Sonntag, 24. Juni 2012

DIE DELEGATION (1970 Rainer Erler)


Will Roscinsky ist TV-Journalist und soll eine Reportage zum Thema Ufos auf die Beine stellen. Er selbst kann als Realist mit dem Thema nichts anfangen, erweitert seine Recherchen jedoch in die USA hinein, um dem Bericht mehr Substanz zu verleihen. Dabei stößt Roscinsky auf die Spur einer möglichen außerirdischen Delegation. Aus dem Zyniker wird ein Mann, der fest davon überzeugt ist, dass sich Außerirdische auf der Erde befinden. So geht er ihren Spuren nach...


Ich glaube, also weiß ich...

Wir schreiben das Jahr 1970, und Rainer Erler tut etwas, womit 1999 „The Blair Witch Project“ eine Welle der Nachahmer nach sich ziehen wird. Er dreht eine fiktive Reportage, die wie die authentische Rohfassung einer richtigen aussieht. Sind solche Aufnahmen später inhaltlich fast ausschließlich Hobbyfilmern zu verdanken, so ist zeitbedingt in diesem deutschen Science Fiction noch ein Profi-Team für das was wir sehen verantwortlich. Dennoch sind die Parallelen zu den heute so beliebten Pseudo-Realaufnahmen a la „Paranormal Activity“, „Cloverfield“ und Co nicht zu übersehen, ebenso wie das freudige Bedienen am Vorbild „Krieg der Welten“, ein Hörspiel das Jahrzehnte zuvor selbiges für das Medium Radio darstellte. Mit dem selben Ergebnis - hier wie dort glaubten uninformierte Zuschauer an die Echtheit dieser Produkte.

Legendär entstand der Mythos einer Massenpanik zu Zeiten des „Krieg der Welten“-Hörspiels. Was an dieser Legende wahr ist sei einmal dahingestellt, „Die Delegation“ hatte zumindest keinen solch negativen Einfluss auf die Leichtgläubigen, dreht er das Thema doch um. Da kommen keine aggressiven Aliens aus dem All, sondern die Suche nach Außerirdischen wird zur Beschäftigung mit dem Wesen Mensch und der Frage in wie weit dieser aggressiv ist. Ist er überhaupt intelligent, und was ist eigentlich Intelligenz?

Sachlich, philosophisch und intelligent geht „Die Delegation - Eine utopische Reportage“ (Alternativtitel) diesen Fragen nach, wobei der Zuschauer diesbezüglich in der Lage sein muss den Film Erlers von der Dokumentation Roscinskys zu unterscheiden, da dieser immer mehr in den esoterischen Bereich abrutscht und seine ursprünglich sachliche Dokumentation immer unprofessioneller und unseriöser wird. Dabei stellt sich nur bedingt die Frage ob der Reporter Phantomen nachjagt oder einer wahrhaftigen außerirdischen Delegation auf der Spur ist. Nach der Hälfte der Laufzeit geht es eigentlich um Roscinsky selbst und der Frage wie klar er eigentlich noch bei Verstand ist.

Der Fernsehsender wendet sich von ihm ab, und ein Kameramann verschwindet, da er weder an die Geschichte glaubt, noch die extreme Art Roscinskys ertragen kann. Der nächste Kameramann arbeitet gratis, und wenn wir ihn während einer der entscheidendsten Phasen des Streifens, Privataufnahmen des Duos an einem Strand zusammen mit einer Frau, auch mal vor der Kamera erleben dürfen, eröffnet uns seine Hippie-Art Ahnungen darüber warum Roscinsky im Laufe seiner Untersuchungen wurde was er wurde.

Ob Roscinsky auf Außerirdische stößt oder nicht ist für Erler nicht wirklich von Belang, dreht er seinen Film doch so, dass man sowohl dem Reporter glauben darf, als auch dem Zyniker in einem selbst. Selbst deutlich wirkende Beweise, wie Fotos gegen Ende des Streifens, bleiben anzuzweifeln. Und neben Erlers optischen und stilistischen Spiel mit der Authentizität der Reportage liegt darin der eigentliche Reiz des Filmes. Verrennt sich der Journalist in eine Idee oder nicht? Wie auch immer die Antwort auf diese Frage ausfällt, seine Seriosität verliert der gute Mann so oder so, wird er doch vom Forschenden zum Gläubigen.

Während die Geschichte um Roscinsky und seiner Mission frei erfunden ist, sind die wissenschaftlichen Statements laut Aussage Erlers tatsächlich authentisch. Das gibt dem Film zusätzlichen Halt. Gerade heute, wo die Thematik um Ufos und Außerirdische bis zum Erbrechen behandelt wurde, tut es dem Film gut verschiedene Eckpfeiler zu besitzen, die sein Thema tragen. Lange Zeit kann die Faszination der realistisch wirkenden Reportage „Die Delegation“ retten, philosophische und wissenschaftliche Denkansätze bereichern den Intellekt des Zuschauers, und im Laufe der Geschichte wird das Hauptaugenmerk Aliens durch das neue Zentrum Roscinsky abgelöst.

Dementsprechend wird einiges vom Zuschauer abgefordert, der eventuell Probleme mit wackeligen Bildern haben kann, sich konzentrieren muss und mit vielen inhaltlichen Fragen, inklusive der Kernfrage des Streifens, allein gelassen wird, um selber über die vielschichtigen Themen nachzugrübeln. Erwähnenswert ist jedoch zudem, dass „Die Delegation" trotz aller Tiefgründigkeit und abgeforderter Konzentration auch den Bereich des Unterhaltungsfilmes zu erfüllen weiß, wird er doch nie langweilig und fühlt man sich doch gut unterhalten in einem Werk, in welchem das Publikum mündig behandelt wird.

Es ist zwar schön, dass Erlers Film den Weg auf DVD geschafft hat (sowohl als Einzel-DVD, als auch als Teil einer Erler-Box), etwas enttäuscht war ich jedoch, als ich feststellen musste, dass der Abspann verändert wurde. Dieser ist nun ein klassischer, wenn auch kurzer, Abspann mit weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund. Im Original durfte man die Credits des Streifens während des Ausdrucks aus einem alten Nadeldrucker verfolgen. Das gab dem Film einen zusätzlichen nostalgischen Wert neben all den Elementen, die ihn gnadenlos auf seine Herstellungszeit verweisen. Um so schöner ist es festzustellen, dass die Thematik, von Mode und Technik einmal abgesehen, heute noch genau so aktuell wirkt wie damals, da sich von der Kenntnis über Ufos und außerirdische Lebensformen nichts geändert hat.

Lediglich das Statement eines Passanten verweist darauf, in welcher Art das Thema heute etwas anders angegangen würde. Da erzählt ein recht intelligent wirkender Student von Sichtweisen, die damals noch die eines Außenseiters waren und heute von der Allgemeinheit so angenommen wurden und zum Standart-Blickwinkel vieler Menschen wurden. Inhaltlich geht es hierbei um die Distanz zum Menschen als Überwesen und der Meinung, dass technischer Fortschritt nicht mit Intelligenz gleichzusetzen ist.

Der Verweis auf die Moral einer Gesellschaft rückt bei der Frage nach Intelligenz heutzutage in den Vordergrund - ein ethischer Fortschritt, der von Religionen nur all zu gerne für ihre Zwecke ausgenutzt wird. Vielleicht wäre noch etwas Platz gewesen um auch diesen Themenbereich anklingen zu lassen. Vielleicht war hierfür damals auch einfach noch nicht die Zeit reif. Aber auch ohne diesen Zusatz ist Erler ein außergewöhnlicher Film gelungen, der längst ein Geheim-Tipp in Cineasten-Kreisen ist. 


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