Donnerstag, 16. Februar 2017

DER PROZESS (Le Procès 1962 Orson Welles)


Der kleine Angestellte Josef K. wird eines Tages verhaftet und wartet unter Hausarrest stehend auf seinen Prozess ohne zu wissen was er getan haben soll. Eine Antwort darauf bringt auch der Prozess selbst nicht zu Tage...


Selbstanklage...

Der auf dem gleichnamigen, unfertigen Werk von Franz Kafka basierende Film „Der Prozess“ erzählt eine Geschichte über die eigene Wahrnehmung der Gesellschaft. Die Außenwelt bricht in das von K. geordnete Leben ein, in welchem er sich zurecht fand und wohl fühlte. Nun auseinandergesetzt mit einer höheren Instanz, die ihn klein hält, fühlt er sich wehrlos, sich erfolglos drehend, windend und wehrend in einer willkürlichen, viel zu großen und ungeordneten Welt, in welcher der auf Gerechtigkeit pochende Idealist sich selbst zum Verhängnis wird. Äußere und innere Umstände vermischen sich. „Der Prozess“ ist ein Film der Selbstanklage, des schlechten Gewissens, der innereigenen Vorgänge. Die Geschehnisse sind nicht real, spielen sich im Kopf von K ab wie ein Alptraum, den Regisseur Orson Welles meisterlich mit bizarren optischen Reizen hervorbringt.

Nicht miteinander kombinierbare Orte werden zu Nebenräumen, nicht dem unseren Bild ähnelnd wie ein solcher Ort auszusehen hat. Größenverhältnisse verschwimmen, skuriles Füllmaterial der Räume erzeugt Entfremdung und einen Blick ins Unterbewusstsein Ks. Zu viele Menschen, zu wenig Menschen, zu viele Räume, zu große Räume, baufällige Gänge, alles wirkt schräg und unrealistisch, dabei entfremdet Welles lediglich den Sinn und Zweck der zu zeigenden Räume und Begebenheiten, er filmt nichts ab was künstlisch geschaffen werden müsste. Ks Alptraum wird gekonnt auf die Leinwand projeziert, ein Alptraum der sich nicht eines gewissen Humors scheut, so wenig dem Zuschauer auch zu lachen zu Mute ist.

Beim Zuschauen wird einem bewusst wie sehr sich Kafka und Welles mit der inneren und äußeren Welt, der Realität und dem Geschehen im Kopf auseinandergesetzt haben. Sexuelle Elemente fließen ebenso mit ein wie weltliche, Beklemmungen und Ängste gehen Hand in Hand mit Übermut und Arroganz. K schafft sich seine Umstände selbst. Weder die Polizei stellt sich als solche vor, noch gibt es einen Haftbefehl oder einen Prozess gegen ihn bevor K dies von selbst äußert. Dies ist sowohl das Ergebnis seiner egoistischen, übermütigen Charaktereigenschaften, als auch seiner verängstigten, selbstkritischen Seiten.

So ziemlich jeder im Film gesprochene Satz bringt einen neuen Denkansatz hervor, einen Aspekt aus dem Leben der ebenfalls mitspielt, ist das Leben doch das Sammelsorium des Gesamten, und kann es als solches doch nur subjektiv wahrgenommen werden mit all den Grenzen die ein Mensch körperlich wie geistig meistert. „Der Prozess“ funktioniert von innen als eingebildeter Prozess wie von außen als tatsächliches Machtinstrument auf wen Wehrloses. Das Geschehen kann als Synonym geistiger Verwirrtheit ebenso herhalten wie als Prozess des Gewissens, als Warnung vor dem totalitären Staat ebenso funktionieren, wie als Warnung vor dem überheblichen Intellekt. „Der Prozess“ funktioniert auf so vielen Ebenen, auch im abgeänderten Schluss Welles‘, welcher damit eine Aussage über die Exekutive äußert, die leichter vonstatten geht, wenn außerhalb des eigenen Blickfeldes exekutiert wird, anstatt Auge in Auge durch eigene Hand.

Politik, Religion, Sexualität, Psychologie, Normen, Gesetze, Spinnereien, blind befolgte, gelernte Muster, „Der Prozess“ berichtet von alledem aus der Perspektive eines Mannes, der aus seinem Leben gerissen wurde, ob von sich selbst oder durch wem Fremdes, das zu deuten wird dem Zuschauer überlassen. Und auch wenn jede neu hinzugekommene Szene neue Denkansätze zu Tage bringt und damit für den Intellekt unverzichtbar wird, so kommt „Der Prozess“ in dem Gefühl sich nicht gegen die unsichtbare Obrigkeit wehren zu können, über das erste Drittel nicht hinaus, welches dies bereits vorbildlich verdeutlicht.

Das nagt am Unterhaltungswert, den auch eine intellektuelle Literaturverfilmung besitzen sollte. Über diese perfekte Verdeutlichung Ks Unbehagen nie weiter hinauskommend, dreht sich die Geschichte für einen Filmstoff trotz reichhaltig nachgereichter Denkansätze zu sehr im Kreis, darin bemüht uns etwas deutlich zu machen, was bereits längst beim Zuschauer angekommen ist. Ob ein solch geniales Werk, wie jenes welches Kafka, bzw. eher dessen Nachlassverwalter, uns hinterlassen hat, sich für das Medium Film eignet, darf somit, trotz der gekonnten Überleitung der Hauptaussagen der Printmedie auf das cineastische, angezweifelt werden.


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