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Sonntag, 21. Oktober 2012

ORLACS HÄNDE (1924 Robert Wiener)


Nach einem Zugunglück verliert der Pianist Orlac seine Hände. Auf Flehen der Ehefrau transplantiert der Arzt ihm neue. Als Orlac erfährt, dass sie zuvor einem Raubmörder gehörten, bekommt er Angst vor ihnen...


Second Hand: Hände aus zweiter Hand...

Filme mit bösen Händen sind im Horrorgenre nicht so zahlreich vertreten, wie jene um maskierte Psycho-Killer oder Vampire, aber einige wenige gibt es da schon zu entdecken. Anfang der 80er Jahre spielte Michael Caine in einer Inszenierung von Oliver Stone mit dem schlichten Titel „Die Hand“ einen Zeichner, der sich von seiner Hand verfolgt fühlte, nachdem er sie verloren hatte. Jeff Fahey spielte in den 90ern einen Mann, der in „Body Parts“ gleich den kompletten Arm eines Psychopathen transplantiert bekam. Und selbst „Orlacs Hände“ bekam bereits in den 30er Jahren ein Remake von Regisseur Karl Freund beschert, der wenige Jahre zuvor den großen Erfolg „Dracula“ mit Bela Lugosi ablieferte.

Meist erfährt der Hand-Horror jedoch eine humorvolle Umsetzung. Die erstaunlichste Geschichte darf man wohl im Episodenfilm „Quicksilver Highway“ sichten, in welchem augenzwinkernd von einer Revolution der Hände erzählt wird. Doch schon bereits in den 40er Jahren brachte uns Regisseur Robert Florey mit „Die Bestie mit den fünf Fingern“ gleichermaßen zum gruseln und zum lachen. Den Bogen überspannen sollte erst Sam Raimi, der Bruce Campbell in den 80er Jahren in der Dämonen-Horrorkomödie „Tanz der Teufel 2“ gegen seine eigene Hand kämpfen ließ, blutig und schräg, jedoch lediglich in einer, wenn auch längeren, Szene. Rodman Flender erkannte das Potential und drehte ähnliches auf Spielfilmlänge mit dem Titel „Die Killerhand“.

Doch die Mutter all dieser Varianten ist „Orlacs Hände“ aus den 20er Jahren. Der Regisseur Robert Wiener hatte nur ein halbes Jahrzehnt zuvor den großartigen „Das Cabinet des Dr. Caligari“ umgesetzt und bewies mit diesem, dass ein Horrorfilm bei ihm in guten Händen lag. Vergleicht man beide Filme, muss man jedoch erkennen, dass der spätere Genre-Beitrag schlichter umgesetzt ist. „Das Cabinet des Dr. Caligari“ badete in der Kunstrichtung des Expressionismus, „Orlacs Hände“ spielt in Räumen mit magerer Dekoration, die nur auf das nötigste reduziert ist. Wiener verweist deutlich auf das Medium, aus dem der Film entstanden ist: dem Theater.

Nur in wenigen Szenen wirken die Räume nicht wie eine Bühne. Stummfilm-typisch, das ist nicht von der Hand zu weisen, überagieren die Schauspieler, was ebenfalls an Theater zu erinnern weiß. Auch die Ausleuchtung verweist auf diesen Ursprung. Mal erscheint der ganze Bildschirm in vollem Licht, mal nimmt nur ein kleiner Teil des Bildschirms Raum ein, so als beleuchte man am Theater nur einen Teil der Bühne. Lediglich die aufwändige Szene ziemlich zu Beginn, in welcher Helfer versuchen Menschen aus einem verunglückten Zug zu bergen, lässt das vergangene Medium weit hinter sich zurück und zeigt was Kino kann, wenn man es nur lässt.

Dass die Handlung danach großteils technisch schlicht erzählt wird, liegt keines Falls in einem Irrglauben des Regisseurs, nicht zu begreifen was im Medium Film möglich wäre. Wieners Schritt zurück ist kein Handicap, sondern viel mehr ein cleverer Kunstgriff, um sein Werk auf das wesentliche zu reduzieren. Somit kann dem Horror der Geschichte die volle Beachtung geschenkt werden und damit Hand in Hand gehend die Angst beim Betrachter Einzug halten.

Es gibt nichts was den Zuschauer vom Hauptaugenmerk ablenkt. Gebannt folgt man der Geschichte, ewig schaut man Orlac auf die Hände. Kein Wunder, Conrad Veidt weiß diese auch bravourös einzusetzen, so dass sie eines Max Schrecks aus „Nosferatu“ würdig sind. Veidt verkrampft seine Hände, macht grobe Armbewegungen, reißt sie nach vorne und selbst hinter dem Rücken versteckt, zum Schutze vor alles und jeden, gucken sie in ihrer verkrampfen Form noch hervor, als wollten sie sagen: Du kannst uns gar nicht verstecken.

Was diesen Stummfilm von seinen wenigen Nachfolgern unterscheidet, ist der Bereich, in dem sich der Horror abspielt. Wieners Werk ist streng gesehen ein Kriminalfilm, der mit dem Genre des Psycho-Dramas Hand in Hand geht. Der Horror kommt nicht von außen, sondern aus dem psychologischen Bereich. Hier wird keine Hand zum Monster, was der einfachere Weg wäre, hier wird ein einst gesunder Geist von dem Gedanken verunsichert, dass sein Körper nun die Hände eines Mörders trägt. Die Angst, die der Zuschauer verspürt, bildet sich aus der Angst des Protagonisten, und darin liegt ein weiter Kunstgriff des Regisseurs.

Hierfür muss er einige Male den Betrachter an der Nase herumführen, des öfteren wird man getäuscht. Gegen Ende weiß man worauf das alles hinauslaufen soll und doch ist man gebannt zu hören, was nun der komplette Hintergrund der Geschichte ist. Die Auflösung erinnert ein wenig an diverse Sherlock Holmes-Filme, oder auch an die filmisch verarbeiteten Geschichten von Edgar Wallace und Sohn. Man könnte „Orlacs Hände“ somit als Vorreiter des Grusel-Krimis betrachten, ja sogar mehr noch. Wieners Film ist ein Lehrstück darüber, wie man aus Grusel-Krimi mehr als die leichte Trivial-Unterhaltung für zwischendurch machen kann. Er zeigt anhand seiner Umsetzung, wie das so seicht scheinende Genre mit psychologischer Raffinesse Kunst werden kann.

Die Angst Orlacs wird von Beginn an in einer Extreme hochgeschaukelt, die man auch nur im Bereich des Stummfilms verzeihen kann. Passend zum Überagieren der Darsteller, bekommt der Pianist allein bei dem Gedanken die Hände eines Killers zu besitzen Panik. Diese Angst vor der Unreinheit dieser Hände geht so weit, dass er niemanden berühren will. Sie steigert sich sogar dahingehend, dass die Sorge nicht mehr Klavier spielen zu können in den Hintergrund rückt. Ein interessanter Aspekt, wenn man bedenkt, dass er erst durch seinen Fanatismus der Musik gegenüber in diese Lage gekommen ist (der Schwerpunkt seiner Seele, der uns lediglich über jemand Drittes, der Ehefrau, nahe gebracht wird, auf deren Flehen der Arzt die Behandlung erst beginnt). Nur das zum leben nötigste wird angefasst – einzige Ausnahme das Klavier, auf dem er zaghaft verzweifelt versucht zu spielen, mit dem selben Ergebnis seiner späteren Schreibversuche. Aus dem Feinmotoriker ist ein Grobmotoriker geworden.

Von Physiotherapie und psychologischer Behandlung hatte man in dem damals solch fiktiven Fall noch nicht gehört, und so schaut sich der Streifen nachträglich wie ein Werbefilm für diesen Bereich: Schaut wohin die Psyche euch bringen kann, wenn ihr die Verletzbarkeit der Seele und die damit nötige Nachbehandlung für Körper und Geist nicht ernst nehmt.

Orlac bittet seinen Arzt, ihm die Hände wieder zu entfernen. Doch dieser legt die Hand dafür ins Feuer, dass alles in Ordnung ist und betont zwei Mal, dass der Geist und das Herz den Körper lenken und nicht ein Körperteil. Dass dies Orlac nicht zur Vernunft bringt, dürfte klar sein. Jedoch spielt hier mehr eine Rolle, als lediglich der labile Geisteszustand. Dieser hat zwar Hand und Fuß, wird jedoch manipuliert durch einen weiteren Faktor, der recht schnell hin und wieder anklingt, jedoch erst im letzten Drittel ein Gesicht bekommt und aus dem Psycho-Drama einen Kriminalfilm macht.

Ob Orlac am Ende in Handschellen abgeführt wird oder nicht, bleibt eine spannende Frage, ist man sich doch nicht sicher ob der Pianist in seinem Wahn zum Mörder wurde, wie ein Erpresser behauptet, der glaubt etwas gegen ihn in der Hand zu haben, oder ob Orlac von dem Fremden auch in diesem Punkt in die Irre geführt wurde. Obwohl die Zusammenhänge deutlicher werden und das Ende theoretisch gesehen klar auf der Hand liegt, lässt sich Wiener diesen Spielraum für den mitgrübelnden Zuschauer noch offen.

Die von mir gesichtete Fassung war jene, die 2000 von Henning Lohner eine modernere Musikuntermalung beschert bekommen hat. Über diese kann man wahrlich nicht meckern, liegt die Komposition mit ihm doch in guten Händen. Der Mann tobt sich aus und ruht sich dabei auch nicht auf bisherigen Erkenntnissen aus. Er experimentiert, foltert damit bewusst auch gerne Mal die Hörgewohnheiten des Publikums mit dem Ergebnis verstörender Effekte, die ihm Recht geben. Lediglich ein Ausrutscher, in dem man statt Musik Menschen über Transplantation reden hört, fällt negativ auf. Das absichtlich zusammengewürfelte Gebrabbel lenkt zu sehr ab und macht es sogar schwer den gut leserlichen Texttafeln zu folgen.

Ansonsten haut Lohner in die Vollen. Er bietet klassische Klavieruntermalung, betreibt mit dieser manchmal Terror, in dem Töne extrem lange angehalten werden oder sich häufig wiederholen. Wenn er es benötigt, erklingt im nächsten Moment im Handumdrehen ein komplettes Orchester, das je nach Situation Musik erklingen lassen darf, die nicht zu unrecht an den provozierenden Soundtrack „Suspiria“s erinnert. Häufig darf man einem Sound lauschen, der teuflischen Ritualen entsprungen scheint, Psychofolter-Sound der besonderen Art, der eine düstere Stimmung entfacht und einen komplett in seinen Bann nimmt, vergleichbar mit einer alles um sich herum verändernden Handgranate.

Warum dieser Sound selbst dann ertönt, wenn im Film selbst gerade Ruhe herrscht, ist mir nicht ganz klar, diese Handhabung macht die Horror-Pausen aber sicherlich auch erträglicher. Dass Lohner das Handwerk nicht versteht Musik und Film zu einen, kann man hingegen nicht behaupten. Dafür beweist er viel zu häufig die Kompatibilität von Bild und Ton, die einen ihrer Höhepunkte in jener Szene erlebt, in der Orlac zögernd auf das Klavier zuschreitet. Nicht sicher, ob er sich wirklich dran wagen soll, nähert er sich dem Instrument. Lohner begleitet ihn mit Klavierübungen. Er spielt den Ansatz einer kurzen Melodie, pausiert für einen Augenblick und setzt am Anfang wieder an, so als ob ein Schüler am Klavier üben würde. Das passt.

Der auffälligste und wirkungsreichste Moment müsste jedoch jener sein, in dem Orlac erstmals einen Blick auf seine neuen Hände werfen darf, um zu gucken ob der Arzt mit seiner Arbeit ein gutes Händchen bewiesen hat. Bereits in der Einleitung dieser Szene hört die Musik auf, und man wird von einem Klatschen überrascht. Mal hört man die zwei Hände einer Person, mal das Klatschen mehrerer. Dabei spielt man nicht nur mit der Anzahl der Personen, sondern auch mit dem wechselnden Rhythmus. Meine persönliche Lieblingsstelle ist dann der Moment, im welchem sich Laola-Welle-ähnlich die Personen mit Klatschen ablösen. Hierzu hätte ich gerne das tatsächliche Bild erlebt. Lohner arbeitet mit diesem Ausnahme-Sound an zwei Stellen des Films, beide jeweils Zentrum der Handlung.

Trotz seiner schlichteren Art ist die Wirkung dieses Stummfilm-Horrors alles andere als schlicht. Es ist erstaunlich, dass Wiener es schaffte eine heute so häufig variierte Geschichte so zu verpacken, dass man deren Ende betreffend doch verunsichert herangeht. Auch die Angst weiß heute noch zu entstehen, was aber sicherlich mehr an der Musik als an den Bildern liegen mag. Zumindest eines wird über letzteres allerdings sehr deutlich: Die Angst des Protagonisten. Diese hätte sich kaum besser darstellen können. Hier frisst man Wiener aus der Hand.

Etwas in den Hintergrund rückt dafür, untypischer Weise, die Angst der Ehefrau. Sie erfüllt mehr den praktischen Zweck, sorgt dafür dass ihr Gatte neue Hände bekommt, ist diejenige die sich Sorgen um die finanzielle Not macht (sie will nicht von der Hand in den Mund leben), jetzt wo der Ehemann kein Geld mehr verdient. Sie ist diejenige, die familiäre Hilfe sucht, anstatt die Hände in den Schoß zu legen (der Vater Orlacs in dämonischer Übertriebenheit, optisch jedoch in den Schatten gestellt, durch das unheimliche Aussehen seines Dieners). Viel zu sehr glaubt sie an ihren Mann, als dass sie wirklich Angst vor ihm hätte. Ein Vertrauen, dass sie gegen Ende zur Stimme der Vernunft ihres Gatten macht, in dem sie ihm klar macht, dass Handlungsbedarf besteht und er der Situation offen gegenüber treten muss. Das Fehlen seiner Berührungen wird leider nur angedeutet, hier hätte man meiner Meinung nach noch etwas deutlicher mit arbeiten können, eben weil der Film stark auf dem Seelenleben seiner Figuren aufbaut.

Mit Spezialeffekten hält sich Wiener sehr zurück, diese kann man an einer Hand abzählen. Einzig in der Klinik darf man einer Szene folgen, bei der zu diesem Zeitpunkt nicht sicher ist, ob sie übernatürlicher Herkunft ist, oder lediglich eine Traumsequenz sein soll. In dieser Szene nimmt das Bett des Patienten nur einen kleinen Platz in der linken unteren Ecke des Bildes ein, während man in der großen Leere des restlichen Bildschirms eine Art Nebel zu sehen bekommt und kurz darauf eine übergroße Hand, die nach Orlac greift. Dieser kurze Ausflug in den Bereich der Effekte ist einer der Haupt-Eckpfeiler, der den Zuschauer endgültig mitten ins Geschehen schuppst, falls dies bisher noch nicht passiert sein sollte.

„Orlacs Hände“ hat weder die visuelle Kraft von „Das Cabinet des Dr. Caligari“, noch dessen Intelligenz, er ist aber allein weil er eine solch enorme Wirkung auf den Zuschauer ausübt und eine solch dichte Atmosphäre schafft, genau deswegen wieder jedem Cineasten zu empfehlen, eben weil es in Ermangelung an Knalleffekten um so schwieriger ist ein solches Ergebnis zu erzielen.

Wiener zeigt, dass er sein Handwerk versteht und auch ohne quantitativen Budenzauber sein Ziel erreicht. Gerade in heutigen Tagen, in denen seit der Echtheit der Computereffekte kaum noch ein solcher zu überraschen weiß, ist es um so spannender sich auf die filmische Suche zu begeben, wie anders und gleich intensiv man auch ohne technischen Heckmeck arbeiten kann. Vielleicht ist eine solche Handarbeit sogar wieder ein zukunftsweisender Weg des Mediums Film, nun wo der Effekt-Bereich ausgereizt erscheint.


Trailer,   OFDb

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