Sonntag, 12. März 2017

DIE TOTEN AUGEN VON LONDON (1961 Alfred Vohrer)


Als sich die Fälle angeblich Ertrunkener in der Themse häufen, glaubt Inspektor Holt an keinen Zufall mehr. Sein Verdacht einem Verbrechen auf der Spur zu sein verdichtet sich, als bei einer der Leichen ein Zettel in Blindenschrift gefunden wird, der einen Mord bestätigt. Eine Spur führt ins Blindenheim des sehbehinderten Reverend Dearborn...


Der Sehende unter den Blinden...

Alfred Vohrers früher Beitrag der lang laufenden Rialto-Wallace-Reihe ist bereits ein Liebhaberstück. Zwischen düsteren und heiteren Momenten schwankend, ohne dabei unausgegoren zu wirken, bietet er verschiedenste Unterhaltungswerte, die von einer Gruppe sympathischer, wie talentierter Schauspieler unterstützt wird. Fuchsberger agiert locker, dies aber noch nicht überzogen (was auch für sein Flirten mit der weiblichen Hauptrolle gilt), Arent sorgt für die Erheiterung am Rande, Kinski spielt großartig wie eh und je, und jede Menge anderweitige Figuren, von Flimmer Fred bis hin zum blinden Jack, machen aus „Die toten Augen von London“, der bereits 1939 in England als „Der Würger von London“ mit Bela Lugosi besetzt verfilmt wurde, ein Seherlebnis für Freunde nostalgischer Stoffe.

Vielleicht ist das Rätselraten nicht ganz so groß ausgefallen wie bei manch anderem Wallace-Beitrag, bis auf eine vorhersehbare Überraschung am Schluss ist eigentlich von Anfang an klar wer hier alles einen Schurken mimen darf, aber um das klassische Mörderraten geht es hier ohnehin nur am Rande, ist Vohrer doch viel eher darum bemüht mit „Dark Eyes of London“ (Alternativtitel) eine aufregende Umsetzung zu gestalten, sprich eine ereignisreiche, bei der man nie weiß was im nächsten Moment passieren wird. Das Finale, in welchem sich Karin Baal in einem großen Wasserbehälter eingeschlossen befindet ist legendär, ständig ist man Zeuge von Mordversuchen und gelungenen Attacken diesbezüglich, Vohrer lässt einem kaum Luft zum Atmen, vergisst aber auch die ruhigen Suspense-Momente nicht, die er gekonnt einzustreuen vermag, ohne den Film an diesen Stellen gedrosselt wirken zu lassen.

Die kleinen Spinnereien am Rande, die Vohrer so liebt einzubauen, finden auch in diesem humorärmeren Werk seinen Platz. So zeigt uns der Regisseur beispielsweise einen skurrilen Zigarettenaufbewahrungsort innerhalb eines künstlichen Totenschädels, um uns per Schnitt direkt im Anschluss einen schwarzen, ausgestopften Vogel sehen und hören zu lassen, dessen Augen elektronisch leuchten können. Auch der in einem späteren Werk noch einmal eingefangene Blick aus der Kehle eines der Darsteller heraus, findet bereits hier seinen ersten Einsatz.

Vohrer selbst verfilmte den hier besprochenen Streifen nur sieben Jahre später in der Buntphase der Rialto-Wallace-Reihe mit „Der Gorilla von Soho“ noch einmal neu, und schaut man sich einmal die starke, künstliche Behaarung an den Armen und an den Händen des blinden Jack an, so darf man doch behaupten dass der weitere Schritt zum Gorilla fast schon naheliegend war, zumindest in der grotesken Welt des Alfred Vohrer. An die Schwarz/Weiß-Version weiß dieser ebenso wenig heranzukommen wie der in den 90er Jahren umgesetzte TV-Film „Das Haus der toten Augen“, in welchem Eddi Arent erneut involviert war - sichtlich gealtert, diesmal den Sir John spielend.

„Geheimnis von London“ (Alternativtitel) ist einer der frühen Höhepunkte der ohnehin großartig ausgefallenen frühen Phase der Wallace-Reihe (wir befinden uns im dritten Jahr und im gerade einmal fünften Beitrag der Serie) und bereitet mit seinen düsteren Aufnahmen, gemixt mit grotesken Ideen und dem Blick in die toten Kontaktlinsen der Blinden (während einer der Sehenden als einziger eine dunkle Sonnenbrille tragen darf) auch bei der x-ten Sichtung noch genügend Freude um ins Schwärmen zu geraten. Einzig der Soundtrack ist ein wenig müde ausgefallen.


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