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Samstag, 21. Juli 2012

EIN KIND ZU TÖTEN (¿Quién puede matar a un niño? 1976 Narciso Ibañez Serrador)


Tom reist mit seiner schwangeren Frau Evelyn nach Spanien in den Urlaub. Sie wollen es sich auf einer kleinen Insel gut gehen lassen, die Tom von früher kennt. Dort angekommen stoßen sie im Dorf lediglich auf Kinder. Erwachsene gibt es nicht zu sehen. Kein Wunder: aus irgend einem Grund sind alle Kinder der Insel wahnsinnig geworden und trachten jedem Erwachsenen nach dem Leben...


Wider dem Instinkt...

Ein Jahr bevor die Kurzgeschichte „Kinder des Mais“ erstmals veröffentlicht wurde, jene Geschichte aus welcher später der Film „Kinder des Zorns“ wurde, drehte der Spanier Narciso Ibáñez Serrador bereits einen Film über eine Gruppe Kinder, die sich systematisch zusammenschwor um alle Erwachsenen zu ermorden. Über 20 Jahre verbrachte „Ein Kind zu töten“ in Deutschland auf dem Index, ignorierend dass er keine sinnlose Gewaltorgie war, sondern ein hintergründiges Stück Kino.

In einem von fanatischen Religiösen geprägten Land wie den USA ist es konsequent aus den Mördern Sektenanhänger zu machen. Für den hier besprochenen Film und seinem Anliegen würde dies wenig Sinn ergeben. Der Auslöser der Taten ist in "Ein Kind zu töten" nicht genau zu erkennen. In der Buchvorlage, die eigentlich erst während des Filmdrehs geschrieben wurde, kam ominöser Staub vom Himmel, der die Kleinen verändert hat. Um nicht zu phantastisch zu werden verzichtete Serrador auf diese Idee und erklärte in einem Interview die Taten seien die Reaktion auf das sinnlose Töten vieler Kinder durch Kriege, welche wiederum von Erwachsenen geführt werden.

Deswegen beginnt der Film auch mit Archivaufnahmen aus Auschwitz, dem Vietnamkrieg und einiger vergleichbarer Verbrechen. Das ist moralisch und vom Regisseur so gewollt, aber es wirkt auch sehr aufgesetzt und inmitten eines fiktiven Streifens störend, zumal wir es hier mit einem Horrorfilm zu tun haben, wenn auch mit einem der sich nicht gänzlich nur dem Unterhaltungszweck fügen möchte. So kann man von Glück reden, dass in der damals kürzeren deutschen Fassung diese unnötigen geschätzten 7 Minuten gefehlt haben, während man diese nun, in der ungekürzten Fassung einer sehr geglückten DVD-Veröffentlichung, ertragen muss.

Warum Serrador glaubte das müsse in den Film hinein ist klar. Und die Bilder des Finales verdeutlichen dieses Anliegen um so mehr, zumal, wenn vom Regisseur auch nicht gewollt, es sich ironisch angehaucht guckt, wenn Opferbilder verdreht werden, bzw. Opfer zu Recht Opfer werden. Zugegeben: das Archivmaterial passt zu der Begründung Serradors warum die Kinder handeln wie sie handeln, allerdings zeigen Szenen im Film deutlich, ohne dabei wirklich eine nähere Erklärung zu liefern, dass der Nachwuchs keineswegs schlicht aus Rache handelt. Wahnsinn liegt in der Luft, und auf irgendeine suggestive Art wissen die Angesteckten ihren Mordtrieb auf noch normale Kinder zu übertragen. Somit ist die Ursache eher eine ungewöhnliche Seuche, so wie die Idee aus dem viel später gedrehten britischen Film „The Children - In ihnen schlummert das Böse“.

Thematisierte dieser gegen Ende die Frage in wie weit ein Jugendlicher von der Krankheit befallen sein kann, pendelnd zwischen Kind sein und erwachsen sein, geht „Ein Kind zu töten“ zwischendurch der gegenteiligen Frage nach: kann ein Ungeborenes angesteckt werden? Dieser Themenbereich ist wesentlich provozierender, heute noch mehr als damals, reagieren wir in Zeiten braverer Filme doch sensibler auf solche Themen als der Durchschnittsmensch der 70er Jahre. Aufgrund der Härte des Films wusste dieser die Leute damals dennoch zu schockieren, und das ist kein Wunder so konsequent der Streifen erzählt ist und so zielsicher wie er das Grauen über die Helden hereinbrechen lässt.

Dass der Grund der mörderischen Kindertaten nicht näher erklärt wird, tut nichts zur Sache. Denn weder das Beheben dieser Ursache noch die vordergründigen Brutalitäten der Kleinen bilden das Zentrum des Films. Die zentrale Frage die Serradors Werk aufwirft, ist die in wie weit ein Erwachsener in der Lage ist ein Kind zu töten. Und mag es seine Unschuld noch so verloren haben, es ist doch nur ein Kind, und allein der Anblick auf ein solches weckt den Urinstinkt des Schutzes. Bei der schwangeren Frau noch mehr als beim Mann, was sicherlich nicht vollkommen verkehrt thematisiert ist.

Im Krieg bleiben Tote anonym, wenn man nicht gerade vor Ort ist. Insofern würde die Einleitung mit dem Archivmaterial schon ein wenig Sinn machen, wenn sie sich, was durch das Entstehungsjahr freilich nicht möglich ist, auf Kriege wie den Irak-Krieg beziehen würde, in welchen man seinem Opfer nicht mehr zwingend in die Augen schauen musste. Einen Menschen direkt zu töten, geschweige denn ein Kind, ist um so schwieriger. Bis hier hin kann man die Trennung zwischen Kind und Erwachsenen gut heißen. Serrador drängt jedoch das Bild in den Vordergrund, dem sich auch Boulevardmedien gerne bedienen: Kinder seien die größten Opfer bei Ungerechtigkeiten, ein Weltbild welches ich persönlich nicht teile, da es mir ein wenig menschenverachtend vorkommt wenn man die Leiden von Greisen und Erwachsenen unter die von Kindern stellt. Jedes Opfer ist tragisch und um jedes verkürztes Leben ist es schade, egal welchen Alters.

Glücklicher Weise drängt sich der moralische Antrieb Serradors nicht all zu penetrant auf. Hat man erst einmal die unpassende Einleitung hinter sich, kann man den restlichen Film sachlich und von der knisternden Atmosphäre her angespannt gucken. Die aufgeworfenen Fragen kann man objektiv diskutieren, und ob von Serrador nun gewollt oder nicht, „Ein Kind zu töten“ geht in seinem Diskussionsansatz weit über das hinaus was er eigentlich laut Interview aus moralischem Anliegen erzählen möchte.

Der wahrscheinlich durch die Themenverwandtschaft zu "Das Dorf der Verdammten" mit dem dämlichen ehemaligen Titel namens „Tödliche Befehle aus dem All“ versehene „Scream“, der sicherlich wegen Wes Cravens Erfolgsfilms „Scream“ nicht unter diesem Alternativtitel auf DVD veröffentlicht wurde, sondern unter „Ein Kind zu töten“, weist inszenatorisch zwar die typischen Krankheiten von europäischen Produktionen seiner Zeit auf, jedoch sind diese geringfügig zu nennen. Der Kameramann hatte ein Gespür für gute Bilder, und die Drehorte sind dementsprechend gekonnt gewählt. Die Darsteller strahlen eine Natürlichkeit aus, die es zulässt dass man sich als Zuschauer ohne Scheu an sie bindet. Lediglich das zu seiner Zeit übliche hysterische Kreischen der Frau ist als Klischee vorhanden.

Aufgrund der konsequenten Umsetzung, der hintergründigen Geschichte und der rauen wie trockenen Situationen wird „Ein Kind zu töten“ von solch kleinen Ausrutschern nicht aus der Bahn geworfen. Auch mögliche unfreiwillige Komik, ein Effekt der nicht auszuschließen wäre in einer Geschichte um mordgierige Kinder, die ein ganzes Dorf an Erwachsenen ausgelöscht haben, kommt nie ansatzweise auf. Die Bedrohung wirkt zu echt und zu erdrückend, und der innere Zwiespalt der Figuren sich gegen diese kleinen Wesen wehren zu müssen, unterstreicht diese Ernsthaftigkeit, welche den Film jedes kleine Manko verzeihen lässt.

Somit bleibt der Streifen am Ende trotz aufgesetzter Einleitung gelungen, da konsequent erzählt, ein Film den ich Freunden etwas anderer Kost unbedingt ans Herz legen möchte. „Ein Kind zu töten“ ist staubtrocken erzählt, lange Zeit ohne ereignisreiche Handlung, aber eben so gefällt er mir. Gerade mit dem was die Augen moderner Kinogänger als Manko bezeichnen würden, entsteht für mich jene Atmosphäre die den Streifen erst zur wahren Entfaltung bringt. Unterstützt werden all die in der Review aufgezählten Pluspunkte durch einen interessanten Soundtrack (der bei mancher DVD-Veröffentlichung gleich auf einer Zusatz-CD mit dabei ist) und dem hervorragenden Einbringen der Kinder, die erschreckend psychotisch wirken, gerade immer dann wenn sie nichts weiter tun als zu beobachten und zu kichern.

Kommentare:

  1. Muss ich auch nochmal in der neuen Fassung schauen, kenne den Film bisher nämlich nur in der bescheuerten deutschen Alienversion.

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  2. Ach, siehst Du! Und ich dachte immer, das wäre damals nur der Titel gewesen. Da haben die echt a la "Hügel der blutigen Augen" in die Synchro eine Alien-Thematik eingebaut? Ist ja ätzend!

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  3. Ja, die alte deutsche Version hat eine total dämliche Synchro in der die Alienthematik hart durchgezogen wurde, daher fand ich den Film als Teenie auch total scheiße weil die Story richtig dumm war und keinen Sinn gemacht hat. Hab dann auch erst vor 2-3 Jahren erfahren das die Story eigentlich ganz anders und sogar ziemlich gut sein soll.

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