Freitag, 10. Februar 2017

VIER FLIEGEN AUF GRAUEM SAMT (4 mosche di velluto grigio 1971 Dario Argento)


Roberto fühlt sich von einer Person verfolgt, stellt sie schließlich und tötet sie versehentlich mit einem Messer. Ein maskierter Unbekannter hat den Tathergang fotografiert und setzt den Musiker psychisch unter Druck. Erpresst wird er jedoch nicht...


Die zwei Fäuste Gottes...

Dass ich einmal Bud Spencer in einem Film von Dario Argento erleben würde, hätte ich mir als jemand, der sich keine Informationen von „Vier Fliegen auf grauem Samt“ eingeholt hat, nie vorstellen können. Ich wusste lediglich dass der Film zur frühen Giallo-Trilogie Argentos gehörte, die mit „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ startete und mit „Die neunschwänzige Katze“ den ersten Nachfolger erfuhr. Erstmals warb man nicht mehr pseudohaft mit Bryan Edgar Wallace, der mit den beiden Vorgängern ohnehin nichts zu tun hatte. Das war auch nicht mehr nötig, formte Argento mit den beiden Vorgängern doch den Prototyp des von Mario Bavas „Blutige Seide“ ins Leben gerufenen Sub-Genre des Giallos, dem schon sehr früh etliche Nachahmer folgten. Sich den zu dieser Zeit bereits bekannten Bud Spencer mit an Bord zu holen, überrascht dann aber doch und weiß auch zu gefallen.

Oft taucht er nicht auf. Er ist eine Art seelischer Berater der Hauptfigur Roberto. Und mit dessem Dilemma erweitert Argento die Möglichkeiten des Giallos, macht er doch deutlich dass sie nicht festsitzen in Geschichten um einen Unbekannten der junge Frauen schlitzt. Er zeigt hier sehr früh auf, dass Giallo mehr darf, dass er eine Geschichte besitzen darf, dass es reicht dass der Täter innerhalb eines düsteren Szenarios unbekannt ist und meist mit dem Messer mordet. Die bunte Maske beweist, dass der Täter nicht einmal düster gekleidet sein muss, wie üblich bei dieser Art Film. Die größte Lanze bricht Argento jedoch mit dem Experiment, dass ein Giallo auch durchaus humoristisch angehaucht sein darf.

Wer nun glaubt Bud Spencer wäre deswegen mit an Bord, der irrt, ist der gute Mann zwar für ein paar trockene Sprüche gut und gehört damit tatsächlich zum Humorgehalt, aber das ist erstens nicht seine einzige Aufgabe, die er in „Four Flies on Grey Velvet“ (Alternativtitel) zu bewerkstelligen hat und zweitens fallen andere Personen humoristisch viel auffälliger aus. Ein Schriftsteller, der auf sozialen Events gerne humoristische Kurzgeschichten zum Besten gibt, lockert immer wieder die Stimmung auf, weiß somit zu wirken, ebenso wie das belustigende Einbauen eines Privatdetektiv, der noch nie einen seiner über 80 Fälle gelöst hat. Lediglich das zu albern geratene Spiel des Postboten, der Angst vor Roberto hat, ist dann doch etwas zu zotig ausgefallen ist, um in das Gesamtbild des Streifens zu passen.

Zum Glück zerstört es nicht die düsteren Seiten des Films, und der ansonsten geglückte Humor harmoniert in seiner untergeordneten Rolle überraschend gut mit dem harten Kriminalfall in für Argento typisch hübsch fotografierte Bilder. Die Geschichte zieht den Zuschauer ganz von selbst in seinen Bann, schnell identifiziert man sich mit dem eigentlich nicht sonderlich sympathischen Roberto, trotz der ruhigen Erzählform geht Argento recht rasant mit dem Fortschreiten der Geschehnisse vor. Ungewohnter Weise werden wir Zeuge des Erwachen der Mordlust, welche der unbekannte Täter erst mit den in Gang gesetzten Ereignissen entwickelt.

Und obwohl immer wieder Personen auf die wahre Identität des Mörders stoßen, und damit auch die sonst so gern angegangene Unnahbarkeit des Phantoms aufgelöst wird, erfahren wir die Mörderaufdeckung selbst erst kurz vor Schluss - freilich mit einer bescheuert psychologischen Erklärung garniert. Allein die Vorstellung dass sich Roberto dieses psychologische Geseier nervlich am Ende in aller Geduld anhören muss, weiß unfreiwillig zu belustigen. Glücklicher Weise ist der Rest des Streifens jedoch recht bodenständig ausgefallen und damit frei von sonstiger unfreiwilliger Komik, auch wenn manche Tat nicht recht mit der finalen Erklärung zusammen passen mag.

Während Morricone einen unauffällig im Hintergrund wirkenden, stimmigen Soundtrack beiträgt, der sich erst im Finale theatralisch hochschaukelt, fällt zudem auf, dass sich Argento zum Schluss an einer Idee von Friedrich Dürrenmatt orientiert, die dieser nicht in den Rühmann-Krimi „Es geschah am hellichten Tag“ integriert bekam, so dass er dies in der Buchversion nachholte. Man kann das bei Argento als tollen Kniff bezeichnen, oder als Möglichkeit möglichst schnell den Film beenden lassen zu können, der ohnehin weit über die 90 Minuten-Marke hinaus läuft.

Ob man die Idee nun mag oder nicht, die Umsetzung ist Argento jedoch gelungen, fängt er das Geschehen doch nicht nur optisch brillant fotografiert in Zeitlupe ein, sondern zudem mit entfremdeten Ton, wenn die Szene musikuntermalt wird. Dieses Stilmittel setzt Argento häufig ein, besonders auffällig zum nervenkitzelsten Zeitpunkt gegen Ende. Anstatt den im Sturm hin und her gerissenen Baum mit unheimlichen Windgeräuschen zu untermalen, so wie es viele Giallo- und Horrorregisseure zum Spannungsaufbau gerne machen, untermalt Argento diese Szene, nicht minder wirksam, mit Schlagzeuggeräuschen. Nur kurz setzt er das Wehen des Windes ein, dann exakt zum richtigen Zeitpunkt, wenn die Nerven Robertos, und auch die vieler Zuschauer, längst blank liegen.

Kleine Längen haben sich eingeschlichen. Das liegt aber auch daran, dass Argento zunächst mit einem hohen Tempo vorgeht, dies auch lange Zeit beibehält und sich erst mit der Zeit das Gefühl einschleicht, dass der Plot auf der Stelle tritt. Da dies nicht von langer Dauer ist und uns in dieser Phase außerdem eigentlich der üblich trockene Erzählzustand eines typischen Giallos präsentiert wird, wird dies zumindest Stammzuschauer des Genres nicht sauer aufstoßen. sehenswert


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