06.09.2016

MASSAKER IN KLASSE 13 (1976)

Was ein „Heathers“ in den 80er Jahren humoristisch erzählte und damit berühmt machte, war sicherlich inspiriert von Rene Daalders 70er Jahre-Thriller-Drama „Massaker in Klasse 13“, der ziemlich genau die selbe Thematik frei jedweder Komik erzählte. Beschränkte sich der für seine Zeit Aufsehen erregende „Die Klasse von 1984“, der ebenfalls von einer kleinen Gruppe Teenager berichtete, welche eine Schule unterdrücken, auf den Kampf Bedrohter gegen Beherrscher, war Daalders Werk ein halbes Jahrzehnt zuvor soziologisch bereits viel weiter als sein berühmterer Nachfolger. „Massaker in Klasse 13“ beschränkt sich nicht einfach auf eine Rache-Story nach typisch amerikanischen Gut-Böse-Schema, sondern bricht dieses auf und zeigt uns den Tanz der Veränderung, den stetigen Wandel der das Sozialgefüge beherrscht.

So werden aus Opfer Täter, aus Täter Opfer, und neue Situationen bringen immer etwas Neues hervor, etwas das Ideologen meinen bekämpfen zu müssen. Und ist die komplette Welt Feind des Ideologen, so kann auch seine Sichtweise nichts mehr rechtfertigen. Spätestens dann muss man auch ihn zu den Tätern zählen. Alles steht im Einfluss zueinander. Wo ein Unterdrücker verschwindet, da wächst ein neuer nach. Was auch immer ein Mensch tut, selbst wenn er mordet oder unterdrückt, er hat immer seine Gründe. Eine objektive Sichtweise gibt es nicht, nur sehr viele subjektive.

„Massacre at Cental High“ (Originaltitel) macht wahr was manche Werbesprüche nur des reißerischen Effekts wegen von sich geben. Er fängt dort an wo andere Filme enden. Die Peiniger, um die es zu Beginn geht, sind zur Mitte des Films tot. Der Held der uns zunächst vorgesetzt wurde wird zum Bösewicht des Streifens. Orientieren muss sich der Zuschauer nun an einer Figur, die zunächst unsympathisch gezeichnet war. Damit es dem Publikum leichter fällt zu ihm zu halten bietet uns Daalder dessen Freundin als Überbrückung an, die sich nie von einer Seite hat beeinflussen lassen und sich lediglich kurzfristig vom angeblichen Helden zu Beginn täuschen ließ - so wie wir.

In seinem kleinen Kosmos zeigt uns „Blackboard Massacre“ (Alternativtitel) sehr gekonnt das Dilemma, welches auftritt wenn eine besorgniserregende Situation für scheinbaren Frieden sorgt. Jedes Ende hat einen neuen Anfang. Somit kann der Kampf gegen die Unterdrückung nie ein Ende finden. Die Aufgabe eines Menschen kann es nicht sein stets gegen Windmühlen zu kämpfen indem er mehrfach das Unterdrücken bekämpft, denn dann würde er selbst automatisch jene Wesenszüge aufweisen, die er bei anderen so verachtet. Die soziologische Chemie klingt so simpel, und doch ist sie wahrhaftig, ob sie uns schmeckt oder nicht.

Zwar ist es konsequent von Daalder seinen Film im Kleinkosmos der Studentenwelt stattfinden zu lassen, komplett in eine „Peanuts“-ähnliche Struktur hätte er „Massaker in Klasse 13“ für diesen Effekt jedoch trotzdem nicht tauchen müssen, nagt doch diese Übertreibung an der Glaubwürdigkeit des Streifens und dessen Qualität. Der Film ist aus Sicht der Studenten erzählt, schön und gut, und diese müssen ihre Probleme selber lösen, auch schön und gut. Aber die Erwachsenen überhaupt nicht einzubringen, so als wären sie nicht vorhanden, ist kontraproduktiv für die Glaubwürdigkeit des Streifens. Nicht nur dass Professoren sich nicht in das Treiben auf dem Campus einmischen, sie existieren scheinbar überhaupt nicht. Sie sind nicht auf den Gängen zu sehen, und wir erleben nie eine Unterrichtsstunde. Auch Eltern tauchen in dem Streifen nicht auf, von jeglicher anderen Art Erwachsene ganz zu schweigen.

Das könnte alles bis zu einem gewissen Grad noch als okay durchgehen. Wenn die ersten Toten aber nun ins Geschehen treten und viele andere folgen, ist es dann doch eine Vernachlässigung des Autors die Polizei komplett außen vor zu lassen, die nun in das Sozialgefüge der Jugendlichen eindringen MUSS. Darauf verzichtet der Autor des Filmes, und damit beginnt der Abstieg einer Geschichte, die auf seine distanzierte und überlegte Art großes Kino hätte werden können, so aber nur der reißerische Unterhaltungsfilm für zwischendurch werden konnte. Denn was wie ein zwischenzeitliches Ignorieren der Außenwelt beginnt, über das man eventuell gnädig hinwegsehen könnte, wird zu einem großen Riss im weiteren Verlauf, wenn die Ereignisse immer weniger einzig im Jugendsektor der Gesellschaft stattfinden können.

Erst wenn „Massaker in Klasse 13“ sein Finale auf einem urplötzlichen, nie zuvor erwähntem Schulfest stattfinden lässt, werden uns plötzlich die zuvor unterschlagenen Erwachsenen präsentiert, tanzend auf dem Fest, cleverer Weise aber auch höchst veraltet und senil charakterisiert und scheinbar in ihrer eigenen Welt gefangen, eine kleine Wiedergutmachung ihres fehlenden Einschreitens von Drehbuchseite aus. Allerdings zeigt uns das Fest auch wie undurchdacht das Drehbuch in seinem Gesamtüberblick ist, nachdem es zuvor doch so durchdacht wirkte. Nicht nur dass das Fest ohne Vorwarnung stattfindet ohne den Zuschauer darauf vorzubereiten, es ignoriert auch die aktuelle Situation der Universität (oder Highschool, Originaltitel und Deutschvertonung widersprechen sich diesbezüglich). Es wird gefeiert als hätte es nie Tote gegeben. Wieder einmal fühlt sich der Autor nicht gekonnt in die Gesamtsituation seiner Geschichte ein.

Es ist das Glück von „Massaker in Klasse 13“, dass er zumindest in dem von ihm anvisierten Kleinkosmos zu überzeugen weiß. Hier erweist sich der Stoff als clever, und das Spiel mit dem Zuschauer weiß zu funktionieren. Da der Streifen zudem von Beginn an packend erzählt ist und man sich schnell mit den Protagonisten identifizieren kann, auch wenn sie so gar nicht nach Studentenalter aussehen, weiß Daalders Werk zumindest als kleiner halbdurchdachter Reißer zu gefallen. Dennoch ist es schade um das vorhandene Potential, dass man zu sehr damit übertrieben hat alles im Studentenrahmen stattfinden zu lassen. Das wäre nur glaubwürdig gewesen, wenn die Geschehnisse zeitnäher stattgefunden hätten, so dass die Erwachsenenwelt zu spät mitbekommen hätte dass Teenager sterben.  OFDb

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