Samstag, 8. Dezember 2012

PARANORMAL ACTIVITY (2007 Oren Peli)


Micah hat sich eine Kamera organisiert, um Spuk zu erforschen. Seine Freundin Katie erlebt paranormale Erlebnisse seit sie 8 Jahre alt ist, Micah hat davon noch nichts mitbekommen und möchte Beweise sammeln. Nachts beim schlafen filmt die Kamera Geräusche und eine fremdbewegte Tür. Ein herbeigerufener Geisterforscher verweist auf einen Kollegen, da die Taten dämonischer und nicht geistiger Herkunft seien. Während Katie den Ball flach halten möchte, provoziert Micah die Erscheinung, um bessere Aufnahmen zu erhaschen. Es funktioniert, der Dämon wird immer wütender...


Der unsichtbare Dritte...

In der Presse ist häufig der Vergleich zu „Blair Witch Project“ zu lesen, und dass eine ähnliche Angst in den Kinoreihen herrschte wie dort. Nach meinem Gang ins Kino kann ich diese Aussage abschwächen. Weder meine Begleitung, das Teenagerpublikum noch ich erlitten Nervenkitzel wie im besagten Hexenhorror. Aufgrund der Amateurkamera und ihrer Position in der Geschichte als eine Art ergänzender Hauptfigur ist der Vergleich zu „Blair Witch Project“ dennoch legitim. Und für nun ganz enttäuschte Menschen: gruselig ist der Streifen auch.

Halt nur nicht so enorm wie der Vergleichsfilm. Filme haben häufig unter der in der Werbung unfairen Vergleichen zu leiden. „Saw“ wurde trotz Verweis auf „Sieben“ gar ein Erfolg, und wer solche Werbemethoden für voll nimmt ist medialverantwortlich ohnehin nicht tragbar. Ganz ohne Wirkung ist dieser Schachzug der Industrie dennoch nicht, wünscht man sich im Kino doch kaum etwas mehr als endlich mal (wieder) einen Horrorfilm zu sichten, der einem das Fürchten lehrt.

Für ein gewisses naives Publikum, das vielleicht gar privat an Geistererscheinungen und Existenzen fremder Wesen glaubt, ist es leichter dieses Angstgefühl zu erlangen. „Paranormal Activity“ schaffte dies jedoch auch bei mir, wenn auch etwas abgeschwächt.

Der Anfang bietet zunächst Leerlauf. Nicht weil nichts passiert (das auch), sondern weil einem die Figuren trotz der pseudodokumentarischen Art nicht nahe kommen. Erst wenn ziemlich zu Beginn der Forscher auf der Bildfläche erscheint und über Geistererscheinungen erzählt, beginnt ein Einfühlen in die Situation, und durch Zauberhand gewinnt man langsam auch Zugang zu den Figuren.

„Paranormal Activity“ hat einige Trümpfe zu bieten. Zum einen wird das Mitfilmen nie unlogisch und leidet nie unter Erklärungsnot. Gerade da haben Werke wie „Cloverfield“ einen Schwachpunkt. Auch der inhaltliche Kniff, dass hier nicht von einem Pärchen erzählt wird, das jüngst Spuk erlebte, sondern von einer Frau zu erzählen, der solche Erscheinungen nicht neu sind, werten den Kinofilm auf.

Für ihren Lebensgefährten Micah ist das alles jedoch recht neu. Die Partnerschaft besteht seit 3 Jahren, von Spuk bekam der gute Mann selbst noch nichts mit, und im Gegensatz zu Katie fehlt ihm durch mangelnde Erfahrung auch der Respekt vor den paranormalen Ereignissen.

Genau diese Rezeptur ist es, die einem ein unwohliges Gefühl beschert, noch bevor sich die Situation hochschaukelt. Micah könnte man ohrfeigen, gleichzeitig wirkt seine Charakterzeichnung jedoch nie übertrieben. Im Gegensatz zum Kinozuschauer lebt er in der Realität und nicht wissendlich in einem Horrorfilm. Bei klarem Verstand würde manch einer sicherlich ebenso handeln wie Micah.

Um dieses Gefühl noch ein wenig weiter auszureizen, ist die Komponente es hier nicht mit einem Geist, sondern mit einem Dämon zu tun zu haben, auch eine kleine Wunderwaffe. Der Gedanke ein solches Wesen im Haus zu haben ist unangenehmer, und dank Katies Vorerfahrungen weiß man, dass ein Ortswechsel nicht zur Lösung werden kann.

Stilistisch kann man auch ein Lob aussprechen. Durch Filme wie „Diary Of The Dead“ und „Zombie Diarys“ ist es modern geworden, den „Blair Witch“-Dokustil mit üblichen Sehgewohnheiten zu mixen. Am deutlichsten wird dies durch die dort angewandte Fremdmusik-Untermalung. „Paranormal Activity“ geht wieder den glaubwürdigen und gruseligeren Weg, und lässt dank Auslassen von Musikuntermalung und Verzicht auf gekünstelte Zusatzbeleuchtung, sein Gezeigtes wieder authentisch wirken. Für den Gruseleffekt ist das ebenso wichtig wie für den Aufbau einer Gruselatmosphäre an sich.

Das liest sich nun alles wie eine wundervolle Arbeit, die einen sofort ins Kino locken würde. Und wenn ich nun noch erwähne dass der Film in seinem Stil eines der wackelfreiesten Produkte seiner Art geworden ist, juckt es vielleicht auch manchem Cineasten in den Fingern, der Filme mit dieser Optik aus dem Weg geht. Aber an „Paranormal Activity“ ist nicht alles Gold was glänzt. Das zeigte bereits meine Information weiter oben, dass nicht einmal das Teenie-Publikum wirklich verängstigt war. Was hat Regisseur Oren Peli da falsch gemacht?

Zunächst einmal muss ich abschwächen, denn falsch gemacht klingt sehr hart. Wie erwähnt ist der Film gruselig, das ist ein Ergebnis von dem manch anderer Horrorfilm träumen könnte. Aber die Zutaten und ein Blick auf „Blair Witch Project“ weisen darauf hin, dass mit der Herangehensweise mehr möglich gewesen wäre. Und so manchen Grund, warum es nicht dazu kam, habe ich entdeckt.

Filme dieser Art leben nach dem weniger ist mehr-Prinzip, an das sich „Paranormal Activity“ auf dem ersten Blick auch hält. Da wird mit Handkamera gefilmt, alles spielt an einem Ort und mehr als vier Menschen hüpfen nie durchs Bild. Anfangs gibt es Spukgeräusche zu hören, oder es bewegt sich hin und wieder ein Gegenstand. Peli aber glaubt dem Zuschauer ständig etwas bieten zu müssen, und aus diesem Irrglauben entstehen zwei Fehler.

Nummer 1 wäre das Vorspulen zu Situationen, in denen etwas passiert. Nachts wird unten eine Uhrzeit eingeblendet, die schnell herunter läuft bis zum Zeitpunkt des Geschehens in der Nacht. Das nimmt dem Film einiges von seinem Potential, denn wo ich mit Spuk rechne, kann er mich auch nur noch bedingt überraschen. Wenn man darauf vorbereitet ist, ist ein Teil der Gruselwirkung weg. Das ist sehr schade.

Dass es trotzdem gruselig wird (ist durch Punkt 1 ja immerhin eine positive Leistung) verdanken wir Fehler Nummer 2. Denn nun muss Peli damit trumpfen, dass immerhin die Aktionen zu überraschen wissen. Laut der Geschichte müssen sich die Aktionen des Dämons hochschaukeln, da Micah die Erscheinung provoziert. Das ist richtig. Aber die Variationen des Spuks sind so unterschiedlich, dass es nicht mehr glaubhaft wirkt. Jede für sich genommen ist interessant und besitzt auch Wirkung, auf das Gesamtbild gesehen wirken die Taten des Unheilbringers jedoch zu wechselhaft.

Da ich das Ende nicht spoilern möchte, kann ich nur bedingt darauf eingehen. Dazu möchte ich nur so viel sagen: Es hätte auf andere Art stattfinden müssen. Das was passiert war klar und musste so sein, aber gerade hier lässt Peli das weniger ist mehr-Prinzip nun komplett los, und anstatt wirkungsreich die Schlussgeschehnisse im Off passieren zu lassen, schenkt er dem Zuschauer einen Knalleffekt der ernüchternden Sorte. Schade!

„Paranormal Activity“ ist ein stimmiger Grusler, das möchte ich ihm gar nicht abstreiten. Im Gegensatz zu „Blair Witch Project“, der einen dauerhaft in seinen Bann zog, weiß Pelis Werk jedoch nur phasenweise Angst zu erzeugen. Meist ist der Gedanke an das was im Film passiert gruseliger als das was man aktiv sieht, deswegen kann der Film auch nach dem Kinobesuch noch wirken. Peli vergeigt es jedoch den Zuschauer an die Hand zu nehmen. Dank Vorbereitung auf die „Überraschung“ bleibt der Zuschauer ein Betrachter. Ein Miterleben gibt es da nur bedingt.

Trotzdem war der Kinobesuch ein gruseliges Erlebnis. Und dass aus manchem beschriebenen Fehler auch etwas positives wächst (die vorwärtslaufende Uhrzeit bei einer im Zimmer stehenden Katie z.B.) zeigt schließlich auch, dass in Regie-Neuling Peli durchaus Potential vorhanden ist. „Paranormal Activity“ ist durchaus eine Empfehlung wert. Auf das Gruselniveau eines „Bis das Blut gefriert“ und „The Grudge – Der Fluch“ schafft er es jedoch nicht, auch wenn er ihnen im Spannungsgehalt in nichts nachsteht.


Nachtrag: 
Rückblickend empfinde ich diese Review als viel zu streng, konnte doch bei einer zweiten und dritten Sichtung der Film noch immer stark gruseln (trotz heimischer Atmosphäre) und kam mir das unausgegorene Spukverhalten doch überhaupt nicht mehr wie ein solches vor. Im Gegenteil: es folgt einem Muster, das sich nach und nach verstärkt. Dank fast schlafloser Nächte, selbst für Stammgäste in diesem Genre, ist "Paranormal Activity" also definitiv eine Empfehlung wert. Allerdings auch nur der erste Teil.


Trailer,   OFDb

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