Samstag, 30. Juni 2012

PORNO HOLOCAUST (1981 Joe D'Amato)


Aufgrund von Atomverschmutzung geht auf einer Insel das Grauen um...


Quickie-Lebendig

Ich habe den Film als "Insel der Zombies" in der geschnittenen FSK 16-Fassung gesehen. Und egal was da nun fehlt, ob es Gore oder Sex ist, ich denke man muss es nicht gesehen haben in der Hoffnung der Streifen würde dadurch interessanter ausfallen. Was dieses Werk bietet kann durch solch quantitative Einlagen nicht aufgewertet werden, geschweige denn den Film in unterhaltsame Gefilde umlenken.

Zunächst erleben wir in den ersten 45 Minuten nur einen Flirt nach dem nächsten und das Ausüben des Beischlafes in verschiedenen Varianten eingebettet in so etwas wie einen ganz dünnen roten Faden, der aber eigentlich gar nicht berücksichtigt wird. Die Dialoge sind dümmlicher Natur, aber ohnehin nur Nebensache, da die weiblichen Darsteller der härteren Sparte Nacktfilm entliehen sind. Die Herren fallen höchstens wegen ihrer heutzutage so lächerlich wirkenden Bärte auf. Schauspielern kann da niemand, wäre auch was schade, denn Regisseur Joe D'Amato hat auch keine Ahnung von Regie, diese noch nie gehabt, und da wäre das ohnehin Perlen vor die Säue gewesen.

Die Sexszenen werden bei der von mir gesichteten FSK 16-Fassung freilich nur angedeutet, aber dies so abrupt, dass viele harmlosere Erotikfilmchen mit selbiger FSK-Freigabe im Privatfernsehen dem Freizeitspanner wesentlich mehr nackte Haut bieten als es „Porno Holocaust“ je könnte. Was uns da an Erotik geboten wird ist weder sonderlich fantasiereich bzw. anregend präsentiert, noch in irgendeiner Weise überhaupt erotisch zu nennen. Für den Großteil des Zielpublikums, das es gerne groß und üppig mag, ist da ohnehin nichts zu erblicken. Aber selbst der hartgesottenste Fan des Sex-Genres müsste von der Lustlosigkeit der Darsteller und der uninspirierten Herangehensweise enttäuscht sein. Wer als Zielpublikum trotzdem noch übrig bleibt und das ganze irre scharf findet, wird auch mit dem „Express“-Titelgirl des Tages die Möglichkeit finden seinen Trieben nachzugeben.

Die einzig halbwegs anzutreffenden Pluspunkte sind die Inselkulisse und die Filmmusik. Da die Musik aber lediglich okay zu nennen ist und die Möglichkeiten der schönen Insel nicht genügend ausgenutzt werden, ist auch dies nicht wirklich der Erwähnung wert.

Nach besagten 45 Minuten erscheint der erste Zombie, und ob der nun wirklich einer ist darf angezweifelt werden. Es scheint viel eher ein Mutant zu sein, ebenso wie die Untoten, die ihm noch folgen werden. Sie alle waren irgendwelchen Tests ausgesetzt, oder haben die Nachwirkungen dieser durch Betreten der Insel am eigenen Leib spüren müssen. Sie morden nicht aus Hunger, wie es für einen Zombie üblich ist, sondern töten ihre Opfer auf sehr menschliche Art, z.B. durch erwürgen. Außerdem besitzen sie nach wie vor ihren Sextrieb.

Dass gerade dies eine gute Idee hätte sein können, kann man in den Händen Joe D'Amatos vollends vergessen. Zombies töten aus dem Urtrieb des Fressens heraus. Was läge da näher, dass sie auch noch den anderen Urtrieb spüren? Wie gesagt, im hier besprochenen Werk verpufft diese Idee, zumindest habe ich sie vorher aber noch in einem anderen Film erleben dürfen. Erst mit „Braindead" und später auch im Kurzfilm „The Wildlife Explorer" wurde an dieser Idee weiter angeknüpft.

Das Make Up der Mutanten ist erbärmlich zu nennen, die Attacken der Wesen und deren Folgen sind auch für eine 16er-Version viel zu harmlos ausgefallen und tricktechnisch schlecht umgesetzt. Über das Drehbuch und die Logik des Streifens sollte man besser den Mantel des Schweigens legen. Dennoch einige Anmerkungen hierzu: die Frauen laufen selbst dann noch nackt herum und treiben es mit allem was sich bewegt, wenn die Zombiebedrohung bekannt ist und auch dann noch wenn so ziemlich jeder tot ist. Selbst wenn kaum noch wer lebt beschäftigen sich die letzten Überlebenden mit irgendwelchen Nichtigkeiten ohne dabei auch nur einen kurzen Gedanken an ihren eigenen Schutz zu verschwenden, ...

Ach, wie lange könnte ich diese Liste an Unsinnigkeiten noch fortsetzen. Außerdem darf mal wieder das Element "Monster liebt Frau" nicht fehlen. Ob ich das in dieser von "Frankensteins Braut", "Octaman" und Co abgeleiteten Form in einem Zombiefilm schon jemals sah, entzieht sich meiner Erinnerung, ich glaube aber derartiges im Zombiebereich noch nicht erlebt zu haben. Klar gab es auch in diesem Sub-Genre Liebschaften, wie beispielsweise in "Return Of The Living Dead 3" oder „Zombie Honeymoon", nicht aber in jener Form, in welcher der Zombie/der Mutant nichts menschliches mehr in sich trägt und erst in diesem Zustand die Frau kennen lernt.

Wenn der Zombie nun noch dem entführten Weib in seiner Behausung Geschenke wie beispielsweise Obst und Blumen überreicht, was ein wenig an das affige Verhalten eines „Koloss von Konga“ erinnert, könnte man fast meinen hier entstehe eher ein neuer Urstamm, bei so viel menschlichem Verhalten. Dieser Vergleich ist ohnehin nicht ganz verkehrt, dringen die Inselforscher doch schließlich in deren Territorium ein, und das würden Wilde als Bedrohung ansehen. Liefert D'Amato damit eine verfrühte Version von Romeros Vision von „Land Of The Dead“? Nein, denn dafür waren D'Amatos Werke ohnehin schon immer viel zu sehr im Tunnelblick verankert, als dass er diese soziale Ungerechtigkeit überhaupt erkennen könnte. Die Einheimischen sind Mutanten und deshalb Monster, Punkt! Und somit hat der Mutant keine Menschenrechte, und der Mensch als das Überwesen das Recht über alles und jeden zu bestimmen und zu verfügen wie es ihm gerade passt. Der Zombie hat sich dem zu fügen.

Da die Inselforscher keine Waffen bei sich tragen, bleiben uns zumindest hirnlose Actionszenen erspart, die das Budget wahrscheinlich zu weit in die Höhe getrieben hätten. Andererseits ist es schon faszinierend mit anzusehen, wie wirklich keiner der Protagonisten auf die Idee kommt, sich zum natürlichen Schutz vor der Gefahr eine Waffe zu beschaffen, und sei es nur ein spitzer Stock, um einmal mit den Gedanken der Monty Python-Truppe zu spielen.

Dieses Filmprojekt ist voll in die Hose gegangen, was thematisch in dieser Doppeldeutigkeit sicherlich nicht zwingend verkehrt hätte sein müssen. Wäre mir der Titel "Porno Holocaust" vorher geläufig gewesen, wäre ich sicherlich mit anderen Erwartungen an den Film herangegangen. Nicht dass mir „Insel der Zombies“ dann gefallen hätte, aber der Schock des zu Sehenden wäre mir erspart geblieben. Ob nun vorgewarnt oder nicht, "Porno Holocaust" ist ein Film der Zombie-Fans dreist verarscht und verärgert und selbst dann nicht gefallen dürfte, wenn man ein Freund des legendären Bahnhofskinos ist.

Sonntag, 24. Juni 2012

DIE NACHT DER ZOMBIES (Night Of The Zombies 1981 Joel M. Reed)


Ein Agent begibt sich mit einem Wissenschaftler nach Bayern, um in den Bergen ein bestimmtes Gas aus dem zweiten Weltkrieg zu suchen. Dabei stoßen sie auf untote Nazi-Soldaten...


Die Umnachtung der Zombie-Autoren...

Ich dachte bereits mit „Oase der Zombies“ den Tiefpunkt filmischen Schaffens bezüglich Genre-Beiträge um Nazi-Zombies gesichtet zu haben. Bot dieser jedoch zumindest ab und an noch manch trashig-fröhlichen Moment, so ist „Die Nacht der Zombies“ von „Blood Sucking Freaks“-Regisseur Joel M. Reed nicht nur nicht unfreiwillig komisch, sondern auch noch so dilettantisch umgesetzt, wie es dilettantischer kaum noch geht.

Das beginnt bei einer hanebüchenen Story, die das Minimum ihres Gehalts bereits viel zu früh preisgibt, das geht weiter mit der lückenhaften Fortführung besagter Geschichte, in der kaum ein Satz dem nächsten nicht widerspricht, und es endet bei den äußeren Schauwerten, die gut umgesetzt zumindest den anspruchslosen Zuschauer hätten zufrieden stellen können, diesen stattdessen mit zu schlichter Maskerade und zu seltenen Monstersichtungen enttäuschen.

Im Gegensatz zum legendären „Bloodsucking Freaks“, den ich selbst noch nicht geschaut habe, bleibt das ganze Treiben auch recht unblutig, wobei ich bemerken muss, dass der Film mir geschnitten vorkommt. Manche angedeuteten Gewalttaten enden sehr aprupt. Das muss allerdings noch kein Beweis für das Fehlen von Szenen sein, schließlich ist der Schnitt damit einfach nur ebenso schluderig umgesetzt wie alles andere im Film.

Ein hölzerner Hauptdarsteller, der selbst in einer Seifenoper schauspielerisch negativ aufgefallen wäre, stampft stumpf durch eine Geschichte welche die ein oder andere sympathische Idee mit an Bord hat, um diesen gnadenlos die Möglichkeit zum Entfalten zu rauben. Selbst mit infantilsten Augen gesichtet, wirkt „Die Nacht der Zombies“ lediglich stümperhaft zusammengeflickt, nie wie ein Ganzes und nie eine Minute am Stück logisch. Heutige Asylum-Filme a la „Mega Shark vs. Giant Octopus“ machen mehr Sinn.

Zwar wird „Die Nacht der Zombies“ durch seine trottelig untalentierte Umsetzung nie so langweilig, er wird auf der anderen Seite aber auch nie lustig. Das ist schon schade, denn nur selten hat etwas so nach dem Versuch einen Film zu drehen ausgesehen, sprich wie eine brüchige, filmische Baustelle, wie der hier besprochene Streifen. Da wäre unfreiwillige Komik nicht nur wünschenswert und hilfreich gewesen, sondern fast schon selbstverständlich. Aber es besitzt nun einmal jede Regel ihre Ausnahme.

Also, Finger weg von „Die Nacht der Zombies“, und nicht verwechseln mit dem gleichnamigen Film aus den 00er Jahren. Wer Nazi-Zombies sichten will sollte lieber zum ersten Teil der „Outpost“-Reihe greifen, oder zu „Die Schreckensmacht der Zombies“. „Die Nacht der Zombies“ ist nicht nur ein schlechter Film und ein Blender seiner eigenen Thematik, er ist verschwendete Lebenszeit, die nicht einmal schmackhafte Zigarren für graue Herren zaubert.


DIE DELEGATION (1970 Rainer Erler)


Will Roscinsky ist TV-Journalist und soll eine Reportage zum Thema Ufos auf die Beine stellen. Er selbst kann als Realist mit dem Thema nichts anfangen, erweitert seine Recherchen jedoch in die USA hinein, um dem Bericht mehr Substanz zu verleihen. Dabei stößt Roscinsky auf die Spur einer möglichen außerirdischen Delegation. Aus dem Zyniker wird ein Mann, der fest davon überzeugt ist, dass sich Außerirdische auf der Erde befinden. So geht er ihren Spuren nach...


Ich glaube, also weiß ich...

Wir schreiben das Jahr 1970, und Rainer Erler tut etwas, womit 1999 „The Blair Witch Project“ eine Welle der Nachahmer nach sich ziehen wird. Er dreht eine fiktive Reportage, die wie die authentische Rohfassung einer richtigen aussieht. Sind solche Aufnahmen später inhaltlich fast ausschließlich Hobbyfilmern zu verdanken, so ist zeitbedingt in diesem deutschen Science Fiction noch ein Profi-Team für das was wir sehen verantwortlich. Dennoch sind die Parallelen zu den heute so beliebten Pseudo-Realaufnahmen a la „Paranormal Activity“, „Cloverfield“ und Co nicht zu übersehen, ebenso wie das freudige Bedienen am Vorbild „Krieg der Welten“, ein Hörspiel das Jahrzehnte zuvor selbiges für das Medium Radio darstellte. Mit dem selben Ergebnis - hier wie dort glaubten uninformierte Zuschauer an die Echtheit dieser Produkte.

Legendär entstand der Mythos einer Massenpanik zu Zeiten des „Krieg der Welten“-Hörspiels. Was an dieser Legende wahr ist sei einmal dahingestellt, „Die Delegation“ hatte zumindest keinen solch negativen Einfluss auf die Leichtgläubigen, dreht er das Thema doch um. Da kommen keine aggressiven Aliens aus dem All, sondern die Suche nach Außerirdischen wird zur Beschäftigung mit dem Wesen Mensch und der Frage in wie weit dieser aggressiv ist. Ist er überhaupt intelligent, und was ist eigentlich Intelligenz?

Sachlich, philosophisch und intelligent geht „Die Delegation - Eine utopische Reportage“ (Alternativtitel) diesen Fragen nach, wobei der Zuschauer diesbezüglich in der Lage sein muss den Film Erlers von der Dokumentation Roscinskys zu unterscheiden, da dieser immer mehr in den esoterischen Bereich abrutscht und seine ursprünglich sachliche Dokumentation immer unprofessioneller und unseriöser wird. Dabei stellt sich nur bedingt die Frage ob der Reporter Phantomen nachjagt oder einer wahrhaftigen außerirdischen Delegation auf der Spur ist. Nach der Hälfte der Laufzeit geht es eigentlich um Roscinsky selbst und der Frage wie klar er eigentlich noch bei Verstand ist.

Der Fernsehsender wendet sich von ihm ab, und ein Kameramann verschwindet, da er weder an die Geschichte glaubt, noch die extreme Art Roscinskys ertragen kann. Der nächste Kameramann arbeitet gratis, und wenn wir ihn während einer der entscheidendsten Phasen des Streifens, Privataufnahmen des Duos an einem Strand zusammen mit einer Frau, auch mal vor der Kamera erleben dürfen, eröffnet uns seine Hippie-Art Ahnungen darüber warum Roscinsky im Laufe seiner Untersuchungen wurde was er wurde.

Ob Roscinsky auf Außerirdische stößt oder nicht ist für Erler nicht wirklich von Belang, dreht er seinen Film doch so, dass man sowohl dem Reporter glauben darf, als auch dem Zyniker in einem selbst. Selbst deutlich wirkende Beweise, wie Fotos gegen Ende des Streifens, bleiben anzuzweifeln. Und neben Erlers optischen und stilistischen Spiel mit der Authentizität der Reportage liegt darin der eigentliche Reiz des Filmes. Verrennt sich der Journalist in eine Idee oder nicht? Wie auch immer die Antwort auf diese Frage ausfällt, seine Seriosität verliert der gute Mann so oder so, wird er doch vom Forschenden zum Gläubigen.

Während die Geschichte um Roscinsky und seiner Mission frei erfunden ist, sind die wissenschaftlichen Statements laut Aussage Erlers tatsächlich authentisch. Das gibt dem Film zusätzlichen Halt. Gerade heute, wo die Thematik um Ufos und Außerirdische bis zum Erbrechen behandelt wurde, tut es dem Film gut verschiedene Eckpfeiler zu besitzen, die sein Thema tragen. Lange Zeit kann die Faszination der realistisch wirkenden Reportage „Die Delegation“ retten, philosophische und wissenschaftliche Denkansätze bereichern den Intellekt des Zuschauers, und im Laufe der Geschichte wird das Hauptaugenmerk Aliens durch das neue Zentrum Roscinsky abgelöst.

Dementsprechend wird einiges vom Zuschauer abgefordert, der eventuell Probleme mit wackeligen Bildern haben kann, sich konzentrieren muss und mit vielen inhaltlichen Fragen, inklusive der Kernfrage des Streifens, allein gelassen wird, um selber über die vielschichtigen Themen nachzugrübeln. Erwähnenswert ist jedoch zudem, dass „Die Delegation" trotz aller Tiefgründigkeit und abgeforderter Konzentration auch den Bereich des Unterhaltungsfilmes zu erfüllen weiß, wird er doch nie langweilig und fühlt man sich doch gut unterhalten in einem Werk, in welchem das Publikum mündig behandelt wird.

Es ist zwar schön, dass Erlers Film den Weg auf DVD geschafft hat (sowohl als Einzel-DVD, als auch als Teil einer Erler-Box), etwas enttäuscht war ich jedoch, als ich feststellen musste, dass der Abspann verändert wurde. Dieser ist nun ein klassischer, wenn auch kurzer, Abspann mit weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund. Im Original durfte man die Credits des Streifens während des Ausdrucks aus einem alten Nadeldrucker verfolgen. Das gab dem Film einen zusätzlichen nostalgischen Wert neben all den Elementen, die ihn gnadenlos auf seine Herstellungszeit verweisen. Um so schöner ist es festzustellen, dass die Thematik, von Mode und Technik einmal abgesehen, heute noch genau so aktuell wirkt wie damals, da sich von der Kenntnis über Ufos und außerirdische Lebensformen nichts geändert hat.

Lediglich das Statement eines Passanten verweist darauf, in welcher Art das Thema heute etwas anders angegangen würde. Da erzählt ein recht intelligent wirkender Student von Sichtweisen, die damals noch die eines Außenseiters waren und heute von der Allgemeinheit so angenommen wurden und zum Standart-Blickwinkel vieler Menschen wurden. Inhaltlich geht es hierbei um die Distanz zum Menschen als Überwesen und der Meinung, dass technischer Fortschritt nicht mit Intelligenz gleichzusetzen ist.

Der Verweis auf die Moral einer Gesellschaft rückt bei der Frage nach Intelligenz heutzutage in den Vordergrund - ein ethischer Fortschritt, der von Religionen nur all zu gerne für ihre Zwecke ausgenutzt wird. Vielleicht wäre noch etwas Platz gewesen um auch diesen Themenbereich anklingen zu lassen. Vielleicht war hierfür damals auch einfach noch nicht die Zeit reif. Aber auch ohne diesen Zusatz ist Erler ein außergewöhnlicher Film gelungen, der längst ein Geheim-Tipp in Cineasten-Kreisen ist.


Sonntag, 17. Juni 2012

ZWEI WIE PECH UND SCHWEFEL (Altrimenti ci arrabbiamo 1974 Marcello Fondato)


Zwei Haudegen legen sich mit der Mafia an, da deren Mitglieder ihr heißgeliebtes Strandbuggy auf dem Gewissen haben...


Babba-beo, babba-beo...

Man ist vom Prügelduo Bud Spencer und Terence Hill schon so einiges gewohnt. Der einzig realistisch betrachtet anspruchsvolle Film der beiden war "Die rechte und die linke Hand des Teufels". Alle weiteren gemeinsame Werke waren schlichte Fun-Filme für zwischendurch, mal mehr gelungen und mal weniger. Die Handlung dieser Werke war jeweils hauchdünn, bis zum Jahr 1973 war "Zwei wie Pech und Schwefel" jedoch ganz deutlich der Spitzenreiter in diesem Bereich. Da darf man schon zu Recht fragen, wie es eine Komödie schafft, die gerade einmal von einer prügelfreudigen Schadensersatzforderung an die Mafia handelt, derart gut zu unterhalten.

„Zwei wie Pech und Schwefel“ ist wie so ziemlich jeder andere Beitrag des Prügel-Duos weit von jeglicher Realtität entfernt. Zwei Bauarbeiter-Typen geben der Mafia eins auf die 12 und überleben diesen Mut nicht nur, sondern kommen auch immer als die Sieger aus jeglicher Situation heraus. Aber der Charme dieses Filmes liegt mitunter gerade an seiner herrlichen Naivität, welche den Mann von nebenan zu einer Art Superheld erklärt.

Marcello Fondato kümmert sich einfach nicht darum irgendetwas zu vertiefen was ohnehin nicht zu vertiefen nötig wäre und baut auf der Stärke des Teams Spencer/Hill auf. Selten durften diese so hemmungslos herumblödeln wie hier. Ganz deutlich wird dies in der grandios albernen Gesangsszene, eine Kultszene für jeden Fan des Duos. Den Höhepunkt erreicht besagte Szene dann, wenn Bud Spencer sich Richtung Frauenchor schleicht und mit heller Stimme deren Part mitsingt.

Alles guckt sich weit hergeholt, alles wird nur inszeniert für den schlichten Lacher. Konsequent kann man da nur sagen, nur selten geben sich Komödien derart der Banalität hin und kommen damit zu einem solch lustigen Ergebnis. Entweder schütten sie einen lustlos mit Nonsens zu, wie so manche Leslie Nielsen-Entgleisung oder sie meiden ein derartiges Niveau von Anfang an.

Unwichtigkeiten wie der Würstchen- und Bierwettbewerb werden derart zelebriert, dass sicherlich der ein oder andere spätestens dort damals den Kinosaal verlassen hat. Aber Spencer/Hill-Filme standen schon immer für eine ganz individuelle Sorte Actionfilm, die nie komplett ohne beide Darsteller zu funktionieren wusste. Das ist vielleicht auch besser so. Ich will mir gar nicht vorstellen wie so ein Prügelfilmchen mit geistigem Dünnschiss im Look der Jahrtausendwende und im Wandel des Kinos seit damals heute aussehen würde, wenn es auch ohne die beiden Stars umzusetzen gewesen wäre.

Wundern darf man sich sicherlich über das Auftauchen von Donald Pleasance. Dieser darf eine wunderbar überdrehte Comicrolle spielen, ebenso wie sein Filmpartner, der dicke Mafiachef. Beide hätten genauso gut in einem „Clever & Smart"-Heft auftauchen können, besitzen keinerlei Tiefsinn, so wie jeder Charakter dieses Streifens, und so funktionieren sie eben auch nur auf der dünnen Basis dieses Filmes. Ihre Rollen in anderen Mafiasituationen weiter gedacht wären schon nicht mehr wirksam.

Zu guter Letzt sei noch die wunderbare Musik erwähnt, ein Trumpf des Großteils der Spencer/Hill-Filme und wie so oft schlicht komponiert aber ohrwurmverdächtig ausgefallen. Andere Lieder braucht man hier kaum suchen.

Dass sich die beiden Hauptdarsteller diesmal auch anders zu wehren wissen als immer nur mit bloßen Fäusten, ist weder Stilbruch noch negativ zu betrachten. Im Gegenteil, Szenen wie die Zerstörung der parkenden Autos durch andere Autos mittels eines Gabelstaplers sind lustig inszeniert. Dass es immer das selbe in Grün ist, wie beispielsweise die Eingangssequenz in "Vier Fäuste für ein Halleluja" (dort waren es Bohnen und Pferde anstatt Autos), ist dabei ziemlich schnuppe. So lang der Spaß an der Freude beim Zuschauer überspringt, kann nicht zu viel verkehrt gemacht worden sein, zumal die Filme u.a. von Wiederholungen und Übereinstimmungen in Form von Running Gags leben. Es war seinerzeit ohnehin ein kleines Wunder, dass sich die Prügeleien der beiden Stars auch außerhalb des Western-Genres wirksam anwenden ließen. Dass „Zwei wie Pech und Schwefel“ letzten Endes nur für die schnelle Mark gedreht wurde, dürfte jedem klar sein, manchmal geht ein solches Rezept halt trotzdem auf.

Man muss dem Film zu gute halten, dass er nichts Großes sein will und seine Plumpheit nicht zufälliger Natur ist, sondern geradezu provoziert wurde. Ob es irgendwem mundet, der es in der Regel nicht so mit Spencer/Hill-Filmen hat, ist fraglich. In meinen Augen ist dieser Streifen geradezu auf den Fan zugeschnitten und bietet keinerlei Zusatzfreuden für andere Cineasten. Aber wen juckt das, wenn im Gegenzug den Fans des Duos mit "Zwei wie Pech und Schwefel" ein solch großartiges, unverfälschtes Geschenk gemacht wurde?


AMERICAN PIE 4 - DIE NÄCHSTE GENERATION (American Pie Presents: Band Camp 2005 Steve Rash)


Matt Stifler muss aufgrund eines Streiches ungewollt in ein Camp des Schulorchesters reisen. Dort will er nackte Frauen filmen. Doch es passiert ihm etwas, das in der Familie der Stiflers als unwürdig gilt: er entdeckt erstmals wahre Gefühle zu einem Mädchen...


Noch‘n Stifler...

Ich weiß nicht was so verkehrt an dieser Pseudo-Fortsetzung sein soll, so schlecht wie der Film vielerorts gemacht wird. Ignoriert man den Titel und vergleicht man den Film nicht direkt mit den drei Kinoerfolgen der "American Pie"-Reihe, ist eine typische Teenie-Komödie dabei heraus gekommen.

Vergleicht man diese Videoproduktion dennoch mit den bekannten Vorgängern fällt in erster Linie die schlichtere Charakterzeichnung auf. Diese ist recht eindimensional ausgefallen, und Hauptaugenmerk ist ohnehin nur der Bruder Stifflers. Der Rest sind austauschbare Figuren, manche glaubhaft wirkend (die Orchesterleiterin) und manche nicht (der Zimmergenosse). Was Stiffler selbst betrifft, so wurde dieser zumindest mit Tad Hilgenbrinck passend besetzt.

In "American Pie 2" kam diese Figur von wem anders gespielt bereits vor, und da erfuhren wir, dass er versucht seinen Bruder nachzuahmen. Dieser Aspekt wurde auch in der hier besprochenen Fortsetzung konsequent eingehalten. Und Hilgenbrinck versteht es den Original-Stiffler zu imitieren, und ist dabei (ob gewollt oder nicht) einfach schlechter als der Echte. Genau so würde ich mir das auch bei einem echten Bruder vorstellen, der sein großes Vorbild nachahmt, aber nie dessen Ruf oder Können erreicht.

Die Geschichte von Teil 4 ist ebenso banal wie jene des ersten "American Pie", hier darf man dem Film im direkten Vergleich keinen Vorwurf machen. Zwei bekannte Gesichter aus der Original-Reihe sind als Gäste mit dabei: Eugene Levy als Mr. Levenstein und der Sherminator. Ersterer wurde recht okay eingebaut, sorgt auch für ein paar Lacher, der Sherminator hingegen wirkt fehl am Platz, wird er doch lediglich als Sympathiefigur eingesetzt, und sein Job ist bei all seinen Macken doch sehr  unglaubwürdig gewählt. Witzig ist er gar nicht und seine Mission peinlich anstatt witzig. Zumindest kommt er seltener vor als Levy, was ein kleiner Trost ist. Andere Figuren der Vorgänger finden Erwähnung, interessant ist dabei höchstens jedoch die Information, dass die Flötennymphomanin nun schwanger ist.

Man stellt somit einiges auf die Beine um einen gewissen Bezug zu den berühmten drei Filmen herzustellen. Der Rest folgt jedoch, wie bereits erwähnt, den Spuren typischer Teenie-Komödien. Dieses Sub-Genre muss man freilich mögen um Gefallen an „American Pie präsentiert: Die nächste Generation“ (Alternativtitel) zu finden. Mit einem anderen Titel wäre seine Bewertungsquote auf den großen Filmseiten im Internet sicherlich ein wenig höher ausgefallen, aber damit muss ein solches Werk nun einmal leben, wenn man kostengünstig auf der finanziellen Erfolgswelle der großen Brüder mitsurfen möchte.

Der einzig wahre Dorn im Auge innerhalb der flachen Geschichte ist der Part der erzählt wie die Heldin unglaubwürdig an ihr Stipendium kommt, sowie die Situation mit der Sperma-Sonnenmilch. Diese Art Humor ist man bei „American Pie“ sicherlich gewöhnt, ist also keine Überraschung dass sie auch in Teil 4 um die Ecke linst, aber hätte man nicht bitte eine Gruppenmasturbation erwähnen sollen, um selbst im Klamauk etwas glaubwürdig bleiben zu können? Dass die Packung von einem allein in so kurzer Zeit so voll gemacht wurde ist schon etwas zu extremst weit hergeholt, selbst für geistfreie Dünnpfiff-Komik.

Für leichte anspruchslose Unterhaltung ist dennoch gesorgt. Wer Filme noch etwas unter Niveau von "Party Animals" oder "Slackers" mag, kann auch hier getrost reinschalten. Wer von diesen Filmen nicht einmal etwas gehört hat, sollte "American Pie 4" besser vergessen anstatt ihn zu sichten.


Samstag, 16. Juni 2012

DER OMEGA-MANN (The Omega Man 1971 Boris Sagal)


Robert Neville ist der letzte gesunde Mensch auf Erden, seit die Menschheit von einer bakteriellen Waffe ausgerottet wurde. Tagsüber beherrscht er einsam die Stadt, nachts kommen die restlichen Überlebenden hervor: Mutanten, die sich selbst den heiligen Auftrag erteilt haben alles zu vernichten, was einst für die Moderne stand. Wissenschaftler Neville steht ganz oben auf der Liste...


Religion als Mutation...

Als der Stoff des letzten Menschen auf Erden das erste Mal 1964 verfilmt wurde, da wurde aufgrund unangenehmer Umstände aus einem größeren Projekt ein finanziell günstig heruntergekurbelter Streifen, der den Autor der Buchvorlage so zuwider war, dass er sich von dem Film distanzierte. Dabei war „The Last Man On Earth“ mit Vincent Price ein sehr gelungener Film. Bis zur zweiten Verfilmung hat es nur sieben Jahre gedauert. Mit der Besetzung Charlton Hestons in der Hauptrolle hatte man jemanden an Bord der 1968 bereits schon einmal in einem erfolgreichen, gesellschaftskritischen Science Fiction-Film mitgespielt hat, und der wurde auch gleich ein großer Erfolg. Die Rede ist von „Planet der Affen“.

Ob  der Buchautor Richard Matheson diesmal zufrieden sein durfte, darf zurecht angezweifelt werden, ist aus seiner Buchvorlage „I Am Legend“, die 2007 noch einmal als Großproduktion neu verfilmt wurde (diesmal mit Star Will Smith) doch eine ziemlich andere Geschichte geworden, einzig durch den Kniff dass es sich bei den mutierten Überlebenden nicht um reine Monster handelt sondern um denkende Kreaturen, die fast kaum etwas von ihrem menschlichen Wesen verloren haben. Sie reden, sie wissen was mit ihnen passiert ist, aber sie sind mutiert, sehen zerfallen aus und können bei Dunkelheit gut sehen, während Tageslicht sie von der Straße verbannt - das letzte Überbleibsel der stark Vampir-orientierten Bestien der Buchvorlage und der ersten Verfilmung.

Regisseur Boris Sagal, der ein Vieldreher war und neben diversen TV-Serien auch für die 80er Jahre Neuverfilmungen von „Das Tagebuch der Anne Frank“ und „Bei Anruf Mord“ verantwortlich war, verfolgt mit der zweiten Verfilmung des letzten Menschen gegen Mutanten ein ganz anderes Ziel als die Buchvorlage. Sagal lässt die ewigen Streithähne Wissenschaft und Religion aufeinander los, was in unserem Land sich deshalb so interessant gucken lässt, da wir durch Film und Fernsehen so gut über die kulturell sehr andersartige USA bestens informiert sind.

Sagal orientiert sich stark an die in den USA zuhauf vorzufindenden regionalen Prediger, welche die Religionsfreiheit gerne mit radikalen Reden und Aufforderungen auszunutzen wissen und kein Vergleich dessen sind, was Vertreter des Glaubens hier bei uns so treiben. Sie prangern den Fortschritt an. Wissenschaft ist böse. Und sie fühlen sich bestätigt, da die Menschheit schließlich von ihr ausgelöscht wurde. Großartig arbeitet das Drehbuch die verdrehte Argumentation des anführenden Predigers Matthias heraus, der die politischen Übeltäter gegen die lediglich forschenden Wissenschaftler austauscht, und, würde man sich auf eine Tat Gottes berufen, die nicht zu übersehenden Bestraften zu den Auserwählten Gottes macht, anstatt den einzig unversehrten Menschen der Katastrophe zum Auserwählten zu erklären.

Sagal bezieht deutlich Stellung, indem er uns Neville zur Identifikationsfigur macht und dem zur Entstehungszeit modernen Leben eine Art nostalgischen Touch beschert, weil Neville all das was das Publikum einst kannte zum Wohlfühlen zelebriert und dem fanatischen Matthias deshalb ein Dorn in seinen weißen Augen ist. Mit europäischem Blick von heute erfährt die Figur des Neville einige fragwürdige Seiten, so bescheuert wie er mit seinen Waffen durch die Gegend ballert und so barbarisch wie er teilweise über seine Feinde schimpft. Ob das in Amerika damals ähnlich betrachtet wurde ist schwer zu beurteilen, lässt sich aber zumindest als interessanten Diskussionsansatz vermuten, da im Film irgendwann die Aussage fällt, man habe Angst gehabt sich in der Stadt frei zu bewegen, so wild wie Neville auf alles schoss was sich bewegte.

Ohnehin geht die Geschichte von „Der Omega Mann“ weit über das Spiel Wissenschaft gegen Religion hinaus, befasst er sich doch nebenbei mit der Frage, wer überhaupt das Anrecht auf das Ausleben seiner Existenz hat, wenn es denn nur eine Seite geben dürfte. Steht Neville als letzte Ausnahme überhaupt noch für die Menschheit, oder müsste er sich der Masse fügen, da diese nun die Normen festsetzt? Was normal ist und was nicht ist immer eine Frage der Zeit in der man lebt, und die ist immer im Wandel.

Objektiv wird diese Thematik nicht behandelt, immerhin ist die Mutation theoretisch heilbar, wofür schließlich auch die Hauptfigur Neville steht, und selbst die Mutanten sind in keiner Schlussphase ihres Verfalls angekommen. Auch sie sterben teilweise noch durch die bakterielle Seuche, die sich noch immer unsichtbar aktiv austobt. Neville wird zwischen den Zeilen somit immer noch als das Vorzeigeleben bestätigt.

Im Vergleich zur ersten Verfilmung mit Vincent Price fällt neben der thematischen Verlagerung der Mutation auf, dass auch die Hauptfigur anders thematisiert wird. Der letzte Mensch ist nun kein geistig gesunder Pfähler mehr, sondern ein einsamer Mensch mit vielen psychischen Macken aufgrund seiner langen Einsamkeit. Zwar wird dieser Bereich der Thematik noch nicht derart vertieft wie es wirklich möglich gewesen wäre, und er wird dann über Bord geworfen, wenn die Geschichte zur Hälfte hin eine entscheidende Wendung nimmt, aber für einen Unterhaltungsfilm der frühen 70er Jahre wird dieser Bereich schon recht gut herausgearbeitet.

Beleuchtete man in der ersten Verfilmung viel die Vergangenheit des Helden (so zeigte man beispielsweise wie er den Ausbruch der Seuche erlebte und welch persönliches Schicksal damit verbunden war), so dienen Rückblicke hier nur den sachlichen Hintergründen: was ist damals passiert, und warum ist Neville nicht mutiert?! Beide Wege bieten interessante Aspekte die Geschichte zu erzählen, und hat man beide Verfilmungen gesehen, so fällt es schwer auszumachen, welches wohl die bessere von beiden ist. Zumindest geht es mir so. Da finde ich es um so trauriger, dass bei solch zwei großartigen Ergebnissen dieses einzigartigen Stoffes die 00er Jahre nur zwei müde Verfilmungen hervorbrachten. Das eine war eine Billigproduktion mit dem Titel „I Am Omega“, das andere eine Großproduktion mit dem Buchtitel „I Am Legend“, die erneut bewies, wie oberflächlich das Hollywood der 00er Jahre geworden war, selbst dann, wenn man dort einen anspruchsvollen Stoff verfilmte.

„Der Omega Mann“ hingegen ist zwar ein Werk seiner Zeit und nicht von den 70er Jahren zu trennen, aufgrund seiner großartigen Inszenierung ist aber zumindest sein Unterhaltungswert zeitlos zu nennen. Heston weiß in der tragenden Rolle Nevilles zu überzeugen. Die Geschichte über Religionswahn weiß durch die Nähe zum Zuschauer und durch interessante Wendungen immer wieder zu packen ohne einen Abbruch zu erleben. Und die Inszenierung weiß allein wegen der trostlosen Bilder einer leeren Großstadt zu überzeugen, die noch heute zu faszinieren wissen und Glaubwürdigkeit versprühen.

Ein sympathischer, schlichter Soundtrack einer in seiner Zeit festsitzender Combo bereichert die stimmige Atmosphäre des Streifens ebenso. Die Maske der Mutanten ist schlicht aber wirksam, das Erzähltempo ruhig aber actiongeladen. Somit kann man die zweite Verfilmung des Buches „I Am Legend“ als gelungen betrachten, auch wenn sie sich von der Vorlage stark distanziert, um thematisch wie stilistisch mitten in seiner Zeit zu baden. Erstaunlich, dass ein solches Werk dennoch zum Evergreen mutieren konnte und längst zu den großen Klassikern jener Ära zählt, in welcher die gesellschaftskritischen Science Fiction-Filme das US-amerikanische Kino heimsuchten.


Dienstag, 12. Juni 2012

ROLLERBALL (1975 Norman Jewison)


Konzerne haben die Macht übernommen. Individualität ist unerwünscht. Der brutale Sport Rollerball wird medial genutzt, um die Bevölkerung mit Nichtigkeiten ruhig zu stellen. Da passt es den Regierenden gar nicht, dass diese beliebte Sportart den Star Jonathan hervorbringt. Da er nicht freiwillig abtreten will, versuchen sie ihn mit radikalen Regeländerungen außer Gefecht zu setzen. Das Spielfeld wird zum Kriegsschauplatz...


Anonymes Opium zum Selbsterhalt bevorzugt...

„Rollerball“ gehört zu den Größen des US-Science Fiction-Kinos der 70er Jahre und verkörpert alles wofür dieses stand: Gesellschaftskritik, eine interessante Geschichte, anspruchsvolle und gleichzeitig kurzweilige Unterhaltung, Tiefgang und die Beteiligung von Fachkräften ihres jeweiligen Bereiches. Das fängt bei Hauptdarsteller James Caan an, der nicht nur gut schauspielert sondern auch weiß mit Rollschuhen umzugehen. Das geht weiter hin zu einer Regie, die alles im Überblick behält und die Herausforderung meistert das chaotische und fiktive Spiel Rollerball dem Zuschauer so nahe zu bringen, dass er später glaubt das Spiel zu kennen.

Das größte Talent dürfte jedoch im Schreiben des Drehbuchs gelegen haben, welches vor kleinen Randideen nur so sprüht (ein flüssiger Computer, Bäume verbrennen zum Freizeitvertreib einer dekadenten Gesellschaft) und es versteht ein glaubwürdiges Zukunftsbild zu erstellen, u.a. deshalb weil es glaubwürdige Charaktere dieser Zeit hervorbringt und es gar wagt selbst die Hauptrolle unsympathisch erscheinen zu lassen. Besonders hervorheben sollte man jedoch den durchdachten, fiktiven Sport, den man nicht nur praktisch erlebt, sondern der auch durch genannte und angewandte Strategien geradezu echt wirkt und den Zuschauer Teil des Publikums werden lässt, da dieses besagte Strategien mit der Zeit einzuordnen weiß, um dem Spielverlauf nicht nur theoretisch zu folgen.

Der Film handelt von einer Gesellschaft die freiwillig auf Freiheiten verzichtet um stattdessen den Luxus genießen zu können. Allerdings zeigt „Rollerball“ uns nur die privilegierte Gesellschaft. Wie es dem einfachen Volk geht erfährt man nicht, was schlichtweg daran liegt dass es für die Geschichte irrelevant ist.

Die Geschichte steht über allem, so dass die Action nie zu sehr in reißerische Momente überschwappt und immer nur Motor der Dramatik ist. Das erfreut allein schon deswegen, weil „Rollerball“ für seine Zeit schon recht brutale Bilder zeigt und damit schnell nur das hätte werden können was er selbst kritisiert. Hier lohnt ein Blick auf „Running Man“, der thematisch gerne ein zweiter „Rollerball" geworden wäre, den man aber nur als Party-Spaß genießen kann, da er voyeuristisch Gewalt zum Selbstzweck präsentiert. Außerdem ist er das ideale Gegenbeispiel zum eben angerissenen Thema ein fiktives Spiel zu durchdenken. In dem Schwarzenegger-Film kapiert der Zuschauer nie den Sinn des Spiels bzw. einzelner Spielphasen. Nicht weil er zu dumm oder die Inszenierung zu unorientiert wäre, sondern weil sich einfach keiner die Mühe gemacht hat zunächst das Spiel zu erfinden, um dann einen Film drum herum zu basteln.

Kommen wir aber zurück zu „Rollerball“: dieser spart psychologisch richtig angewandt mit Musikuntermalung und lässt zwischendurch wie zu Beginn und am Ende meist nur das berühmte, klassische Orgellied „Toccata“ von Bach erklingen. Damit ist ein Gegenpol gesetzt zur im Film gezeigten oberflächlichen Gesellschaft, der Kultur und Bildung am Arsch vorbei geht, während durch die Wahl des Liedes die Monotonie der Zukunftswelt und des mangelnden, kühlen Seelenlebens der Privilegierten unterstrichen wird.

Mit einer Laufzeit von zwei Stunden ist „Rollerball“ selbst diesbezüglich eine Ausnahme seiner Zeit geworden, zumindest für einen Film der als Großevent fürs Kino produziert wurde. Regie führte Norman Jewison, der im Laufe seiner Karriere so unterschiedliche Filme wie „Was diese Frau so alles treibt“ mit Doris Day, „Thomas Crown ist nicht zu fassen“ mit Steve McQueen oder „Bogus“ mit Gérard Depardieu schuf. Sein Folgewerk zu „Rollerball“ war „F.I.S.T. - Ein Mann geht seinen Weg“, jener Film den Kritiker mal hätten schauen sollen bevor sie erst in „Cop Land“ erstaunt darüber berichteten, dass Stallone schauspielern könne. Wo, wenn nicht hier, hat er das je besser bewiesen?

Die Geschichte selbst schaut sich flüssig und wird selbst zu Beginn nie langweilig, wo man 15 Minuten lang einem Sport folgen darf den man nicht kennt. Während einem der Hintergrund der Gesellschaft und wie diese aufgebaut ist etwas schlicht aufgedrückt in Dialogen nahe gebracht wird, nimmt das Drehbuch einem im Gegenzug nicht an die Hand wenn es darum geht zu erkennen warum die Regeländerungen vollzogen werden, wo das Problem liegt, dass Jonathan ein Star ist und warum dieser nicht abtreten will. Hierfür hat man die Geschichte entweder begriffen oder eben nicht.

Gerade die Figur des Jonathan ist einen direkteren Blick wert, ist sie doch nicht der Gegner eines bösen Regierungs-Zukunftsmodells wie in so vielen anderen Filmen wie „Flucht ins 23. Jahrhundert“, „Equilibrium“, „Fahrenheit 451“, sondern jemand der von diesem System profitiert und nur aus reinem Egoismus zum Störfaktor wird. Selbst die leicht vorhandene Gefühlstiefe seines Charakters nährt sich nur aus Egoismus, wurde ihm doch seinerzeit die Frau weggenommen, weil eine höher stehende Person sie anforderte. Der einzige Menschen den er je liebte will er zurück haben, obwohl besagte Frau nie wirklich glücklich war in dieser Partnerschaft. Den Egomanen Jonathan interessiert das trotz aller Liebe nicht. Eine weitere Charakterschwäche offenbart er dann, wenn er aus verletzten Gefühlen heraus jegliche Erinnerung an seine Verflossene löscht.

Man ist, wie in den anderen Bereichen, auch hier konsequent in der Umsetzung und orientiert sich am wichtigsten, an der Geschichte und dem kreierten Hintergrundbild dieser. Jonathan ist inmitten einer uns hier präsentierten Gesellschaft wahrscheinlich das tiefsinnigste und mitfühlendste was diese hervorbringen könnte, so gefühlsmäßig tot, intellektuell desinteressiert und verwöhnt dekadent wie sie ist. „Rollerball“ entstand glücklicher Weise in einer Zeit, in welcher die Köpfe hinter solchen Projekten noch die Psychologie des Stoffes verstanden, etwas das heute im amerikanischen Massenkino nicht mehr vorzufinden ist und nur noch in kleineren Projekten berücksichtigt wird.

Allein aus diesem Grund kann man schon mit dem Finger auf das „Rollerball“-Remake von 2002 zeigen, welches dümmlicher kaum hätte umgesetzt sein können und inhaltlich allein schon falsch ansetzt, da es von dem Beginn der Rollerball-Ära erzählen möchte. Das mag für eine Neuverfilmung lobenswert klingen, da man scheinbar das Original nicht nur nachkauen wollte. Jedoch steht diese Phase nicht für wirklich erzählenswerten Stoff.

Der 2002er „Rollerball“ enttäuscht jedoch noch weitaus mehr als in seiner zu plumpen Umsetzung. Er ist inhaltlich das Gegenteil des Erstlings geworden, indem er ein fragwürdiges Wirtschaftsystem und eine faschistoide Gesellschaft nicht kritisch hinterfragt, etwas das die Köpfe hinter dem Original abgeschreckt hätte. Schließlich stand Jewisons Werk für das komplette Gegenteil, so dass das Remake nicht nur menschlich enttäuscht und Fremdschämen verursacht, sondern auch noch zu einer Beleidigung des Originals wird. Aufgrund seiner hohen Qualität hat der 70er Jahre "Rollerball" ein solch respektloses, rein finanzorientiertes Verhalten nicht verdient.


Montag, 11. Juni 2012

WEN DIE GEISTER LIEBEN (Ghost Town 2008 David Koepp)


Da er während einer Vollnarkose für einige Minuten tot war, sieht der Zahnarzt Bertram Pincus von nun an tote Menschen. Die sind völlig außer sich, dass sie jemand sehen kann und hoffen auf Hilfe. Zu dumm dass Pincus ein Egomane ist...


Die Geister, die keiner rief...

Die Geschichte eines Mannes, der nach seinem klinischen Tod Geister sieht, lockt im Komödiengewand heute sicherlich nur bedingt, gibt es doch seit der 80er Jahre immer wieder Fantasy-Komödien die mit vergleichbaren Ideen arbeiten. Die Besetzung mit dem Briten Ricky Gervais machte mich jedoch neugierig, spielte dieser doch sehr talentiert in seiner pointenreichen wie genial selbstgeschriebenen TV-Serie „The Office“, die zu dem besten gehört was Fernsehen je hervor gebracht hat. Es ist nur leider so, dass Gervais nicht am Buch von „Wen die Geister lieben“ beteiligt war. Man sieht dem Film zwar den starken Einfluss Gervais‘ auf seine Rolle an, aber mehr ist da von seiner Seite aus nicht zu holen.

Stattdessen bastelte Regisseur David Koepp munter am Drehbuch herum, ein Mann den es eher in den ernsten Horrorbereich zieht. So drehte er u.a. den recht erfolgreichen „Echoes“ und die Stephen King-Verfilmung „Das geheime Fenster“ mit Johnny Depp. Einige recht interessante und komödientaugliche Ideen hat er mit im Gepäck, Ideen welche die Grundlage des Streifens bilden. So ist es, in etwa Vergleichbar mit den neu aufgedeckten Wahrheiten der Unsichtbarkeit in „Jagd auf einen Unsichtbaren“, wesentlich lästiger und folgenschwerer Geister in einer Großstadt zu sehen, als der Laie vermuten würde.

Nicht unterscheiden zu können wer lebt und wer tot ist bei einer solch großen Anzahl Verstorbener, macht es besonders schwierig nicht für geisteskrank gehalten zu werden. Da die Geister sich aus gutem Grund auf der Erde aufhalten, sind sie sehr lästig, nun wo sie wissen, dass sie jemand sehen kann. Zum Ende hin erfahren wir sogar, dass der Grund warum Verstorbene auf der Erde wandeln, ein anderer ist als vermutet, womit die Hauptgeschichte ebenfalls umgeworfen wird, in welcher der menschenscheue Zahnarzt sich in jene Frau verliebt, der er als Gefallen für einen Geist ihren neuen Liebhaber ausreden soll.

Hier erweist es sich als besonders knifflige Idee Bertram als menschenscheues Ekel zu charakterisieren, da im Gegensatz zu vergleichbaren Geschichten der Held eben nicht zur gelungenen Alternativlösung in Sachen Partnerwahl wird, sondern, ganz im Gegenteil, er nur der nächste Arsch wäre auf den die Frau des Verstorbenen hereinfallen würde.

Anlehnungen an die berühmte Weihnachtsgeschichte von Dickens sind sicherlich gewollt, auch wenn der Film sich sehr anders gibt. Immerhin steht auch hier der Wandel vom Ekel zum guten Charakter mit Hilfe von Geistern an. Den entscheidendsten Schritt zum besseren Menschen erfährt der Zahnarzt jedoch erst über einen Kollegen, der ihm eine entscheidende Frage stellt.

Inmitten all dieser Vielfalt an Ideen und getragen über den toll agierenden Gervais passiert es jedoch all zu oft, dass „Wen die Geister lieben“ in zu gewöhnliche Momente herabrutscht. Die Eckpfeiler der Geschichte sind gut, der Schluss auf den man hinarbeitet ebenso, aber inmitten dieser großartigen Elemente fehlt es häufig an Witz, kommt die Dramatik zu kurz, wirken die Aussagen zu verkrampft und moralisch und will die Romantik nie anstecken. So können die Stärken des Streifens zwar ein Herabrutschen in eine unterhaltungstechnische Enttäuschung verhindern, sie können den Film auf der anderen Seite jedoch mit so viel Ballast nicht zu einem großen cineastischen Erlebnis werden lassen. Dabei wären die Möglichkeiten durchaus vorhanden gewesen. Ach hätte man doch Gervais Hand ans Drehbuch legen lassen...!

Nachtrag:
Einige Jahre und Sichtungen später muss ich den letzten Absatz revidieren, ist "Wen die Geister lieben" trotz einiger all zu bekannter Abläufe aus früheren Filmen dieser Art doch keineswegs ein Stück Routine mit großen Momenten versehen, sondern ein sensibler Film, der stets den richtigen Ton trifft. Das Drehbuch erweist sich als pfiffig und gekonnt, wie es in Kombination mit einer guten Regie stets Ruhe ausstrahlt, während die Geschichte eigentlich mit einem ordentlichen Tempo voranschreitet, so viel wie es in geradezu klassischer Spielfilm-Laufzeit zu erzählen gibt. Sicherlich steht und fällt vieles mit Hauptdarsteller Gervais, aber er ist bei weitem nicht der einzige Pluspunkt dieses wundervollen Streifens.


Samstag, 9. Juni 2012

TRIANGLE - DIE ANGST KOMMT IN WELLEN (Triangle 2009 Christopher Smith)


Eine Gruppe von Leuten gerät während eines Segelboot-Ausflugs in ein mysteriöses Unwetter. Das Boot hält dem wilden Treiben der Natur nicht stand und so sitzt man auf dem Meer fest - jedoch nur für kurze Zeit. Die Rettung scheint in Form eines großen Schiffes zu nahen, doch entpuppt sich dieses als fast menschenleer. Eine einzelne Person hält sich hier auf, und die macht Jagd auf die gerade angekommenen Gäste...


Und täglich grüßen die Überlebenden...

Sie begann etwas unausgegoren mit dem passablen „Creep“, die Karriere des Regisseurs Christopher Smith. Doch schon zwei Jahre später sollte er mit „Severence - Ein blutiger Betriebsausflug“ beweisen, dass er mehr kann als schlichte Vorbilder nachzuahmen und legte mit besagtem Werk eine ungewöhnliche Mixtur aus Horror und Komödie vor. Da ist es schön zu sehen, dass Smith nun nicht versucht sich bei seinem dritten Langfilm selbst zu kopieren. Er setzt mit „Triangle“ völlig anders an. Liest man sich die Inhaltsangabe durch, klingt der vorliegende Plot nicht gerade nach Innovation, doch das täuscht.

Zwar benötigt der Streifen fast die Hälfte seiner Laufzeit bis er sich inhaltlich überraschend wandelt, aber das ist nicht weiter tragisch, ist „Triangle“ doch bereits in der zunächst routinierten Phase gut erzählt, da er nah an den Protagonisten orientiert ist und eine Atmosphäre versprüht, die einen mitten im Geschehen sein lässt. Dass in der Vorphase noch vieles rätselhaft erscheint, unterstützt die Wirkung des Filmes.

Kommt es zur besagten Wende in der Geschichte, benötigt man einige Zeit der Umorientierung. Glaubt man nun zu wissen wie es weiter geht, kommt es zu einer überraschenden Tat der Heldin, mit welcher uns Smith nicht nur den Stinkefinger zeigt, sondern auch zum Lehrer wird. Denn sein so knifflig wirkender Zaubertrick beruht nur auf dem Unterschied zwischen den Zahlen 2 und 3, und diese Lektion erfahren nicht nur wir, sondern mit uns auch die Heldin der Geschichte.

Ab einem gewissen Punkt, so etwa 20 Minuten vor Schluss, ist es mit den Überraschungen vorbei und „Triangle“ erzählt das, was man von nun an weiß. Er wird zu einem fast fertigen Puzzle, dessen Lücken er nun füllen muss. Zwar weiß der Zuschauer wo welches Puzzleteil hingehört, aber das Wie ist es, welches ihn weiterhin fasziniert dran bleiben lässt. Nach und nach ergeben die rätselhaften Momente der ersten Phase Sinn, und nach und nach schließt sich der Kreis der Erzählung, bis „Triangle“ so endet wie er enden muss.

Dass er auch dabei keinerlei weitere Überraschungen mehr bietet, ist ohne Belang, sollte der Zuschauer dieser Herangehensweise doch dankbar sein, da nur diese die Geschichte konsequent zu einem Ende bringt. Letzten Endes ist die Idee des Streifens derart interessant, (wenn auch nicht wirklich neu, man erinnere sich innerhalb des Genres nur einmal an „Amityville - Face Of Terror“, der die Idee des hier besprochenen Streifens immerhin kurz anriss), dass man es geradezu genießt den zu erwartenden Plot der letzten 20 Minuten eingeweiht zu verfolgen.

Vielleicht schmeckt diese Art der Erzählung nicht jedem, manch einer mag klagen, dass gegen Ende die Luft raus sei, da man ja nun alles wisse. Aber „Triangle“ ist trotz seiner Storytwists und rätselhaften Erscheinung eben keiner jener Horrorfilme, die versprechen diese Eigenschaften bis zum Schluss hin aufrecht zu erhalten. Viel mehr hat man das Gefühl, dass man als eine Art Kumpel des Regisseurs Smith den Weg zum Finale hin gemeinsam beschreitet, während man sich von ihm neugierig zeigen lässt wie sich die einzelnen Puzzleteile ineinander fügen, um am Ende Sinn zu ergeben.


Freitag, 8. Juni 2012

ENDSTATION FORTSCHRITT? (Surviving Progress 2011 Mathieu Roy)


Der immer wieder hoch gepriesene Fortschritt des Menschen hat ihn mittlerweile in eine lebensbedrohliche Situation gebracht. Waren die technischen Errungenschaften eine Sackgasse ohne Ausweg?...


Veraltete Gehirne...

Wenn es um das Thema Natur geht wird der Mensch gerne von Idealisten dämonisiert. Dabei ist er selber Teil der Natur mit dem was er tut, schadet sicherlich nicht nur sich, aber die Natur würde sich ohnehin regenerieren, wenn der Mensch einmal nicht mehr wäre. Will man unsere Spezies also als schlecht oder dumm bezeichnen muss man dies auf sein eigenes Schicksal beziehen, und überraschender Weise geht man diesen richtigen Weg in „Endstation Fortschritt“, der davon berichtet wie der Mensch auf dem besten Wege ist sich selbst auszulöschen wenn er nicht lernt umzudenken.

Mit besagtem Umdenken befasst sich „Endstation Fortschritt“ leider zu selten. Da fallen mahnende und wachrüttelnde Worte, an Vorschlägen wie ein Wandel angegangen werden kann mangelt es jedoch gehörig, dabei wäre doch genau dies der interessante Aspekt dieser Thematik gewesen. Wir leben in einer Zeit in welcher die Leute merken, dass etwas getan werden muss. Die ignoranten Zeiten des Menschen als reines Fortschritttiers im Bewusstsein der Bevölkerung bröckelt seit der 90er Jahre immer mehr und ist kaum noch vorhanden. Warum muss man also 2/3 der Laufzeit damit verschwenden immer wieder zu mahnen und zu schimpfen? Das ist viel vergeudete Zeit, auch wenn diese etwas hart klingende Hauptphase des Streifens schon recht hintergründig untermauert wird.

Interessant wird die Dokumentation im Löwenanteil da z.B. bei der Frage, warum der Mensch trotz seiner vorhandenen Intelligenz nicht in der Lage ist so zu handeln, dass seine eigene Zukunft gesichert ist. Warum bringt er sich und nachkommende Generationen in solch große Gefahr, die für ihn nur schwer umkehrbar ist? Und da kommt manch erkenntnisreiche Antwort auf, die uns in der Evolution knallhart zurück zu den Höhlenmenschen degradiert und aufzeigt, dass wir wie Kinder sind, die mit etwas spielen was sie nicht komplett begreifen.

Auch das mag zunächst nach Idealistengeschwätz klingen, aber die Problematik die der Film anspricht ist nicht von der Hand zu weisen, und was ich hier so salopp zusammenfasse bezieht sich auf verschiedenste Bereiche der Forschung, und so wird in „Endstation Fortschritt“ beispielsweise erläutert welchen Einfluss einzelne Phasen der Evolution auf das menschliche Gehirn hatten.

Der Film der Regisseure Roy und Crooks geht trotz des erhobenem Zeigefingers und der mahnenden Worte bemüht rational vor, versucht gar nicht erst verschiedene Meinungen neutral zu beleuchten, sondern klagt knallhart an. Und dies kleidet einen Film zu dem Thema gut. „Endstation Fortschritt“ klagt an und will damit mehr als lediglich provozieren. Er zeigt mit dem Finger ganz direkt auf Banker und Großkonzerne, nachdem er eindeutig klar gemacht hat, dass es zwei Arten von Fortschritt gibt, und angeprangerte Verursacher zu jener Sorte gehören, welche zu sogenannten Fortschrittsfallen führen.

Bei der Definition des Wortes Fortschritt begeht der Streifen meiner Meinung nach einen kleinen Fehler. Schließlich steht Fortschritt für das Weiterkommen, der Begriff gibt jedoch keine Richtung vor. Ein Rückschritt fällt ebenfalls in die Formulierung Fortschritt, der Film suggeriert jedoch, trotz vorhandenem Kapitels über die Deutung besagten Wortes, Fortschritt wäre immer der Schritt neuer Erkenntnisse.

Aber da muss man sich nun nicht an Kleinigkeiten aufhängen, welche nicht relevant für die Botschaft des Streifens sind. Andererseits reden die zu Wort kommenden Experten hier derart deutliche Worte, dass sie von ewig Gestrigen ohnehin als Panik machende Idealisten wahrgenommen werden, und da macht jedes Steinchen, welches die Rückendeckung zu bröckeln bringt, doch schon etwas aus, sobald es zu einer Debatte kommen könnte.

Die findet freilich im Film nicht statt, denn wie erwähnt klagt er an, lässt in seinem kurzen Anriss über mögliche Veränderung zur Abkehr des Problems aber auch einen Forscher über synthetische Biologie zu Wort kommen, dessen Weg von den Machern des Streifens als weitere Fortschrittsfalle bezeichnet wird. Man macht somit zwar deutlich, nichts von der Idee zu halten (und erwähnt auch warum), lässt ihn aber in aller Ruhe zu Wort kommen, immerhin glaubt er einen Weg gefunden zu haben aus der Fortschrittsfalle herauszukommen und die Erkenntnisse des Menschen positiv nutzen zu können.

Und hier mangelt es nun an alternativen Ideen. Vereinzelt werden welche genannt, wieder einmal muss der Zuschauer einsehen, dass er eigentlich weniger konsumieren müsste um den Planeten nicht unnötig auszubeuten. Letztendlich geht ein Wandel nur dann vonstatten wenn alle mitziehen. Interessant werden hierfür die deutlichen Worte eines Historikers, der auf den entscheidenden Unterschied vergangener, ähnlicher Probleme aufmerksam macht (insbesondere im Bereich der Verschuldung) und darüber berichtet wie der Mensch einst mit seinen Problemen umgehen konnte und warum aufgrund der Globalisierung eine vergleichbare Flucht nicht mehr möglich ist.

Ich weiß nicht über wen die Dokumentation dafür hätte handeln sollen und wer dafür zu Wort hätte kommen sollen, aber ich denke der letzte Part, die Frage danach wohin wir umdenken müssen und wie wir der Fortschrittsfalle entkommen können, wäre der wichtigere Part des Streifens gewesen. Dieser wird jedoch viel zu kurz angeschnitten, u.a. aber auch deshalb, weil die zu Wort kommenden Menschen in diesem Film meist selber nicht wissen was die Lösung der ganzen Sache sein kann. Zumindest zeigt der Film auf, dass der Mensch ein Warum-Tier ist, sich immer wieder mit dieser Frage beschäftigt, und damit auch die Möglichkeit hat sich aus dem Problem herauszumanövrieren. Leider handelt der Mensch erst wenn er mit dem Rücken zur Wand steht. Zur Zeit befinden wir uns jedoch erst in jener Phase in welcher wir beginnen die Wand zu spüren.

Dass wir tatsächlich davor stehen, dämmert uns erst so langsam, ein Fakt der ebenfalls nicht im Film genannt wird und erklären könnte warum wir trotz unseres Wissens und unserer Intelligenz noch immer nicht in die richtige Richtung handeln. Zumindest dämonisiert der Film uns nicht, zeigt uns teilweise als dumme Wesen, aber noch viel eher als hilflose, und zeigt anhand der Finanzkrise und dem Verhalten der Banker auch warum. Somit prangert der Film nicht nur an, sondern nimmt uns und unsere Situation sowie unsere menschliche Natur auch in Schutz. Gerade dieser Bereich macht deutlich wie rational man vorging, hätte das zentrale Thema diesen Aspekt doch auch locker ausblenden können, um zu suggerieren der Mensch sei einfach nur schlecht.


EQUILIBRIUM - KILLER OF EMOTIONS (Equilibrium 2002 Kurt Wimmer)


In der Zukunft wird die Gesellschaft unter Drogen gesetzt, um Gefühle zu verhindern, die als Ursache vergangener Kriege angesehen werden. Wer die Droge absetzt und fühlt, wird getötet, Material, welches Gefühle fördert, wird zerstört. Sogenannte Kleriker stöbern Gesellschaftsverräter auf. Kleriker Preston lässt eines Tages seine Dosis Drogen aus und beginnt zu fühlen...


Spocks Welt ohne Logik...

War es in „1984“ die Privatsphäre, in „Fahrenheit 451“ die Bücher, oder in „Gattaca“ die natürlichen Gene, so sind es in „Equilibrium“ die Gefühle, welche von einem bösen Staat der Zukunft unterdrückt, ja sogar verboten werden. So handelt ein unter Drogen stehendes Volk laut Geschichte frei von Gefühlen, doch diese Idee haute bereits bei Spock in „Raumschiff Enterprise“ nicht komplett ohne Ungereimtheiten hin, deren Großteil man immerhin aufzufangen schaffte durch die menschliche Seite des Spitzohrs, die dieser stets versuchte zu unterdrücken.

Mit einer solchen Ausrede kann in „Equilibrium“ nicht getrickst werden, und so steht die Logik des Streifens auf wackeligem Boden. Da wird nicht gelacht, geliebt, geweint, dennoch spürt man den Drang zur Fortpflanzung, wird misstrauisch anderen Menschen gegenüber, schreit sich an, beschützt seine Kinder... irgend etwas stimmt da nicht. Es ist das Glück des Zuschauers, dass der Streifen zum Ausgleich auf der Gefühls- und Actionebene zu funktionieren weiß, so dass er im Gesamteindruck trotzdem über dem Durchschnitt steht. Dennoch wäre „Equilibrium“ erst dann wirklich großes Popkorn-Kino a la „Matrix“, wenn er in seiner Grundidee nicht ständig Unlogiken in Kauf nehmen würde.

Den Vergleich zu „Matrix“ visierte man an. Christian Bale sieht als Preston aus wie ein Neo-Klon aus besagtem Vergleichswerk, die Schusswaffentechnik der Kleriker weist deutliche Parallelen zu den Kampfsequenzen besagten Streifens auf, welche 1999, wir erinnern uns, durch eine neue Tricktechnik überhaupt erst umzusetzen war. Der Übereinstimmungen gibt es somit genug, dennoch gibt es einen Science Fiction-Beitrag der „Equilibrium“ inhaltlich viel näher steht, und das ist der oben erwähnte „Fahrenheit 451“, in welchem es ebenfalls ein Verbot gab das mit der Ethik von heute nicht zu vereinen ist.

Es gab Gesetzeshüter die das Einhalten der Regeln kontrollierten und die verbotenen Waren vernichteten. Hier wie dort wandte sich der vom System überzeugte Vorzeigebürger irgendwann gegen das Gesetz und trat dem Untergrund bei. Auch ein Blick auf „Flucht ins 23. Jahrhundert“ macht Sinn, in welchem ein Jäger eines fragwürdigen Regimes zum Gejagten wird.

Ähnlich wie „Die Insel“ ist „Equilibrium“ damit nichts einzigartiges, sondern orientiert sich an allerhand cineastischen Vorbildern. Legitim ist das durchaus, ist der hier besprochene Film durch seine moderne Inszenierung doch schon gar nicht mehr mit den Vorbildern, die meist aus den 70er Jahren stammen, zu vergleichen. Flott und trotzdem pessimistisch kommt er daher, im Mittelpunkt ein engagierter Hauptdarsteller, und trotz aller Action fehlt nie der Bezug zur Dramatik, der „Equilibrium“ erst endgültig zum angenehmen Filmerlebnis werden lässt, wenn auch leider nur zu jener Art, bei welcher der Kopf ausgeschaltet bleiben muss. Schade!

Kennt man sich im Science-Fiction-Genre aus gibt es relativ wenige Überraschungen zu erleben. Letztendlich arbeitet der Film brav seine Story ab. Aber das verzeiht man ihm, ist das Szenario dieser schrecklichen Zukunftswelt doch interessant genug um auch auf ausgelatschten Pfaden der Handlung zu folgen. Leute die lediglich modernes Kino konsumieren werden besonders viel Spaß erleben, da sie die Vergleichsfilme nicht kennen.

Leider muss mal wieder, wie so oft in US-amerikanischen Produkten, die deutsche Vergangenheit als Vergleich des bösen Zukunftsstaates herhalten. Dies ist um so ärgerlicher als dass die USA ihre ganz eigenen vergleichbaren Vergangenheitsverbrechen zu bieten haben. Da der Film freilich auch die Unfreiheiten des eigenen Landes kritisiert macht der Blick auf Deutschland um so weniger Sinn. Letztendlich bleibt „Equilibrium“ aber ohnehin immer Unterhaltungsfilm und wird nie zu einer scharfzüngigen Aufforderung zur Revolte, wie es beispielsweise der sehr mutige „V wie Vendetta“ war.

Seine besten Momente hat Kurt Wimmers Streifen immer dann, wenn Preston Gefühlskälte spielen muss, während um ihn herum unmenschliche Taten begangen werden. Ebenso hervorragend zu nennen ist der Gedanke einer sich gegenseitig ausspionierenden Gesellschaft, in welcher selbst der Sohn dem Vater nicht traut. Trotz des hohen Tempos lässt sich der Film stets genügend Zeit für die Entwicklung seiner Geschichte, was erst gegen Ende einen Bruch erfährt, bei welchem man sich schon fragen darf, wie leicht es ist ins Zentrum des politischen Systems zu gelangen. Hier krankt der Streifen an den selben Elementen wie der Schluss von „Surrogates“. Andererseits darf man sich über eine solche Unsinnigkeit schon nicht mehr wundern, wenn der Film doch während seiner kompletten Laufzeit immer wieder militante Polizisten zeigt, die keinerlei Schutzkleidung im Einsatz tragen und immer wieder durch simple Pistolenschüsse außer Gefecht zu setzen sind.

Aber damit lande ich wieder bei der bereits zu Anfang angekreideten Unlogik des Werkes, die, wie man sieht, leider nicht nur in der fehlerhaften Emotionslosigkeit zu finden ist. Dass der Film trotz all seiner Minuspunkte so gut zu funktionieren weiß, verdankt er seinen stylischen Bildern, Hauptdarsteller Bale, der Nähe zur Hauptfigur und der sympathischen Geschichte. Dass man Kurt Wimmer eher nicht zu danken hat, lässt ein Blick auf sein Folgewerk „Ultraviolet“ vermuten, das ähnlich stylisch-cool daherkommen wollte und zum reinen Kindergarten-Kasperletheater mutiert ist. Auch wenn „Equilibrium“ nie das Niveau von „Matrix“ erreicht, von dem Disaster eines „Ultraviolet“ ist er weit entfernt.