Samstag, 24. November 2012

CLOVERFIELD (2008 Matt Reeves)


Gerade feiern Rob und Hud noch zusammen mit Robs Bruder Jason eine Party, da bricht die Hölle über die Stadt herein. Eine riesengroße Kreatur wird vom Militär gejagt und zertrampelt dabei die Häuser. Die Menschen fliehen aus der Stadt heraus, einzig Rob muss in die andere Richtung, um seine Ex-Freundin zu retten. Freunde begleiten ihn in die Gefahr hinein...


Das Godzilla-Projekt...

Auch wenn "Cloverfield" in Vollbild authentischer gewesen wäre, anstatt im gewählten Breitbildformat, so kann man dem Film den Eindruck seiner Echtheit nicht abstreiten. Dass fast jeder Hollywood-typisch gestylt ist, ist durch die Wackelkamera-Perspektive a la „Blair Witch Project“ nicht so gut sichtbar wie in einem routiniert gefilmten Werk und ist vielleicht auch entschuldbar, da das ganze zunächst auf einer Party spielt.

Über die Figuren erfährt man nie genug, als dass es unecht wirken könnte. Auch die Geschichte wird sehr versimpelt präsentiert. Es gibt keine ausgetüftelte Story. Man verlässt sich einfach darauf, dass die ungewohnte Herangehensweise Wirkung genug besitzt. Natürlich ist ein Film, der mit Handkamera gedreht und auf Amateurfilm getrimmt ist, nicht die neueste Idee, in "Cloverfield" erleben wir ein solches Werk aber als Effektkino. Wo "The Blair Witch Project" hervorragenden Grusel erzeugt, weil er theoretisch gesehen nichts bietet, da muss "Cloverfield" ein Monster, Explosionen, Chaos, kurz jede Menge Spezialeffekte bieten.

Das sorgt zwar dafür, dass der Film lediglich durch das Mitfiebern mit den Figuren auf rasante Art Spannung erzeugt, nicht aber auf mystischer oder gar gruseliger Ebene, aber das ist ja schon in den klassischen Monsterfilmen nicht gegeben. Selbst die guten Monsterfilme haben lediglich Popkorn-Charakter. Man will das Vieh durch die Stadt stapfen sehen, und die Figuren sind Nebensache. Mit üblichen Monsterfilmen verglichen bietet Matt Reeves’ Werk über seine ungewohnte Position sogar mehr als seine Filmbrüder, eigentlich sogar was völlig anderes. Es überrascht also nicht, dass gerade „Godzilla“-Fans sich distanziert zu „Cloverfield“ äußerten.

Glaubte man in anderen Filmen theoretisch zu wissen, wie es den Leuten in der Stadt, die zertrümmert wurde, zumute war, erfährt man durch "Cloverfield" wie aus theoretischem Wissen ein erfahrungsnahes, fast praktisches Wissen wird, welches das vorher geglaubt Gewusste locker in den Schatten stellt. Eben weil sich das Werk mehr den Figuren als dem Monster widmet, hat es diese enorme Wirkung. Besonders hervorragende Dialoge wären ebenso kontraproduktiv gewesen wie eine besonders ausgeklügelte Story.

Der Film muss so simpel, fast plump sein, um auf den Zuschauer so echt zu wirken. Das Handeln der Hauptperson könnte man sogar schon fast eine Spur zu heldenhaft nennen. Da die Wirkung des fertigen Werkes aber so enorm ist, allein schon wegen der Geräuschekulisse im Kino, kann ich darüber allerdings hinweg sehen. Ohnehin sollte man den Film im Kino oder mit Hilfe eines Videoprojektors sehen. Er wird, ebenso wie "Blair Witch Project", auf dem heimischen Bildschirm, und wenn der Fernseher noch so groß ist, nicht seine volle Wirkung entfalten können. Das schafft ein regulärer Film bereits nicht, Werke in diesem Found Footage-Stil aber noch weniger.

Wirklich beeindruckend sind die Settings. Ich weiß ja nicht wie hoch der Anteil am Green Screen ist und was im Nachhinein alles neu eingeführt wurde, aber die Gestalter der Räumlichkeiten und der Straßenkulissen haben ebenso große Arbeit geleistet wie die Schöpfer der Kreatur und jene der restlichen Effekte. In beiden Bereichen gibt es kleine Mängel anzumerken, aber auch die sind durch die Wackelkamera schon fast irrelevant. Einzig wirklich ärgerlicher Punkt ist die Angst der Verantwortlichen sich nicht auf die Wirkung des großen Tieres zu verlassen.

Ebenso wie in Emmerichs öden "Godzilla" muss es zum Riesenvieh zusätzlich noch kleineres Getier geben, das den Figuren auch dort die Hölle heiß machen kann, wo das große Ungetüm nicht hinkommt. Das hat in der einzelnen Szene Wirkung, ganz klar, im Gesamtbild wirkt es aber unnötig. Weniger gut ist auch der Schluss, er ist etwas zu vorhersehbar und hätte aufgrund dessen dann doch auf eine andere Art stattfinden können. Das einzige was am letzten Drittel wirklich überrascht, ist wer was wann überlebt und wer nicht.

Wer bereits mit älteren Videokameras gearbeitet hat, wird auch die vielen kleinen Dinge mögen, die man nutzte, um das Gefilmte authentisch wirken zu lassen. Da wird am unteren Rand mal Datum und Uhrzeit eingeblendet, und nach dem Gucken vom bereits Aufgenommenen sichtet man zwischen den Szenen auch mal alte Aufnahmen, die zuvor auf dem Band waren. Das wirkt, gerade ganz zu Ende des Films, ist dort aber auch ein sehr berechnendes Stilmittel (gab es in extremerer Form z.B. bereits am Schluss von "Philadelphia", dort eine Spur wirksamer, da es sich um Kinderaufnahmen handelte).

"Blair Witch Project" war etwas mutiger, "Cloverfield" weiß bereits was wirkt und was sein muss. Durch diese verwöhnte Voraussetzung wirkt er manchmal vielleicht etwas zu glatt, aber auf keinen Fall glatt genug, um sich ernsthaft daran zu stören. Zumindest kann man Regisseur Reeves beglückwünschen, dass er sich dem "weniger ist mehr"-Prinzip zugewandt hat, auch wenn er dies in der Anzahl der Kreaturen hat fallen lassen.

Wenn im Finale die Kreatur deutlich zu sehen ist, macht das die Atmosphäre, die aus dem „weniger ist mehr“-Prinzip entstand, bereits etwas kaputt. Man merkt, dass mit dieser ruhigen, langen Aufnahme, die im Widerspruch zur sonstigen Kameraführung steht, der Teil des Publikums zufrieden gestellt werden sollte, der ohnehin nörgeln wird, weil man das Tier sonst nie komplett sieht. Man wollte also ein Publikum zufrieden stellen, für das der Film gar nicht gedreht wurde. Schade, aber zumindest wird dieser Kompromissversuch nicht zum totalen Reinfall.

Inhaltlich gäbe es von meiner Seite aus zwei Punkte zu bemängeln. Zum einen ist es unglaubwürdig, dass die Leute die Kamera nicht vom Militär abgenommen bekommen, wenn sie in deren Obhut sind (erst recht dann, wenn man dort beim filmen erwicht wird). Zum anderen erleben wir im Laufe der Geschichte hin und wieder einen Wechsel der Personen, welche die Kamera hält um zu filmen, eine an sich gute Idee. Die Figur, die den Löwenanteil filmt, hat bestimmte, im Film genannte Gründe diese Aufnahmen zu machen. Die Person, die zum Ende hin filmt und in besonders ausweglose Situationen gerät, hat dessen Motivation nicht. Warum filmt derjenige weiter? Und wie verkrampft muss er das Aufnahmegerät halten, um sich so im Bild zu positionieren, wie er dem Ergebnis nach drauf zu sehen ist? Und das alles in lebensgefährlichen Situationen, in denen man ganz andere Ziele hat, als das Einfangen der Bilder. Das ist nicht glaubhaft.

“Cloverfield“ ist ein Film, der einen höllischst mitfiebern lässt und einem das Gefühl gibt, mitten im Geschehen zu sein, gerade in den bombastischen Straßenszenen. Dass jemand der sich mitten drin befindet keine Hintergründe erfährt, ist nur konsequent zu nennen. Leute die jammern, weil der Film nichts über das Warum, Woher und das Wer hat gesiegt erzählt, sollten hinterfragen warum ihnen Realität in Popkornfilmen so egal ist. Ich habe mich bestens unterhalten gefühlt und kann auf jeden Fall eine Empfehlung aussprechen.


Trailer,   OFDb

Kommentare:

  1. Ich muß zugeben, das ich "Cloverfield" auch wenig abgewinnen kann und das das für nahezu fast alle diese Handycam Filme gilt. Eine relativ simpel gestrickte Masche, die neu war/ist und m.M. nach auf Dauer keine Chance haben wird, zumal ich es auch oft sehr anstrengend finde, dem zuzusehen.

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    1. Ich mag diese Art Filme ja sehr gern, sehe aber auch kein Konkurrenzdenken darin, so a la setzt sich das durch oder nicht. Zumal man in der Regel ja vorher weiß ob man es mit einem solchen Film zu tun hat oder einem klassisch gedrehten.
      Ich weiß aber auch nicht ob mich diese Art Film begeistern könnte, wenn ich damals nicht selbst viel mit der heimischen Videokamera gedreht hätte. Das macht meiner Meinung nach schon viel am Sehvergnügen aus, wenn die eigene Erfahrung einen da immer wieder anstrahlt.

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