Sonntag, 28. April 2013

THE CABIN IN THE WOODS (2011 Drew Goddard)


Eine Gruppe Teenager möchte ein Wochenende in einer Hütte im Wald verbringen, wird jedoch ohne es zu bemerken von einer Gruppe Wissenschaftler manipuliert, die für ein höheres Ziel arbeiten...


Der Wandel von Respekt...

In Zeiten eines überfluteten Horrorfilm-Marktes preisen einige Firmen ihre Werke als besonders innovativ an, um von dem Kuchen ein bisschen mehr als den üblichen Happen abzubekommen. Das veranlasst einige Nachplapperer dazu selbige Meinung unreflektiert kund zu tun, und dank des Internets verbreitet sich diese Marketinglüge wie ein Lauffeuer, so dass zu hohe Erwartungen entstehen, die ein kleiner Film oftmals nicht halten kann.

So ist es auch bei „The Cabin In The Woods“, der, um es gleich vorweg zu nehmen, durchaus ein gelungenes Filmchen ist, aber eben nicht jene Runderneuerung des Horror-Genres, als das er gerne mal angepriesen wird. Man greift auf eine einfallsreiche Idee zurück, wie es sie in fast jedem Film gibt, und kombiniert diese, damit sie besonders einfallsreich klingt, mit einem Klischee-Szenario, welches der Fan nur all zu gut kennt. Das täuscht jedoch nur Andersartigkeit vor und offenbart im Verlauf seiner Geschichte seine wahre Natur schlichter, hauptsächlich geistfreier Unterhaltung.

Ebenso wenig verstehe ich, warum es im Netz so oft heißt man dürfe nicht zu viel von der Story verraten, wenn das ursprüngliche Muster der grundlegenden Geschichte der Gruppe Teenager im Wald um eine Überraschung erweitert wird. Das klingt nach einer ungeheuerlichen Wende inmitten der Geschichte, weckt aber ebenfalls völlig unnötige Erwartungen, schließlich wird der Zuschauer von Anfang an in das Geschehen der Hintergründe eingeweiht, wenn auch nicht komplett. Das Bild mit Rahmen entsteht erst Schritt für Schritt. Und was das große Ziel der Wissenschaftler ist, erfahren wir erst recht spät.

Leider gehört diese Auflösung zu den Schwachpunkten des an sich recht kurzweiligen Streifens. Da hätte es einfallsreichere Möglichkeiten gegeben, die naheliegender ausgefallen wären. Zwar beinhaltet die angegangene Auflösung ein ironisches Spiel mit der Wissenschaft, die üblicherweise auf Kriegsfuß mit Esoterik und Religion steht, aber wie so vieles im fertigen Film wird darauf nicht tiefgründig genug eingegangen, um es zu einer wirklich gelungenen Idee erblühen zu lassen.

Selbiges spricht für manche sich geradezu anbietenden Randideen. Warum wird nicht damit gespielt, dass ein Teil jener Horrorfilme die wir im Kino und zu Hause konsumieren in Wirklichkeit inszenierte Produkte der Wissenschaftler waren, und Regierungen und Konzerne mit ihrer Macht mittels Making Ofs und anderer getürkter Promotion dafür sorgen, dass wir nichts davon mitbekommen, dass da grad wer wirklich verstarb. Wow, was ein Spezialeffekt! Wie bekommen die das nur so echt hin? Nein! Darauf wird nicht eingegangen, schade, aber für die eigentliche Geschichte auch gar nicht wichtig.

Schön ist hingegen, dass der Film sich wunderbar flott guckt, bis auf seine Innovation inhaltlich zwar recht vorhersehbar arbeitet, dies aber professionell genug um angenehm routiniert über die erste Stunde zu kommen. Der Wandel des letzten Drittels gibt der ganzen Chose nun noch einmal Aufwind, denn nun bekommen wir Hintergründe und Kreaturen um die Ohren geschmissen, die es in sich haben. Nun werden auch letzte Klischees ironisch angehaucht abgegrast, und der Film wird eine Spur interessanter als zuvor.

Dies jedoch nicht nur aufgrund seiner eigentlichen Geschichte, sondern auch weil nun versteckt der Kritikpunkt einer Gesellschaft im Wandel angesprochen wird, ein Thema das auch wunderbar in „Was tun wenn‘s brennt“ verarbeitet wurde. Dort wurde die aufgeworfene Frage zum Kernpunkt der Geschichte, hier ist sie Randerscheinung, damit aber nicht minder wirksam. Was ist das für eine Welt in welcher die Aufsässigen ethisch korrekt und respektvoll handeln, und jene, die es eigentlich sollten und über Macht verfügen es nicht tun? Genau jene Frage führt zur finalen Tat, die man als konsequent ansehen darf, und die „The Cabin In The Woods“ damit auch so beendet wie er es verdient hat.

Also: Erwartungen zurückschrauben und einfach das tun was man bei anderen Produkten dieses Genres ebenfalls tut: 90 Minuten geistig abschalten und zu Unterhaltungszwecken einen Popkorn-Film konsumieren. Genau dafür ist Drew Goddards Debutfilm wunderbar geeignet, im besten Fall in einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter, denn das Finale geht in Sachen Tempo schon stark Richtung Partyfilm. Wer aber nun glaubt das Genre würde neu erfunden werden oder wäre besonders geistreich wiederbelebt, der wird enttäuscht werden. Der sollte sich andererseits aber auch von Werbung in Zukunft nicht wieder zu sehr beeinflussen lassen.


Weitere Reviews zum Film: 

DRACULAS BRAUT (la fiancée de Dracula 2002 Jean Rollin)


Nicht mehr lange, und Dracula wird erscheinen, hat er sich doch eine Braut erwählt, die nach einigen Ritualen der Untergebenen die Seine werden wird. Ein telepathisch begabter Vampirjäger ist dem Mann und seinem Clan aus Vampiren, Parallelwesen und Helfern auf der Spur...


Kammer der Uhren...

Jean Rollin gilt als Kult-Regisseur, und wie das mit Kult so ist, so ist er dementsprechend umstritten. Was er treibt ist für die einen Kunst, für die anderen Schund und für manche beides zugleich. Vielleicht kann man ihn da ein wenig mit Christoph Schlingensief vergleichen, auch wenn die Werke der beiden unterschiedlicher nicht sein könnten. Jean Rollin ist mir in meinem Cineastenleben bislang mit zwei Filmen in Erscheinung getreten. Das war zunächst der sehr schludrig inszenierte, aber gar nicht so geistlose „Lady Dracula“ und der sehr zu empfehlende „Pestizide - Stadt der Zombies“.

Nun bin ich auf „Draculas Braut“ gestoßen und bereitete mich darauf vor etwas ähnlich unausgegorenes, aber durchaus interessantes wie „Lady Dracula“ zu sichten. Aber selbst dessen wackeliges Niveau wusste das hier besprochene Spätwerk nicht zu erreichen. Mag sein dass man die Nackedei-Vampirfilme Rollins früher Welle kennen muss, um „Draculas Braut“ richtig einordnen zu können, aber selbst dann wäre er nur in der Theorie geglückt.

Zu Gute halten muss man Rollin manch nette Idee. Figuren wie der Kleinwüchsige mit Narrenkappe wirken so skurril wie die üblichen Zutaten eines Charles Band-Films. Die Idee Nonnen in den Wahnsinn abdriften zu lassen und sie dies auch noch wissen zu lassen kann als geradezu großartig bezeichnet werden und wirkt selbst schon bei so simplen Stilmitteln wie das Zigarre und Pfeife rauchende Nonnenpärchen. Die Schluss-Sequenz überrascht mit Tiefe und Anspruch, die der Film ruhig schon vorher hätte vertragen können. Und so mancher Horror-Fan wird es sicher auch als Pluspunkt sehen, dass Kinder nicht verschont bleiben. Ich zumindest tue es und fand es geradezu erschreckend, wie eine Anhängerin Draculas über ein Baby herfällt um es zu fressen.

Zudem ist Rollin bemüht seine dünne Geschichte nicht all zu dünn wirken zu lassen, bereichert sie um einige Ortswechsel, Rituale und wie erwähnt schräger Figuren und Situationen. Auch die Erotik spielt wie so oft bei ihm eine wichtige Rolle. Und trotz aller Moderne versucht er seinen Film recht klassisch zu gestalten. Würde sie nicht nackt werden, so könnte man sich glatt in einem Film von Edward D. Wood, Jr. wähnen, wenn eine junge Frau klassisch und längst überholt zurecht gemacht auf dem nächtlichen Friedhof wandelt.

Dass Rollin nicht auf christlichen Pfaden wandern will, obwohl der Nonnenorden deutlich im Zentrum steht, macht er spätestens mit dem Vampirfilm-Bruch deutlich, in welchem die Blutsauger keine Probleme mit Kreuzen haben. Das ist kein neuer Kniff und beispielsweise schon angewendet in „Fright Night 2“, aber doch ein wichtiges Element, das schon ein wenig auf die ungewöhnliche und höchst interessante Schluss-Sequenz hinarbeitet, mit deren Aussage meine Meinung nach der Film hätte beginnen sollen, um auch wirklich gehaltvoller zu wirken.

Dass nämlich alle hier aufgezählten Pluspunkte von dem gehaltlosen Zustand nicht ablenken können, liegt an dem Laien-Theater der ungenießbaren Schauspieler und an Rollins ebenso laienartiger Inszenierung, die weder eine dichte Atmosphäre aufzubauen vermag, noch dem Streifen einen Spannungsbogen beschert. „Draculas Braut“ wirkt zu billig abgefilmt mit seinem Videobild und seiner Leere, zeigt nur was er will, fängt dies aber nicht so ein, dass der Zuschauer sich einfühlen kann. Dafür bleibt der Film viel zu sehr Theater, zu sehr auf Distanz gehalten und viel zu albern.

Nein, was spielen die Protagonisten all die hier zelebrierten Lächerlichkeiten mit einer Ernsthaftigkeit, die im völligen Widerspruch zu ihrem schauspielerischen Talent steht. Zwar steht auch die deutsche Synchronisation dem Film im Weg, und der Untertitel auf der von mir gesichteten DVD war in seiner Schnelligkeit kaum mitzulesen, aber auch ohne diese beiden Mankos hätte es „Draculas Braut“ am nötigen Etwas gefehlt. Was nutzen all die netten Zutaten aus Trash und Kunst, wenn das Werk nur wie billig abgefilmt wirkt? Und da es dem Streifen bis kurz vor Schluss auch an Tiefe fehlt, wirkt der ohnehin schon wackelige Kunstgehalt um so bemühter und lächerlicher. Arg peinlich wird es, wenn Rollin eine Vampirin Geige spielen lässt, um künstlerisch wertvoller zu wirken, die Melodie aber so gar nicht zu den Bewegungen der "Musikerin" passen will und damit erneut verhindert wird, dass Illusion für den Zuschauer zu etwas glaubhaftem wird, das er miterleben darf.

Zwischen „Lady Dracula“ und „Draculas Braut“ liegen Welten. Erster war wesentlich besser gespielt, auch wenn hier wie dort niemand wirklich Talentiertes vor der Kamera stand. Zudem konnte er atmosphärisch gegen seine Defizite ankämpfen, mit Hilfe einer recht gehaltvollen Geschichte, die man erst bei genauerer Betrachtung erkennt. „Draculas Braut“ hingegen ist billig runtergerotzt, übelst gespielt und leider viel zu frei von Sinn, Tiefe oder einfach einer erzählenswerten Geschichte. Dank seiner eher quantitativen Hingucker weiß er zumindest nicht zu langweilen, aber letztendlich hat das Ergebnis viel mehr mit Fremdschämen als mit unterhaltsamen Trash zu tun.

Vielleicht sollte ich aber auch einfach zunächst einmal einen von Rollins früheren Vampirstreifen sichten, in welchen er den Stil geprägt hat, den er mit dem hier besprochenen Spätwerk versucht hat fortzusetzen und der ihm überhaupt erst den Ruf des Kult-Regisseurs eingebracht hat. Ich bin mal gespannt wann ich auf einen dieser Filme stoße.


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Samstag, 27. April 2013

TERROR HOUSE (Quella villa in fondo al parco 1988 Giuliano Carnimeo)


Ein Wissenschaftler erschafft ein Hybridwesen zwischen Menschenaffe und Ratte. Dieses kann entkommen und tötet Menschen. Ein Autor stößt bei dem Versuch die Mordreihe aufzulösen auf die Kreatur, die zu intelligent vorgeht um sich einfach einfangen zu lassen...


Rattiger Frauenmörder...

Seit der 70er Jahre suchen die Ratten die Nische des Tier-Horrors heim. Zu Beginn in „Willard“ noch auf Kommandos reagierend, wurden sie in der Fortsetzung „Ben“ selbstständig und terrorisierten die Menschheit von nun an in zig Nachahmern wie „Ratten - Sie sind überall“ und „Ratten - Mörderische Brut“. Selbst Pro 7 nahm sich irgendwann der Thematik an und produzierte den gar nicht mal so schlechten „Ratten - Sie werden Dich kriegen“.

Zwar wird über die kleinen Nager nicht ganz so viel im Bereich des Horrorfilms gedreht wie über Schlangen, Haie, Krokodile und Spinnen, aber der Ekel vor diesen kleinen Tieren prädestiniert sie einfach als immer wiederkehrende Erscheinung in der Welt der schauerhaften laufenden Bilder. So manches Mal erfahren ihre Leinwandauftritte körperliche Wandlungen. So durfte 2003 in Japan ein „Godzilla“-ähnliches Rattenwesen namens „Nezulla“ wüten, Jim Mickle ließ 2006 in „Mulberry Street“ Bürger durch einen Virus zu Rattenmenschen mutieren, und schon 1995 lief ein fehlgeschlagenes Ratten-Experiment in „Alien Terminator“ durch Laborgänge um Menschen zu meucheln.

Italien entdeckte den Reiz einer veränderten Rattengattung bereits 1988 und erschuf mit der Kreuzung aus Ratte und Affe ein menschenähnliches, intelligentes Wesen, das man ruhigen Gewissens als gelungenes Horrorfilm-Geschöpf bezeichnen kann, so skurril wie es ausschaut und so wirksam es eingesetzt wird inmitten einer holprigen Inszenierung. Warum man bei der deutschen DVD-Veröffentlichung zu dem Titel „Terror House“ griff, obwohl der auf VHS verwendete Titel „Ratman“ wesentlich treffsicherer war, bleibt ein Rätsel. Wahrscheinlich wollte man ihn als Giallo verkaufen, ein lukrativer DVD-Markt im alternativen Kino und dank Carnimeos Inszenierung auch nicht komplett unpassend in diese Richtung gedrängt.

Der gute Mann, der mit „Terror House“ seinen vorletzten Film ablieferte und für solche Trash-Perlen wie „Flotte Teens und Sex nach Noten“ verantwortlich war, orientiert sich stark an besagter Horror-Krimi-Richtung, die ein ureigenes Stück italienische Filmgattung ist und bei Erscheinen von „Terror House“ 1988 auch schon einige Jahrzehnte Tradition besaß.

Die ersten Morde im hier vorliegenden Film sind in alter Giallo-Tradition inszeniert, ganz besonders der erste, in welchem eine Frau zunächst von wem Fremdes mit einem Messer verfolgt wird, bevor sie in einem Versteck von dem eigentlichen Bösewicht, der Kreatur, umgebracht wird. Das hätte für das Story-unwissende Publikum ein großer Überraschungseffekt sein können, wenn der Rattenaffe nicht schon zu Beginn des Streifens Beachtung bekommen hätte.

Aber da sind wir auch schon bei den Schattenseiten von „Quella villa in fondo al parco“ (Originaltitel), denn er krankt an den psychologischen Mangelerscheinungen der meisten italienischen Produktionen dieser Art. Weder der Verlauf der Geschichte ist geschickt eingefädelt, noch wissen die Figuren glaubwürdig zu agieren. „Ratman“ ist ein kleiner Schundfilm, nicht ganz so Schmuddelfilm wie „Torso“ und Co, aber doch nur ein Werk zum Befriedigen niedriger Horror-Fan-Bedürfnisse. Und dabei hätte er das Potential zu so viel mehr gehabt. Das erkennt man immer dann wenn es Regisseur Carnimeo schafft inmitten von Irrsinn und Fremdschämen Atmosphäre aufzubauen.

Immer dann wenn man sich wieder daran gewöhnt hat unterhaltsamen Italo-Schund zu schauen sind sie wieder da, die geglückten Szenen, die teilweise echtes Spannungspotential bieten. Da kommt im Finale auch die Geisterstadt sehr gelegen, deren Flair bereits die Schöpfer von „Futureworld" zu Gruselzwecken erkannten. Vielleicht wollte Carnimeo mit dieser Location auch auf Nummer sicher gehen, war der Westernbereich im italienischen Kino doch einmal ebenso beliebt wie der des Giallos. Vielleicht wollte er dem heimischen Publikum damit ein Stück Kinonostalgie bescheren. Wie auch immer, es weiß zu wirken.

Auch die erschreckend unniedliche Kreatur selbst gehört zu den Pluspunkten, strahlt sie doch etwas beunruhigendes aus. Seine Wirkung wäre ohne inszenatorische Fehler, wie die optische Fehleinschätzung verschiedener Blickwinkel oder der zu laute Ton der Kreatur, der vom zukünftigen Opfer wunderlicher Weise nicht wahrgenommen wird, hoch genug gewesen, um dem Film den nötigen Schliff zu verleihen. Immerhin scheitern Werke dieses Genres gerne mal spätestens dann, wenn die Kreatur Richtung Finale in Erscheinung tritt. Der „Rat Man“ braucht sich zum Erreichen einer unheimlichen Wirkung nicht zu verstecken.

Man ist aus Italien seit der 70er Jahre im Horrorbereich so einiges gewohnt. Und mit Vorkenntnis der üblichen Ergebnisse jenseits von Argentos künstlerisch wertvollen Arbeiten, darf man von „Terror House“ durchaus positiv überrascht sein. Wer cineastisch fremd ist in dieser Schaffenszeit von Europas Stiefel, der wird hingegen die Nase rümpfen und sich wundern, warum kein bisschen auf schauspielerisches Talent, Logik, Psychologie und einen echten roten Faden geachtet wird. Allein das Fehlen echter Identifikationsfiguren wirkt fremd für Menschen, die im Mainstream daheim sind.

Aber ab und an muss es gerade diese Art Nonsens zu Unterhaltungszwecken sein. Manchmal darf es auch ein „Terror House“ sein, der freiwilligen Schund mit unfreiwilliger Komik mixt und dennoch charmant daher kommt, ohne komplett unbeholfen zu wirken. Manchmal muss es im Horrorbereich auch Ablenkung von der Realität auf geringem Niveau sein. Das spricht den hier besprochenen Film nicht von jedem Fehler frei, aber kurzweilige Kost wurde durchaus geboten. Ich mag es einfach wenn Schwächen und Stärken so nah beieinander existieren. Das gibt dem italienischen Horrorfilm seinen eigenen Reiz.


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ALL THE BOYS LOVE MANDY LANE (2006 Jonathan Levine)


Mandy Lane wird auf der Highschool von allen Jungs begehrt, doch bislang hat noch niemand bei ihr landen können. Das soll sich ändern beschließt eine Gruppe männlicher Schüler, die mit ihren Freundinnen in das Ferienhauses eines ihrer Elternteile fahren möchte und Mandy dazu einläd. Sie willigt ein, die Fahrt geht los, und vor Ort wird gefeiert. Dass allerdings ein Mörder um geht und einen nach dem anderen tötet, merkt die Truppe erst recht spät...


Alle Slasher lieben Klischees...

Ich verstehe ja, dass Filmschaffende, wenn sie sich dem Genre des Slasher-Horrors annehmen, sich an Rituale, Klischees und Sehgewohnheiten des Publikums orientieren möchten, egal ob man nun anders sein möchte als der Rest oder nicht. Aber sollte ein Film, der seinen Titel „All The Boys Love Mandy Lane“ zum Ausgangspunkt der Geschichte macht, nicht ausnahmsweise anders besetzen als in Amerika üblich? Da wollen alle Jungs das selbe Mädchen, ein Zustand den ich aus der eigenen Schulzeit kenne, wenn da eine ganz besonders hübsche Person aus der Masse hervorsticht. Die Figuren im hier vorliegenden Film sind jedoch alle recht hübsch geraten, ob nun männlich oder weiblich, und da ragt die im Titel erwähnte Mandy Lane so gar nicht hervor.

Ob eine Frau zu gefallen weiß oder nicht ist freilich immer Typsache. Und so scheiden sich natürlich auch die Geister bei Projekten wie „Meine Stiefmutter ist ein Alien“, wenn eine olle Kim Basinger mit ihrer unterkühlten Hackfresse zur schönsten Frau der Welt erklärt wird, oder eine dominante, viel zu männlich wirkende Brigitte Nielsen in ihren Filmen mit den dicken Titten wackelt, um als Verführung dazustehen. Für ein Projekt wie „All The Boys Love Mandy Lane“ braucht man jedoch nur das typische sexy Klischeegirl für leicht erregbare Jugendliche. Und da nutzt es nichts wenn alle Damen der Schule, wie im US-Film typisch, attraktiv gecastet sind, selbst jene die im Film gar als dick bezeichnet wird, wovon der Zuschauer so gar nichts mitbekommt.

Das US-Kino ist längst nicht mehr so bieder wie zu den Anfangszeiten des Slasher-Films. Immer radikalere Werke erobern im Horrorbereich den Markt. Deshalb darf es außerdem verwundern, dass der zweite Aufhänger des Streifens so harmlos angegangen wurde. Hört man die Jungs der Schülerclique untereinander reden, so klingt es als planen sie die Massenvergewaltigung von Mandy Lane. Man bekommt den Eindruck sie locken das verführerische Wesen, das sich jedem verweigert, in den Urlaub, um über sie herzufallen und dem Trieb endlich nachzugeben, bzw. Mandy für ihre ewigen Verweigerungen zu bestrafen.

Das wäre ein interessanter Aufhänger gewesen, wenn aus planenden Tätern Opfer werden. Und dass dieser Weg der richtige gewesen wäre, bestätigt sogar die Storywendung im Finale. Stattdessen erleben wir die üblichen partygeilen Teenager, die sich mit allem zudröhnen was zu haben ist und Mandy Lane vereinzelt recht harmlos angraben. Die zuvor geäußerten Gespräche über den Sex mit Mandy Lane und wer zuerst darf, werden damit zum typischen Macho-Gespräch unter Halbstarken, die sich gegenseitig beweisen wollen wie toll sie sind. Das passt zum Alter und ihrem elitären Verhalten, zugegeben, ist aber eine verschenkte Chance wirklich anders sein zu wollen.

Und schaut man sich das Finale an, wird klar dass es Jonathan Levine, der nach diversen Kurzfilmen mit „All The Boys Love Mandy Lane“ sein Langfilm-Debut abliefert, sehr wohl wichtig war etwas anderes zu bieten als den x-ten Slasher. Allerdings kann man sich den Schluss-Twist bereits denken, wenn der Film mit ewigem Hinhalten lediglich die übliche Geschichte erzählt und überraschender Weise nach einem Drittel Laufzeit bereits aufgedeckt wird, wer der Täter ist. Was man hingegen nicht voraussieht ist der Beweggrund der Wende, und da haben wir endlich mal einen wirklichen Pluspunkt des Streifens, denn dieser wird in der Vorgeschichte bereits vorbereitet, die sich auch recht gut guckt und von der man als Zuschauer zunächst andere für den Plot wichtige Hintergründe wahrnimmt als mit Kenntnis der kompletten Wahrheit.

Aber so mittelmäßig „All The Boys Love Mandy Lane“ auch ausgefallen sein mag, positive Seiten sind ohnehin hier und da zu entdecken. So ist die Schauspielerin der Mandy Lane, wenn schon nicht äußerlich in Sachen Schönheit vom Rest zu unterscheiden, zumindest gut besetzt und wirkt in ihrer Art etwas individueller, als es das Drehbuch ihr zuschreibt. Schade dass es der Figur Fesseln anlegt, womit Mandy trotzdem zu sehr Klischee bleibt. Auch das Finale ist schön erzählt und läd gar ein wenig dazu ein über den Gesinnungswechsel zu diskutieren. Ist es einer? Und wenn ja warum? Ein Entwicklungsprozess? Oder war die finale Tat gar von Anfang an geplant? Der Film gibt keine Antworten, vertieft nicht einmal angerissene Beweggründe, schließt mit der Bösartigkeit und seinem aufgedeckten Geheimnis ähnlich wie „The Hole“ mit Thora Birch, und das ist auch alles gut so.

So schaut sich der Film dank vorhandener Pluspunkte, auch wenn er sich der Möglichkeit der tatsächlichen Andersartigkeit verweigert, zumindest als Durchschnittsprodukt für den Genre-Freund, nicht mehr und nicht weniger. Aber selbst der darf manches Mal die Augen verdrehen, wenn die Figuren geradezu Horror-typisch Idiotien begehen, wie beispielsweise das flüchtende Paar, das bei Erreichen des Autos nicht einsteigt und los fährt, sondern stattdessen am Feld erst einmal beginnt zu knutschen, so als habe man nach ein paar Metern des Rennens den Mörder siegessicher abgehängt. Aua!

Aber der treue Freund dieser Art Film ist dies und ähnliches längst gewöhnt, also was soll‘s. „All The Boys Love Mandy Lane“ ist keinesfalls ein Tipp, aber das Stammpublikum des Genres kann zugreifen, auch wenn die Geschichte manches Mal zu sehr auf der Stelle steht und grundsätzlich Spannungsarmut herrscht. Zu dumm dass der erfahrene Zuschauer, und damit das Zielpublikum, die Pointe bereits erahnen kann. Meiner Meinung nach hätte man diese bereits nach dem ersten Filmdrittel aufdecken sollen, anstatt den hier vorliegenden Mörder zu diesem Zeitpunkt zu verraten. Aber selbst dieser Kniff hätte nur funktioniert, wenn die Jungs der Runde bösartiger charakterisiert worden wären.


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Donnerstag, 25. April 2013

DAS MÄDCHEN, DAS DIE SEITEN UMBLÄTTERT (La tourneuse de pages 2006 Denis Dercourt)


Als Zehnjährige scheitert Melanie beim Vorspielen zur Aufnahme am Konservatorium. Die Schuld gibt sie der unachtsamen Jurorin Ariane, eine professionelle Pianistin. Zehn Jahre später verwirklicht Melanie ihre Jahre lang geschürten Rachepläne. Zunächst als Babysitterin bei Ariane eingestellt, erarbeitet sie sich das Vertrauen der Profimusikerin, bis sie schließlich für sie bei Konzerten die Notenblätter umblättern darf. Damit wird Melanie zur wichtigsten Person an Arianes Seite...


Die leisen Töne der Rache...

Die Geschichte schreit geradezu nach einem Thriller, vielleicht sogar nach einem Horrorfilm. Aber Denis Dercourt, Regisseur des hier besprochenen außergewöhnlichen Filmes, hat etwas ganz anderes im Sinn: ein Drama, unterkühlt, anspruchsvoll und ur-französisch und damit ein Leckerbissen für Cineasten, ein Stück europäisches Kino, weit weg von den Sehgewohnheiten des US-Kinos und vergleichbarem Mainstreams.

„Das Mädchen, das die Seiten umblättert“ lebt von der höchstbeachteten Psychologie, jenem Aspekt den der Großteil der Kinozuschauer mittlerweile vernachlässigt oder gar nicht mehr begreift, ebenso wie Filmschaffende selbst. Damit selektiert er sein Publikum automatisch aus, was elitär klingen mag, aber seinen Zweck erfüllt. Man dankt es Dercourt, wirkt der Film doch selbst wie eine Komposition, still und sensibel inszeniert, von seinen Darstellern auf gleiche Art getragen, fast schon ereignislos wirkend, sollte man die stillen Töne nicht bemerken können.

Déborah Francois  schließt sich im Spiel der Rolle der Melanie diesem Prinzip an, spielt fast ohne erkennenswerte Mimik, aber auch eben nur fast. Ganz leicht erkennt man ein angedeutetes Lächeln in ihrer Mimik, die Wut oder die Eifersucht, ein wenig erinnernd an das Spiel Franziska Weisz‘ in dem zwei Jahre zuvor erschienenden „Hotel“. Am offensichtlichsten wird der Kontrast zwischen dem was Melanie fühlt und nach außen tatsächlich darstellt in der ereignisreichsten Szene, in welcher sie dafür sorgt dass ein Cellospieler, der sie begehrt, verletzt wird.

Dies ist die einzig blutige Szene in einer Geschichte die mehr Möglichkeiten dieser Art geboten hätte. Aber Dercourt verschenkt seine cineastische Komposition nie für reißerische Momente, eine gute Entscheidung eines Regisseurs aus einem Lande, das Anspruch gerne mit Provokation verwechselt, siehe hierfür „Meine Mutter“ und „Meine Schwester“.

Melanies Rache wird Schritt für Schritt eingeleitet, verlässt sich bei ihren Vorbereitungen nie auf den Zufall, und dass sich Situationen für den blonden Racheengel so leicht kontrollieren und vorhersehen lassen und dabei niemals unglaubwürdig wirken, liegt an der verstandenen Psychologie des Streifens, denn nichts ist wichtiger als die Figurenzeichnung, und die wird von den Verantwortlichen von „Das Mädchen, das die Seiten umblättert“ auch komplett verstanden.

Das beginnt mit der Belanglosigkeit mit welcher Melanie beim Vorspielen für das Konservatorium scheitert, eine Überraschung für all jene welche die Geschichte vor der ersten Sichtung kannten. War das wirklich so schlimm, was die Pianistin Ariane während des Vorspielens begangen hat? Übertreibt die Kleine nicht ein wenig, wenn sie von nun an nie wieder Klavier spielen wird? Selbstverständlich tut sie es, so wie sie zuvor das Klavierspielen übertrieben hatte, ohne je Verständnis für die Muße der Musik verstanden zu haben, sondern einzig getrieben von der höchstmöglichen Leistung.

Halbe Sachen kommen für Melanie schon als Zehnjährige nicht in Frage. Ein nett gemeinter Spruch des Vaters beim Scheitern auch privat weiter Klavierstunden bezahlen zu wollen, wird von dem leistungsgelenkten Mädchen gar als Beleidigung verstanden. Die Eltern scheinen sie nicht zu drängen, aber der perfekt gemachte Haushalt, im Hintergrund angedeutet durch eine hochglänzende Küche, lässt vermuten dass die innere Anforderung an sich selbst bei Melanie nicht aus dem Nichts entsteht.

Ein solcher Punkt steht still für sich und wird nicht weiter verfolgt. Der Zuschauer soll ihn entdecken oder eben nicht, das ist Dercourt egal. Hauptsache der Zuschauer orientiert sich beim Schauen zunächst an Melanie und sieht mit ihr die Pianistin als den Bösewicht des Filmes an. Und das funktioniert, obwohl wir mitbekommen wie banal das fehlerhafte Verhalten Arianes während des Vorspielens ist, so banal, dass nur ein sehr kranker Charakter zehn Jahre später noch immer auf Rache sinnt. Aber dass Ariane zum Opfer wird, und das Treiben Melanies nicht gerechtfertigt ist, bekommt der Zuschauer mit der Zeit sehr wohl immer deutlicher zu spüren, und muss sich auf der Suche nach einer Identifikationsfigur irgendwann umorientieren.

Ariane, wunderbar unterkühlt und herablassend gespielt von Catherine Frot, entblättert immer mehr ihre zerbrechliche Seite, die ihre zuvor vermutete Arroganz nur als Teil ihrer Unsicherheit offenbart. Und erst wenn dieser Schritt verstanden ist, kann der Zuschauer sich auf ihre Seite stellen und von nun an mit ihr mitleiden, anstatt zur rachsüchtigen Melanie zu halten. Je mehr klar wird welche Ziele Melanie verfolgt, um so mehr Mitleid bekommt man mit Ariane. Ein nüchterner, unbeteiligter Blick auf alle beide, ganz sachlich durch die distanzierte Inszenierung beeinflusst, findet nicht statt, dafür wächst einen Ariane viel zu sehr ans Herz.

Freilich bieten Melanies Pläne mehr als das reine Blamieren der Pianistin während eines Konzertes, verursacht von der Umblätterin der Noten. Und selbst wenn das in französischen Filmen so gerne angegangene Spiel der lesbischen Thematik anklingt, ein Bereich von dem nicht einmal „8 Frauen“ die Finger lassen konnte, verfällt Regisseur Dercourt nie der Versuchung ins Reißerische abzudriften, belässt es bei Andeutungen, die zwar wichtig für die Weiterführung der Geschichte und ihres Ausklangs werden, aber nie selbstzweckhaft oder gar voyeuristisch inszeniert sind, sehr wohl aber sinnlich und unterkühlt zugleich und damit den Ton des kompletten Streifens treffend.

„Das Mädchen, das die Seiten umblättert“ ist ein ganz besonderes Filmerlebnis, sicherlich keine leichte Kost, aber auch nie den Anflug von Langeweile erreichend. Ein großartiger Soundtrack (freilich mit Klaviermusik im Zentrum) untermalt diesen feinfühlig inszenierten und gespielten Film, der in seiner Orientierung immer beim Genre Drama bleibt ohne je zum Thriller zu mutieren. Das ist auch gar nicht nötig, zeigt das Drama doch eiskalt wie Melanie ihre Pläne realisiert, während man als Zuschauer hilflos mit ansehen muss, wie die ahnungslose Ariane sich immer mehr im Netz der Spinne verfängt, gemeiner Weise ein Netz, welches sie bereitwillig, da unwissend, mitspinnt.

Dass Melanie gnadenlos zulässt wie Ariane bereitwillig ihr eigenes Grab schaufelt, zeigt nur um ein weiteres die Leere ihres kranken Charakters, den sie auch nach begangenen Taten in Zukunft nicht weiter füllen können wird. Wer weiß wen sie in ihrem Leben noch alles unglücklich machen wird, das Glück selbst nie kennen gelernt habend. Ihren inneren Frieden wird sie mit Vollendung der Rache nicht finden werden. Dies wird Melanie in naher Zukunft spüren müssen. Auch wenn der Film diesen Prozess nicht mehr zeigt, so bleibt dieser Punkt doch zumindest eine Genugtuung für den Zuschauer, der mit ansehen musste wie eine zerbrechliche Person gnadenlos zerbrochen wurde.


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Dienstag, 23. April 2013

CHARLIE BARTLETT (2007 Jon Poll)


Der reiche Charlie wechselt von einer Privatschule auf eine staatliche und vertickt um gemocht zu werden Pillen an seine Mitschüler, während er ihnen gleichzeitig psychologischen Rat gibt. Recht schnell gerät Bartlett durch sein auffälliges Verhalten ins Visier des Direktors, und Bartletts aufkeimende Liebe zu dessen Tochter ist nicht gerade hilfreich den eigentlich verständnisvollen Direx davon zu überzeugen, dass Bartlett nach einem Gesinnungswechsel seine gewonnene Beliebtheit bei den Schülern für Positives nutzen möchte...


Beliebtheit ist nicht alles - Fragen Sie Bartlett...

Wer sich schon immer einmal gefragt hat wie Ferris Bueller, der Held aus dem Teen-Klassiker „Ferris macht blau“, so beliebt wurde, der könnte mit „Charlie Bartlett“ eine Antwort bekommen, erzählt der Film doch von der aufkeimenden Beliebtheit eines durchaus vergleichbaren Charakters, auch wenn die Anfänge wesentlich kriminellere Ausmaße erreichen als all die halb legalen bis gar nicht legalen Dinge, die Bueller einst so trieb.

Man könnte „Charlie Bartlett“ durchaus als einen Mix aus „Ferris macht blau“ und „Hart auf Sendung“ bezeichnen, steht doch neben dem Aspekt der Beliebtheit unter Schülern auch der Aspekt ihnen per Seelsorge helfen zu wollen im Zentrum. Ungewöhnlich für sein Genre ist hierbei, dass Regisseur-Debutant Jon Poll zum Erzählen der Geschichte nicht Bartletts Freundin zur zweitwichtigsten Person macht (was durchaus wahrscheinlich gewesen wäre, wenn man bedenkt wie weit im Mittelpunkt diese Liebschaft thematisiert wird), sondern ihren Vater, den Direktor.

Und der wird in Zeiten größerer Aufklärung nun nicht als Bösewicht dargestellt wie in den guten alten 80er Jahren des Schwarz/weiß-Denkens, sondern als würdiger Gegner im respektvollen Umgang miteinander und gegenseitig die Chance erkennend, dass eine Vereinigung mehr bringen würde als rivalisierende Kämpfe. Hierfür muss der eine von beiden einen Reifeprozess durchmachen und der andere seine Probleme in den Griff kriegen um Erstgenanntes als Dritter auch erkennen zu können.

Was sich eventuell politisch arg korrekt liest, ist erfrischend natürlich umgesetzt worden, krankt zwar an einigen Minuspunkten, die aber a) nichts mit Political Correctness zu tun haben und b) großteils durch ein gutes Drehbuch und einen diesmal besonders sympathisch agierenden Robert Downey, Jr. wieder ausgeglichen werden. Ich wünschte ich könnte ähnlich Positives auch über den Hauptdarsteller Anton Yelchin sagen, aber der spielt sich mir zu sehr in den Vordergrund, als dass ich ihn wirklich als überzeugende Besetzung sehen würde. Dass er von der Maske auch in der Spätphase noch als zu streberhaft gekennzeichnet wird, mag nicht sein Fehler sein, unterstreicht seine schwache Wirkung jedoch.

Klar ist Yelchin nicht komplett gegen den Strich besetzt, sonst würde „Charlie Bartlett“ in seiner Gesamtheit auch nicht so gut funktionieren, aber eine bessere Besetzung in der Hauptrolle hätte den Film eventuell ein Ansehen bescheren können, dass dem Ruf des Vergleichsfilmes „Ferris macht blau“ gerecht wird. Hierfür hätte die im Vergleich zum 80er Jahre Erfolgsfilm etwas mehr auf Tragik setzende Geschichte allerdings auch die psychologische Hilfe Bartletts zu seinen Mitschülern sentimentaler umsetzen müssen, ein Aspekt der in „Hart auf Sendung“ wesentlich sensibler angegangen wurde, und dass obwohl im Vergleichsfilm die seelische Mitschülerhilfe eher unfreiwilliger Natur war. Bartlett hingegen will unbedingt helfen, und dieser Aspekt wird lediglich dafür genutzt um aufzuzeigen wie pfiffig Bartlett ist.

Gerade weil seine Seelenhilfe so viele Momente im fertigen Film beschert bekommt, wundert diese Einstellung des Regisseurs und Drehbuchautors schon ein wenig, zumal beide es schaffen in anderen Punkten genau den sensiblen Ton zu treffen, der im von mir kritisierten Bereich vernachlässigt wurde. Mag es auch am großartigen Spiel von Downey, Jr. und dessen Filmtochter liegen, die Dramatik die das Leben des Direktors umgibt ist hervorragend herausgearbeitet in Kombination mit der aufkeimenden Beziehung zu Bartlett und der abstumpfenden Beziehung zur Tochter.

Ebenso feinfühlig, da lebensnah, wird die Beziehung zwischen Bartlett und der festen Freundin (welches ebenfalls die Tochter des Direktors ist) aufgegriffen. Schön ist hierbei, dass es in dieser Liebesgeschichte nie um die Kritik oder das Verheimlichen Charlies krimineller Machenschaften geht, sondern diese einfach von der Freundin akzeptiert werden. Regeln brechen gehört zum Alltag, und als Teenager hat man andere Probleme.

Manche davon finden unmittelbar in der Konfrontation mit den Verantwortlichen der Schule statt, und hier treffen wir nun wieder auf Parallelen zu dem genialen „Hart auf Sendung“, denn hier wie dort gilt es die demokratischen Freiheitsrechte von Schülern zu erhalten, die im Wandel einer fragwürdigen Moral und Politik ins Wanken geraten sind. Aus einem möglichen Subplot um das Aufstellen von Videokameras in einem von Schülern für Privatzwecken genutzten Raumes, wird ein wichtiges Element zur Zusammenführung diverser Handlungsstränge. Und dank eines intelligenten Drehbuchs und anderer Aspekte die im Mittelpunkt stehen, bekommen wir am Schluss ein Happy End der angenehmen Art präsentiert, welches je nach Blickpunkt nicht einmal unkritisch ausfällt.

„Charlie Bartlett“ beginnt ein wenig wackelig, eben weil Charlie im Zentrum steht und Hauptdarsteller und Regie scheinbar wollten, dass auch ja jeder Zuschauer unbedingt sieht wie talentiert Yelchin ist. Aber diese One Man-Show geht einem eher auf den Zeiger als dass sie wirkt und verhindert einige Zeit, dass man das Potential der Geschichte entdeckt. Ist dies aber dann endlich mal geschehen, kann man in die Geschichte unterhaltungstechnisch und mit Köpfchen eingeschaltet durchaus eintauchen und mitfühlen. Am Ende ist man glücklich zu Beginn nicht frühzeitig ausgeschaltet zu haben, auch wenn es in meinem Falle etwas länger gedauert hat mit dem Film zu sympathisieren als üblicher Weise.

„Charlie Bartlett“ ist nicht frei von Fehlern, aber er ist eine tragisch angehauchte Teenie-Komödie über Durchschnitt, mit einer sehr süß agierenden Kat Dennings in der Rolle der Direktorentochter und, wie schon erwähnt, einer unglaublich sympathischen Leistung Robert Downey, Jr.‘s. Dass Yelchin nicht komplett positiv wirkt ist schade, erst recht wenn man bedenkt, dass er in „Fright Night“ und „Der Biber“ zum positiven Teil der Besetzung gehörte. Insgesamt kann aber auch seine Fehlbesetzung nicht über das positive Ergebnis des Streifens hinwegtäuschen. Glück gehabt!


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Sonntag, 21. April 2013

DER MAKLER (Terror Tract 2000 Lance W. Dreesen u.a.)


Ein Makler zeigt einem jungen Paar Häuser, zu denen es allerdings jeweils eine morbide Geschichte zu erzählen gibt...


Zur Wahrheit verpflichtet...

Ich habe es an anderer Stelle schon einmal erwähnt: ich bin eigentlich kein Sympathisant von Episodenfilmen und halte mich von diesen in der Regel fern. Aber manchmal hilft der Zufall nach, und dieser trat bei „Der Makler“ in Form von mangelnder Vorinformation auf, bin ich doch ohne etwas über den Streifen zu wissen davon ausgegangen so eine Art „Stepfather“ zu sichten, angelockt von einem John Ritter in der Hauptrolle, einem der unbekannten Bekannten, den ich persönlich recht talentiert finde (schade, dass er so früh verstarb). Hätte ich zuvor gewusst, wie „Terror Tract“ (Originaltitel) in Wirklichkeit erzählt ist, läge er wohl noch viele Jahre ungesichtet in meiner Sammlung, und da wäre es schon schade drum gewesen, denn er ist ein unterhaltsames Stück Film.

Das Werk der Regisseure Dreesen und Hutchison, die beide eine sehr übersichtliche Filmographie haben, ist aufgeteilt in drei Geschichten, umgeben von einer Rahmenhandlung, in welcher der Makler einem jungen Paar diverse Häuser zeigt und vom Gesetz her dazu verpflichtet ist, alles was dort einst geschah offen darzulegen. Da kommen recht morbide Geschichten hervor, und wie meist in Episodenfilmen, darf die erste auch gleich die schwächste sein. Hier geht es lediglich um Liebe, Rache und das Entsorgen des Ehemannes, von welchem die Betrügende das Gefühl hat, er wäre von den Toten wieder auferstanden. Die Geschichte verläuft recht überraschungsarm, selbst in ihrer Schlusspointe, und wartet auch nicht, wie der Rest des Films, mit guten Schauspielern auf.

Einer gelungenen Inszenierung ist es zu verdanken, dass man dennoch interessiert und nett unterhalten dran bleibt, denn die Handschrift der Beteiligten ist auf den kompletten Film gesehen ohnehin eine recht charmante, strahlt „Der Makler“, da 2000 erschienen, doch noch dieses unschuldige 90er Jahre-Flair damaliger Horror-Videoproduktionen aus, leichtfüßig inszeniert in augenzwinkernder Erzählung. Und was sehr deutlich als Plus des Filmes hervorzuheben ist, ist sein verspielter Soundtrack, ähnlich dem solcher Werke wie „House“, ein Sound in welchem weder besagte Ironie noch ein gewisser Spannungsgehalt vernachlässigt wird.

Wie gesagt, der komplette Film lebt vom Vorteil dieser Pluspunkte, somit auch die zweite Geschichte, die zum Höhepunkt des Filmes wird. Ein mittlerweile durch „Breaking Bad“ und „Malcom mittendrin“ berühmt gewordener Bryan Cranston darf hier die Hauptrolle spielen, und wie es sich für einen so talentierten Mann gehört wird diese Geschichte für ihn zur Ein-Mann-Show. Cranston darf als Familienvater gegen einen bösen Affen kämpfen, von welchem nur der Herr Papa mitzubekommen scheint, dass das Tier bösartig ist.

Auch hier kann man nicht von einer überraschenden Schlusspointe sprechen, und Cranston spielt noch längst nicht so erfahren wie in den TV-Serien die ihn berühmt machten, aber die Geschichte ist höchst kurzweilig und sympathisch inszeniert, und Cranston darf vom langweiligen Normalo bis zum fragwürdigen Durchgeknallten mutieren, was dank einiger gelungener Mimiken ganz besonders zu gefallen weiß. Die Geschichte selbst ist nach ruhigem Einstieg, der sich dankenswerter Weise viel Zeit lässt, imposant umgesetzt und bietet so manchen Paukenschlag, bevor er bitterböse endet.

Geschichte Nummer 3 klingt eigentlich weniger aufregend, sucht doch ein junger Mann eine Psychiaterin kurz vor Feierabend auf und berichtet dieser er habe Visionen von einem Mörder, der in einer Omamaske Frauen umbringt. Die Psychiaterin bekommt das ungute Gefühl dem Mörder gerade zuzuhören. Mit Geschichten um Visionen tu ich mich ähnlich schwer wie mit Episodenfilmen, aber die hier besprochene Geschichte ist schon toll erzählt, knistert die Spannung doch sanft im Hintergrund und überträgt sich das ungute Gefühl der Ärztin doch auch auf den Zuschauer. Mit Rückblicken im ohnehin schon eigentlichen Rückblick begeht man erstaunlicher Weise keinen Fehler, und so weiß am Ende auch die dritte Geschichte, als die zweitbeste im Gesamten, zu überzeugen.

Die Rahmenhandlung selbst fängt ebenso schlicht an wie so ziemlich jede der drei Hauptgeschichten, aber schon nach der ersten darf man an mancher Wunderlichkeit des Maklers erkennen, dass es hier um mehr als um einen ollen Verkauf geht. Das Zusammenspiel des nervlich angeknacksten, aber typisch kundenschleimigen Maklers und des jungen Paares, das mit jeder erzählten Geschichte nervöser, verärgerter und misstrauiger wird, fruchtet in dem überzogenen comicartigen Spiel der drei Beteiligten und wird zum Wonnefest für Freunde leichter Horrorunterhaltung.

Belohnt wird man fürs Dranbleiben mit einer recht ungewohnten aber Party-tauglichen Schluss-Pointe, die zwar recht sinnlos nachhallt, da es keine Vertiefung der Hintergründe gibt, aber das ist aufgrund ihrer Lustigkeit auch gar nicht schlimm. Zudem ergeht es so auch den einzelnen Geschichten, deren Aufhänger man jeweils einfach hinzunehmen hat ohne lästige Fragen zu stellen. Für den Unterhaltungswert gegebene Unnötigkeiten auszublenden ist jedoch ein Standardvergehen in Kurzgeschichten, vielleicht auch deswegen der Grund warum ich sie selbst so ungern sichte, und ist damit kein individueller Fehler des Films. Ein Fehler ist es ohnehin nicht, ist es nun mal der typische Stil einer Horrorepisode, und diesmal hat mich das Vernachlässigen von Hintergründen nicht so sehr gestört wie beispielsweise noch in „Irrgarten des Schreckens“.

Für den eigentlich fast schon familientauglichen Horror-Fun wurde teilweise überraschend hart getrickst, was zwar zur heutigen Zeit trotzdem keine FSK 18 mehr rechtfertigt, aber ein guter Grund dafür ist, warum 14jährige nicht mit dabei sitzen sollten. Mir hat „Der Makler“ mit der schwungvollen Inszenierung eigentlich meist schlichter Geschichten viel Spaß bereitet, und so kann ich dem Freund solcher Werke nur raten sich von der uninteressanten Covergestaltung jeglicher DVD-Veröffentlichung nicht abschrecken zu lassen und lege ihm ans Herz zuzugreifen, denn im Gegensatz zu „Geschichten aus der Schattenwelt“ und Co macht diese Ansammlung kleiner Gruselgeschichten wenigstens Spaß. Sicherlich auch gut geeignet für einen Halloween-Filmeabend!


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Sonntag, 14. April 2013

CABIN FEVER 2 (Cabin Fever 2 - Spring Fever 2009 Ti West)


Der fleischfressende Virus landet in Wasserflaschen, die an die Schüler einer Highschool verkauft werden. Diese freuen sich schon alle auf das bevorstehende Frühlingsfest...


Böses Wasser...

Ich war nicht gerade begeistert vom ersten „Cabin Fever“ und konnte die positiven Reaktionen und den ganzen Hype um diesen Streifen, ausgelöst durch lobende Worte Tarantinos, nicht nachvollziehen. Deswegen war mir eine Fortsetzung eigentlich ziemlich egal - bis ich las dass Ti West die Regie führte, jener Mann der mit dem ebenso gelungenen wie unterschätzten „The Roost - Angriff der Fledermäuse“ erstmals meinen cineastischen Weg kreuzte. Mit dem lediglich sympathischen „The Innkeepers“, einen Geisterhorror der sehr eigenen Art, kreuzte er ihn erneut. Neuerdings wird der gute Mann von vielen Filmfreunden aufgrund seiner Regiearbeit von „The House Of The Devil“ sehr geschätzt, einem Film den ich bislang nicht gesichtet habe.

Dass „Cabin Fever 2“ Leuten gefallen kann, die mit dem Erstling nichts am Hut hatten (und sicherlich auch umgekehrt) wird schnell klar. Aus einem langsamen, anspruchsvollen, aber auch unterhaltungsfeindlichen Stil ist ein oberflächlicher, aber recht flotter Stil geworden, der von seinem Charme her manches Mal an sympathische Videoproduktionen der Ende 80er und Anfang 90er Jahre erinnert (z.B. "Das Gehirn" und "The Curse"), eine höchst eigenständige Phase kleiner, kostengünstiger, meist sinnfreier Genre-Perlen, die lediglich dem Stammkunden des Horrorbereichs schmeckten.

So nicht anders bei „Cabin Fever 2“, dem man trotz aller Sympathie für einen Erzählstil, der nicht in die Zeit des Entstehungsjahres passt, anmerkt, dass es hinter den Kulissen der Produktion gekriselt haben soll. Unausgegoren mag das rechte Wort sein, denn der fertige Film guckt sich nicht als ein zusammen passendes Ganzes. Seine Leichtigkeit weiß ihn vor dem Absturz zu retten, aber einige Handlungsverläufe führen ins Nichts oder erfahren eine zu ruckartige Veränderung.

Beendet wurde der Film wohl ohne Ti West, der sich Aufgrund von Unstimmigkeiten von dem Projekt verabschiedet hatte. Aber wie so oft wenn es um Kunst geht, können Nachteile auch Vorteile nach sich ziehen, denn so musste mit einigen Tricks gearbeitet werden, um das Filmchen fertig zu stellen. So hat man aus einer scheinbar finanziellen Not heraus die Vorgeschichte und das Ende der Geschichte in Form von Zeichentrick-Sequenzen animiert, was „Cabin Fever 2“ um so mehr eine Unabhängigkeit heutiger Filmregeln beschert, die ihn nur noch unterhaltsamer und individueller gucken lassen.

Die eher augenzwinkernde Komik zwischen den Zeilen wird in diesen Sequenzen gar zur Horror-Komödie aufgebläht, was aber weder im Widerspruch zum Rest steht, noch an Wirkung mangeln lässt. Auf die Schnelle wird auf unterhaltsame und meiner Meinung nach gewitzte Art der Hintergrund der bevorstehenden Ereignisse erklärt, so dass man sich für die Geschichte selbst auf wesentlich wichtigere Dinge konzentrieren kann: die Charaktere und ihre Erlebnisse.

Das sind keine tiefgehenden Figuren in gehaltvollen Abenteuern, aber eben jene Form Stereotyp, die zum Angreifen nah ist, das Interesse des Publikums weckt, und nicht zur reinen seelenlosen Hülse wird, wie sie moderne Werke wie das „Freitag der 13.“-Remake und viele andere Vertreter heutiger Horrorfilme hervorbringen. Man begleitet die Personen durch ihren Highschool-Alltag, streift dabei mehr das Genre des Teenfilms als das des Horrorfilms, und das macht so viel Spaß, dass man sich fast wünscht, der Horror würde gar nicht erst beginnen.

Darf man dann jedoch die blutigen Bilder sichten, in denen „Cabin Fever 2“ in seinen Horrormomenten badet, dann revidiert man diese Meinung ganz schnell, denn nun trifft die moderne Genre-Brutalität auf den Erzählstil oben genannter Horrorfilm-Dekade. Und das macht trotz diverser Löcher in der Handlung, einem zu vorhersehbaren Finale und kleiner anderer Defizite einfach nur Spaß.

Die Kenntnisse der Handlung aus Teil 1 werden leider vorausgesetzt, wird doch einiges von dort weiter gesponnen. Glücklicher Weise befinden wir uns jedoch nicht in einer hochverschachtelten Geschichte, so dass man sich die Wissenslücken des ersten Teils sehr leicht von selbst zusammen reimen kann. Zwar habe ich den Vorgänger gesehen, aber ich habe ihn fast komplett wieder verdrängt. Und da er so dröge war, wollte ich ihn mir auch kein zweites Mal antun, um etwas zu begreifen, dass ich scheinbar auch so verstanden habe.

„Cabin Fever 2“ erfindet das Genre nicht neu. Er entdeckt es viel mehr zurück und präsentiert uns jene verspielte Art Genrebeitrag, der es egal ist wenn sie nicht hoch logisch und todernst umgesetzt ist. Der Schwerpunkt liegt in der Leichtigkeit von Stoff und Umsetzung. Und daran sollten viele Filmschaffende von heute sich einfach mal wieder ein Beispiel nehmen. Immerhin hat es West mit dieser Herangehensweise geschafft einen eigentlich recht mittelmäßigen Film unterhaltsam zu gestalten, ohne dass „Cabin Fever 2“ gleich zum Lieblingsfilm wird oder gar wirklich in Erinnerung bleibt. Schmackhafter Schnellverzehr für den Dauerkunden - so könnte man das Ergebnis kurz umschreiben.


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TORSO (I corpi presentano tracce di violenza carnale 1973 Sergio Martino)


Studenten werden von einem maskierten Unbekannten brutal ermordet. Vier Freundinnen verreisen, ohne zu ahnen dass es der Mörder auch im Urlaubsort auf sie abgesehen hat...


Geschnittene Leichen in ungeschnittenem Filmerlebnis...

Die Filmrichtung des Giallo, eine Art harter Kriminal-Thriller mit Hauptaugenmerk auf den Mörder und seiner Gewalttaten, wird häufig in die Ecke des Schmuddelfilms gedrängt. Dabei wird gerne übersehen, dass das Genre auch viele gute Beiträge hervorbrachte, meist durch die Hand Dario Argentos. Schaut man sich hingegen „Torso“ an, versteht man warum dieses Sub-Genre zu diesem Ruf gelangt ist, könnte er mit Hauptaugenmerk aus Gewalt und Sex doch kaum schmuddeliger wirken, zumal jegliche Art künstlerischen Schaffens ansonsten kaum vorhanden ist.

Was lasse ich mich auch immer wieder von hübsch gestalteten Postermotiven locken. Aber „Torso“ klang einfach zu interessant, allein schon weil ich einer Inhaltsangabe entnahm, dass die finale Frau sich unter Schmerzmitteln und verletzt, jedoch unentdeckt vom Täter, dem Mörder stellen muss. Und ja, genau in diesen Momenten erreicht „Die Säge des Teufels“ (Alternativtitel) trotz aller zuvor angegangener Fehler ein Spannungshoch, welches auch der Inszenierung des Regisseurs Sergio Martino anzurechnen ist.

In Sachen Horror muss man häufig über vieles Dümmliche hinwegsehen können, um Gefallen am fertigen Produkt zu finden. Das ist in der Regel auch bei einem Giallo der Fall, einfach weil es dort nicht um Logik und rationales Handeln geht, sondern um ein Spannungshoch, um zelebrierte Gewalt und häufig um nackte Tatsachen. Selbst in den besseren Argento-Werken ist dies der Fall. Dort wird man jedoch auch mit einer sauber inszenierten Version des immergleichen Themas entschädigt, häufig unter künstlerisch wertvoller Umsetzung. Bei „Torso“ bleiben all diese Versuche im Ansatz stecken.

Mag es die Spielerei mit Märchen zwischen den Zeilen sein (verlorene Schuhe, gefangen hoch oben im Schloss, auf den Prinzen wartend), oder der psychologischen Spielerei um die sexuelle Befreiung des weiblichen Geschlechts, oder mag es der künstlerische Aspekt sein, der manches Mal optisch schöne Motive einfängt, musikalisch zu den jeweiligen Szenen passt, Situationen ideenreich präsentiert (z.B. einen Barfuß-Marsch durch den matschigen Wald) oder für atmosphärisch dichte Spannungsmomente sorgt. Solche Momente sind ständig enthalten ohne sich richtig entfalten zu können oder genügend Beachtung geschenkt zu bekommen. Und so rücken eben die Negativpunkte in den Vordergrund.

Das beginnt bei (möglicherweise nur in der Deutschfassung) vorhandenen dümmlichsten Dialogen, die in Sachen Sinnfreiheit ihresgleichen suchen. Das geht weiter mit aufdringlichster Nischensuche für Nacktheit. Jede Frau mit Sprechrolle zieht mindestens einmal blank (hin und wieder inklusive obligatorischer, aber unmotivierter Lesbenerotik). Wer nicht redet, spielt ohne BH, damit auch ja die Nippel durch die Klamotten ragen. Dramatik und Thrill wird durch komplette Übertreibung dargestellt, in einer hysterischen Extreme, bei der man sich fragt, ob sich die Frauen darüber bewusst sind, sich gerade in einem Horrorfilm zu befinden. Würde man sich im wirklichen Leben so benehmen, man würde vor jedem Fremden schreiend davon laufen oder sich vor ihm winden, selbst wenn er sich wie jeder Normalbürger verhält.

Idiotisch auch die Tatsache, dass weder männliche noch weibliche Opfer je den Drang nach Gegenwehr verspüren. Möglichkeiten zur Flucht gibt‘s oft. Stattdessen warten die Opfer winselnd und schreiend lieber, bis der Mörder endlich bei ihnen ist, um ihnen das Lebenslicht zu rauben. In der lächerlichsten Szene dieser Art darf das Opfer würgende Geräusche von sich geben, noch bevor es überhaupt gewürgt wird. Herrlich!

Dank des Herstellungslandes Italien darf sich auch jeder männliche Darsteller wie ein sabbernder Notgeiler benehmen, sobald er auch nur ein halbnacktes Bein oder mehr sichtet. Im Gegenzug wird die neu gewonnene Emanzipation der Frau auch gerne mal über Brutalitäten, wie das Ausdrücken einer brennenden Zigarette am Körper eines Mannes, demonstriert, der Frau zwischen den Zeilen dank ewig pausierender Psychologie recht gebend. Da wird gezickt, als ob es kein Morgen gäbe, und dies in Kombination von immergeilen Kerlen ergibt ein Weltbild bei dem ich froh bin, dass es dies nur im Kino und in der Jugend weniger gebildeter Menschen gibt. Ich würde Waldbewohner werden, gäbe es die Filmrealität außerhalb des Bildschirms.

Da gibt es also genug zu klagen, oder zumindest genug Gründe, warum man „Torso - Die Säge des Teufels“ (Alternativtitel) nicht ernst nehmen kann. Und doch kann ich ihm ein gewissen Maß an Atmosphäre nicht abstreiten. Zumal mich die Auflösung interessiert hat, und die Geschichte trotz ihrer Monotonie nie langweilig wird. Aber so ist er halt, der Schmuddelfilm, und wer ein Faible für einen solchen hat, wird sicherlich nett unterhalten. Dass die Mörderauflösung vorhersehbar ist und die Beweggründe des Täters zu geschwätzig (und so hysterisch vorgetragen, wie sonst nur Frauen im Film agieren dürfen) sorgt jedoch für eine weitere Ernüchterung am Schluss.

Zumindest kann man dem Regisseur einen gewissen Grad Talent ruhig zusprechen. Immerhin schafft er es tolle Momente inmitten von Irrsinn und Fremdschämen einzubauen, beispielsweise diesen wunderbaren Moment, in welchem ein sich in Sicherheit wiegendes Opfer mittels einer Zeitung versucht an den Schlüssel auf der Gegenseite der Tür heranzukommen, und der Mörder ihr dabei sogar noch hilft. Aber Sergio Martino bewies spätestens mit „Fluss der Mörderkrokodile“ dass er mehr drauf hat, als „Torso“ hervorbringt. Freilich nur wenn man Italien-Schund-Horror mit Italien-Schund-Horror vergleicht. Solche Beiträge sind so schlecht wie interessant, so dümmlich wie unterhaltsam, aber leider auch nicht mehr als das.


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THE BURNING (1981 Tony Maylam)


Das Brandopfer eines fehlgeschlagenen Jugendstreiches schleicht fünf Jahre nach dem Unfall in einem Sommercamp umher und meuchelt dort Teenager...


Der Verkohlte mit der Heckenschere...

„Brennende Rache“, der auf DVD später meist unter dem Namen „The Burning“ betitelt ist (oder auch gerne beide Titel ergänzend als „The Burning - Brennende Rache“), erschien während der 80er Jahre Slasher-Welle recht früh, womit er zu den stilbildenden Beiträgen zählt und nicht zu den Nachahmern. Im Vergleich zu den vielen Filmen die nach ihm und „Freitag der 13.“ folgten versucht er die aus heutiger Sicht altbackene Geschichte des Camp-Teen-Killers noch mühevoller zu erzählen und achtet somit nicht nur auf blutige Kills.

Was diese betrifft, so kann ich hier nichts darüber schreiben. Ich erwischte die wohl übelste DVD die es zu diesem Streifen zu erwerben gibt, auf welcher die alte VHS-Version in eben dieser miesen Qualität enthalten war, und die war natürlich geschnitten. Viel Gewalt braucht man als Gore-Freak jedoch nicht erhoffen, denn nach dem brennenden Opfer zu Beginn dauert es sehr lange bis es zum ersten Mord kommt, was schon etwas verwundert wenn man bedenkt wie früh der Psychokiller bereits unentdeckt vor Ort verweilt.

Aber das ist ein Minuspunkt innerhalb eines Pluspunktes, denn „The Burning“ ist in aller Ruhe erzählt, lässt zunächst einmal diverse Charaktere und Situationen entstehen, spielt mit dem Zuschauer und dessen Erwartungen und zelebriert dann schließlich das Finale in einem für diese Art Film ungewohnten Szenario, sehr darauf bedacht viel mit Dunkelheit und Spannungsmomenten zu spielen.

Das liest sich in der Theorie nur leider wesentlich aufregender als es der Gelegenheits-Regisseur Tony Maylam umgesetzt hat. Die Geschichten im Camp interessieren nicht die Bohne, die Charaktere fast genauso wenig, und wenn sie es endlich mal tun, ist der Film auch schon weit voran geschritten. Manche Kills wissen zu gefallen, so z.B. eine atmosphärisch nett inszenierte Attacke aus einem Kanu heraus, bei welchem gleich mehrere Teenager ihr Leben lassen müssen. Aber diese Sequenz ist eine Ausnahme inmitten ansonsten billig zusammengeschusterten Spannungsmomenten, die einfach eher langweilig als knisternd inszeniert sind.

Das ist allein deshalb schade, weil die Schauspieler ein klein wenig talentierter sind als in solchen Streifen üblich (wahrscheinlich stößt man deshalb bereits hier auf Namen wie Holly Hunter, Fisher Stevens und Jason Alexander, alles Schauspieler die später in Großproduktionen in hervorgehobenen Rollen mit dabei waren). Auch die Stunts des brennenden Opfers sind für eine Billigproduktion geradezu professionell umgesetzt. Zudem sind die Locations nett gewählt und von der Kamera auch das ein oder andere Mal atmosphärisch eingefangen. Aber was nutzt das schon, wenn der Film auf der Stelle steht und kaum zu Potte kommt!

Mag sein, dass er sich da damals anders geguckt hat, bevor durch „Sleepaway Camp“ bis hin zu „Bloody Murder“ und Co solche Filme noch nicht bis zur Unendlichkeit nachgekaut und kopiert wurden. Aber da kann man sich noch so bemühen, mit heutigen Augen wirkt diese Geschichte einfach nicht mehr frisch und neu. Und da es an Gehalt in der Story und an Tiefe in den Charakteren fehlt, wird „Brennende Rache“ damit zum Einheitsbrei in der Masse, anstatt sich wie ein „Psycho“, „Halloween“ und Co als Pionier seines jeweiligen Sub-Genres hervorzuheben.

Zumindest erkannte Maylam recht früh, dass der Täter eine wiederkehrende Waffe als Erkennungsmerkmal benötigte. Eine Maske a la Michael Myers war hingegen keine Pflicht, da der Killer bereits ein verkohltes Gesicht besaß. Andererseits ist er erst sehr spät zu sehen, orientieren sich seine Auftritte doch meist aus der Sicht des Killers, eine Fehleinschätzung wenn man bedenkt wohin sich das Slasher-Genre später entwickelt hat.

Eine Mystik umweht den Psychopathen ebenso wenig. Dass diese benötigt wird, schien Maylam nicht bewusst zu sein. Ebenso irrte er sich bei seiner finalen Idee den Zuschauer damit zu erschrecken, dass der Täter nie im selben Sommercamp auftreten würde. Das ist an sich eine nette Idee im Stile der Spukgeschichten am Lagerfeuer, eine Camp-Tradition, rückblickend betrachtet aber ein Fehler, wenn man bedenkt wie sauer die Fan-Gemeinde war, als Jason in „Freitag der 13. 5" mal nicht am Crystal Lake mordete. Ironischer Weise spiegelt sich in all diesen Fehlern Maylams der Wunsch nach Qualität wieder, wohingegen das Publikum nach Quantität lechzte. Wäre „The Burning“ in seiner Umsetzung so gut wie in der Theorie, würde man ihn heute somit sicherlich als Klassiker kennen.

In der Theorie leistete man ordentliche Arbeit, aber vom Unterhaltungswert ist „The Burning“ kein Achselzucken wert, dafür ist er mir noch zu uninspiriert umgesetzt. Unter Horror-Fans genießt der Streifen hingegen einen recht guten Ruf. Vielleicht verstehe ich diesen erst in einer ungeschnittenen Fassung. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Fangemeinde sich in ihrem Urteilsvermögen lediglich von blutigen Kills beeinflussen lässt. Und dass Tom Savini für die Effekte zuständig war, bestärkt einen solchen Verdacht. Für mich werten solche Szenen einen Film jedoch nur minimalst auf.


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Samstag, 13. April 2013

THE INNKEEPERS - HOTEL DES SCHRECKENS (The Innkeepers 2011 Ti West)


Zwei Mitarbeiter eines bald schließenden Hotels möchten in den wenigen Tagen die ihnen noch bleiben und begünstigt durch die Ruhe der noch wenig verbliebenen Gäste, auf Geisterjagd gehen, kursiert doch ein Gerücht, dass hier im Hotel der Geist eines Verstorbenen umgehe...


Hotel der toten Gäste...

Wenn man einen Film über Geisterjäger sichtet, dann denkt man sicherlich an solch engagierte Menschen wie jene aus „Ghostbusters“, eventuell auch an eine hartgesottene Truppe a la „Grave Encounters“. Aber mit Sicherheit denkt man nicht an zwei Loser, die zum Zeittotschlagen einem Spukgerücht auf den Grund gehen. Aber genau mit solchen Leuten bekommen wir es in „The Innkeepers“ zu tun. Und um eine weitere mögliche Vermutung gleich im Keim zu ersticken: trotz der Parallele eines fast leerstehenden Hotels haben wir es auch nicht mit einem „Shinig“-Verschnitt zu tun.

Sympathisch sind sie schon, die beiden Tagediebe, die eher lustlos ihren Job im Hotel angehen. Der eine von beiden, ein etwas träger Typ, betreibt eine Website über Spukgeschehen in der Welt, die andere von beiden ist jung, naiv und tolpatschig und ganz aufgeregt bei dem Gedanken auf Geisterjagd zu gehen. Die meiste Zeit wird über dieses Vorhaben nur geredet, was manch einem nicht schmecken mag. Aber „The Innkeepers“ ist ein recht augenzwinkernd erzählter Horrorfilm und lebt mehr von der einfallsreichen Charakterisierung und Darstellung seiner Hauptfiguren als von einer tatsächlichen Gruselgeschichte.

Die weibliche Hauptrolle geht einem gar mehr zu Herzen als die männliche, sieht sie doch nicht nur unglaublich süß aus, auch die gekonnt tapsige Art mit der Schauspielerin Sara Paxton ihre Figur verkörpert macht sie zu einem Charakter den man einfach nur gern hat und dem man unangenehme Erlebnisse, die der Film im weiteren Verlauf sicherlich nach sich ziehen wird, nicht wünscht.

Lange Zeit passiert nichts. Und das Zeitstrecken bis zur ersten tatsächlich übernatürlichen Szene funktioniert nicht immer ganz so gut wie Ti West es gerne hätte. So sind manche Momente mit den wenigen Gästen nicht immer wirklich förderlich für die Handlung und deren Unterhaltungswert. Aber wer mag schon maulen, wenn ein Film endlich mal wieder den Mut hat sein eigenes Tempo zu wählen und sich intensiv seinen Figuren zu widmen.

Interessanter Weise ist es dann auch der Horrorpart, der den Film ein wenig ausbremst, so dass man darüber nachgrübeln kann, ob „The Innkeepers“ vielleicht sogar ohne echte Spukmomente besser ausgefallen wäre. Darüber kann man nun streiten, und schlecht wird der Film mit seiner Bestätigung des Übernatürlichen nicht, aber ein wenig gruseliger hätte es in der letzten halben Stunde dann doch zugehen können, wenn man denn unbedingt die Geisterjagd bestätigen möchte.

Gekonnt spielt West zunächst mit der Erwartung des Zuschauers und weiß daraus ein gewisses Spannungspotential zu schaffen. Aber je mehr der Streifen Richtung Finale geht, desto ernüchternder ist die Erfahrung, dass West über routinierten Grusel nicht hinaus kommt. Da wirkt ein eher mäßiger Schluss nicht gerade förderlich, um den Zuschauer wieder in die positive Stimmung der ersten Stunde zu versetzen. Und West verspielt damit die Möglichkeit aus „The Innkeepers“ etwas ganz besonderes zu machen.

Aber nach der ersten Enttäuschung verzeiht man ihm diesen etwas unwürdigen, fast ereignislosen Schluss dann doch, hat er doch ansonsten einen sympathischen Film geschaffen, der sich fast jeglicher Moderne verweigert und die Liebe zu seinen Figuren und der Nichtigkeiten ihres Alltags zum Mittelpunkt des Streifens erklärt. Damit gewinnt man mit Sicherheit nicht die Gunst des Massenpublikums, aber Cineasten werden sich über diesen kleinen, sympathischen Happen Unterhaltung sicherlich freuen.


SILK (Guisi 2006 Su Chao-Pin)


Polizist Ye wird aufgrund seiner Fähigkeit Lippen lesen zu können in das Team des Wissenschaftlers Hashimoto geholt. Dem gelang es einen Geist einzufangen, und der soll nun studiert werden, um mehr über den Tod herauszufinden...


Am seidenen Faden...

Ich gebe zu, ich habe eher mit einem Forschungs-orientierten Film a la „Phase IV“ oder „Andromeda - Tödlicher Staub aus dem All“ gerechnet, als ich voller Erwartungen diesen interessant klingenden Streifen aus Taiwan sichtete. Nach einem Einstieg, der eher in den Bereich Action-Thriller passen würde (ein Graus für jemanden der auf einen Wissenschaftsfilm eingestellt war), beruhigte sich die Geschichte glücklicher Weise wieder, um nie wieder in diese Richtung abzudriften.

Das Untersuchungsobjekt ist der Geist eines kleinen Jungen. Wer nun aber glaubt die ewig gleiche Soße wie „Ring“ samt Nachahmer serviert zu bekommen, der irrt. Gruselszenen sind rar verteilt und beschränken sich auf Situationen, in denen es lebensbedrohlich ist Blickkontakt zum Verstorbenen aufzunehmen. Ohnehin ist „Silk“ eigentlich kaum Horrorfilm, zumindest keiner der gruselt. Er geht eher in Richtung Thriller-Drama und Fantasy, so esoterisch wie er angehaucht ist. Man muss sich schon arg der Film-eigenen Logik hingeben, um Gefallen an dem Streifen finden zu können. Schwer fällt das meiner Meinung nach aber eigentlich nicht.

Wir lernen nicht nur das ein oder andere über die Gesetzmäßigkeiten des Todes, wir werden auch des öfteren auf die falsche Fährte geführt. Irrtümer sind in der Forschung nie ausgeschlossen, und so spiegelt uns der Film hin und wieder falsche Tatsachen vor, beispielsweise bei der Beantwortung der Frage woran der Junge starb, um uns mit der Auflösung des Irrtums vor neue Tatsachen zu stellen.

Das macht den sehr hübsch fotografierten und mit guten Darstellern gesegneten Film recht kurzweilig, zumindest in Ergänzung damit, dass die Geschichte über einen eingefangenen Geist schon ein Selbstläufer für sich ist. Vielleicht lässt er sich ein wenig mit „Asphyx“ vergleichen, in welchem man von einem Dahinsterbenden die aus dem Körper weichende Seele einfangen konnte. In Richtung „The Darkling“ geht die Geschichte glücklicher Weise nie, Kommunikation mit dem Geist findet ohnehin nur nonverbal statt, da er über eine andere Wahrnehmung als wir Menschen verfügt.

Doch so gut wie sich der Film mit all seinen Vorzügen auch gucken mag, und so schön augenzwinkernd er mit einer geglückten Schluss-Pointe auch enden mag, nach Sichten hatte ich das Gefühl „Silk“ wäre gerade dann besser gewesen, wenn er sich doch etwas mehr dem Gruselbereich zugewendet hätte. So interessant die Geschichte auch ist, ein wirkliches Spannungspotential baut er kaum auf. Und nachdem man sich an die Gesetzmäßigkeiten des Geistes und die merkwürdige Erfindung des Wissenschaftlers gewöhnt hat besitzt „Silk“ zur zweiten Hälfte kaum noch eine mysteriöse Atmosphäre. Was als rätselhafter Fantasyfilm begann, wird immer mehr zu einem esoterischen Kriminal-Drama, und Letzteres betreffend streift der Film typisch seiner Herkunft auch stark den Kitschbereich, der sich für einen Europäer immer eine Spur zu übertrieben guckt.

Insgesamt ist der Film aber definitiv zu empfehlen, u.a. wegen seiner ruhigen Erzählweise, die ich mir auch im US-Kino wieder zurückwünschen würde. Dank einer nicht all zu gradlinigen Erzählung und der vielen anderen bereits genannten Pluspunkte des Streifens, ist „Silk“ auf jeden Fall Unterhaltung über dem Durchschnitt geworden. Er hätte das Zeug für noch mehr gehabt, aber mit dem vorliegenden Ergebnis bin ich bereits zufrieden. Mich fröstelt es jetzt schon vor einem möglichen US-Remake.


Dienstag, 9. April 2013

DIE KINDER DER VERDAMMTEN (Children Of The Damned 1963 Anton Leader)


In verschiedenen Teilen der Welt werden sechs hochintelligente Kinder ausfindig gemacht, die man in England zu Forschungszwecken zusammenführt. Die verschiedenen Regierungen verfolgen verschiedene Pläne, doch noch bevor wer in die Heimat zurück reisen kann, organisiert sich die Gruppe kleiner Genies und nutzt telepathische Methoden, um sich vor den Erwachsenen zu schützen...


Multikulturelle Genies...

Bis vor wenigen Wochen war mir nicht bekannt, dass der 1960 erschienende und in den 90er Jahren durch John Carpenter gelungen neuverfilmte „Das Dorf der Verdammten“ drei Jahre später eine Fortsetzung namens „Kinder der Verdammten“ nach sich zog. Da das Original für mich zu den Größen des 60er Jahre Science Fiction-Kinos zählt, war klar dass dieses Produkt schleunigst gesichtet werden musste. Von einer zu hohen Erwartungshaltung würde ich dennoch nicht sprechen. Zumindest bin ich nicht euphorisch an dieses unbekannte Stück Film herangegangen.

Und das war auch ganz gut so, denn wie so oft wenn etwas Gutes weitererzählt wird, kommt nur etwas Banales bei rum. „Kinder der Verdammten“ wäre gerne eine große, hintersinnige Erzählung. Immerhin geht es hier um ethische Themen des Menschseins, um das Annähern an andere Kulturen, philosophische Gedanken über die Zukunft des Menschen und um Kritik darüber wie sehr der Mensch sich selbst im Wege steht. Aber was sich hier recht tiefgründig liest, ist viel zu idealistisch und damit zu blauäugig erzählt, als dass man es ernst nehmen könnte.

Gedreht in einem Jahrzehnt, in welchem meist naive Werke das Genre Science Fiction bewohnten, passt „Kinder der Verdammten“, so sehr er es auch nicht sein möchte, damit perfekt in die 60er Jahre hinein. Vielleicht hätte man zur Realisierung dieses Stoffes keinen Regisseur aus dem TV-Bereich engagieren sollen. Immerhin drehte Anton Leader zuvor nur TV-Serien, und nach dem hier besprochenen Spielfilm-Debut wagte er sich erst 1970 wieder an einen weiteren Spielfilm, was dann nach 20jähriger Tätigkeit auch sein letzter Beitrag in diesem Beruf sein sollte.

Aber so sehr die Inszenierung lediglich auf routiniertem Niveau angesiedelt ist, das Drehbuch scheint Hauptursache für das Scheitern einer Fortsetzung von „Dorf der Verdammten“ auf gleichem Niveau zu sein. Glücklicher Weise weiß das Werk dennoch zu unterhalten, versprüht es doch den Charme seiner Zeit und schaut sich damit erfrischend kurzweilig.

Der Verlockung manchen Themenbereich reißerisch zu präsentieren wird nicht nachgegangen. Das dürfte wohl das einzig positive an der so tiefsinnig wollenden Grundkonstellation der Geschichte sein, die man für ein besseres Ergebnis lockerer hätte angehen sollen, und, noch viel gravierender, weniger entmystifizierend. Von Aliens spricht hier keiner mehr. Der Hintergrund der ungewöhnlichen Fähigkeiten der Kinder ist ein neuer. Und mit ihr werden die Beweggründe der begabten Menschen in ein anderes Licht gerückt. Vorbei der Kampf um das Existenzrecht der Vorherrschaft des Planeten Erde. Hier geht es nicht mehr darum sich die Erde nicht gemeinsam teilen zu können, zumindest nicht von Seiten der Kinder aus. Denn der Mensch der damaligen Moderne ist das Monster mit Tunnelblick, kein neuer Aspekt im Gruselbereich und sicher auch nicht erstmals so moralinsauer angegangen wie hier, aber doch einen bitteren Beigeschmack versprühend.

Zumindest tut das europäische Flair dem Streifen sichtlich gut, so dass ein passendes böses Ende den Film wesentlich besser kleidet, als ein Happy End, welches man in einem US-Film hätte erwarten müssen. Doch auch dieses zum nachdenken anregen wollende Finale, erreicht nie das von den Verantwortlichen erhoffte Niveau, so dass „Kinder der Verdammten“ lediglich ein simples Unterhaltungsfilmchen bleibt, ein Ergebnis typisch für seine Zeit, aber zumindest diesmal ohne Gummi-Monster erreicht. Mehr noch: Spezialeffekte sind so gut wie gar nicht vorhanden. Selbst das Entfremden der Augen der Kinder wird kaum gezeigt, ganz im Gegensatz zum Original. Aber mit dem kann sich Leaders Werk sowieso nicht messen.