Samstag, 26. August 2017

THE LOBSTER (2015 Yorgos Lanthimos)


David lebt in einer Gesellschaft, in der Singles 45 Tage Zeit haben sich eine Partnerin zu suchen. Ansonsten werden sie in ein Tier ihrer Wahl verwandelt. In einem Hotel, das einzig zum Zwecke der Partnerschaftsfindung existiert, soll er seine Zukünftige finden...


Singles, die sich verschlucken, können sterben...

„The Lobster“ ist ruhig erzählt, mit nüchternem Grundton versehen, und selbst theoretisch laute Momente, wie die Einstiegssequenz, werden mit größter Zurückhaltung inszeniert. In der Gesellschaft in welcher David lebt sucht man zwar zwanghaft die Partnerschaft, nicht aber im romantischen Sinne. In einer Welt voll von aufgedrückten Zwängen gibt es kein Sichwohlfühlen, keinen Spaß und selbstverständlich keine Zwanglosigkeit. Gesucht wird als Mittel zum Zweck. Und als ob die Welt Davids uns nicht ohnehin schon grotesk genug erscheint, lebt man dort zudem in dem Glauben Liebe ließe sich nur finden, wenn man als Mensch auch mindestens eine Eigenschaft gemeinsam hat.

Wenn wir die parallel zur beschriebenen Gesellschaft existierende im Wald erleben, eine Gruppe von freiwillig gebliebenen Singles, erinnert der Plot ein klein wenig an Jean-Pierre Jeunets „Delicatessen“, in welchem die Vegetarier in der Kanalisation lebten. Die Singles hier werden zum Freiwild der Partnerschaftsgesellschaft. Ein Partnersuchender, der einen freiwilligen Single erlegt, bekommt einige Tage zusätzlich beschert, um seine Herzensdame zu finden. Umgekehrt ist es in den Wäldern der freiwilligen Singles strengstens verboten zu flirten, geschweige denn eine Partnerschaft einzugehen.

Und ja, da bekommt, wie so oft in Besprechungen zu lesen, der Partnerschaftswahn und der Singlewahn unserer Gesellschaft sein Fett weg. Dies allerdings nicht so dominant geschehen wie oftmals behauptet, und dies auch gar nicht so sehr im Zentrum der Kritik stehend, wie von vielen Schlaumeiern bemerkt. Viel mehr geht es ebenso wie in Yorgos Lanthimos hervorragendem „Dogtooth“ um das Leben unter Zwang. Waren es im Vorgängerfilm ahnungslose Opfer, die sich nicht wehren konnten, welche den Zwängen ausgesetzt waren, geht es in „The Lobster - Hummer sind auch nur Menschen“ (Alternativtitel) um die Faszination, die man auch in unserer Welt erleben darf, dass sich Menschen geradezu freiwillig von anderen gesetzten Regeln unterwerfen, dies als frei jeder Alternative ansehen und sich dabei trotzdem unwohl fühlen. Was uns fast gar nicht mehr grotesk erscheint, wird mit Blick auf eine Alternativwelt als eben dies wieder herausgekitzelt, um uns das Bewusstsein für diesen Irrsinn in unserer Welt noch einmal bewusst zu machen.

So hervorragend das auch klingen mag, an „Dogtooth“ kommt der etwas kommerzieller ausgefallene „The Lobster - Eine unkonventionelle Liebesgeschichte“ (Alternativtitel) nicht heran. Zwar bewegt auch er sich noch weit entfernt vom Mainstream und ist in seiner sehr distanzierten und oftmals gefühlsbefreiten Art eher dem Arthouse-Kino zuzuordnen, die Stärke seiner ersten Hälfte schafft er jedoch nicht vollends in die zweite mit hinüberzunehmen. Angekommen in der Singlewelt im Wald verweilt man dort leider bis zum Schluss, nur leider weiß dies humoristisch nicht so genial zu punkten wie die Geschehnisse im Hotel.

Einzig die Liebesgeschichte zieht einen Vorteil daraus, darf sie doch aufgrund der Regeln im Wald dramatisch ausfallen (was im Gegensatz zur Restinszenierung dann auch wirklich nachempfunden werden kann) und zudem die Ironie der kompletten Erzählung darstellen: es geht nicht um Glück, nicht um den Sinn der hinter den Regeln steckt, sondern einzig um die Einhaltung dieser. Ein sich glücklich gefundenes, wahrhaftig liebendes Paar ist weder in der einen, noch in der anderen Gesellschaft unter diesen Umständen gewünscht. Mit dieser Aussage setzt Lanthimos eine gelungene Pointe, entlarvt es die Idealisten beider Seiten doch endgültig im Irrsinn ihrer propagierten Weltbilder, einmal ganz davon abgesehen, dass uns Lanthimos in beiden Welten bereits zuvor besagte Lüge offenbart, indem er die extremsten Regeleinhalter der jeweiligen Gesellschaft teils offensichtlich, teil nur für gute Beobachter versteckt, innerlich das Gegenteil dessen fühlen lässt, was man eigentlich fühlen darf.

So wertvoll dies für den Gehalt der Geschichte und überhaupt für ihre sinnvolle Fortführung und Vollendung auch ist, dennoch schaut sich die zweite Hälfte (man mag es aufgrund des Plots kaum glauben) weit gewöhnlicher als die uns völlig kaputt erscheinenden Geschehnisse der ersten Hälfte. Mit Sicherheit hätte man an zweiter ein wenig kürzen können, damit sich nicht eine solch starke Ernüchterung einstellt, die ich im Laufe des letzten Drittels allmählich empfunden habe. Ein gut gesetzter Schluss entschuldigt zumindest ein wenig dafür und lässt den mitdenkenden Zuschauer mit einigen wirklich guten Denkansätzen alleine zurück.


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