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Samstag, 11. März 2017

ÜBERFALL DER MÖRDERRUCKSÄCKE (2006 Ralf Kemper)


Rucksäcke entwickeln ein Eigenleben und attackieren die Menschen. Was mit Einzelfällen beginnt, weitet sich zur Epidemie aus, bei der immer mehr Menschen ihr Leben lassen...


Rucksacksammler und Regisseur in einer Person...

Gegenüber dem sehr ernsten und zu verkrampft angegangenen „Lock the Doors“ schaute sich mein zweiter nach langer Zeit gesichteter Amateurfilm „Überfall der Mörderrucksäcke“ wesentlich entspannter und flotter, was nicht nur daran liegt, dass wir es hier mit einem humoristischen Stoff zu tun haben, sondern hauptsächlich daran, dass die Beteiligten hier trotz des bescheuerten Grundszenarios natürlich agieren, sich in Situationen hineinversetzen können und ihre Texte nur selten falsch betonen. Kurzum: wir erleben hier die angenehme Art Amateurdarsteller und Drehbuchautor, die nicht einzig in der Welt des Films zu Hause sind, sondern auch in jener der Psychologie und der Ethik.

Trotz des lockeren Grundtons und der wundervoll freiwillig trashigen Grundidee sind 75 Minuten aber auch für ein Werk wie „Überfall der Mörderrucksäcke“ zu viel des Guten, merkt man trotz voranschreitender Erzählung, also obwohl es zu keinem inhaltlichen Stillstand oder wiederholendem Szenario kommt, dass der Mittelteil sich ein wenig anstrengender guckt als der Rest. Das liegt meiner Meinung daran, dass man sich einzig mit dem eigentlich lobenswerten Ansatz begnügt, die schräge Grundsituation für sich wirken zu lassen, ähnlich wie man bei „Angriff der Killertelefonbücher“ vorgegangen ist. Besser wäre es gewesen zusätzliche Witze, ruhig auch albernere Momente, einzubauen, so wie es „Angriff der Killerbratwurst“ tat.

Da „Überfall der Mörderrucksäcke“ jedoch vor diesem Tief und erst recht danach so gut zu funktionieren weiß, und es Regisseur Ralf Kemper um mehr als eine Komödie geht, mag das vielleicht ein recht flacher Ratschlag von mir sein, andererseits hätte man für ein besseres Ergebnis nicht gleich derart in Klamauk baden müssen, wie es der Vergleichsfilm tat. Wie auch immer, „Überfall der Mörderrucksäcke“ weiß großteils zu funktionieren, und dies auch deshalb weil Ralf Kemper nicht nur bemüht darin ist seinen Film anders sein zu lassen und sich nicht nur auf dem Trash-Aspekt auszuruhen, es gelingt ihm tatsächlich auch.

Wenn harte, gar nicht mal schlecht umgesetzte, Effekte das kunterbunte Treiben streifen, dann erleben wir den offensichtlichsten Part der „Überfall der Mörderrucksäcke“ nicht einzig zur Komödie degradiert. Interessanter sind jedoch die wesentlich kniffligeren Spielereien Kempers, wie z.B. die sehr einfallsreich umgesetzte groteske Traumsequenz, oder die Art wie die finale Rucksack-Attacke auf einen Serienkiller umgesetzt ist. Hier trifft Kunst auf Amateurfilm. Das gefiel mir gut, zumal es so unverkrampft eingebaut ist, wie sich der Rest des Streifens gibt.

Die Idee nicht nur einzelne Attacken zur Geschichte werden zu lassen, sondern aus den Mörderrucksäcken eine Menschheits-vernichtende Epidemie zu machen (dies wird zumindest angedeutet), ist ein weiterer Pluspunkt des Streifens. Und der vielfältige Stilmix in Sachen Hintergrundmusik tut Kempers Werk zusätzlich gut, geht er doch von Klassik, über Pop und Punk bis hin zu Metal, und stets weiß die Musik die jeweilige Szene zu unterstützen - nicht einmal der Metal drängt sich in den Vordergrund, wie es oft selbst Profis wie Argento passiert.

Bis auf den etwas anstrengenden Mittelteil, der jedoch auch mit meiner Tageskondition zu tun haben kann (zumal ich den Film alleine gesehen habe, die Partystimmung steigt sicherlich bei Gruppensichtungen), gibt es somit nichts zu meckern, schaut sich „Überfall der Mörderrucksäcke“ doch lustig ohne all zu albern zu werden, durchdacht ohne verkopft zu sein, natürlich gespielt und geschrieben, abwechslungsreich umgesetzt und mit Ideen bereichert, die weit über die Grundidee hinausragen. Es ist zwar schön sich auf den Humor der zugrunde liegenden Idee und auf jenem der Charaktere zu verlassen, der ein oder andere zusätzlich eingebaute Gag hätte dem fertigen Werk jedoch dazu verholfen noch eine Spur besser zu werden. So bleibt er „nur“ ein liebevoll umgesetzter, charmanter Amateurfilm, der sich auf wundervolle und einfallsreiche Art von Deutschlands brutalitätsversessenem Horror-Amateurfilmeinerlei sympathisch abhebt.


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