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Donnerstag, 7. September 2017

THE GREY - UNTER WÖLFEN (The Grey 2011 Joe Carnahan)


In der Nähe einer Ölbohrstation in Alaska hält John Ottway Ausschau nach Wölfen, um die Arbeiter vor diesen zu schützen. Das ist sein Job. Als man mit einem Flugzeug Richtung Heimat fliegt, kommt es zu einem Unglück. Die Maschine stürzt ab, sechs Arbeiter überleben wie durch Zufall zusammen mit John. Unter lebensunwürdigen Bedingungen versuchen sie zu überleben, müssen aber recht schnell herausfinden, dass sie mitten in einem Jagdrevier von hungrigen Wölfen gelandet sind...


Der Tod schenkt Wärme...

Ein zu melodramatisch abgefilmter Suizid-Versuch, ein reißerisch inszenierter Flugzeugabsturz, eine Anhäufung von Stereotypen und eine Kamera, welche den Protagonisten stets zu dicht an der Nase hängt, all dies ließ mich zunächst glauben einen typischen Film für das einfach gestrickte Kinopublikum heutiger cineastischer Tage beizuwohnen. Aber kurz nach der Notlandung wurde ich eines besseren belehrt. Urplötzlich durfte ich an einer empathischen Sterbeszene teilnehmen, die alles andere als typisch in den bisherigen Handlungsverlauf eingebunden war.

Aus Stereotypen wurden mit der Zeit glaubwürdige Figuren, auch der „Bösewicht“ des Streifens bekommt, wenn auch erst recht spät, eine sympathische Seite beschert. Die Dramatik der Figuren ist der Geschichte stets wichtiger als die ebenfalls nicht vernachlässigte Bedrohung, der man ausgesetzt ist, und diese wiederum ist derart dicht inszeniert, das ein Spannungshoch herrscht. Man befindet sich mental mittendrin in einem fiesen Szenario, menschliche Wärme ebenso spürend wie den peitschenden Frost der Umgebung, in der alles spielt.

Warum bei solch einem wunderschönen Film zunächst derart viele Eingeständnisse für ein Massenpublikum anvisiert wurden, welches gar nicht zum Zielpublikum des Streifens gehört, wissen sicherlich nur die Produzenten zu beantworten. Auch später noch finden sich immer wieder typische Ignoranzen von Großproduktionen im fertigen Film wieder, so z.B. in der Fähigkeit der Überlebenden bei Eiseskälte noch ihre Hände fingerfertig benutzen zu können, aber solche kleinen Ausrutscher in eine Kinorealität sind zu verzeihen inmitten eines menschlich erzählten Plots, in welchem sich Drama und Thrill hochgradig funktionierend die Hand geben.

Dass die Optik des Films im weiteren Verlauf nur leicht besser ausfiel und lediglich mit lebensfeindlichen Bildern vom ewig andauernd scheinenden Schneesturm zu trumpfen weiß, enttäuscht ein wenig. Wie viel besser hätte die lobenswerte Arbeit von Autor und Regie und somit der komplette Film ausfallen können, bei künstlerisch wertvollen Kameraaufnahmen? Aber auch daran erkennt man die große Kino-Mentalität von „The Grey“, der scheinbar doch eher als Möchtegern-Blockbuster anvisiert wurde, aufgrund mangelnder Action und Entgegensteuerungen zu erwartender Handlungsabläufe das denkfaule Mainstreampublikum aber sicherlich zu überfordern, oder zumindest zu enttäuschen weiß. Man kann unter diesen Bedingungen von Glück reden, dass der hier besprochene Abenteuerfilm überhaupt so wirkungsreich ausgefallen ist.

Es ist lange her, dass ich Liam Neeson zuletzt in einer nennenswerten Rolle erlebt habe. Oft kreuzt er meinen cineastischen Weg nicht, obwohl sein Talent wahrlich nicht gering zu nennen ist. Umso mehr habe ich mich gefreut ihn durch diese Geschichte zu begleiten, und Originalton sei Dank konnte ich auch seine effektive, dunkle Stimme genießen, die ihn glaubwürdig zwischen Kämpfer, rationalem Denker und Empath pendeln ließ, erkennbar machend, dass kein Widerspruch in dieser charakterlichen Vereinigung steckt. Aber das wichtigste Lob gilt wohl dem abwechslungsreichen Drehbuch, welches die Überlebenden wahrlich durch die Hölle gehen lässt, durch immer neue lebensgefährlichen Situationen den Figuren nach und nach den Mut nehmend in einem hoffnungslosen Kampf ums Überleben, und die Wölfe dabei immer nur dann auftauchen lassend, wie es auch förderlich für die Stimmung des Streifens ist. Gegen den Gegner Kälte wirken sie zahm und zweitrangig, aber wer sie unterschätzt hat bereits verloren.

Ich weiß nicht wer für das Ende zuständig war, aber ich habe fast einen Kniefall vor Dankbarkeit vollzogen, nachdem die Hoffnung bestätigt wurde, dass nach besagter letzter Aufnahme auch tatsächlich der Abspann folgte. Gern werde ich mit dem ungeklärten Restszenario gedanklich zurückgelassen, zumal auch andere denkwürdige Szenen in Erinnerung bleiben, über deren Folgen es sich (auch bei alternativer Fortführung der Geschehnisse) zu senieren lohnt. Ich kann nicht abstreiten, dass viele Wolfsattacken und emotionale Momente ein wenig zu dick aufgetragen sind, und manche Schneeaufnahme will wahrlich nicht authentisch wirken, aber „The Grey - Unter Wölfen“ hatte mich trotz solcher kleinen Abstriche definitiv in seinem Sog, und bei der handvoll Mentalitäten, die er durch seine unterschiedlichen Figuren aufweist, ist auch eine dabei gewesen, die meine eigene halbwegs wiederspiegelte.

Eine Art Wutgebets-Szene dürfte viele kalt gelassen haben, mich hat sie gepackt mit ihrer Provokation gegen Gott, Gott müsse es sich erst einmal verdienen, dass man auch an ihn glauben möge. Es waren oftmals scheinende Nebensächlichkeiten wie diese, die mich beeindruckt und überzeugt haben. Aber eigentlich halte ich die Ansammlung dieser Hinterfragung von menschlichen Existenzen, Gottesglaube und Wichtigkeiten im Leben, auf die man nach dem Überleben hofft, für den wahrhaftigen Schwerpunkt dieser Geschichte, die vordergründig lediglich vom Überleben in Extremsituationen zu handeln scheint.


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