaft eine fragwürdige, eine die wir aus diversen Disney-Filmen kenne: denke nicht über alles nach, sei einfach fröhlich und lebe in deiner Fantasiewelt.

Wie gewollt solche Fragwürdigkeit nun eingebaut wurde oder nicht lässt sich nur schwer erschließen, zeigt sich aber auch darin, dass in einer Umweltthematik jeglicher sachlische Prozess ausgegrenzt wird. Zwar wird thematisiert dass die Erfindung des Schneezerstörungssprays umweltschädlich ist, aber wie sich das auswirkt wird dabei ebenso wenig beleuchtet, wie dass es relevant für die Geschichte wäre. Anstatt durch Fakten lassen sich die Menschen der Stadt durch Frostys Fröhlichkeit anstecken den Winter nun doch zu mögen, was selbst für einen Kinderfilm recht mager daher kommt, zumindest in der zu banalen Form, in der dies hier angegangen wird.

Ein frecherer, aber immerhin unaufdringlicher Humor (mit Ausnahme eines unnötigen Popkultur-Verweises auf „Big Brother“) und die etwas interessanter geratene Geschichte im Vergleich zum Original machen aus „Frosty kehrt zurück" trotzdem ein annehmbares Stück Kinderunterhaltung, findet doch jegliche Fragwürdigkeit aus meiner Korintenkackersicht auf einer anderen Ebene statt, als dass es Kinder bemerken, geschweige denn negativ beeinflussen könnte. Es ist zwar der Trumpf des Originals gewesen lediglich Trivialunterhaltung zu sein ohne pädagogisch zu wirken, aber wenn das Thema der Fortsetzung sich schon so toll für das vom Ami gerne verdrängte Thema des Umweltschutzes anbietet, dann hätte man den Film meiner Meinung nach auch für eine Aufklärung in diesem Bereich nutzen können, ohne dass der fröhliche und weihnachtliche Gedanke deshalb gleich verloren gehen würde. Aber ach, was soll‘s! Kinder werden es mögen, Erwachsene werden darüber lächeln, und ein eigener Klassiker wird das hier besprochene Werk ohnehin nie werden. „Frosty der Schneemann 2“ (Alternativtitel) soll nur kurzfristig unterhalten, und das kann er auf banaler Ebene ganz gut, also sei nicht so engstirnig, Schlombie Brown!


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FROSTY DER SCHNEEMANN (Frosty the Snowman 1969 Jules Bass u.a.)


Schulkinder bauen aus dem ersten Schnee des Jahres, der einen Tag vor Weihnachten fiel, einen Schneemann. Als der Wind den Zylinder eines schlechten Zauberers auf den Kopf des Schneemannes weht, erwacht dieser zum Leben. Aber weil Frosty, wie er von den Kindern liebevoll genannt wird, bei den Temperaturen schnell droht zu schmilzen, hilft ein kleines Mädchen ihm dabei zum Nordpol zu kommen. Das wäre alles viel leichter, wäre nicht der böse Zauberer hinter ihnen her, der um jeden Preis seinen Zylinder zurück haben möchte...


Warmherzig frostig...

In den 60er Jahren schuf man aus einem berühmten amerikanischen Kinderlied einen Zeichentrick-Kurzfilm, der im Laufe der Jahre in den USA zum Klassiker werden sollte, während er hier in Deutschland eigentlich recht unbekannt ist. Wer seinen Kindern zu Weihnachten eine kleine 25minütige Freude machen möchte, der kann mit „Frosty der Schneemann“ nicht viel falsch machen, ist er doch bedenkenloses Kinderprogramm, fröhlich und emotional, vielleicht eine Spur zu banal und ohne eine wirklich pfiffige Geschichte versehen, aber auch nicht unnötig schmalzig und dümmlich ausgefallen.

„Frosty the Snowman“ (Originaltitel) ist ein unschuldiges Stück Kinderunterhaltung, dessen 25 Minuten wie im Flug vergehen, so liebevoll wie er umgesetzt ist. Während die Kinder und der Schneemann auf klassisch Zeichentrickfilm getrimmt sind, wird der Bösewicht des Streifens, der böse Zauberer, eher im klassischen Cartoon-Stil umgesetzt. In seiner tolpatschigen Form wirkt er wie die harmlose Variante eines Road Runner Cartoons, stilistisch erinnert die Figur jedoch eher an einen „Clever & Smart“-Cartoon als tatsächlich an die Looney Tunes.

Durch seine klassisch durch einen Erzähler vorgetragene Form, wie man es auch von Hörspielkassetten für Kinder kennt, erhält die Geschichte eine warmherzige Darbietung. Für die Erwachsenen und größeren Kinder werden kleine Witzchen eingebaut, welche die eigentliche Geschichte veralbern. So wird augenzwinkernd erzählt, dass der Weihnachtsmann selbstverständlich die Kaninchensprache beherrscht, und dass der Zylinder nun nicht mehr dem Zauberer gehöre, sondern Frosty, nur weil der Wind ihn auf seinen Kopf geweht hat, wird ebenfalls augenzwinkernd als kindlische Logik endschuldigt.

Die Geschichte mixt sich schlicht aus einer Fantasy- und einer Freundschaftsthematik, wird angereichert mit kleinen Blödeleien am Rande, und immer wieder wird zwischendurch gesungen. Die Lieder fallen dabei immer kurz und zurückhaltend aus, bleiben stets fröhlicher Natur, hätten in der Deutschfassung aber gern eingedeutscht werden können. Was haben KInder bitte schön davon englischen Gesang zu hören und je nach Alter einen Untertitel zu lesen, dem sie vom Tempo gar nicht folgen können?

Das wäre aber auch der einzige Kritikpunkt an einem Film, der so kinderlieb und brav daher kommt, dass selbst der Bösewicht auf kindlichste Art geläutert wird, bekommt der doch vom Weihnachtsmann nie mehr etwas geschenkt, wenn er nicht damit aufhört Frosty den Zylinder wegnehmen zu wollen. Nur eine Trillionen Mal schreiben dass es ihm leid tut, und der Weihnachtsmann wird ihm verzeihen. Ebenso brav fällt eine kurz gehaltene traurige Passage aus, in der Frosty geschmolzen ist. Diesen Prozess müssen die Kinder nicht mit ansehen. Abgelenkt durch Zwischengeschehnissen bekommen wir direkt das Resultat der Pfütze präsentiert, die einst Frosty war. Und das Trostpflaster des wieder zum Leben erweckten Frostys folgt schon eine Minute danach, noch lange bevor irgendwem sein Herzchen wirklich weh tut.

Manch einem mag das alles zu banal sein. Aber ich mag den Film aufgrund seiner schlichten und liebevollen Art. Pädagogisches vermisst man hier ebenso wie Fragwürdigkeiten. „Frosty der Schneemann“ soll das kleine erheiternde, Trivialwerk für Kinder für zwischendurch sein, und das sei der jüngsten Generation ebenso gegönnt wie den Erwachsenen. Wir Große wollen auch nicht immer nur schwere, bedeutsame Kost schauen, auch wir brauchen unseren geistlosen Zwischendurchverzehr um einfach einmal abzuschalten.

Das Werk von Jules Bass und Arthur Rankin, Jr. ist zumindest die harmlose Variante für Kinder, ein Werk das dem Kindeswohl keinerlei Schaden zufügen kann und das Herz am richtigen Fleck besitzt. Dümmlich und langweilig sieht anders aus. 7 Jahre später folgte die gleichnamige Neuverfilmung, ebenfalls in Kurzfilm-Form, und das Original erhielt erst 23 Jahre später eine Fortsetzung mit dem Titel „Frosty kehrt zurück“. Ob der 2005 erschienende „The Legend of Frosty the Snowman“ eine weitere Verfilmung oder eine weitere Fortsetzung ist, ist mir nicht bekannt.


Weitere Reviews zum Film: 

Sonntag, 12. Februar 2017

MEIN ONKEL THEODOR (1975 Gustav Ehmck)


Die achtköpfige Familie Wurster lebt bescheiden aber lebensfroh nah an der Armutsgrenze. Eines Tages schläft der Vater ein und keiner bekommt ihn mehr wach. Da dieser Zustand Geld kostet, soll der älteste Sohn einige Zeit bei dem reicheren Onkel Theodor und dessen Frau wohnen. Der Onkel war bisher dafür bekannt kleinkariert und geizig zu sein, aber nun wo seine Frau selbst ein Kind erwartet, testet er mit dem Jung-Teenager im Haus die Wohngegend auf ihre Kinderfreundlichkeit und wird zu einem überzeugten Kämpfer für Kinderinteressen - was ihm mehr Unglück als Glück beschert, während Mutter Wurster daheim einen Weg gefunden hat mit dem Schlafzustand ihres Mannes viel Geld zu verdienen...


Der Kämpfer und die Schlafmütze...

„Onkel Theodor“ ist nach einem Kinderbuch gedreht, dementsprechend lebenslustig ist der Grundton seiner Geschichte, dementsprechend verschiebt sich der Blick von Recht und Unrecht in die kindlische Perspektive, und vieles was im Leben so kompliziert ist, wird vereinfacht. Dies diesmal nicht zur Vereinfachung der Thematik, sondern auch als Thema selbst. Verkompliziert nicht euer Leben! Arbeitet euch nicht krank! Macht euch nicht um mehr einen Kopf als nötig! Diese Aussagen sind alle recht gesellschaftskritisch, und das wird die etwas ungewöhnlich ausgefallene Geschichte noch um einiges mehr, wenn es diversen Stadträten, Lehrern und anderen Institutionen, die eigentlich für den Bürger arbeiten sollten, an den Kragen geht.

Ungewöhnlich ist die Geschichte deshalb zu nennen, weil Onkel Theodor nicht klassisch, wie zunächst erwartet, von dem Kind mit der Zeit seiner Anwesenheit zum besseren Menschen geläutert wird, so wie wir es aus „Der kleine Lord" kennen, sondern Onkel Theodor sich stattdessen bei der zweiten Ankunft des Jung-Teenagers von ganz allein um 180 Grad gedreht hat. Zwar ist er noch immer ein Korintenkacker, aber er ist es für die Kinderseite geworden, mit verspielten Anwandlungen versehen. Erst wenn aus einem politisch engagierten Mitbürger ein Politiker wird, wandelt er sich wieder Richtung alter Onkel Theodor, dies aber eher leicht angedeutet als tatsächlich thematisiert.

Dass die Familie bestens und gut gelaunt vom Schlafzustand ihres kranken Familienoberhauptes lebt und dessen Bruder, der viel Geld locker macht damit es dem ältesten Neffen gut geht, nichts davon erfährt, ist wie erwähnt dem Richtig/Falsch-Blick eines Kinderbuches geschult, in welchem sich am Ende alles zum Guten entwickelt hat, auch wenn es vorher an jeglicher Empathie mangelte. Zwar sind zwei rote Fäden zu erkennen, dennoch zerfällt „Mein Onkel Theodor“ zu sehr in kleine Einzelepisoden, die nacheinander abgearbeitet werden. Nach einem charmanten Einstieg, der lange Zeit zu gefallen weiß, macht sich dann doch Ernüchterung breit, da man merkt dass die Geschichte längst nicht so gut ist wie Gert Fröbe, der das ganze Treiben am Leben hält.

Zwar sind auch jegliche Nebenfiguren gut besetzt, auch die Kinderrollen betreffend, aber es ist Gert Fröbe, der aus einer mittelmäßigen Sache etwas halbwegs Sehenswertes zaubert. Er ist eine Schau, ist nicht minder sehenswert als seine Leistung als „Räuber Hotzenplotz“, den er zuvor ebenfalls in einem Kinderfilm von Gustav Ehmck mimte. Aber während daraus ein erfolgreicher Kinderfilm-Klassiker wurde, der nicht einzig vom Titelhelden lebte, bewundert man im hier besprochenen Kinofilm lediglich den Einsatz Fröbes und seine Wirkung in den so verspielt angegangenen beiden Rollen, die er mit leichter Hand bewältigt. Fröbe ist charmant wie eh und je, kindlisch verspielt, wie man es später von ihm auch als Geyermeier aus der Serie „Der kleine Vampir“ kennt, und er hält den Film lange Zeit im Griff.

Irgendwann kommt er aber doch, der Moment, bei dem einem bewusst wird, dass man sich nicht weiter für das Fortlaufen der sich immer im Kreis drehenden und in alle Richtungen als unempathisch herausstellenden Geschichte interessiert. Was hätten „Mein Onkel Theodor“ 60 Minuten Laufzeit gut getan, stattdessen läuft er über 100 Minuten, was für Kinder ohnehin eine zu lange Laufzeit ist um vor dem Fernseher zu sitzen. Sicher ist es ein großer Pluspunkt, dass der Film einen Erwachsenen überhaupt so lange interessieren konnte, zumal ich ihn nicht nostalgisch aus der eigenen Kindheit kenne, sondern ihn jetzt zum ersten Mal sichtete. Aber gerade mit dem politischen Hintergrund versehen musste ich immer an den wesentlich geglückteren, allerdings auch nicht auf Fröhlich getrimmten, „Die Vorstadtkrokodile“ aus der gleichen Entstehungszeit denken, der es schaffte Gesellschaftsprobleme in eine packende Geschichte zu kleiden, die Kinder wie Erwachsene bis zum Schluss gleichermaßen interessierte. „Mein Onkel Theodor“ fährt zu oft im Leerlauf und besitzt in diesen Momenten nur Fröbe als Trumpf. Es braucht also nicht verwundern, dass er trotz der prominenten Besetzung in Vergessenheit geriet.


Samstag, 11. Februar 2017

DIRTY GIRL (2010 Abe Sylvia)


Die Schulschlampe Danielle wird in die Förderklasse gesteckt, wo sie ein gemeinsames Projekt mit dem schwulen Sonderling Clarke angehen muss. Als könnte es nicht noch schlimmer kommen teilt ihr ihre Mutter mit, dass sie bald wieder heiraten wird. Danielle macht sich mit Clarke gemeinsam von Oklahoma auf nach Californien, um ihren echten Vater aufzusuchen, dessen Identität sie erst kürzlich in Erfahrung gebracht hat. Die besorgten Mütter und Clarkes prügelfreudiger Vater sind ihnen auf den Fersen...


Der emotionale Mehlsack...

„Dirty Girl“ ist sehr bemüht darin ein zweiter „Juno“ zu sein. Recht modern gibt er seiner Hauptfigur Charaktereigenschaften, die zwiespältig aufgefangen werden, mit denen sie trotzdem emanzipiert wirkt, und die freilich einen emotionalen Hintergrund besitzen, den Danielle ohne es zu wissen herausfinden muss, um sich aus ihren Problemen herauswinden zu können. Auch „Dirty Girl“ soll frech, lebensbejahend, emotional und tiefgründig sein. Auch er will seine Protagonisten ernst nehmen und den Zuschauer in ein emotionales Wechselbad entführen. Trotz einer sympathischen Besetzung und einer recht kurzweilig erzählten Geschichte will das hoch anvisierte Ziel jedoch nicht funktionieren.

Das liegt aber auch an der Mentalität die der Film vermittelt. Zwar überrascht er mit einem angenehm ernüchternden Zusammentreffen mit Danielles Vater, damit die kommende Ehe der Mutter nicht weiter zu hinterfragen, obwohl der Neue ein religiöser Sonderling ist, und auch sonst werden Klischees umschifft, die regelrecht auf ihren Einsatz gewartet hätten. Dafür badet „Dirty Girl“ jedoch in manch anderen, gerade immer dann wenn er bemüht darin ist das Thema der Homosexualität Clarkes gefühlvoll umzusetzen. Auch die moralische Peitsche am Schluss, wenn die Schulschlampe zum geläuterten Vorzeige-Teenie wird, will sich nicht mit der so gern gewollten modernen Mentalität der ersten Hälfte decken, die sich im Nachhinein eher wie eine Täuschung als wie ein wirkliches Anliegen der Verantwortlichen des Stoffes anfühlt.

Innerhalb eines viel zu kurzen Zeitraumes mit viel zu wenig einschneidenden Erlebnissen wird aus einer verhassten Mutter eine Freundin für die Tochter, aus einer Rebellin eine einsichtige, erwachsene, junge Frau und aus einem aus schulischem Zwang verbundenem Freak-Paar eine Freundschaft für die Ewigkeit. Während trotz mancher Makel der trockene, unkitschige Blick auf das Gefühlsleben der beiden zentralen Figuren halbwegs modern und unaufgeregt nahe gebracht wird, womit man dem Ziel „Juno“ ansatzweise gerecht wird, steht das Finale im absoluten Gegensatz dazu und wird zu einer Revue des verträumten, realitätsfernen Kinos, wenn Clarke im entscheidenden Moment mitten in einem von Danielle auf der Schulbühne vorgetragenen Lied auftaucht, in den Song mit einstimmt, damit sich die beiden am Ende besagten Liedes schließlich im Kreis drehend umarmen dürfen, so als würde man sich in Filmen a la „High School Musical“ befinden. Anvisiert war wahrscheinlich der ähnlich gelagerte emotionale Höhepunkt von „About a Boy“, doch was diesen ausgemacht hat, hat man hier nicht verstanden.

Die glitzernde The End-Schrift, die dieser Schluss-Szene folgt, soll wahrscheinlich auf Clarkes homosexuelle Neigung hinweisen, um zu erklären warum „Dirty Girl“ mit einem Mal so theatralisch und schmalzig endet. Aber das beweist um einen Punkt mehr wie schwer man sich damit tut Clarkes Situation ehrlich und lebensnah zu beleuchten. Vor dieser Entgleisung war das Langfilm-Debut von Regisseur Abe Sylvia emotional eher nüchtern umgesetzt, eigentlich sogar eine Spur zu zurückhaltend diesbezüglich. Kurz vor dem Desaster bekam er die Kurve und zeigte uns mit dem Treffen des Vaters („My Girl 2“ lässt grüßen) und mit der helfenden Hand der Mutter wahrlich rührende Momente. Das macht das unerträgliche Kitschfinale freilich um so ärgerlicher.

„Dirty Girl“ lässt sich nicht in eine Schublade stecken. Dies nicht weil er so innovativ und lebensnah ist, sondern weil er nie genau weiß welchen Grundsätzen und welcher Mentalität er eigentlich folgen will. Bemüht in Realismus, Emanzipation und Moderne, aber badend in Klischees und erzkonservativem Denken, so als habe ein (im Film nicht) geläuterter Vater Clarkes versucht ein empathisches Drehbuch über zwei Verhaltensweisen zu schreiben, die er nicht versteht. Es ist erstaunlich dass der Film bei all diesen groben Fehlern als routinierte Tragikomödie trotzdem zu funktionieren weiß, was aber hauptsächlich an den sympathischen Jungstars liegt und daran, dass man aufgrund der fehlenden Natürlichkeit der Figuren schnell merkt, dass „Dirty Girl“ lediglich Kino ist, so sehr er auch bemüht darin ist es nicht zu sein.


Weitere Reviews zum Film: