Mittwoch, 20. November 2013

DAS ST. FRANCISVILLE EXPERIMENT (The St. Francisville Experiment 1999 Ted Nicolaou)


Vier junge Menschen untersuchen mit Videokameras ein vermeintliches Spukhaus. Eine der Personen ist ein Medium und segnet das Haus mit weißem Licht. Als einer der Teilnehmer filmen kann, wie ein Stuhl durch die Luft fliegt, wird allen Beteiligten recht mulmig zumute, auch dem Medium, hat sie doch nicht mit der Anwesenheit von Poltergeistern gerechnet...


Das Blair Witch-Haus...

Im Jahre 1999 feierte eine Produktion, die unter minimalsten Kosten entstand, ein riesiges Einspielergebnis in den Kinos. Es war das „Blair Witch Project“, welches das erstmals 1970 von Rainer Erler in „Die Delegation" angewandte Found Footage-Verfahren für den Gruselbereich nutzte und die Zuschauer damit ängstigte, dass nichts zu sehen war. Ein Traum für Produzenten wurde wahr, erschloss sich doch eine lukrative Einnahmequelle, die innovativ war und nicht viel Grundkapital verschlang. Dennoch dauerte es noch bis zum Jahr 2007, bis mit Produktionen wie „[Rec]“, „Cloverfield“ und Co weitere erfolgreiche Produktionen der semi-dokumentarischen Art erfolgreich nachrückten, so erfolgreich, dass erst nach ihnen die Welle der Found Footage-Filme so richtig in die Gänge kam.

Noch im selben Jahr von „The Blair Witch Project“, und damit ein Jahr vor dem erbärmlichen deutschen Amateurfilm “The Dark Area“, entstand ein Nachzügler ähnlichem Stils, der statt eines Spukwaldes ein Spukhaus zum Zentrum der Geschehnisse machte und aus Legendenforschern Spukforscher machte, so wie das Szenario später thematisch auch erfolgreich mit „Grave Encounters“ umgesetzt wurde. Im Gegensatz zu diesem war das sogenannte „St. Francisville Experiment“, welches auf Found Footage-Art die Idee aus „Bis das Blut gefriert“ und „Tanz der Totenköpfe“ übernahm und dabei Profis gegen Amateure austauschte, nicht sonderlich erfolgreich. Kaum wem ist es ein Begriff. Dabei weiß es wesentlich mehr zu gruseln als der finanziell so erfolgreiche „Grave Encounters“ gleichen Themas.

Ein zweiter „Blair Witch Project“ ist „Das St. Francisville Experiment“ in Sachen konsequentes Angsterzeugen nicht geworden. Dennoch legt sich schnell ein unwohliges Gefühl über das Gemüt des Zuschauers, und wer im Laufe der Zeit keine Angst bekommt, guckt das fertige Produkt wohl zu sehr als Film, denn insgesamt guckt sich der Streifen sehr authentisch und weiß einen ordentlich mitfiebern zu lassen. Wundern darf das schon, war als ungenannter Executive Producer doch Charles Band mit an Bord, und der dreht eigentlich nur kostengünstigen Trash. Wäre das Gruselerlebnis hier nicht so intensiv, träfe die Bezeichnung auf das „The St. Francisville Experiment“ durchaus ebenso zu, zumal er recht dreist das Konzept von „Blair Witch Project“ klaut. Da gibt es zu Beginn kurze Interviews zu einer zuvor erläuterten Legende, und junge Menschen filmen sich bei einem Forschungsprojekt. Das sind schon allerhand Übereinstimmungen und das lediglich für die Grundlage des zu Erzählenden.

Dass das Found Footage-Genre im Gruselbereich bestens zu funktionieren weiß, zeigen Erfolge wie „Paranormal Activity“ und bereits genannte Vergleichsfilme. Dennoch ist das Fertigstellen eines funktionierenden Gruslers in dieser Art keine Leichtigkeit, was z.B. sämtliche Beiträge der wahllos zusammengewürfelten „Paranormal Investigations“-Reihe belegt. Die von mir gesichteten Teile besagter „Reihe“ waren alle höchst ungruselig, unmotiviert zusammengeschustert und nicht einmal als Trash erträglich. Schnell kann es todlangweilig werden. Und das kann es bereits bei manchem Zuschauer bei den funktionierenden Beiträgen dieser Art Film, lebt ein solcher doch von grundlegenden Ängsten, Ängsten aus der Kindheit, Ur-Ängsten der Menschheit, und da ist manch einer vor dem Bildschirm nicht anfällig für, erst recht wenn fast nie etwas zu sehen ist.

Deswegen werden sich auch am hier besprochenen „At The Gates Of Hell“ (Alternativtitel) die Geister scheiden. Zumindest hat Regisseur Ted Nicolaou, der für Band schon öfter als Regisseur tätig war (wenn auch meist für Produkte mit schlichtem Ergebnis wie diverse Teile der „Subspecies“-Reihe und „Puppet Master vs. Demonic Toys“), begriffen wie ein solcher Film zu funktionieren hat. Er verzichtet auf künstliche Hintergrundmusik, setzt auf das weniger-ist-mehr-Prinzip und auf grundlegendste Ängste. Auch lässt er die Protagonisten nie zu weitschweifende Gespräche führen, ganz im Gegenteil. Das Erzählte dreht sich ewig im Kreis, und das ist ausnahmsweise einmal gut so, weil sich alle Team-Beteiligten auf das wesentliche konzentrieren. Und da teilt man seine Gefühle und Erlebnisse, die denen der anderen Teilnehmer logischer Weise ähneln, den anderen nun einmal mit, und da werden nun einmal Vorbereitungen wie das Aufsagen von Ritualen für weißen Zauber zelebriert und auch mal wiederholt. Das macht alles Sinn, und dank einer stimmigen Grundatmosphäre kann diese Dauerwiederholungsschleife gar nicht erst nerven.

Das liegt aber auch an den Figuren, die zwar keinesfalls tiefgehende, individuelle Charaktere sind, sich ihrer Alltäglichkeit aber auch bewusst sind, so dass sich niemand in den Vordergrund spielt und damit lästig wirken würde. Höchstens auf das Medium passt eine solche Beschreibung ein wenig, aber für eine Rolle dieser Art hält man sich auch mit ihren Auftritten regelrecht zurück. Lobenswert kann man ruhig auch die Deutschvertonung erwähnen. Ich habe „The St. Francisville Experiment“ (Originaltitel) in der synchronisierten Fassung gesehen, und selbst da hat er mir heftigst Angst eingejagt.

Dass bei einem Found Footage-Streifen inhaltlich nie zu viel erwartet werden sollte, dürfte klar sein. Ist der Film erst mal zu Ende, ist eigentlich nicht wirklich viel passiert. Aber da schimpfen ohnehin immer nur jene Zuschauer, die mit dieser Art Film ohnehin nichts anzufangen wissen. Es geht nicht um große Spezialeffekte und darum viel gesehen zu haben. Es geht nicht um ein vor Erlebnissen nur so strotzendes, ausgetüfteltes Drehbuch. Es geht einfach um das Einhalten einer gruseligen Grundatmosphäre und der Kunst aus wenig einen hohen Angstfaktor erzeugen zu können. Ist dieses Ergebnis erreicht, ist der Rest fast egal.

Zumindest endet Charles Bands Ausflug in den Found Footage-Bereich anders als die meisten anderen Werke dieser Art, das ist doch auch schon mal was, auch wenn der Schluss nicht gerade einfallsreich zu nennen ist. Wie gesagt, am Ende zählt wie der Film auf einen gewirkt hat. Und wenn es um grundlegenden Grusel geht scheiden sich die Geister. Dann hat man entweder Angst gehabt oder nicht. Dazwischen gibt es kaum etwas. Und was mich betrifft: ja, ich habe mich gefürchtet, und mir hat „Das St. Francisville Experiment“ damit überraschend viel Freude bereitet. Gerechnet habe ich damit überhaupt nicht.

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