Samstag, 14. Januar 2017

DAREDEVIL - STAFFEL 1 (Daredevil - Season 1 2015 Phil Abraham u.a.)



Der blinde Anwalt Matt geht nachts maskiert auf die Straße um die Verbrecher seiner Stadt zu bekämpfen. Während sein Anwaltspartner nichts von Matts nächtlichen Aktionen ahnt, kommt der maskierte Mann einem Verbrecherring auf die Spur, an dessen Drahtzieher nur schwer heranzukommen ist...


Wie Matt seine Hörnchen bekam...

Viele mögen die erste Verfilmung von „Daredevil“ mit Ben Affleck in der Titelrolle nicht. Und obwohl ich persönlich die entspannt verspielte Art des Streifens mochte, so verstehe ich doch warum die Masse nicht begeistert von der Umsetzung war, bietet die interessant gezeichnete Figur des Daredevil doch wesentlich mehr Potential als das was man uns 2003 mit der Kinoumsetzung bot. Aufgrund des Flops und der vernichtenden Kritiken von Zuschauerseite aus verwunderte es nicht, dass man sich nicht an eine weitere Kinoauswertung heranwagte. Also beschloss man das Thema im Serienformat umzusetzen. Und als jemand der den Marvel Kinofilmen recht kritisch gegenüber steht, freue ich mich über diese Entscheidung, ist der Stil den die Serie ausmacht doch wesentlich anders gelagert als die kunterbunten Popkornfilme, die ich meist nicht ernst nehmen kann.

Nicht nur dass die erste Staffel von „Daredevil“ recht ernst, düster und langsam erzählt ist, sie gönnt sich auf 13 Episoden das was sonst den ersten Kinofilm eines Helden ausmacht: sie erzählt die Entstehung Daredevils, samt Hintergründe, Stolpersteine und Verbrüderungen. Sie erzählt wie der Held zu seinem Kostüm kam (was erst in der letzten Folge passiert), und sie erzählt wie Fisk und Daredevil zu Gegnern wurden. Wenn man, wie ich, die Comicvorlage nicht kennt, hagelt es manche Überraschung darüber wer (nicht) überlebt und wer (nicht) in Matts Geheimnis eingeweiht wird. Freunde der Comics werden es hingegen sicherlich begrüßen, dass die Fäden die zueinander finden müssen sich Zeit bis zur Verknüpfung lassen.

„Daredevil“ genießt den Luxus einer jeden Serie viel Zeit im Gepäck zu haben, und dies wird von den Autoren gekonnt genutzt, darf man jegliche Figuren doch bestens ausgeleuchtet kennenlernen und erlaubt die Lauflänge dem Drehbuch doch Parallelhandlungen zu stricken, in denen selbst die eigene Seite nicht immer weiß was alternativ zu den eigenen Ermittlungen von wem Unerwartetes ermittelt wird. Das Formen von Freundschaften, Feindschaften und Interessengemeinschaften wird in aller Seelenruhe angegangen, mancher Part diesbezüglich sogar bis zum Schluss der Staffel nur angedeutet. Da man stets Einblicke von der Gegenseite erhält, und da es weder an einer interessanten Geschichte noch an Actionszenen mangelt, wird diese Vorgehensweise auch nie zur Geduldsprobe für den Zuschauer. „Daredevil“ ist flott genug inszeniert um dem modernen Publikum zu gefallen, gleichzeitig aber auch bedacht und wohlüberlegt erzählt, wie es der Zuschauer klassischer Stoffe mag. Für keine von beiden Seiten wird das Ergebnis zum Kompromiss, „Daredevil“ findet den unterhaltsam angenehmen Mittelweg.

Während die etwas zu naiv kindlisch charakterisierte Figur des Anwaltspartners Foggy das Gesamtbild ein wenig verwässert, gibt es auf der Seite der Bösewichte nicht wirklich etwas zu klagen. Einzig der stählerne Zusammernhalt zwischen Fisk und seiner frisch eroberten Lebenspartnerin wirkt in Zeiten von Fisks Untergang zu unglaubwürdig, hier wäre es besser gewesen, wenn die beiden sich schon Jahre gekannt hätten und über Rückblicke das Kennenlernen erzählt worden wäre. Zum Stoff hätte es gepasst, werden doch viele Aspekte, wie die Kindheit von Fisk und Matt, sowie die Ausbildung Matts in Kindertagen, in Rückblicken parallel zur aktuell laufenden Geschichte erörtert.

Ansonsten gibt es nichts zu meckern. Allein die Besetzung von Vincent D‘Onofrio als Fisk, der erst mit Ende der dritten Folge in Erscheinung tritt, ist ein großer Trumpf der Reihe, verkörpert er den zerbrechlichen Part der Rolle ebenso wie den bösartigen, der nach Sichten der sensiblen Seite der Figur um so unheimlicher wirkt und Fisk zu einem Monster mit starker Wirkung macht. Allein den Mut zu besitzen dem Oberschurken so viel Verletzlichkeit zuzugestehen spricht für den recht erwachsenen Stil des Streifens. Der Verzicht den Großteil der Story im Fantasybereich anzusiedeln, macht die Serie aus und schenkt ihr die Qualität die anderen Stoffen um Superhelden fehlt. Es ist nicht so, dass die fast unverletzliche Kampfkraft, die übernatürliche Begabung des Helden und manch andere Superheldenpflicht ein wenig gegen diesen erwachsenen Touch und die Glaubwürdigkeit des Stoffes arbeiten, aber das nimmt man in Kauf, zumal es eben zu einer Superheldengeschichte dazu gehört.

Der erste Verweis auf eine bevorstehende Schlacht des Übernatürlichen, sowie das zum Ende der Serie erworbene Kostüm machen bereits klar, dass „Daredevil“ diesen realitätsbezogenen Stil nicht ewig beibehalten wird. Das ist sehr schade, verlieh doch gerade dies der ersten Staffel seine Sympathie. Zumindest die zweite Staffel dürfte noch halbwegs die selben Wege gehen, zeigen die Fantasyvorbereitungen doch dass das Geschehen noch in weiter Ferne ist. Aber allein dass der Held in den kommenden Folgen nicht mehr mit jenem dunklen Tuch im Gesicht kämpfen wird, das ihn geradezu mystisch wirken ließ, sondern stattdessen mit einem dämlich klassischen Superheldenkostüm samt Hörnchen auf der Maske, wird der zweiten Staffel bereits ein wenig schaden. Um so schöner ist es, dass man als Zuschauer des alternativen Geschmacks zumindest eine volle Staffel lang mit einer ernstzunehmenden Superheldengeschichte unterhalten wurde, die mit den Abenteuern der verkleideten Kasperles im Kino nur wenig gemein hat.


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