Dienstag, 25. Oktober 2016

TAGEBUCH EINES MÖRDERS (Diary of a Madman 1963 Reginald Le Borg)


Richter Cordier dokumentiert in seinem Tagebuch, wie er von einem Dämon heimgesucht wurde, der ihn zwang zu morden...


Der geschwätzige Dämon...

„Tagebuch eines Mörders“, den man aufgrund der ähnlichen Titelgebung nicht mit dem 6 Jahre später erschienenden deutschen Lustspiel „Tagebuch eines Frauenmörders“ verwechseln sollte, zeigt uns Vincent Price in einer geradezu typischen Rolle. Pendelnd zwischen Gut und Böse darf er mimisch vielfältig zeigen was er kann, und mag Letztgenanntes auch recht selten zu sehen sein, so gehören diese kurzen Momente doch zu den Höhepunkten seines hier geforderten Spiels.

Man merkt, dass sich Price kein Bein für diesen Film ausreißt. Er spielt das was man von ihm sehen will gekonnt routiniert, und das passt schon ganz gut zu einem Film, der nicht wirklich etwas Innovatives zu erzählen hat, und trotzdem gut zu funktionieren weiß. Wahre Höhepunkte gibt es nicht. „Horla - Tagebuch eines Mörders“ (Alternativtitel) plätschert angenehm vor sich hin ohne nennenswerte Höhen oder Tiefen - abgesehen vielleicht von der etwas zu geschwätzigen Art des Dämons, welche ihm einer Mystik beraubt, die er allein aufgrund seiner rätselhaften Physis besitzt. Gern würde man mehr von ihm und seiner Gattung erfahren. Zu gern würde man einen Blick in seine Wahrnehmungsebene riskieren.

Stattdessen speist man uns mit einem typischen Horror-Plot der 60er Jahre ab, nicht so phantasiereich wie das was Le Borgs Film ausblendet, aber interessant genug wiedergekäuert, um dem Stammzuschauer charmante Standardware zu bescheren. Die Verwandschaft zu „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ oder „Jack the Ripper“ ist nicht zu übersehen, dennoch darf es verwundern, dass sich der Streifen lange Zeit nicht wirklich für seine im Hintergrund plätschernde Horrorgeschichte interessiert. Dem Autor bereitet es viel mehr Freude mit dem Charakter des Richters zu spielen, so dass wir ihn in seiner Vielfältigkeit bereits vor dem Kontrollverlust durch einen Dämon kennenlernen.

„Diary of a Madman“ (Originaltitel) lebt von der Verspieltheit, mit welcher der Alltag des Richters und sein Umfeld dargeboten wird. Dementsprechend verspielt tritt auch der Dämon ins Geschehen, der eher wie ein Mix aus Geiselnehmer und Anstifter wirkt, anstatt wie eine bedrohliche, dämonische Präsenz. Wer mit dieser verspielten Leichtigkeit des Stoffes in einem ernsten Horrorfilm nichts anfangen kann, wird sicherlich auch die lange Phase bemängeln, in der rein Genre-technisch zu wenig passiert. Wer jedoch mit der augenzwinkernden Art des Streifens etwas anfangen kann, dem ist es egal ob der Horror lange Zeit pausiert oder nicht. Und dem ist es auch egal, dass der Horrorpart nicht gruselig oder düster daher kommt.

Letztendlich ist „Tagebuch eines Mörders“ mental schlichtweg ein reiner Vincent Price-Film, ohne dabei das Talent der um ihn herum agierenden Mimen schmälern zu wollen. Price ist es, der den Film am Laufen hält. Die Geschichte ist weder einfallsreich, noch aufregender Natur. Freunde der berühmten Genre-Größe werden definitiv ihren Spaß haben, eben weil die Rolle so perfekt auf Price zugeschnitten ist. Zudem ist man von Price das augenzwinkernde, lockere Spiel im Horrorbereich gewohnt, so dass der Kenner seiner Stoffe vom Schwerpunkt des Streifens sicherlich nicht unangenehm überrascht wird. mittelmäßig


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Sonntag, 23. Oktober 2016

DAS DRITTE AUGE (Il terzo occhio 1966 Mino Guerrini)


Die Mutter und die Verlobte des Grafen Mino verunglücken am selben Tag tödlich, verursacht durch die Intrigen der Haushälterin Martha, die Mino für sich allein haben möchte. Mino verarbeitet das Drama, indem er junge Frauen tötet, Martha hilft ihm beim Entsorgen der Leichen...


Das Haus der kranken Seelen...

Ausgestopfte Vögel, eine dominante Mutter, eine tote Blondine, eine mumifizierte Leiche, ein Frauenmörder, lange Autofahrsequenzen - die Parallelen zu Hitchcocks Erfolgsthriller „Psycho“ sind nicht zu übersehen, und doch schaut sich „Das 3. Auge“ anders, eben weil es kein Geheimnis aus der Erkrankung der Figuren macht und uns an ihrem Leiden von Anfang an teilhaben lässt, uns verstehen lässt warum sie tun was sie tun und das Bild von Täter und Opfer dadurch vermischt.

Letztendlich ist das Schloss des Grafen Mino ein Haus der Psychopathen, ein kaltes Haus, indem es keine Liebe gibt, sich aber jeder nach ihr sehnt, ungelernt zu empfinden nicht wissend wie man sie erlangt. Die Mutter erzwingt sich durch Dominanz Liebe von ihrem Sohn, die Haushälterin manipuliert das Schicksal durch Mord, der junge Graf erhofft sich emotionale Erlösung durch eine bevorstehende Hochzeit, doch die Verlobte erstickt in der Kühle die sie umgibt, kann nicht genau benennen was sie daran hindert glücklich zu sein und wäre in diesem Haus ebenfalls unglücklich geworden, wenn sie nicht so früh gestorben wäre.

Nach ihrem Tod verarbeitet Mino die Geschehnisse indem er junge Frauen tötet. Die Methoden nach Liebe zu suchen verschieben sich. Auch für Martha, die nun glaubt die Machtverhältnisse hätten sich verschoben, so dass sie nun per Zwang Minos Ehefrau werden kann. Doch vertraue nie auf die Worte eines geistig Verwirrten, denn dessen jammerndes Ich wird zu einem diabolischen, als urplötzlich die Schwester der Verstorbenen auftaucht, die ihr zu ihrem Unglück viel zu ähnlich sieht.

Man liest heraus welch interessantes Psychogramm die Verantwortlichen des Streifens entworfen haben. Und steht Franco Nero der Wirkung dieser Vision anfangs noch durch zu versteiftes Spiel im Weg, so wird seine Darbietung mit fortschreitender Laufzeit immer besser, bis sie eine Brillanz erreicht, die den besten Szenen des Streifens gerecht werden, so wunderbar düster sich „Il terzo occhio“ (Original) in seinen schön fotografierten Schwarz/Weiß-Bildern guckt, getaucht in eine düstere, verstörende Atmosphäre, die Joe D‘Amato 13 Jahre später in seinem Remake „Sado - Stoß das Tor zur Hölle auf“ gegen plumpe Bluteffekte und psychologisch unsinniges Getue austauschte, was auch erklärt warum sein Film auch ohne den Vergleich zum Original so erbärmlich plump wirkt.

„Das dritte Auge“ hingegen, inszeniert und mitverfasst von Regisseur Mino Guerrini, der auch „Gangster sterben zweimal“, „Das Geheimnis der tödlichen Strahlen“ und „Schulmädchen lieben heiß“ drehte, ist ein stark gespieltes und düster umgesetztes Psychogramm, welches jeglicher Figur genug Hintergrund und Substanz beschert, um mehr zu sein als einer der vielen seelenlosen und unsinnigen Thriller um Psycho-Killer, die den Antrieb ihres Protagonisten nicht verstanden haben. Guerrinis Werk vereint den Stil des gothischen Horrors mit dem des Psycho-Thrillers, und lässt zudem einen verfrühten Hauch Giallo durch das Geschehen wehen, ein Sub-Genre Italiens, das erst in den siebziger Jahren zu dem werden sollte für das es steht. unterhaltsam


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Samstag, 22. Oktober 2016

HUBERT UND STALLER - STAFFEL 1 - 3 (2011 Oliver Mielke u.a.)


Hubert und Staller sind zwei völlig unterschiedliche Kleinstadt-Polizisten aus Ober-Bayern, die stets gemeinsam zufällig auf Mordfälle stoßen, die es dann zu lösen gibt...


Hubsi und Hansi...

Ermittelten „Derrick“ und „Der Alte“ noch auf hochdeutsch, da erlebt man in der humoristischen Krimi-Serie „Hubert und Staller“ die Ermittler und ihr Umfeld auf bayrisch, was den ein oder anderen davon abhalten könnte einzuschalten. Dann verpasst man jedoch eine der charmantesten deutschen Fernsehserien der letzten Jahre, die nicht nur mit einer ungewöhnlichen und intelligenten Charakterzeichnung daher kommt, sondern auch den Mix aus interessantem Kriminalfall, sowie lautem und subtilen Humor gekonnt beherrscht und trotz, bzw. mittels comichafter Übertreibung stets aus menschlicher Perspektive erzählt ist.

Das bedeutet, dass die Ermittler keine überkorrekten und lebensfremden Beamten sind, sondern Menschen wie Du und ich, die ebenso über die Tücken des Alltags stolpern wie jeder andere auch. Der Mix aus Ahnungslosigkeit, Naivität und Professionalität verhindert in der Charakterisierung der Hauptfiguren jede Form von Stereotyp, zumal die Figuren analytisch tief greifen und auch von ihren Widersprüchlichkeiten profitieren. Dass ein Phantast auch ein festgefahrener Spießer sein kann, beweist die Figur des clowneresken Staller, wohingegen der menschenscheue Hubert ein verschlossener Typ ist, außer wenn es darum geht andere zu kritisieren, zu beleidigen oder zynische Sätze loszulassen. Unsensibel sind sie beide, und zwischen ihnen herrscht so eine Art Hassliebe, eher von der Pflicht aneinander gebunden als vom menschlichen Faktor her, aber doch meist zusammenhaltend und als Team agierend.

Lebte die erste Staffel charakterlich fast ausschließlich von ihnen und dem von Michael Brandner so gekonnt verkörperten Chef Girwidz, der wahrlich unter allen Chefrankheiten leidet, welche Arbeitnehmer so gar nicht mögen, so entfalten sich die Nebenfiguren in den kommenden zwei Staffeln schließlich auch noch, bis man schließlich ein komplett charmantes Team beisammen hat, welches selbst in schächer ausgefallenen Folgen, die aber nur sehr rar gesät sind, dafür sorgen, dass die 45 Minuten trotzdem noch genügend Spaß bereiten um das Einschalten nicht zu bereuen.

Einige unnötige Regelmäßigkeiten in Staffel 1 verhinderten, dass dieser Idealzustand zuvor auftreten konnte. So gab es serielle Pflichten, die es pro Folge abzuarbeiten gab, die den flüssigen Verlauf der Erzählung unangenehm unterbrachen. Allen voran wäre der merkwürdige Angelpartner Huberts zu nennen, der stets pseudo-intelluktelle philosophische Denkansätze zu den Kriminalfällen äußerte und nach Staffel 1 glücklicher Weise nie mehr gesehen war. Das zweitgrößte Hindernis guter Unterhaltung, die äußerst unsympathische Reporterin Hansen, wird man erst in Staffel 3 komplett los, allerdings kommt sie bereits in Staffel 2 nicht mehr so dominant vor wie in der etwas ruckelig ausgefallenen, aber trotzdem schon stark sympatrhischen Staffel 1.

Selbst der Polizeichef wird in dieser ersten Season noch relativ monoton eingebracht, was den von mir so gern gesichteten Michael Brandner sichtlich unterfordert. Und auch die Kabbeleien zwischen Hubert und seiner Ex-Frau, der Pathologin Licht, fallen zunächst arg flach und vordergründig aus, bevor sie später verspielt, subtil und doch nur halbehrlich umgesetzt werden, was gerade durch letztgenannten Punkt zu einer interessant emotionalen Spannung zwischen beiden führt. Einzig der Türke Yazid hat es in Staffel 1 mit seiner Dönerbude in der Einöde besser erwischt als später als selbstständiger, halblegaler und semi-professioneller Unternehmer, so dass er später eher nervt anstatt, wie zuvor, die Ermittlungen mit trockenen Kommentaren zu bereichern.

Die Fälle selbst schwanken zwischen sehr interessant und mittelmäßig, ein uninteressanter war bislang nicht dabei, und selbst die mittelmäßigen werden aufgrund der Ermittlungshemmnisse, bzw. dem Beheben dieser durch neue Erkenntnisse, meist aufgefrischt und damit interessanter gestaltet als sie eigentlich sind. In Staffel 3 neigt man leider etwas zu sehr dazu reißerische Themen aufzugreifen, was sich aufgrund des relativ kleinen Radius, in welchem sich die Polizisten bewegen, arg unglaubwürdig guckt. Zwar hat man nicht das Problem eines „Mord mit Aussicht“, dass die Quote der Verbrechen nicht zur Umgebung passt, das verhindert allein schon der comichafte Grundton, aber dass ab Staffel 3 immer wieder Hintergründe wie Geldfälscherei, mafiosische Machenschaften oder illegaler Wildhandel, um nur ein paar zu nennen, aufgedeckt werden, überspannt den Bogen dann doch.

So schaut sich die Serie immer dann am wirksamsten, wenn es einen ganz normalen Mord aufzuklären gibt, und da dies in der Regel der Fall ist und die ohnehin interessant geschriebenen Charaktere sich zudem im Laufe der Zeit weiterentwickeln dürfen, steht dem Sehspaß über dem gelegentlichen Gucken hinaus nichts im Weg. Allein die gute Besetzung ist einen Blick wert, in welcher lediglich Paul Sedlmeier etwas zu monoton wirkt, im immergleichen Spiel, was aber sicherlich mehr am Drehbuch liegen dürfte, welches ihm zu wenige Chancen einräumt sich beweisen zu dürfen, als an Sedlmeier selbst.

Wer kein Problem mit dem bayrischen Dialekt hat, sollte also ruhig einmal in diese humoristische Krimiserie hineinschauen, bietet sie doch sowohl den kurzweiligen Entspannungsfaktor, den man nach der Arbeit geplagt von einer Vorabendserie erwartet, im Gegensatz zu vielen Konkurrenzproduktionen aber trotzdem nicht auf den kleinen intellektuellen Gehalt verzichtet, der dafür sorgt dass man geistig nicht völlig unterfordert wird. sehenswert


Sonntag, 16. Oktober 2016

DER LEICHENGIESSER (The Crucible of Terror 1971 Ted Hooker)


Einst tötete er Frauen um sie in Bronze zu gießen und Skulpturen aus ihnen zu machen, ein Verbrechen das nie aufgedeckt wurde. Heute konzentriert sich der Künstler Victor aufs Malen. Als der Kunsthändler John den Eigenbrödler zusammen mit seiner Frau Jane aufsucht, ist Victor direkt angetan von der Schönheit Janes. Er bedrängt sie für ihn Modell zu stehen, aber Jane ängstigt sich vor Victor. Im Schatten dieser Geschehnisse treibt ein Mörder in der näheren Umgebung sein Unwesen...


Gießen und Wahnsinn...

Bei der Idee eines Künstlers, der Menschen für seine Werke opfert, musste ich unweigerlich an „Das Wachsfigurenkabinett des Grauens“ und an „Das Vermächtnis des Professor Bondi“ denken, die beide mit ähnlichen Ideen spielten. Interessanter Weise bildet die Idee der in Bronzestatuen verstorbenen Modells lediglich die historische Grundlage der Ereignisse, die in „Der Leichengießer“ die Geschehnisse der Gegenwart bestimmen. Nichts ist wirklich klar. Der Künstler ist ein Exzentriker und Lustmolch, aber ist er deshalb gleich wahnsinnig? Die Morde von einst könnte auch sein treuer, harmlos scheinender Helfer begangen haben. Nur eines ist klar: Victor verhält sich wie ein Arschloch, und im Schatten aller vordergründigen Geschehnisse geht ein Killer um, dessen Taten lediglich dem Publikum bekannt sind. Leichen werden lange Zeit nicht aufgefunden, Personen nicht vermisst.

Im Gegensatz zu manchem Slasherbeitrag der 80er Jahre und danach bleibt dieser Umstand in „Der Leichengießer“ zumindest nachvollziehbar und wirft keine Lücken auf, die es zu schließen gilt. Trotz einiger Parallelen im Vorgehen der Killer ist die einzige Regiearbeit Ted Hookers auch kein Vorläufer der damals noch zukünftigen Slasherwelle, in der es hauptsächlich Teenagern an den Kragen gehen sollte. Eine größere Verwandschaft weist da schon eher die frisch durch Argentos „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ entfachte italienische Giallo-Welle auf, die in England nur selten versucht wurde zu kopieren, was aber hin und wieder vorkam, z.B. mit „Fröhliche Weihnacht“.

Oder eben mit dem hier besprochenen „The Crucible of Terror“ (Originaltitel), der jedoch nie so ganz zu dieser Gattung Film dazugehören will, mehr als zum Slasher, aber eben doch keine reine Britenversion des Giallo. Dafür vermischt der Autor zu sehr klassischen europäischen Grusel mit der damals noch recht modernen Killervariante, was sich trotz früher Andeutungen erst mit der zur wirr geratenen Täterauflösung zeigt, die rückblickend die Geschehnisse ein wenig anders aussehen lässt als zunächst geglaubt. Dies geschieht zwar nicht auf eine geniale, alles revidierende Art, der Zuschauer wird trotzdem gekonnt getäuscht innerhalb einer Inszenierung, der scheinbare Banalitäten wichtiger scheinen als der wahre Horrorgehalt.

Fälschlicher Weise könnte man meinen „Der Leichengießer“ wäre ein Horrorfilm des Hinhaltens, eine Methode die gerade im Entstehungsjahrzehnt keine Seltenheit im besagten Genre war. Aber nicht nur dass Banalitäten zu Wichtigkeiten werden, auch das ewig unterschwellige Brodeln, dieses Gefühl dass jeden Moment etwas Schreckliches geschehen kann, beherrscht die Grundatmosphäre des Streifens, so dass sich das oftmals zu gewollte Treiben an der Oberfläche interessanter guckt als es dies eigentlich ist.

Ted Hooker übertreibt sein Spiel mit der optischen Wirkung Mike Ravens in der Rolle des Victors zu sehr. Zu extrem möchte er einen Vincent Price aus Raven machen. Zu sehr drängt er die Präsenz des Zwielichtigen dem Zuschauer auf, dessen Mystik allein durch sein stets lüsternes Verhalten bereits von ganz alleine bröckelt, anstatt dessen Bedrohlichkeit durch diese Begierde zu steigern. Es ist der Grundton, der solche Fehler egal sein lässt, wenn auch nur dann wenn man es spürt, dieses Brodeln unter der Oberfläche, das ich eher für Zufall als für eine wahre gekonnte Inszenierung des Regisseurs halte.

Dem ist trotz dieses Pluspunktes kein Meisterwerk geglückt. Dafür wirkt alles Geschehene dann doch zu willkürlich, die Auflösung zu weit hergegriffen und zu wenig erklärt und das lange Treiben an der Oberfläche zu banal. Dennoch sind es gerade diese scheinbaren Fehler, die „Der Leichengießer“ das gewisse Etwas bescheren und zu einem solch schrulligen Werk seiner Zeit werden lässt, etwas das eben nur jene Cineasten für sich entdecken können, die immer etwas neben der Spur der Masse wandern und Elemente aus Filmen herausziehen, die dem Durchschnittszuschauer egal sind. mittelmäßig


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Montag, 10. Oktober 2016

DIE SKLAVINNEN (1976 Jess Franco)


Die ehemalige Bordellbesitzerin Arminda wird von dem Millionär Radeck aus dem Gefängnis befreit, damit diese ihm mitteilen kann wo sich seine Tochter befindet, hat diese doch unter Drogeneinfluß für die skrupellose Arminda anschaffen müssen...


Nonsens Marke Franco...

In letzter Zeit habe ich kein Glück mit Jess Franco-Filmen. Da habe ich mich nach Jahren schlechter Filmsichtungen der Werke besagtem Herrn endlich mit dessen schrulligen, ungewöhnlichen Stil anfreunden können, solch schöne Werke wie „Vampyros Lesbos“, „Der Todesrächer von Soho“, „Die Säge des Todes“ und „Dr. M schlägt zu“ gesichtet, und dann erwische ich in letzter Zeit immer wieder den Bodensatz des Vielfilmers, sicherlich auch weil meine letzten Gehversuche innerhalb seiner Werke im Erotikbereich stattfanden anstatt im Krimi- oder Horrorbereich.

Wo mich ein „La comtesse perverse“, „Das Frauenhaus“ und sein „Frauen ohne Unschuld“ zumindest noch halbwegs interessieren konnten, da gingen mir „Die nackten Augen der Nacht“ und „Robinson und seine wilden Sklavinnen“ nur noch auf den Senkel, kaum etwas von dem preisgebend, was die Welt des Improvisationfilmers eigentlich so spannend macht. In „Die Sklavinnen“ versucht er wieder einmal gar nicht mehr wirklich eine Geschichte zu erzählen. Der Beginn schaut sich wie aus Filmresten zusammengezimmert, ein Wust nicht zusammenhängender Aufnahmen, die sich halbwegs mit den nötigen Erklärungen als Einleitung verkaufen lassen, auf deren Grundlagen man nun mit neuem Material einen Film zaubern kann.

So bekommen wir von der Zeit im Gefängnis nichts mit, nehmen teil an einem hektischen Gefängnisausbruch und befinden uns sehr schnell in der Geiselnahme des Millionärs, der sich nun für uns in Rückblicken präsentiert die erotische Vergangenheit der ehemaligen Bordellbesitzerin anhören muss, obwohl er eigentlich nur wissen möchte wo sich seine vermisste Tochter aufhält. Geliebt habe sie die Tochter, was sie als skrupellose Menschenhändlerin nicht davon abhielt das arme Ding noch frisch verliebt unter Drogen zu setzen und anschaffen gehen zu lassen. Zu dumm nur dass die damals noch recht süße Lina Romay, die Stammschauspielerin und Lebensgefährtin Francos, so gar nicht bösartig wirken will mit ihrer sanften, sinnlichen Mimik.

Franco ist das egal. Er nutzt die scheinheilige Visage nicht zur Täuschung. Was gesagt wird und was man sieht muss nicht zusammen passen. Diese Dreistigkeit kann seine Filme bereichern. Wenn aber so gar nichts ineinander greifen will, so wie im hier besprochenen Werk, verärgert diese Gleichgültigkeit leider viel eher, als dass sie den Unsinn stärkt. Wie auch immer, der Millionär darf sich jegliches Fummeldetail anhören, denn welcher Vater hört nicht gern von den sexuellen Abenteuern seiner Tochter? Wirkliche Informationen erhält er duch das Erotikgesabbel Armindas jedoch nicht. Also muss Jess Franco höchst persönlich in seinem obligatorischen Auftritt innerhalb des eigenen Werkes zur Zigarette greifen, was zur härtesten Foltermethode der Welt erklärt wird. Es lebe die Naivität Francos Filmwelt.

Dies entlockt Arminda einige Informationen mehr, die freilich wieder mit allerhand Nackedeimomenten aufgewertet werden. Man liest es bereits heraus. Genau wie in manch anderem Softsex-Film Francos, so wird auch hier eine hauchdünne Fast-Geschichte mit langweiligsten und desinteressiert gespielten Erotik- und Sexszenen langgestreckt, zwar gerne durch Heranzoomen körperliche Details zeigend, aber mit dem ewigen Draufhalten ebenso auch die gelangweilten Fressen der sich gerade selbst streichelnden Akteure oder ihren a-sexuell vorgetäuschten Beischlaf einfangend. Ich weiß nicht wie es Franco immer wieder schafft Erotikszenen völlig frei von prickelnden Elementen abzufilmen und solch unmotivierte Mimen zu finden. Selbst die für ihren Exhibitionismus bekannte Lina Romay lässt nicht erkennen, dass sie Spaß daran hat sich vor der Kamera nackig zu machen.

So bekommen wir eine uninteressante Geschichte mit noch uninteressanterem Streckmaterial präsentiert, in welchem desinteressierte Mimen lustlos Lust vorheucheln, und dies so unglaublich langweilig erzählt, dass einem die eigentlich recht kurze Laufzeit wie zwei Stunden vorkommt. Die schundigen Kunstelemente, für die Jess Franco so berühmt ist, kommen in „Die Sexhändler“ (Alternativtitel) kaum zur Geltung. Ganz zu Anfang darf man zumindest einer Befragung im skurrilsten Polizeipräsidium der Welt beiwohnen, darf die Verhörte doch in einer Hängematte liegen, innerhalb eines Raumes der auch gut für eine Räuberhöhle oder eine Schmuddelkneipe herhalten könnte.

Gäbe es mehr von diesen Elementen, könnte dies den dünnen Plot zumindest ein wenig auflockern. Aber da gibt es zu wenig gewagte bis schräge Nebensächlichkeiten und zu viel langweiliges Gefummel, als dass „Die Verschleppten“ (Alternativtitel) irgendetwas reißen könnte. „Die Sklavinnen“ gehört für mich mit zu den schlechtesten Filmen, die ich bislang vom Kult-Regisseur Jess Franco gesichtet habe, und das mag man nach solch üblen Werken wie „Mansion of the Living Dead“, „Oase der Zombies“ und „Lust für Frankenstein“ kaum glauben. schlecht


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Samstag, 8. Oktober 2016

WARTE, BIS ES DUNKEL WIRD (The Town That Dreaded Sundown 2014 Alfonso Gomez-Rejon)


In dem Ort Texarkana ging in den 40er Jahren ein maskierter Mann um, der wahllos Menschen tötete. Noch heute wird ein zu diesem Thema in den 70er Jahren gedrehte Thriller jährlich im besagten Ort gezeigt, was 2013 einen Nachahmungstäter dazu animierte schreckliche Morde zu begehen. Die junge Jami, die einen Angriff knapp überlebte, forscht nach wer der Killer sein könnte...


Phantome sterben nicht...

„Warte, bis es dunkel wird“ bezieht sich auf „Der Umleger“, lässt ihn in seiner cineastischen Realität ebenso Film sein wie in unserer, setzt das Original also fort, erzählt es aber eigentlich neu, da es sich um einen Nachahmungstäter handelt. Somit erleben wir hier einen Mix aus Neuverfilmung und Fortsetzung in einem Meta-Gewand, für dessen Verstehen man das 70er Jahre Original glücklicher Weise nicht kennen muss, ist es doch arg unbekannt und auch relativ belanglos umgesetzt. Im Zuge des kleinen Erfolges des hier besprochenen Streifens hat er es mittlerweile dennoch in Deutschland auf DVD geschafft, so dass Nichtkenner der Streifen ruhig eine Doppelsichtung angehen sollten für einen sympathischen, kleinen Themenabend.

Alfonso Gomez-Rejons Werk, das man nicht mit dem titelähnlichen Audrey Hepburn-Klassiker „Warte, bis es dunkel ist“ verwechseln sollte, ist inszenatorisch ein waschechter Slasher geworden, was ihn vom Original unterscheidet, der vor der ersten Slasherwelle entstanden ist und ohnehin nur Elemente aus dem Horrorbereich besitzt, vielmehr jedoch ein Thriller und Kriminalfilm ist. Erst „Warte, bis es dunkel wird“ setzt den optisch an Jason aus „Freitag der 13. 2“ erinnernden Killer um wie es der Horror-Fan heutzutage sehen will, sprich er lässt den Mörder härter zuschlagen und setzt ihn in gruseligeren Situationen ein. Es gibt ebenso eine Scream-Queen, wie auch eine Auflösung, von Letztgenanntem sollte man jedoch nicht zu viel erwarten, ist die Mörderaufdeckung doch ziemlich egal, hanebüchen und zu sehr abgeguckt von einem unvergessenen Horrorwerk aus den 90er Jahren.

Ansonsten ist dem recht spät ins Regie-Fach wechselnden Gomez-Rejons, der als Folgefilm das Drama „Ich und Earl und das Mädchen“ anstatt einen weiteren Horrorfilm abgeliefert hat, ein ordentlicher Genre-Beitrag geglückt, der mit nicht all zu hohen Erwartungen zu gefallen weiß, irgendwo unter dem Unterhaltungswert von „My Bloody Valentine“ und über dem von „Silent Night“ angesiedelt. Etwas mehr Mut zu Innovationen hätte dem Streifen gut gestanden, das ist leider nicht geschehen, aber inszenatorisch ist er professionell genug abgedreht, sein Spannungsbogen ist zumindest im Routinebereich angesiedelt und sein Unterhaltungswert ist dank der flotten Umsetzung hoch genug, um nie leicht gelangweilt auf die Uhr oder die Laufzeit zu schielen. unterhaltsam


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Montag, 3. Oktober 2016

DAN - MITTEN IM LEBEN (Dan in Real Life 2007 Peter Hedges)

Als Witwer Dan sich eine Auszeit von einem gerade stattfindenden Familientreffen gönnt, lernt er Marie kennen, die ihm gleich sympathisch ist und mit der er ein wenig Zeit verbringt. Als er zur Familienfeier zurückkehrt, muss der frisch verliebte Mann feststellen, dass es sich bei der Frau um die neue Freundin seines Bruders handelt, und die nehmen als Pärchen freilich ebenfalls am Familientreffen teil. Für Dan beginnt eine schwere Zeit...


Dabei zusehen müssen...

Einem Film mit der Tragik den nötigen Gehalt zu geben unglücklich verliebt zu sein und mit ansehen zu müssen wie die Begehrte mit wem anders turtelt, das ist nicht schwer und lässt den Zuschauer schnell mitfühlen. Mit „Dan - Mitten im Leben“ wollte man diese Situation zum Zentrum des Films machen, und auch wenn der Charakter des Dan liebenswürdiger Natur ist und Steve Carell gekonnt spielt, wie man es von ihm gewohnt ist, so ganz will die Mitleidstour auf 90 Minuten nicht funktionieren.

Das liegt sicherlich auch an der schrägen Weltsicht der Amerikaner dessen was Frauen und Männer dürfen, bzw. nicht dürfen. So ist es laut „Dan in Real Life“ (Originaltitel) verwerflich dass Dan zum Frustabbau einer Liebe, die er nicht leben darf, mit wem anders flirtet (von der Familie überhaupt erst dazu genötigt an einem Blind Date teilzunehmen), dass die Angebete jedoch mit ihrem aktuellen Freund schläft, obwohl auch sie sich frisch anderweitig in Dan verliebt hat, geht für die Autoren in Ordnung, wird ja auch so gut wie möglich ausgeblendet. Marie darf zicken und enttäuscht von Dan sein, Dan hat sich aber gefälligst zusammenzureißen und die Liebschaft seines Bruders zu akzeptieren.

Dieser moralische Regelkatalog macht es für einen Europäer ein wenig schwer, sich in die Welt des Streifens einfühlen zu können, in geringeren Maßen funktioniert dies jedoch trotzdem noch, hat man doch dennoch genügend Mitleid mit Dan und wünscht ihm doch trotz seiner viel zu passiven und schmolligen Haltung ein Happy End. Dieses Gefühl steht jedoch im Widerspruch zur Rolle der Marie, die zwar recht herzlich auftritt und auch sympathisch charakterisiert wird, die aber doch etwas zu kontrolliert und manipuliert handelt, als dass man auch ihr ein Happy End mit Dan gönnen würde. Und dann ist da noch die Rolle des Bruders, der eigentliche Leittragende der Geschichte, mit dem es sich das Drehbuch sehr leicht gemacht hat. Der Bruder ist schnell verliebt und oberflächlich. Der sucht sich nach erster Bockigkeit erst einmal die nächste.

Wäre dieser Aspekt der einzige in einem ansonsten wertvollen Drehbuch könnte „Dan - Mitten im Leben“ ein wundervoller Romantikfilm werden. Leider macht es sich das Drehbuch aber in so ziemlich jedem Punkt zu einfach, klappert den durch x Vorgänger-Werken bewährten Erzählweg schlicht ab, und setzt dem Stammpublikum überraschungsfrei das vor was es immer wieder sehen möchte. Der einzig mutige Punkt der Geschichte, das heimliche Treffen in der Bowlingbahn, ist zudem der einzige Lichtblick wahrer prickelnder Romantik, der einen vor dem Fernseher sehnlichst träumen und in sein Kissen einkuscheln lässt. Und gerade diese erhält, deshalb mutig von mir genannt, einen brutalen Einschnitt, der zur typischen tragischen Kehrtwende zu Beginn des letzten Drittels wird.

Das wäre schön und gut, wenn es danach zum Abschluss einen weiteren solch romantischen Moment ohne böses Erwachen gäbe, aber mag es auch zum obligatorischen Happy End kommen, unter arg blauäugigen und Hollywood-typischen Zutaten, solch eine Herzensnähe wie wir sie in der Bowling-Szene erleben durfte findet nicht mehr statt. Wir dürfen lediglich theoretisch darüber glücklich sein, dass Dan sein Glück gefunden hat. Somit funktionieren weder die sich in Selbstmitleid suhlenden Szenen kompromisslos, da diese zu dominant eingefangen werden und Dan nie Initiative beweist, und die zwischenmenschlichen Momente zwischen dem zentralen Liebespaar funkeln nicht richtig.

Dass das Ganze dennoch als kleiner Film für zwischendurch in Ordnung geht, liegt eigentlich an den sympathischen Schauspielern und daran, dass man als Vielseher des Romantikbereiches dann doch immer wieder das selbe gucken möchte. Da ist der Romantikjunkie keinen Deut besser als der Slasher-Fan. Wer innovative Unterhaltung sucht ist Fehl am Platz. Wer einen herzenserwärmenden Film sucht ebenso. Wem aber auch die durchschnittliche Herzschmerz-Tragikomödie schmeckt, der wird Dank gut spielender und charmanter Mimen zumindest gut genug unterhalten um hinterher nicht all zu enttäuscht zu sein. unterhaltsam


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CAPTAIN AMERICA - THE FIRST AVENGER (2011 Joe Johnston)


Der schmächtige Steve möchte in den 40er Jahren auch in den Krieg ziehen, um Nazis zu erschießen, aufgrund seines Asthma ist er jedoch nicht diensttauglich. Durch die Hilfe eines Wissenschaftlers bekommt er schließlich doch noch seine Chance. Der führt mit Steve ein Experiment durch, welches den Schwächling zum überstarken Supersoldaten macht. Dieser legt sich im Auftrag Amerikas schließlich mit einer Esoterik-Sekte an, die einst von den Nazis finanziell gefördert wurde...


Kick-Nazi-Ass...

Manchmal findet man ansprechende Filme dort wo man sie nie vermuten würde. Bis auf „Spider-Man“ und „Iron Man“ konnte ich mit den Heldenfiguren Marvels nie viel anfangen. Wo die „X-Men“ und  ein „Ant-Man“ für mich nur ganz nett ausfielen, da waren mir die „Fantastic Four“ und die „Guardians of the Galaxy“ zu kindisch und der „Hulk“ einfach nur zu blöde und unmystisch. Die Superhelden aus besagtem Hause sind mir einfach zu sehr in den Fantasybereich entrückt und besitzen nur selten die Klasse eines Batman, Spawn oder Hit-Girl. Auch der Figur des Captain America fehlt deren Klasse. Ganz im Gegenteil ist er sogar eine recht unangenehme Gestalt, mit seinem widerlichen Wunsch Nazis erschießen zu wollen und seinem unreflektiertem Patriotismus, der sogar noch den von Superman übersteigt.

Aber was soll man sagen? Obwohl er in seinen Eigenschaften, seinem Aussehen, seinem Auftrag und seiner Mystik zu den plumpesten Helden überhaupt gehört, die Marvel je geschaffen hat, ist sein Film der ihm 2011 beschert wurde ein wahrer Hingucker, ein verspieltes Stück Popkorn-Kino, mit schräger Story, wundervoll finsterer Comic-Gegner und einem Hauch süßer Love Story und ehrfürchtigem Heldentum. Dass „Captain America - The First Avenger“ gerade in letztem Punkt eher infantil ausgefallen ist und auch sonst nur großen Kindern gefallen wird, ist nicht von der Hand zu weisen. Trotzdem kommt mir der Umgang mit seiner Figur leicht ironisiert vor, und der Film in welchem der kindisch patriotische Kasper herumhampelt nimmt sich weniger ernst als ein „Fantastic Four“, der uns gleich noch pseudo-philosophische Erziehungs-Tipps mit auf den Weg gab.

„Captain America - The First Avenger“ will nichts weiter als unterhalten. Und dank der völlig überdrehten Gegner, die optisch stilvoll in düstere Kulissen, Maschinen und Kostüme gekleidet wurden und mit ihrem Esoterik-Touch und ihrem Eigenbrödlertum, mit dem sie sich selbst ihrem Förderer Adolf Hitler zum Feind gemacht haben, wunderbar Comic-typisch überzogen wurden, wird der Film um ein kriegsgeiles Muskelpaket, dem seine Fan-Gemeinde zum vereinten Kampf hirnlos hinterher rennt, völlig überraschend zu einer gar nicht unangenehmen Popkorn-Erfahrung, obwohl jegliche hier negativ aufgezählte Eigenschaft eigentlich dagegen sprechen müsste.

An „Captain America“ sieht man einfach mal wieder, wie selbst ein schlechter Stoff mit dem richtigen Gespür für Tempo, Atmosphäre und Charaktere trotzdem noch zu einem sehenswerten Film werden kann, ohne dass man sich sein Muster nun zunutze machen könnte um dieses Ergebnis mechanisch kalkuliert zu wiederholen. Dann würde jene seelenlose Kacke aus dem ohnehin schon erbärmlichen Grundkonzept werden, die ich eigentlich erwartet hatte. Was soll man sagen? Ich wiederhole mich gerne. Manchmal findet man ansprechende Filme dort wo man sie nie vermuten würde. unterhaltsam


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DIE SCHADENFREUNDINNEN (The Other Woman 2014 Nick Cassavetes)


Als die Anwältin Carly ihren neuen Freund überraschend besucht, trifft sie statt auf Mark auf dessen Ehefrau Kate, von der Carly nichts wusste. Nachdem die beiden unterschiedlichen Frauen gemeinsam herausfinden, dass sie nicht die einzigen Menschen sind die von Mark verarscht wurden, entwickeln sie einen Racheplan und werden ganz nebenbei beste Freundinnen...


Nicht jeder weiß, dass er eine Firma besitzt...

Cameron Diaz ist schwer einzuordnen. Einst war sie mit Werken wie „Very Bad Things“, „Verrückt nach Mary“ und „Last Supper“ die Skandalnudel Hollywoods, die in Stoffen mitspielte an die sich manch einer nicht heranwagte, dann wurde sie zum Star, bewies sich in verschiedensten Rollen und Genres mit Filmen wie „In den Schuhen meiner Schwester“, rutschte währenddessen aber auch immer weiter in den Mainstream ab. Und nun scheint sie auf massenkompatibler Basis zurück zu ihren Wurzeln gekehrt zu sein. Während „Bad Teacher“ tatsächlich recht böse ausfiel und zu gefallen wusste, war „Sex Tape“ eine eher maue Angelegenheit, da er wesentlich braver ausfiel als es zunächst klang. Auch „Die Schadenfreundinnen“ ist keine schwarze Komödie a la „Heathers“ und „Der Rosenkrieg“ geworden, sondern doch wieder nur netter, massentauglicher Durchschnitt ohne Mut zur Provokation.

„The Other Woman“ (Originaltitel) verlagert das Thema der Teenie-Komödie „Rache ist sexy“ in die Erwachsenenwelt und greift zudem auf Elemente aus „Die Teufelin“ und „In Sachen Liebe“ zurück. Man kann es typisch Hollywood nennen, dass ein um realistische Gefühle bemühter Film vor hübschen Kulissen spielt, nur die finanzielle Elite ins Zentrum rückt und in eine Geschichte um Frauen, die sich aufgrund der sexy Konkurrenz nicht hübsch fühlen, nur gut aussehende Stars in den wichtigsten Rollen besetzt. Das sind Eigenschaften, die bereits deutlich machen wie sehr „Die Schadenfreundinnen“ aufs weibliche Zielpublikum schielt. Eine weitere wäre das schrille Spiel Leslie Manns, das trotz mancher Grenzüberschreitung allerdings trotzdem zu gefallen weiß und sie zum eigentlichen Star des Streifens macht.

Grenzüberschreitend ist auch manche Komik, die inmitten der Restinszenierung nicht hinein passen will. Auf einen kotenden Köter kann ich ebenso verzichten wie auf dumme Sprüche, wie jener über das Ohrfeigen per Hundehoden. Das ist vulgär und plump, nur leider nicht auf die charmante Art wie sie ein Steve Martin in seinen Filmen zu nutzen wusste, sondern anbiedernd ans Idioten-Publikum gerichtet, um auch bloß für jeden Zuschauertyp etwas im Programm zu haben.

Kaputt macht dies „Drei sind zwei zu viel“ (Alternativtitel) aufgrund der geringen Dosierung nicht. Hat man erst einmal erkannt wie schlicht und durchschnittlich das Konzept des Streifens ganz typisch Hollywood-Frauenfilm ausgefallen ist, geht man ohnehin mit geringen Erwartungen an den Restfilm heran, und mit dieser Grundhaltung darf man sich darüber freuen zumindest passabel unterhalten zu werden. Manche Slapstick-Nummer ist wahrlich lustig (die Stretchübungen im Gebüsch, oder der Scherben-freudige Abgang Marks in der Kanzlei), und die Grundstimmung ist angenehmer Natur.

Allerdings habe ich mich darüber gewundert, dass Cameron Diaz in ihrer Rolle so gar nicht glaubwürdig agierte. Eine schlechte Schauspielerin ist sie ja nun wirklich nicht. Zudem wirkte sie selten so unsexy auf mich wie in diesem Streifen, obwohl die Attraktivität eigentlich ein wichtiges Merkmal ihrer Rolle sein soll. Das mag aber auch viel am ungüstig geschminkten Make-Up liegen, das mir bei den meisten Gesichtern in diesem Film negativ aufgefallen ist, was mich schon verwundert, da ich auf diesen Aspekt sonst nie achte. „Die Schadenfreundinnen“ mag also etwas zu gewollt daher kommen und in einer mir etwas zu entrückten elitären Frauen-Welt spielen, aber er hat das Herz am rechten Fleck und weiß kurzweilig zu unterhalten und dies immerhin bei über 100 Minuten Laufzeit. unterhaltsam


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Sonntag, 2. Oktober 2016

TUSK (2014 Kevin Smith)


Der amerikanische Podcaster Wallace Bryton reist nach Kanada. Auf der Suche nach ungewöhnlichen Stoffen für seine Sendung landet er bei einem alten Seemann, in dessen Gefangenschaft er gerät. Der gestörte Mann plant Wallace in ein Walross zu verwandeln...


Mr. Tusk...

Die Inhaltsangabe klingt nach hartem Tobak, und so könnte man fälschlicher Weise vermuten „Tusk“ wäre eine Horror-Komödie oder würde in der Modewelle des Trashfilms mitschwimmen. Aber beides trifft nicht zu. „Tusk“ ist bizarr, „Tusk“ ist grotesk, humoristisch genug um ihn als Komödie zu sehen ist er jedoch nur zu Beginn in der Figur des Podcasters, eben weil dieser eine flinke Zunge besitzt und keine moralischen Grenzen zu kennen scheint. Aufgrund letztgenannter Eigenschaft kommt aber selbst dieser humoristische Aspekt recht bitter daher, lässt den Film aber dennoch recht locker flockig beginnen. Flotte Sprüche und freches Fehlverhalten wechseln sich ab oder paaren sich, so dass der Zuschauer mit Vorkenntnissen der Geschichte sich im Glauben bestärkt fühlt, es ginge immer so humoristisch weiter.

Doch weit gefehlt, „Tusk“ wird eine bittere Extremerfahrung für den zartbesaiteten Zuschauer, zumindest wenn er Filme wie „Blutgericht in Texas“ und „Calvaire - Tortur des Wahnsinns" nicht kennt, lenkt der ungewöhnliche Aufhänger von „Tusk“ den Kenner des Genres doch nicht davon ab, dass wir eigentlich lediglich der x-ten Version der Geschichte um einer von einem Wahnsinnigen festgehaltenen Person beiwohnen, was nun wahrlich nichts Neues im Horrorfilmbereich ist. Neu ist lediglich, dass der Stammzuschauer zunächst nicht vermutet einen solchen Film zu sichten, eben weil der Streifen so entspannt und humoristisch beginnt. Anders als in den meist anderen Werken dieser Thematik ist zudem die Konsequenz dessen was geschieht extremer, denn die Taten des Psychopathen neigen sich nur selten so stark der Vollendung dessen kranker Pläne, wie es in „Tusk“ der Fall ist.

Von daher lenkt die schräge Walross-Grundidee ein wenig von der tatsächlich vorhandenen Banalität ab. „Tusk“ ist anders und doch recht gewöhnlich ausgefallen. Die verrückte Grundidee birgt weitere mit ihr einhergehende skurrile Zusatzideen, dennoch bleibt die Geschichte an sich doch seinen Vorbildern arg treu. Während der aufgeschlossene Gelegenheitsgucker des Horror-Genres sicherlich die Leiden des Helden auf intensivere Art miterlebt, so wie auch „The Human Centipede“ dazu einlädt, schaut sich „Tusk“ für den erfahrenen Horror-Zuschauer jedoch nicht extrem beklemmend und unangenehm, zumindest nicht so stark wie meine vorhin geäußerte Formulierung Extremerfahrung suggeriert. Immerhin bleibt mit der Figur des erst spät in die Geschichte stoßenden Ermittlers und der ohnehin grotesken Grundidee immer eine Spur Resthumor zur Auflockerung der Verhältnisse enthalten, was dafür sorgt dass trotz der drastischen Bilder die man zu sehen kriegt man eher einer flotten, entspannten Geschichte beiwohnt als der Tortur eines „Calvaire“.

„Tusk“ ist anders und ist es doch wieder nicht. Er lockt mit etwas Neuem um Altbekanntes im neuen Gewand zu bieten, angereichert mit provokanten Eigenschaften und Erweiterungen der bislang gesetzten Regeln. „Tusk“ ist weder Partykracher, noch wird er mit seinen Neuerungen zum neuen Meilenstein an den sich künftige Werke messen müssen. Dank einer guten Grundstimmung und einer begrüßenswert gut ausgewählten Besetzung, in der jeder zu überzeugen weiß, ist Kevin Smiths Horrorbeitrag aber zumindest gut gourtierbar.

Hatte der gute Mann 3 Jahre zuvor noch mit „Zack and Miri Make a Porno“ aus einer gewagten Idee völlig überraschend und untypisch für den Regisseur Mainstream abgeliefert, so passiert ihm dies bei „Tusk“ trotz der gewöhnlicheren Ebene als vermutet nicht. Sein Film ist ungewöhnlich genug um zu locken und ungewöhnlich genug um bis zum Schluss die Neugierde aufrecht zu erhalten. Mittendrin ist er allerdings unerwartet banal, um es einmal sehr streng auszudrücken.

Dass ich mit dieser Äußerung nicht wirklich übertreibe, zeigt sich in der Psychologie des Bösewichts, der zwar stets gewollt pseudo-philosophisch über die Menschheit herzieht (eine wundervolle Idee), dabei aber nicht zum Nachdenken anregt oder Gut und Böse vermischt oder gar vertauscht. Innen verbirgt sich nichts was es Außen nicht zu entdecken gibt. Die Psychologie bleibt banal. Wo andere Filme aus dem Opfer und mit ihm aus der kompletten Gattung Mensch das Monster machen und aus dem Vorleben des Psychopathen das Opfer, da bleibt „Tusk“ trotz diesbezüglich möglicher Grundlagen der äußeren, oberflächlichen Linie treu. Zu grotesk ist die Weltsicht des Seemanns und zu bizarr seine Vorgeschichte, als dass man sich in sie einfühlen könnte, um das Leid dahinter zu verstehen. Dies klingt lediglich kurz in den sehr direkten Worten über seine Kindheit im Heim an. Alles was auf See folgen soll, sprengt den empathischen Rahmen und lässt es nicht zu, dass „Tusk“ psychologische Tiefe erlangt.

Damit bleibt das Opfer Opfer und der Täter Täter, ganz schlicht gehalten, was erneut eine untypische Eigenschaft in einem sonst überraschend typischen Film ist. Da Kevin Smiths Werk aber nie den Eindruck macht den von mir vermissten Aspekt zu wollen, geht das auch in Ordnung. Mehr noch, dieser Verzicht wirkt sogar gewagt in einer Welt, in der jeder Cineast geil drauf ist die Tiefen eines Filmes analytisch herauszufischen und in einer Review intellektuell angehaucht zur Diskussion zu stellen. „Tusk“ ist flach und steht dazu, und gewinnt damit ironischer Weise mehr Tiefe als vermutet.

Das ist so bizarr wie der Film selbst, mag vielleicht sogar raffiniert sein, sofern es beabsichtigt ist, immerhin zeigt der Film an vielen Stellen auf, dass er keinesfalls geistfrei umgesetzt ist. Allerdings ist der Effekt des Tiefegewinns durch psychologische Oberflächlichkeit nun kein nennenswerter Eckpfeiler, der das Genre zukünftig verändern wird. Somit bekommt diese ungewöhnliche Eigenschaft damit eine direkte Verwandschaft zur grotesken Grundidee der Geschichte: sie ändert nichts daran, dass „Tusk“ überraschend gewöhnlich ausgefallen ist - zumindest für einen Film um einen Mann, der in ein Walross verwandelt wird. unterhaltsam


Nachtrag:
Beim zweiten Gucken hat mir "Tusk" wesentlich besser gefallen, konnte ich mich doch mehr auf die leisen Töne konzentrieren, und die haben es in sich. Eine tolle Kameraführung, eine wesentlich gewitztere Psychologie als nach dem ersten Gucken bemerkt und jede noch so kleine Rolle so hervorragend besetzt, dass selbst jede kleinste Szene großartig gemeistert wurde, kurzum: was der Geschichte an mancher Stelle an Innovation fehlt, macht der Film durch Professionalität und treffsicherem Augenzwinkern wieder wett. sehenswert


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ROBERT - DIE PUPPE DES TEUFELS (Robert the Doll 2015 Andrew Jones)


Als eine alte, merkwürdige Haushälterin gefeuert wird, schenkt sie dem Jungen ihres ehemaligen Arbeitgebers eine Puppe, wissendlich dass diese verflucht ist und Unheil über die Familie bringen wird...


Robert will nicht auf den Dachboden...

Im Zuge des so gar nicht geglückten „Annabelle“, der als Spin-Off zum Kino-Hit „The Conjuring“ ein finanzieller Erfolg war, erschien als schnell nachgerückter Nachfolger „Robert the Doll“ (Originaltitel) auf der Bildfläche, billig abgefilmt und alles ignorierend was mit „Chucky“, „Dolls“, „Puppet Master“ und „Demonic Toys“ einst richtig gemacht wurde. Bewies erst kürzlich „The Boy“ wie gelungen man eine Puppe selbst ohne große Spezialeffekte einsetzen kann, will an „Robert - Die Puppe des Teufels“ so gar nichts gefallen, allein schon weil er so stümperhaft erzählt ist. In der einleitenden Szene wird nur darüber gebrabbelt dass Unheimliches vor sich ginge, um daraufhin auf die Puppe zu verweisen. Das war es auch schon. Es folgt eine viel zu kurze Einblendung des Filmtitels, und dann steigt man auch schnell in die Hauptgeschichte ein.

Die nutzt einen ziemlich idiotischen Auslöser um die Puppe ins Spiel zu bringen, von welcher Regisseur Andrew Jones meinte so ziemlich jede Aufnahme mit ihr mit unheimlicher Musik untermalen zu müssen. Nie gönnt er einer Puppenaufnahme Ruhe. Der Zuschauer soll halt unbedingt merken wie böse Robert ist. Und oh ja, diese Puppe ist des Teufels. Sie wirft einen Zuckerstreuer in der Küche um, bemalt das Bild einer Künstlerin und beschmiert einen Spiegel mit Lippenstift. So ein Schlingel aber auch! Es dauert eine halbe Stunde und jede Menge hölzern gespielter Szenen in dilettantischer Psychologie (und gerechter Weise mit einer ziemlich schlechten deutschen Sprachfassung versehen), bis Robert seine erste Bluttat begeht, und damit tatsächlich endlich das Grauen Einzug in die gar nicht so heile Familienwelt hält.

In den langen Sequenzen zwischen den Horrorszenen dürfen wir dem ewigen, nervigen Gekabbel zwischen dem Ehepaar beiwohnen, von dem man nicht weiß ob man die zickige, nah an einer Geisteskrankheit charakterisierte Ehefrau schlimmer findet, oder den desinteressierten, fast scheintoten Gatten. Nachvollziehbar handelt kaum einer, dementsprechend verkrampft wird die gar nicht so komplexe Geschichte erzählt, präsentiert in müden Aufnahmen, die keinerlei Reiz fürs Auge ausstrahlen, eingeschlossen die hässliche, aber wirkungslose Puppe Robert, die es laut Schrifteinblendung zu Beginn wirklich geben soll und die es aufgrund legendärer Ereignisse in einem Museum in Amerika zu besichtigen geben soll.

Wenn in einem Film eine Familie fremd wirkt, so als habe sich keines der Familienmitglieder je zuvor gesehen, wenn eine Puppe in einem Puppenhorror kein Grauen zu erzeugen weiß, und wenn ein Film zu dieser Thematik verkrampft düster daher kommt anstatt bösartig und verspielt, dann kann man auch nicht erwarten, dass solch eine 08/15 abgespuhlte Geschichte unterhalten kann. Simple Werke wie „Doll Graveyard“, „Blood Dolls“ und „Pinocchio - Puppe des Todes“ wissen „Robert“ locker zu toppen, und selbst die waren lediglich schlichte Routinefilmchen für zwischendurch. „Robert“ schaut sich wie die Asylum-Variante dieser Gattung Film, ohne tatsächlich von besagter Filmschmiede abzustammen. schlecht


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Samstag, 1. Oktober 2016

THE BOY (2016 William Brent Bell)


Die junge Amerikanerin Greta nimmt in England einen Babysitter-Job bei einem älteren, vermögenden Paar an, nichts ahnend dass sie über mehrere Wochen auf die kindsgroße Porzellanpuppe Brahms aufpassen soll, welche die beiden wie einen richtigen Sohn behandeln. Greta soll dies in deren Abwesenheit ebenso handhaben und bekommt dafür eine Regelliste vorgesetzt, die es strengstens einzuhalten gilt um Brahms nicht zu verstimmen. Da Greta die Sache nicht ernst nimmt, tut sie nichts dergleichen. Als daraufhin merkwürdige Dinge geschehen, wächst in der Babysitterin der Verdacht dass die Puppe ein Eigenleben besitzen könnte...


Den Gute Nacht-Kuss nie vergessen...

Dass man einen Horrorfilm mit einer FSK-12-Freigabe vom Spannungsbogen her nicht zu unterschätzen braucht, bewies in den 90er Jahren bereits der höchst stimmige, wenn auch umstrittene „The Blair Witch Project“, den ich persönlich nie einem solch jungen Menschen vorsetzen würde. Selbiges gilt für „The Boy“, auch wenn er nicht halb so gruselig ausgefallen ist wie der Vergleichsfilm um eine Hexe im Wald. Zwar kommt der Spannungsbogen in „The Boy“ schleichend daher innerhalb einer ohnehin geduldigen Erzählweise und eines fast komplett von Spezialeffekten befreiten Filmes, womit auch brutale Bilder verhindert werden. Für einen Vor-Teenager ist das alles aber trotzdem nichts, verstehe da einer die Gelassenheit der Verantwortlichen für das geistige Kindeswohl.

Dass „The Boy“ fast frei von Spezialeffekten erzählt ist, verrät bereits dass wir es hier nicht mit einem Puppen-Horror a la „Chucky - Die Mörderpuppe“ oder „Dolls“ zu tun haben, in welchem ein Spielzeug durch die Gegend läuft und Menschen meuchelt. Die Geschichte geht viel mehr Richtung „Pin“ und „Pinocchio - Die Puppe des Todes“ und stellt sich somit der Frage ob die Puppe ein Eigenleben besitzt, ob die Babysitterin langsam den Bezug zur Wirklichkeit verliert, oder ob ihr jemand böse mitspielt. Genügend Fährten sind gelegt, um mitgrübeln zu können, und das Ganze ist recht passabel umgesetzt. Zwar ist die Geschichte bei weitem nicht so innovativ ausgefallen wie sie zunächst den Eindruck macht, aber bei geringen Erwartungen kann man über das Ergebnis wahrlich nicht meckern.

Handwerklich und stimmig ist „The Boy“ geglückt, auch wenn er sowohl in Sachen Tragik, als auch in Sachen Grusel ruhig etwas intensiver hätte ausfallen können. Die ruhige, stimmige und gekonnte Art mit welcher der Streifen umgesetzt ist, wird jedoch zum Vorteil und zeigt zudem, dass hier ein Regisseur mit einer gewissen Erfahrung zu Werke ging. William Brent Bell konzentrierte sich nach seinem Tragikomödien-Debut „Sparkle and Charme“ auf das Genre des Horrorfilms und drehte dort die thematisch unterschiedlichen Werke „Stay Alive“, einen Film um ein mörderisches Computerspiel, den Exorzismus-Streifen „Devil Inside“ und den Werwolf-Horror „Wer - Das Biest in Dir“. Gesehen habe ich bislang keinen der Vorgänger, was ich beizeiten nach dem unterhaltsamen Ergebnis von „The Boy“ jedoch nachholen werde.

So bizarr der Aufhänger von „The Boy“ klingen mag, der Kunstgriff zum Funktionieren des Filmes liegt darin, dass die Geschichte recht glaubwürdig, wenn auch mit leicht morbid märchenhaften Touch versehen, erzählt ist. Das zwischenmenschliche Spiel weiß intensiv zu wirken innerhalb einer Story in der hauptsächlich ein einzelner Mensch im Zentrum steht, und Lauren Cohan spielt die Hauptrolle gekonnt und zurückhaltend. Die verschiedenen Wandlungen, die sie im Laufe der Geschichte durchmacht, überzeugen alle, die verschiedenen Gefühlsregungen ebenso. Und da „The Boy“ sich atmosphärisch stets an ihrem Empfinden orientiert, und damit sehr sensibel ausgefallen ist, weiß das Treiben auch in seinen gewöhnlicheren Phasen zu funktionieren, eben weil Greta kein austauschbarer hohler Charakter ist, wie wir ihn in vielen anderen Genre-Beiträgen vorgesetzt bekommen.

Wer eine große wilde Horror-Show erwartet ist freilich im völlig falschen Film. Freunde gruseliger Unterhaltung jedoch leider auch. Wer aber auch sensiblen Stoffen im Horrorbereich nicht abgeneigt ist und wem Charakternähe und eine gekonnt ruhige Umsetzung ohne Leerlauf zu gefallen weiß, der wird sicherlich gerne auch mal zur Abwechslung auf blutige Bilder und eine in Terror getauchte Geschichte verzichten. Zwar ist „The Boy“ keinesfalls so klassisch ausgefallen, wie man es von einem in einem Herrenhaus in England spielenden Film meinen könnte, zumal eine der möglichen Auflösungen auch im Spukbereich liegen könnte, eine unterhaltsame Abwechslung zu den immergleichen Horrorwerken unserer Zeit ist Bells Werk jedoch allemale. Allerdings wird er nicht zum Geheim-Tipp a la „Ich seh, ich seh“, „Der Bunker“ oder „It Follows“, dafür fehlt ihm dann doch das gewisse Etwas. unterhaltsam


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