Samstag, 4. Februar 2017

WEISSER OLEANDER (Dragonwyck 1946 Joseph L. Mankiewicz)


Ende des 19. Jahrhunderts erhält die Farmerstochter Miranda die Chance auf dem Schloss ihres entfernten Cousins Nicholas Van Ryan zu leben, mit dem sie nicht blutsverwandt ist. Sie verliebt sich in den sich oft merkwürdig verhaltenden Adligen und heiratet ihn nach dem Tod seiner Frau. Als der gemeinsame Sohn nach seiner Taufe stirbt zieht Nicholas sich in sein Turmzimmer zurück, welches niemand betreten darf...


Heiliger Moses...

Im selben Jahr, in dem Vincent Price in „Shock“ bereits den Psychopathen üben durfte, wurde auch „Weißer Oleander“ gedreht, in welchem er zwar ebenfalls den Bösewicht verkörpern darf, aber auf eine wesentlich subtilere und ungewöhnlichere Art. Im Zentrum steht Miranda, die Farmerstochter, die ihn, den Adligen heiratet. Zwar sind ihre Probleme exakt Schritt für Schritt beschrieben und sorgen beim weiblichen Publikum für eine Identifikation mit ihr, den wesentlich interessanteren Part hat jedoch Vincent Price erwischt, dessen Schurkenrolle nicht frei von Tragik ist, ganz im Gegenteil.

Sicherlich kann man ihn verachten für das wofür er steht, für das was er tut und für das was er denkt. Setzt man sich mit seiner Rolle jedoch ein wenig näher auseinander entsteht ein beeindruckendes Psychogramm eines Mannes, der zu seinem Bedauern in einer Zeit des Umbruches lebt. Seine Familientradition, von deren Richtigkeit er aufs Äußerste überzeugt ist, wird von seinen Untertanen mit Füßen getreten. Zudem gewährt ihm das Schicksal keinen männlichen Erben. Depressiv zurückgezogen in seinem Turmzimmer, nicht an Gott glaubend und unter Drogen stehend, in Selbstmitleid zerfließend, wird er so wunderlich wie er uns auch schließlich immer präsentiert wird, wenn er nicht gerade den Gentleman vor Fremden mimt.

Das Schicksal eines Adligen, der seiner Macht beraubt wird, da nun jeder gleichberechtigt sein soll - wann bekommt man schon einmal so intensiv das Innenleben jener anderen Seite geboten, die aufgrund unseres Rechteempfindens sonst nur als Bösewicht oder zumindest als vergangene traditionelle Ignoranz in anderen Filmen auftauchen darf, gerade dann wenn ein Werk eine gewisse Moral predigt? Dass „Die gebändigte Frau“ (Alternativtitel) diesbezüglich so empathisch umgesetzt ist, obwohl der Mächtige auch hier den Bösewicht-Part erhalten hat, verwundert um so mehr, als dass auch hier an allen Ecken und Enden Moral gepredigt wird.

Ohne die Vertiefung von Nicholas Innenleben wäre „Dragonwyck“ (Originaltitel) nur ein seicht vor sich hin plätscherndes Drama in schönen Bildern, wenn auch hervorragend erzählt. So aber erhält der Film Tiefe, bekommt die Geschichte einen vielfältigeren Blickwinkel, was auch gut zur Hauptfigur passt, ist Miranda doch keineswegs das naive Farmersmädchen, für das man es zunächst hält. Mag sie auch durch ihre Erziehung an die Bibel gekettet sein, so ist sie doch offen für das Empfinden des sich unverstanden fühlenden Nicholas und könnte ihm tatsächlich helfen, wenn er es nur zulassen würde.

Sie ahnt jedoch nicht wie unberechenbar Nicholas tatsächlich ist, und wie weit er gehen würde um seinen Frieden zu finden, unter Rauschgifteinfluss immer wieder den Geistergesang einer Ahnin hörend, die einen Fluch auf das Schloss gelegt haben soll. Interessant ist zudem der Aspekt, dass seine Tochter diesen Gesang ebenfalls vernehmen kann. Scheinbar handelt es sich bei den Van Ryans um eine Familie mit vererbbarer Geisteskrankheit. Mehr als Andeutungen diesbezüglich gibt es jedoch nicht. Und wer glaubt aufgrund der morbiden Finalereignisse und aufgrund der angeschnittenen Fluch-Thematik „Weißer Oleander“ wäre auch Thriller oder gar Horror, den muss ich enttäuschen. Joseph L. Mankiewicz‘s Werk ist ein waschechtes Drama, aber eines mit mehr Gehalt und weit weniger naiv erzählt, als es zunächst scheint.


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