Mittwoch, 15. Februar 2017

SCHACHNOVELLE (1960 Gerd Oswald)


Auf einem Schiff trifft Werner von Basil auf den Schachweltmeister Centowic, der, nachdem er schmerzhaft feststellen musste wie gut von Basil in dem Spiel ist, ihn zu einer Partie Schach auffordert. Von Basil weiß dass es für seinen Gesundheitszustand besser wäre nicht darauf einzugehen. Der Grund dafür liegt in seiner Vergangenheit begründet...


Matt, wenn auch nicht auf dem Brett...

Viele Jahre sind vergangen, seit ich Stefan Zweigs „Schachnovelle“ gelesen habe, und viele Erinnerungen an den Inhalt des Stoffes sind dahin. Aber ich weiß noch wie schrecklich mir einst der Gedanke einer Verfilmung vorkam, bei all den inneren Vorgängen im Kopf der zentralen Figur von Basil, von welchen die Geschichte lebte. Ich hielt das Buch für unverfilmbar, zumindest wenn man der Vorlage sehr treu bleiben wollte. Dass ich mich nach über 20 Jahren nun doch an die Verfilmung heran gewagt habe, liegt an der Besetzung Curd Jürgens in der Hauptrolle, die mir Mut machte, dass das Projekt doch recht gut ausfallen könnte, halte ich den Mann doch für einen hochkarätigen Schauspieler und besaß er doch die Gabe selbst simplen Stoffen ein gewisses Niveau zu bescheren.

Wie zu erwarten kann die Geschichte so wie im Buch nicht auf das Medium Film übertragen werden. Aber Gerd Owalds Drama überzeugte mich dennoch mit seiner sehr respektvollen Umsetzung, welche, wie das Buch, die Vergangenheit von Basils erst mit der Zeit beleuchtet, und dies vor seinem Zusammenbruch auf dem Schiff. Oswald setzt voll und ganz auf das Spiel Jürgens‘, der den von Basil vor seiner Nazifolter mit hohem Selbstbewusstsein, voller Stil und Intellekt, verkörpert. Schrittchenweise beleuchtet der Film wie er zu dem wurde was er später ist. Curd Jürgens beweist hier großes Können, gehört ihm der Film in dieser Phase doch fast allein, zwischen Würde, Verzweiflung und Tapferkeit schwankend.

Oswald gönnt dem Stoff die Ruhe die er benötigt. Bis von Basil auf das Buch stößt dauert, allein schon weil Oswald dem Zuschauer nicht erklärt wie die Nazifolter stattfindet, er muss sie selbst miterleben und als solche begreifen wie sie funktioniert. Zwar habe ich mir den Raum, in dem von Basil gefangen gehalten wird, im Buch steriler vorgestellt, ich meine es wäre im Buch ein kahler Raum gewesen, aber auch das schlichte Hotelzimmer, welches der Hauptfigur Muster an den Tapeten, einen Schrank und andere Sehwerte gönnt, wird zur glaubhaften Umgebung des schrecklichen Psychoterrors, der auf ganz passive Art auf von Basil ausgeübt wird.

Trotz großartigem Spiels kann auch Curd Jürgens die Enttäuschung nicht so intensiv wie im Buch hervorbringen, die in von Basil aufkommt, wenn er entdeckt welches Buch er bei seinem einzigen Ausflug aus dem Zimmer heraus hat mitgehen lassen. Die vorherige Verzweiflung, die in ihm immer mehr gewachsen ist, ist jedoch überzeugend genug herübergebracht worden, so dass man dennoch versteht warum er sich trotz dieses Frustes schließlich auf das Buch einlässt. In dem hervorragend umgesetzten, sehr langen, fast den kompletten Film einnehmenden, Rückblick, der an keinerlei Klischees zur Nazi-Thematik leidet, und in dem selbst der meist plump agierende Hansjörg Felmy sich zu beweisen weiß, fehlte mir lediglich der Aspekt, dass von Basil schließlich x Spiele parallel auf einmal spielt und gerade diese Eigenschaft ihn endgültig in den Wahnsinn treibt, nicht mehr wissend welche Partie Schach er gerade spielt.

Es ist in gewisser Weise verständlich warum Oswald diesen Aspekt unter den Tisch fallen lässt, so hochkomplex er die inneren Vorgänge im Kopf des Protagonisten benötigt, die so nur ein Buch dem Publikum näher bringen kann. Und doch, irgendwie hätte er versuchen sollen diesen Aspekt zumindest anzudeuten, anstatt aus von Basil lediglich einen eher schlichten durch Schach gestörten Mann zu kreieren, der in der filmischen Alternativversion zum Buch nun durch das Verhör erinnert seinen Gegenüber, den Schachweltmeister, attackiert, anstatt diesen damit zu verwirren ein völlig anderes Spiel zu spielen, als die Runde Schach die gerade tatsächlich vonstatten geht.

Wie gesagt sind die Erinnerungen an das Buch verblasst, und vielleicht irre ich mich auch in manchen Punkten nach all diesen Jahren. Aber so wie ich „Schachnovelle“ in Erinnerung habe, fehlt dem Film genau jener Aspekt, welcher der Geschichte meiner Meinung nach den letzten Schliff gab. Kennt man die Vorlage nicht, vermisst man das Weggelassene freilich nicht, zumal die Geschichte auf schlichtere Art trotzdem funktioniert. Mehr noch, „Schachnovelle“ ist durch seine ruhige Inszenierung, der hervorragenden Darsteller und seiner sachlischen, Klischee-freien Betrachtung der Geschehnisse, ein hervorragender Film geworden, ein Niveau besitzend, welches ich ihm ehrlich gesagt nicht zugetraut hätte.

Was er an mancher Stelle der Vorlage gegenüber nicht einhalten kann, macht er an anderer Stelle wieder wett, z.B. durch die Idee aufgrund des gekachelten Bodens von der Treppe aus ein Schachspiel aus jenen Menschen zu machen, die in der Halle auf besagtem Boden stehend warten. Ich meine, dass diese Idee im Buch so nicht enthalten war. Das Medium Film findet immer seine eigenen Wege Unzulänglichkeiten gegenüber Buchvorlagen auszubügeln. Das macht aus der Verfilmung in diesem Falle keinen gleichrangigen Stoff zum Original, letztendlich befindet sie sich aber auch nicht im Wettbewerb zum Buch und beweist auf ihre Art wie gelungen sie trotzdem ausgefallen ist. sehenswert


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