Schlombies Filmbesprechungen auf Facebook:

Samstag, 23. September 2017

GINGER SNAPS (2000 John Fawcett)


Die Schwestern Fitzgerald sind überzeugte Außenseiter der Gesellschaft und ein untrennbares Team. Als eines Abends Ginger von einem Wolf gebissen wird, ändert sich alles. Die nach und nach zu einem Werwolf mutierende Ginger entdeckt ihre sexuellen Reize und ihre Gier nach Blut. Brigitte versucht alles um ihrer Schwester zu helfen, doch die Situation scheint aussichtslos...


Frau mit Schwanz...

Mit ihrer abgefuckten Lebenseinstellung dürften die Fitzgeralsschwestern manchem Teenie-Außenseiter aus der Seele sprechen. Und ihre Orientierung jenseits des Mainstreams trifft auch recht gut auf den Film zu, der nur wenige Zugeständnisse an ein Massenpublikum macht. Mag er das Treiben der pubertären Schwestern auch augenzwinkernd präsentieren und beide, ebenso wie jeglichen anderen Charakter des Films, keineswegs positiv zeichnen, „Ginger Snaps“ ist ein kleiner Kultfilm für das alternative Publikum, für alternative Mentalitäten - jedoch ohne dabei Menschen auszuschließen, die nicht zu dieser Beschreibung passen. Ohnehin ist John Fawcetts Werk ein Film, der Beachtung verdient, verkommt er doch keineswegs zum Teenie-Horror a la „Der Hexenclub“ mit Mindesthaltbarkeitsdatum aufgrund des Reiferwerdens, er ist bereits distanziert und intelligent genug erzählt, um ein erwachsenes Publikum ebenso anzusprechen wie ein jungendliches.

Je nach Alter wird man den Film aus anderen Gründen mögen, und junge Menschen werden später feststellen, dass das was sie an den Film gebunden hat, eher ironisch thematisiert wird und keineswegs gutgeheißen wird. „Ginger Snaps“ geht aber ohnehin verspielt mit der Gesellschaft um, das Spießertum und die Pädagogen bekommen ebenso ihr Fett weg wie die Teenager. Und dass der wachsende Horror in der titelgebenden Figur nicht nur erneut eine Coming Of Age-Metapher ist, in welcher das sexuelle Erwachen des Körpers symbolisiert wird, macht der Autor eigentlich schon durch sein offenes Spiel diesbezüglich deutlich, wenn ein Aufklärungsgespräch in der Schule ganz deutlich die Parallelen zwischen pubertärer körperlicher Veränderungen und jenen des Werwolfwerdens humoristisch gegenüberstellt.

Die Symbolik des Drogenkonsums und der Geschlechtskrankheiten greift da schon eine Spur versteckter, will diesbezüglich aber nicht warnen, sondern auch hier eher das Spiel des Missverständnisses einbauen, bzw. das Spiel ironischer Parallelen. Schließlich braucht Ginger das auf einem Löffel erhitzte Gebräu aus gelben Eisenhuth um wieder in die Gesellschaft zurück integriert zu werden und nicht um damit Heroin-artig dieser zu entrücken. Erst die geglückte Fortsetzung „Ginger Snaps 2“ greift die mögliche Drogenthematik widerspruchslos auf.

„Ginger Snaps“ ist eine Horror-Komödie, ein Film der seine Thematik nicht nur ironisch erzählt, sondern mit lustig gemeinten Figuren und Situationen den Humorbereich deutlich hervorhebt. Dankenswerter Weise verzichtet man aber auf eine Aneinanderreihung diverser Gags, „Ginger Snaps“ bringt einem meist auf subtilem Weg zum Lachen, nie gerät die Komik zu sehr in den Vordergrund, der Horror bleibt das wichtigste Haupt-Genre. Richtung Finale wird der kanadische Horrorbeitrag gar immer ernster. Die Komik wird komplett weggeblendet. Ein düsteres Thriller-Finale findet statt und wird schließlich durch das Genre Drama abgelöst, das bislang eher belustigt immitiert wurde. Zum Ende hin wird die Dramatik jedoch ernst genommen, „Ginger Snaps“ schließt pessimistisch mit einem bitteren Ende.

Es liegt an den interessanten Figuren, der gut eingefangenen Atmosphäre und allgemein an der Kurzweile, die „Ginger Snaps“ versprüht, dass der Schluss nicht wie ein eigenes Anhängsel wirkt, bei solch anderer Schwerpunktsetzung als zuvor. Der Film schaut sich trotzdem aus einem Guss, er ist schließlich intelligent erzählt und gerade deshalb nicht drauf aus irgendwelche vorgeschriebenen Normen einzuhalten. Die Geschichte bekommt stets den Schwerpunkt aufgedrückt, den die jeweilige Phase benötigt um die Geschichte glaubwürdig und packend zu erzählen. Aus einer schwarzhumorigen Teenie-Komödie wird eine Horror-Komödie, wird ein Horror-Thriller, wird ein Horror-Drama. In vielen Momenten verschmilzt alles zu einer angenehmen Symbiose, die deshalb nicht trotz vordergründig regulärer Horrorstory belanglos bereits Bekanntes abgrast, weil sie sich mental anders mit dem bekannten Stoff beschäftigt als üblich und dies auf geistreiche Art.


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Mittwoch, 20. September 2017

DAS FENSTER ZUM HOF (Rear Window 1998 Jeff Bleckner)


Der Architekt Jason Kemps ist seit einem Autounfall querschnittsgelähmt. Von seiner Wohnung aus kann er in die Fenster des Hauses gegenüber gucken, und da ihm dies als Beschäftigung gefällt, lässt er sich zum genaueren Hinsehen eine Kamera installieren. Als eine Frau von gegenüber nach einem heftigen Streit mit ihrem Freund Tage später wie ausgetauscht wirkt, wächst in Jason der Verdacht, dass der Künstler von gegenüber seine Frau umgebracht und tatsächlich gegen eine andere Person ausgetauscht hat. Ein befreundeter Polizist glaubt nicht an einen Mordfall. Eine Kollegin Jasons hilft dem Architekten Beweise für die Anschuldigungen zu finden...


Eine andere Blondine...

Alfred Hitchcock hatte mit „Das Fenster zum Hof“ einen großartigen Film abgeliefert, der es eigentlich nicht nötig gehabt hat neu verfilmt zu werden. Bis auf die zu braven Einblicke ins Privatleben Anderer, welche der biederen Entstehungszeit des Streifens zu verdanken sind, gäbe es keine nennenswerten Neuerungen, die der Thriller benötigen würde. Letztendlich ist Jeff Bleckners „Das Fenster zum Hof“ aber ohnehin nur eine alternative Erzählung zum Original und somit keine tatsächliche Neuverfilmung. Die Figuren sind andere, der angebliche Mordfall ist ein anderer, und der Grundton des Streifens ist auch ein anderer.

War Hitchcocks Werk ein für einen Thriller recht amüsant ausgefallener Film, so herrscht in der für das Fernsehen hergestellten zweiten Version des Stoffes von Beginn an ein ernster, düsterer Grundton. Der 90er Jahre-„Rear Window“ (Originaltitel) ist konventioneller erzählt, ist gradliniger ausgefallen und in vielen Dingen direkter angegangen, also weit weniger verspielt als die Hitchcock-Version. So ist z.B. von Anfang an klar hinter welchem Fenster sich der angebliche Mord abspielen wird. Und eigentlich rätselt man gar nicht so sehr, wie es im Original der Fall war, darüber ob alles nur ein Irrtum sein könnte, oder ob Jasons Verdacht der Wahrheit entspricht.

Solche Spielereien hat „Das Fenster zum Hof“ in seiner zweiten Version auch gar nicht nötig. Nicht nur, dass er gar nicht erst versucht mit Hitchcocks Original zu konkurieren, der Aufhänger der Neuverfilmung ist ein ganz anderer. Der Held des Streifens ist querschnittsgelähmt und kann sich damit noch weniger gegen mögliche Gefahren wehren, wie der diesbezüglich bereits eingeschränkte Held der 50er Jahre-Version. Wir erfahren viel darüber wie es ist mit der Lähmung leben zu müssen. Finanzielle Fragen tauchen neben den obligatorischen medizinischen Hintergründen ebenso auf wie zwischenmenschliche und seelische Problematiken. Es dauert allein 20 Minuten bis Jason erstmals aus dem Fenster guckt, bis dahin orientiert sich die Geschichte an den Fortschritten Jasons nach dem Unfall. Dass diese „Rear Window“-Version wesentlich düsterer ausgefallen ist, liegt somit nicht nur am verstärkten Thrillergehalt, sondern auch am dramatischen Aspekt, der hier weit mehr als nur simples Beiwerk ist.

Dieser dramaturgische Effekt wird zudem dadurch verstärkt, dass Hauptdarsteller Christopher Reeve selbst seit einem Reitunfall querschnittsgelähmt war und mit diesem von ihm mitproduzierten mutigen Projekt jedem zeigen kann wie es ist mit dieser Behinderung zu leben. Letztendlich ist Reeve Kemps, denn nicht nur der bewegungslose Körper vereint ihre Person, auch den ungebrochenen Willen daran zu glauben, dass es eines Tages eine Heilmöglichkeit gibt, überträgt Reeves von seiner Privatperson auf den von ihm gespielten Charakter. Bis zu seinem Tod glaubte Reeves felsenfest an eine Heilung und überraschte alle mit seiner optimistischen Überzeugung und dem Mut zum Kampf.

Den lebt er auch in seiner Rolle als Jason, und dass „Das Fenster zum Hof“ nicht nur zu einer Mitleidsnummer mit dem wirklich querschnittsgelähmten Reeves verkommt, liegt an dem Hauptdarsteller selbst, der nicht nur mutig und selbstbewusst auftritt, sondern auch beweist, dass er als Schauspieler stets unterschätzt wurde. Mag der Film manches Mal auch etwas zu gewöhnlich ausfallen und die Love Story mit seiner Kollegin arg unrealistisch wirken, die Leistung Reeves weiß zu packen und einiges wieder rauszureißen. Irgendwer Verantwortliches hat es zudem begriffen ihn optisch packend einzufangen, wenn er kritisch das Treiben von gegenüber beobachtet. Ob in Direktaufnahmen aufs Gesicht oder hinter der Scheibe sitzend, Jason wirkt wie eine ernstzunehmende Bedrohung auf den möglichen Mörder.

Ein zweites Meisterwerk wie Hitchcocks Version ist der 90er Jahre-„Rear Window“ nicht geworden, aber dank eines routinierten Spannungsbogens und eines alternativen Kriminalfalles und in erster Linie aufgrund Christopher Reeves packender und mutiger Darstellung, lohnt es sich trotzdem auch der Zweitversion des Stoffes eine Chance zu geben. Andere Schwerpunkte und ein düsterer Grundton machen aus dem Stück TV-Film eine eigenständige Angelegenheit, anstatt zur abgekupferten Blaupause eines berühmten Kinoklassikers zu verkommen.


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WER - DAS BIEST IN DIR (Wer 2013 William Brent Bell)


In Frankreich wird eine Familie beim Camping attackiert und regelrecht zerfetzt. Nachdem zunächst von einem Tierangriff die Rede ist, wird einige Wochen nach der Tat plötzlich ein Einheimischer festgenommen. Eine amerikanische Anwältin übernimmt dessen Verteidigung, da sie von der Unschuld des Mannes überzeugt ist, schließlich leidet dieser an einer Krankheit, die ihn recht bewegungsunfähig macht, und auch die Kraft der Taten sind mit den Muskeln von Menschen nicht zu bewerkstelligen. Eine Diagnose der seltenen Krankheit soll die Unschuld des Mandanten beweisen. Sie soll anhand von Tests in einem Labor nachgewiesen werden. Doch dann passiert das Unfassbare...


Diagnose: Vollmondtaten...

Warum ein Film, der erst so spät den Wandel der Krankheit des Angeklagten offenlegt, mit dem Titel „Wer“ (Originaltitel) zu viel verrät, will sich mir nicht erschließen, ist der Film von William Brent Bell doch bei möglichst hohem Unwissen aufgrund des angeblichen Justizskandals, der damit einhergehenden Dramatik eines scheinbar Unschuldigen und mit der (wissenschaftlichen) Forschung über die Krankheit ein interessanter Stoff, der völlig überraschend mit der Werwolf-Diagnose seine Wendung erleben würde, wenn der Zuschauer aufgrund der Namensgebung nicht längst auf eben diese gewartet hätte. Manch ungeduldigem Zuschauer wird die Wartezeit aufgrund dessen, dass der Titel einen bereits einweiht, in einer solch theoretisch angegangenen Story sicherlich auch zu lang ausgefallen sein, der geduldige Zuschauer wiederum wird ebenfalls für nichts belohnt und stellt sich jene Frage, mit der ich diesen Text begonnen habe.

Doch „Wer - Das Biest in dir“ ist ohnehin ein Film der merkwürdigen Entscheidungen. Zunächst beginnt er mit einer Szene im Found Footage-Stil. Ist diese vorbei behält er die Wackeloptik eben jener Szene bei, so dass man sich zunächst fragt, ob die Anwältin von einem Kamerateam begleitet wird, während sie ihre ersten Nachforschungen angeht. Dem ist jedoch nicht so. „Wer“ ist pausenlos in eine unangenehme Wackeloptik getaucht, die es weder zulässt intensiv in den den wunderbar theoretischen Plot einzutauchen, noch gelungene Bilder zaubern kann, um eine stimmige Atmosphäre aufzubauen. „Wer“ ist ein Film der Hektik im Äußeren und ein Film der Ruhe inhaltlich. Was soll dieser Widerspruch?

Optisch gibt es ohnehin wenig Gutes zu vermelden. Wenn die CGI-Kreatur des verwandelten Angeklagten Superhelden-artig von Gebäuden hüpft, weiß dies nicht zu überzeugen, obwohl derartige Szenen mittlerweile nun wirklich relativ günstig glaubwürdig zu bewerkstelligen wären. Die eigentliche Mutation hingegen weiß zu überzeugen, muss aber auch nicht zu viel leisten in einem Film, in dem es lediglich um eine Krankheit geht, die einst den Werwolfmythos auslöste und nicht um eine tatsächliche Werwolfgeschichte.

Dieser wissenschaftliche Ansatz ist im Horrorgebiet nicht neu. Spuk wurde gerne aus Forscher-Sicht untersucht (z.B. in „Tanz der Totenköpfe“), dem Vampirismus erging es nicht anders (z.B. „Dracula 2“), im Werwolf-Genre ist mir bislang jedoch kein Versuch bekannt dem Mythos einen wissenschaftlichen Blick zu schenken, aber bei der Flut an Beiträgen zu diesem Thema ist es recht wahrscheinlich, dass ein solches Thema an mir unentdeckt vorbeigezogen ist. Letztendlich greift dieser Schwerpunkt im hier besprochenen Film Richtung Finale aber ohnehin ins Leere. Denn nun wird die Geschichte endgültig zu einer Art Superheldenfilm, wenn zwei Menschen gleicher Erkrankung einander bekämpfen, der eine durch Eigenrasur peinlich zu einer möchtegern-kultgestilten Hautversion der Werwolfthematik zurecht gemacht und ähnlich peinlich fotografisch eingefangen, immer eine Spur zu cool wirkend, um scheinbar dem Jungpublikum gefallen zu wollen.

Interessante Ansätze sind durchaus gegeben, aber die Optik lässt keinen hohen Unterhaltungswert zu und gegen Ende fühlte ich mich altersbedingt vom Film ausgeschlossen. Vieles verstehe aber auch wer will, der Widerspruch zwischen Hektik und ruhiger Geschichte findet sich vergleichsweise auch im Widerspruch zur Erzählung anfangs und gegen Ende wieder. Da wird aus einer besonnenen Geschichte des Nachforschens plötzlich ein affenartiger Kinderzirkus sich bekämpfender Mutanten, freilich ohne dabei klassischen Monsterfilmreiz auszustrahlen. Ich habe keine Ahnung was dieser Film, außer seinem Versuch dem Werwolf-Genre neue Facetten abzugewinnen, wollte. Letztendlich ist das Gesamtergebnis nur deshalb nicht völlig in die Hose gegangen, weil die Geschichte so einige interessante Elemente enthielt, von denen ich mir wünschen würde, sie wären in einem niveauvolleren Film gelandet.


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Dienstag, 19. September 2017

DAS FENSTER ZUM HOF (Rear Window 1954 Alfred Hitchcock)


Der Fotograf Jeffreys sitzt mit gebrochenem Bein zu Hause. Da er sich schrecklich langweilt, beobachtet er die Bewohner im Hause gegenüber. Zunächst vom Treiben der Nachbarn amüsiert, wächst in Jeffreys mit der Zeit der Verdacht, dass ein Mann von gegenüber seine pflegebedürftige Frau umgebracht haben könnte. Während die tratschfreudigen Frauen in seinem Umfeld schnell von dieser Idee überzeugt sind, hält ein befreundeter Polizist Jeffreys Vermutungen für zu hanebüchen...


Wofür Blitzlicht alles nützlich ist...

Dass ausgerechnet der Kinogänger schnell zum Voyeurismus zu verführen ist, braucht nicht verwundern, schaut er sich doch ohnehin die Erlebnisse Fremder all zu gerne an, und dass Hitchcock ihm diesen Spiegel vorsetzt, ist allgemeinhin bekannt. Was durch „Big Brother“ und Co heutzutage in den Medien zum Alltag gehört, fand seinerzeit in dieser Form einzig vor dem eigenen Fenster statt oder außerhalb der Wohnung, möglichst mittels eines Fernglases. Ersteres führt jedoch eher in Versuchung, fühlt man sich doch etwas verbundener mit der Nachbarschaft, die zumindest aus Bekannten besteht, wenn auch keine die wir gut kennen. Und es sind ihre Banalitäten im Alltag, die locken, eben weil sie sich in ihren eigenen vier Wänden natürlich geben, unbeobachtet wie sie sich glauben. Und dass es uns als Zuschauer solch einen Spaß bereitet von Hitchcock derart angesteckt zu werden hinzugucken, liegt an dem Grundton, den er seinem Film verleiht.

Der ist lange Zeit schließlich keineswegs düster, wie es sich theoretisch für einen Thriller gehören würde. Viel mehr schaut sich „Rear Window“ (Originaltitel) lange Zeit eher wie ein Lustspiel, so locker und leicht präsentiert er seinen Stoff. Leicht humoristisch angehaucht lebt er den Schabernack, das harmlos Verbotene, zu das sich wer zuwendet, der dies vom Typ her im Alltag eigentlich nie tun würde. Nun mit Gipsbein an die Wohnung gefesselt, fällt Jeffreys nichts besseres ein, um mit der endlosen Langeweile umgehen zu können. Es ist die verschmitzte Art, die den Charakter der von James Stewart verkörperten Rolle zeichnet, welche „Das Fenster zum Hof“ so entspannt und vergnügt schauen lässt.

Da fallen lässige Kommentare im Dialog mit der Krankenpflegerin, augenzwinkernde Angriffe werden mit seiner Herzallerliebsten ausgetauscht, und selbst in der Spätphase des Streifens bleibt dieser Grundton bestehen, z.B. in der Art mit welcher Jeffreys gegen seinen Polizistenfreund stichelt, der in den Geschehnissen gegenüber nichts Besonderes zu sehen meint.

Wer von den beiden im Recht ist, steht auch in der langsam immer spannender werdenden Thrillerphase längst nicht fest. Die Spannung wird über die Taten derer die wir kennen erzeugt. Bloß nicht beim Spannen entdeckt zu werden, sorgt schon für manch spannungsgeladenen Moment, denn Jeffreys ist freilich ebenso deutlich zu beobachten wie die Leute die er selber ausspioniert. Aber auch manch waghalsige Situation, in welcher die Protagonisten selber zu Ungesetzlichen werden (weit über das harmlos illegale Treiben hinaus), treibt den Spannungsbogen gegen Ende immer mehr in die Höhe.

Durch die Reaktionen des Verdächtigten, den wir stets nur aus der Ferne betrachten, sind wir auch nahe am Finale noch immer unsicher ob der zwielichtige Mann nun einen Mord begangen hat oder nicht, reagiert er doch recht nachvollziehbar auf die Konfrontationen der ihm Fremden. Dies treibt Hitchcock bis zum Schluss auf die Spitze. Mag man gegen Ende auch ziemlich sicher sein ob der Nachbar nun ein Mörder ist oder nicht, erst kurz vor Schluss erfahren wir es endgültig, bis dahin gäbe es stets noch alternative Erklärungen, die das Gegenteil bestätigen würden.

Mit diesem Mix aus lockerer Atmosphäre und spannungsgeladenem Thrill, mit der ansteckenden Lust am Voyeurismus, den kleinen psychologischen Kniffen Hitchcocks (wie das Einfangen des Verdächtigen, das stets nur aus der Distanz stattfindet, oder das Einweihen des Zuschauers in einen Fakt, den Jeffrey aufgrund dessen dass er schläft nicht mitbekommt) und mit der Besetzung des immer wieder charmanten James Stuart und der verführerisch süßen Grace Kelly, ist Hitchcock ein Meisterwerk geglückt, ein Film der trotz des zunächst weniger qualitativ klingenden Aufrufs zum Voyeurismus in den Feinheiten und den geistreichen Nebensächlichkeiten seine wahre Größe offenbart, gleichzeitig aber auch in den Vordergründigkeiten durch den verschmitzten Grundton nie das Niveau und die Würde des Stoffes beraubt. „Das Fenster zum Hof“ ist eine stilsichere Angelegenheit und lädt alle paar Jahre immer wieder zum erneuten Sichten ein.


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Samstag, 16. September 2017

IM TODESGRIFF DER ROTEN MASKE (The Oblong Box 1969 Gordon Hessler)


Seit er sich in Afrika eine merkwürdige Krankheit eingefangen hat, wird der unberechenbare und entstellte Edward von seinem Bruder Julian in Ketten gefangen gehalten. Durch ein Mittel, das seinen Tod vortäuscht, will er sich befreien. Doch die Mitverschworenen dieser Idee glauben, dass er durch eine ungünstige Verstrickung der Geschehnisse tatsächlich verstorben ist, so dass der wiedererwachte Edward nun auf sich allein gestellt ist und mit einer roten Maske gekleidet auf Rachefeldzug geht...


Lieber in Ketten anstatt in einer Anstalt...

Mag man Christopher Lee auch nur in einer kleinen Nebenrolle besetzen, ihn zusammen mit Vincent Price, der hier eine Hauptrolle spielt, für einen Film zu gewinnen, ist solch ein Plus für einen Filmschaffenden, dass man sich eigentlich kaum noch Sorgen um das Ergebnis machen muss - sollte man zumindest meinen. Wenn die literarische Vorlage nun noch von Edgar Allan Poe stammt und das vorliegende Produkt dem Grusel-Krimi zuzuordnen ist, dann sollte doch eigentlich nichts mehr schiefgehen, oder? Ein löchriges Drehbuch sei Dank hat dies „Im Todesgriff der roten Maske“ nicht viel genutzt. Und Regisseur Gordon Hessler dürfte auch kein Genie seines Fachs sein, hat er es doch ein Jahr später mit „Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse" erneut geschafft eine Gurke abzuliefern trotz der Anwesenheit beider soeben genannter Stars und dem zusätzlichen Mitwirken von Peter Cushing.

Mit Blick auf das Drehbuch hätte aber auch wer Talentierteres aus der lediglich an Poe angelehnten Erzählung kaum etwas Brauchbares geerntet, ist „Falsche Leichen klaut man nicht“ (Alternativtitel) doch zum einen recht umständlich erzählt, obwohl es inhaltlich keinesfalls kniffelig zugeht, zum anderen langweilt die Geschichte schneller als erwartet, da sie dem Zuschauer keinerlei Rätsel bietet, die das vorhersehbare Treiben aufwerten. Der Täter hinter der roten Maske ist bekannt, sein Wesen nicht mystisch gestaltet, seine Taten nicht aufregend zu nennen, das Abfilmen dieser nicht atmosphärisch oder zumindest angenehm morbide eingefangen und die Dialoge so realitätsfern und unsinnig runtergeschrieben, wie die Handlungsweise so ziemlich jeder hier agierenden Person.

Was nutzt eine Geschichte um Leichendiebe, Krankheit, Verschwörung und schwarzer Rituale in einem englischen Horrorfilm zu Pferdekutschenzeiten in theoretisch gotischem Flair, wenn das Treiben der Protagonisten belanglos ist und der Aggressor des Films bei seinen Auftritten in der Öffentlichkeit stets der Lächerlichkeit preisgegeben wird, was ihm noch mehr seiner Wirkung beraubt als die völlig deplatziert wirkende Maske auf seinem Gesicht? Und was nutzt einem dann noch ein stets seriös spielender Vincent Price, der selbst dann noch zu wirken weiß, wenn er sich, wie hier, nicht wirklich Mühe gibt?

Peinliche Versuche ein afrikanisches Voodoo-Ritual aufzuzeigen machen von Anfang an klar, welches Niveau einen mit „Der Fluch des Dämon“ (Alternativtitel) erwartet. Ich dachte zunächst dies sei lediglich ein schwacher Einstieg in die Geschichte, dem folgte aber leider eine umständlich erzählte Vorgeschichte, die zu lange braucht, um auf den Punkt zu kommen. Wenn nach langer Zeit endlich der Rachefeldzug der roten Maske startet, sind bereits derart viele Filmminuten vergangen, dass einem klar wird mit keiner Besserung der Zustände mehr rechnen zu müssen.

Hier setzen sich nur jene Fehler fort, die auch zuvor am Gelingen des Werkes sägten: der Mangel an Atmosphäre und Ästhetik (die Hammer Studios hätten nie solch idiotisches Inventar eingesetzt), der Mangel an psychologischem Verständnis in der Begründung der Taten der Figuren, idiotische Verwendungen von Ausreden um diversen Handlungsweisen Sinn zu geben und das Fehlen eines Rätsels oder Geheimnisses, welches den Zuschauer einladen soll Interesse für das Gezeigte zu entwickeln.

Bislang ist „Die Todesmaske“ (Alternativtitel) die einzige von mir gesichtete Verfilmung um die rote Maske von Edgar Allan Poe, aber ich bekomme Lust mir andere Versionen des Stoffes zu Gemüte zu führen, um einen kompletten Eindruck zu bekommen, wie desaströs „Dance, Mephisto“ (Alternativtitel) tatsächlich ausgefallen ist. Heutzutage würde ein Regisseur, der gleich zwei unterirdische Filme abliefert, obwohl er tolles Personal am Start hat, kaum eine weitere Chance bekommen weitere Werke für das Kino fertigzustellen. Hessler hingegen hat es auf 31 Filme geschafft plus diverse Regiearbeiten für TV-Serien. Erst 1991 beendete er diese Karriere.


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VERTIGO - AUS DEM REICH DER TOTEN (Vertigo 1958 Alfred Hitchcock)

Der unter Höhenangst leidende Ex-Polizist John Ferguson wird von einem ehemaligen Schulfreund beauftragt dessen Frau Madeleine zu beschatten, da diese sich merkwürdiger Weise in letzter Zeit immer wieder in eine verstorbene Verwandte zu verwandeln scheint und dabei Dinge tut, an die sie sich hinterher nicht erinnert. Als John während des Beschattens einen Selbstmordversuch Madeleins verhindert, nimmt er persönlichen Kontakt zu ihr auf und versucht ihr zu helfen wieder sie selbst zu werden. Dabei verliebt er sich in sie...


Um ihretwillen gemocht werden...

Wieder einmal besetzte Alfred Hitchcock James Stewart für einen seiner wichtigsten Filme, und er tat gut daran diesen hervorragenden Mimen zu wählen, geht das Drehbuch doch nicht gerade sanft mit der Figur John Fergusons um, der verschiedenste seelische Phasen durchleben muss, wofür man einen facettenreichen, glaubwürdigen Schauspieler benötigt, der sowohl den verschmitzten Schmeichler spielen kann, wie auch den völlig verstörten Abgedrivteten, oder den obsessiven Todtraurigen. Solch vielschichtiger Charakter benötigt für seine glaubwürdigen Wandel eine Geschichte, die sich alle Zeit der Welt gönnt zu erzählen, was es zu erzählen gibt, und ein eben solches bietet „Aus dem Reich der Toten“ (Alternativtitel), das sich nicht nur in seiner Gesamtlänge jeglichen Raum lässt um alles erzählen zu können, sondern sich auch nötige Umwege gönnt, um wichtigen Einzelphasen gerecht zu werden.

Ruhige Momente werden regelrecht zelebriert, schweigsame Szenen so aufregend umgesetzt, dass selbst ein ungeduldiger Zuschauer sich nicht langweilen dürfte. Und der Aufhänger um den merkwürdigen Geisteszustand einer Frau bietet nicht nur den nötigen Anreger, um das Interesse des Zuschauers zu gewinnen und beizubehalten, er ist auch das ideale Ablenkmanöver, um von den eigentlichen Ereignissen erfolgreich abzulenken, auch wenn sich zwischendurch kurzfristig sicherlich in die richtige Richtung tendierende Gedanken beim mitdenkendem Zuschauer breit machen. Letztendlich ist man meist aber vom Geschehen zu sehr gefesselt, als dass man langfristig abschweifen könnte, anstatt das wahrzunehmen, was tatsächlich gerade auf der Leinwand passiert.

Das liegt neben der fesselnden, trügerisch fast schlicht erscheinenden, Geschichte aber auch an den hervorragenden Bildern, die Hitchcock uns hier präsentiert. Manches Mal wird auf fast geradezu an Mario Bava erinnernde Art mit einer dominanten Farbmischung gespielt, dann benötigt die hervorragende Fotografie eine solche wieder nicht, um Alltägliches gekonnt einzufangen. Wiederum andere Szenen beeindrucken aufgrund ihres Spielortes, oder aufgrund unbedeutender Elemente im Hintergrund, meist subtil eingefangen, in wenigen Momenten aber auch geradezu aufdringlich eingesetzt, so dass „Vertigo“ hin und wieder echtes Kinofeeling einfängt, wo er einen doch ansonsten erfolgreich eher unauffällig von der unseren Realität abzulenken versucht.

Hitchcock geht die auf einem französischen Roman basierende Geschichte mit derartigem Respekt vor ihren wertvollen Einzelphasen an, dass es ihm letztendlich sogar egal ist, dass „Listen Darling“ (Alternativtitel) streng ausgedrückt zum letzten Drittel hin kleine atmosphärische Durchhänger in Kauf nimmt, nach dauerhaft aufregend erzählten 90 Minuten. Die kleiner ausgefallene zweite Hälfte der Geschichte benötigt diesen Neuanlauf jedoch, bevor sie erneut zu einem Höhepunkt hochschwenken kann, der dem Werk dann jedoch einen recht plötzlichen Schluss beschert, so dass trotz jeglicher richtiger Herangehensweise in diesem letzten Part der längere erste Part als der wesentlich packender erzählte hervorsticht.

Die Konsequenz des späten Neuanfangs der Geschichte und der nun schauspielerisch immer interessanter werdende Charakter Fergusons sorgen dafür, dass aber auch diese vergleichsweise „schwächere“ Phase des Streifens noch immer ein Höhepunkt in Hitchcocks filmischen Schaffen bleibt, welches nun wahrlich nicht arm an Höhepunkten ist. Es geht mir hier lediglich darum den ungewöhnlichen Rythmus des Filmes zu erwähnen, der in heutigen genormten Kinozeiten überrascht, in denen eine Geschichte ihren Höhepunkt regulär am Ende erhält. Die Erzählung von „From Among the Dead“ (Alternativtitel) setzt noch einmal neu an, um die Geschichte zu einem konsequenten und inhaltlichen, wie analytischen Sinn machenden Schluss zu führen, der den Zuschauer nicht nur durch den plötzlich wieder ruhiger anklingenden Ton überrumpelt, sondern mit dem Wandel der Figur Fergusons geradezu beunruhigt und verstört, während er doch weiter als Identifikationsfigur fungiert.



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Sonntag, 10. September 2017

LATE PHASES (2014 Adrián Garcia Bogliano)


Der erblindete Vietnamveteran Ambrose zieht in eine Rentnersiedlung am Waldrand. In seiner ersten Nacht hört er wie seine Nachbarin getötet wird. Er selbst steht der Bestie, einem Werwolf, kurz darauf gegenüber, aber nur der Blindenhund muss sterben. Nach dieser Nacht bereitet sich Ambrose auf den kommenden Vollmond vor und mischt sich in der Zwischenzeit trotz seiner Einzelgängermentalität unter die Leute, um herauszubekommen wer der Werwolf sein könnte...


Der Blinde mit der Schaufel...

„Late Phases“ ist der Beweis dafür, dass eine nah an den Figuren orientierte Geschichte zu einer starken Erzählung führen kann, auch dann wenn nur wenig Neues erzählt wird und auch dann wenn die Mittel knapp sind. Der Werwolffilm, der von Beginn an kein Geheimnis aus seiner Bestie macht, ist leider zu schlicht abgefilmt. In seinen magersten Momenten wirkt er diesbezüglich gar wie ein Amateurfilm. Gute Verwandlungsmomente und rar eingestreute härtere Szenen wissen hingegen überraschend zu überzeugen, was man von den Kreaturen, wie typisch für dieses Sub-Genre, nur bedingt sagen kann. Für einen Film dieser Preisstufe sind die Werwölfe ansehnlich ausgefallen, aber ich tue mich allgemein schwer mit Wolfsmenschen, wirken sie doch meist zu unecht oder zu putzig und beides wird auch hier gestreift, wenn auch nicht ansatzweise in einer Lächerlichkeit badend.

Hilfreich kommt den meist späten Auftritten der Kreaturen jedoch die Stimmung zugute, in die „Night of the Wolf - Late Phases“ (Alternativtitel) getaucht ist. Die Geschichte ist sehr langsam erzählt, orientiert sich fast einzig an Ambrose, einem blinden Rentner, dessen Charakter tief gezeichnet ist und der den eigentlich interessantesten Part der Geschichte ausmacht. Er ist ein harter Hund, ein Einzelgänger, verbittert aber nicht dumm, oder zu trotzig um Schlechtes zu bereuen. Sein Alter und seine Sehbehinderung werden zu Schwerpunkten seines Charakters und dementsprechend auch zu einem Nachteil sich der Bestie zu Wehr zu setzen. Sein Geruchssinn und sein Gehörsinn, den er mittels eines Hörgerätes zudem noch zu verstärken weiß, halten dagegen.

„Late Phases - Night of the Lone Wolf“ (Alternativtitel) gönnt sich den Luxus von der Vorbereitung auf den kommenden Vollmond zu handeln. Man erwartet vom Publikum die Regeln des Werwolf-Horrors zu kennen, die Pläne, die Ambrose schmiedet, werden nicht zusätzlich benannt. Man hat sie zu erkennen oder zu erahnen, zusätzliche Hilfe vom Autor wird einem nicht gegeben. Ich kann mir vorstellen, dass viele blutgeile Horror-Fans sich tierisch gelangweilt haben, eben jene Art Genre-Freund, denen es stets nur um Härte und Effekte geht. Aber allein Nick Damicis Darstellung des Hauptcharakters ist derart überzeugend ausgefallen, dass man dem oftmals nüchternem Treiben der Vorbereitungen auf die kommende Vollmondnacht nur all zu gerne beiwohnt.

Zudem gönnt sich das Drehbuch mittels Nebenfiguren die ein oder andere kritische und philosophisch angehauchte Vertiefung, was dem hauptsächlich dramatisch anstatt spannungsgeladen ausgefallenen Horrorfilm einen kleinen Mehrwert beschert, zumal besagte Zusätze nicht zu gewollt wirken oder gar geheuchelt. Da wir es in der gesamten Geschichte fast ausschließlich nur mit netten Charakteren zu tun bekommen (auch Ambrose zählt dazu, da wir ihn im Laufe der Geschichte zu verstehen lernen), wirken die Geschehnisse um so dramatischer. Selbst der Tod einer Nachbarin, die man nur kurz kennenlernen durfte, schmerzt aufgrund ihrer sympathischen Charakterzeichnung und dem Talent der Erzähler eine starke Figurennähe auch zu Randfiguren aufzubauen.

Dem Finale kommt die zu schlicht ausgefallene Optik etwas zu sehr in die Quere, um einen wahrhaftigen Spannungsbogen aufbauen zu können, aber aufgrund der anderen Stärken bereitet das lautere Treiben am Ende auch in der Theorie genügend Sehvergnügen, bevor ein trauriger Monolog einen Richtung Abspann entführt. Ethan Embry kommt in seiner Rolle als Sohn ein wenig zu kurz, dafür darf man sich über die um so größere Präsenz von Nick Damici freuen, der seine Rolle wirklich gelungen ausfüllt. Gern hätte ich mehr Szenen, bzw. längere Dialoge mit dem Pfarrer verfolgt, der die interessanteste Nebenfigur des Streifens darstellt, andererseits wollte man wohl die Filmlänge nicht überstrapazieren bei einem theoretisch dünnem Plot, so dass der Verzicht wohl Sinn ergibt um auf 90 Minuten keinen Leerlauf zu erzeugen.

Mir hat „Late Phases“ überraschend gut gefallen. Erwartet habe ich nichts, und neugierig wurde ich eigentlich nur auf ihn, da er von OFDb-Filmworks auf DVD herausgebracht wurde. Mit dem vorliegenden Ergebnis bin ich sehr zufrieden, eben weil „Late Phases“ erzählt was es zu erzählen gibt und was zu erzählen wert ist, ohne darauf zu schielen was das Publikum wollen würde. Solch ein Selbstbewusstsein würde ich mir von Billigproduktionen in diesem Genre öfters wünschen.


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BEIM ERSTEN MAL (Knocked Up 2007 Judd Apatow)


Alison geht gemeinsam mit ihrer Schwester in einer Disko ihren neuen Job als Moderatorin beim Fernsehen feiern, trifft dort auf Ben, und dank des reichhaltig fließenden Alkohols landet die attraktive Frau mit dem schlichten Dicken im Bett. Alison wird von diesem Erlebnis schwanger, kontaktiert daraufhin Ben, und nun wollen beide zusammen, der eine konservativ geartet, der andere ein alternativer Kiffer, ausprobieren, ob aus ihnen zu Liebe des Kindes nicht doch ein Paar werden könnte...


Verfickte Probleme...

Während der Versuch Seth Rogen in „Zack and Miri make a Porno“ sanfter als gewohnt einzusetzen eher als gescheitert betrachtet werden darf, ist dieses Experiment im ein Jahr zuvor erschienenden „Beim ersten Mal“ bereits vorher geglückt. Dabei klingt das Handlungskonstrukt zunächst arg bieder, der Plot keineswegs innovativ, wirkt eher orientierungslos angehaucht, und keine der Figurenzeichnungen ist positiv ausgefallen. Man muss schon etwas näher hingucken, um die Stärken eines Streifens kennenzulernen, der davon handelt dass zwei unterschiedliche Menschen aufgrund einer Schwangerschaft versuchen eine Partnerschaft zu leben. Das klingt arg nach dem zwanghaften Familienbild amerikanischer Filme, nach einem Belehrungsversuch Alternativlebende zur Zweisamkeit zu bekehren und nach gesellschaftlichen Vorurteilen ein Baby würde nur im klassischen Familienbild glücklich aufwachsen können.

„Beim ersten Mal“ ist hingegen viel sensibler erzählt und gedacht, als uns die Inhaltsangabe und der provokante Ekelhumor rund um Bens Clique zunächst weißmachen möchten. Es geht um den echten Versuch den Menschen hinter dem ersten Eindruck kennenzulernen, um den wahren Charakter eines Menschen, der in der Regel etwas Liebenswertes in sich trägt, das es zu entdecken lohnt. Und Judd Apatows Film macht es seinen Protagonisten wahrlich nicht leicht dies aneinander zu entdecken. Fortschritte wechseln sich mit Rückschritten ab, zu arges Bemühen mit natürlichem Funktionieren, äußere Beeinflussung mit eigenem, kritischen Denken, zu schnelle Entscheidungen mit zu stark überdachten. Wie im wahren Leben werden die Tücken des Alltags, das Umfeld und die Selbstzweifel zu Stolpersteinen des Glücks.

Aufgrund dieser facettenreichen Orientierung tut es dem Film unglaublich gut, dass er sich stets für Nebensächlichkeiten Zeit nimmt, thematisch scheinbar sinnlos abdriftet, oft um das Ergebnis herumschlendernd anstatt das Ziel direkter anzusteuern. Wer den wahren Kern des Films entdeckt und in diesem emotional eintauchen kann, der wird nie, wie oft zu lesen, beklagen, dass die Laufzeit zu lang ausgefallen sei und dass der Film mit Nichtigkeiten überfrachtet sei. Ganz im Gegenteil würde die Hauptgeschichte gar nicht ohne dieses Beiwerk funktionieren, weil eben dies das Leben ausmacht und beeinflusst.

Es ist schön, dass es trotz diverser Entgleitungen in eine alternative Kinorealität, in solch einem Film tatsächlich einmal um den Menschen geht, anstatt um Erwartungen eines Kinofilms zu diesem Genre. Es geht um alles was der Mensch verkörpert, ohne moralisch oder anderweitig orientiert irgendetwas schönreden zu müssen. Das ist in einem romantisch angelegten Werk durchaus möglich, wie „Knocked Up“ beweist, aber man muss sensibel hinter den Schleier scheinbarer Klisches blicken können, man muss selbst die Fähigkeiten der hier gezeigten Figuren besitzen, sich auf jemanden einzulassen, der einem zunächst unsympathisch erscheint. Und dank der Gegenüberstellung eines nicht wirklich glücklichen oder unglücklichen Ehepaares, bekommt der Versuch der beiden zentralen Figuren eine Spiegelung dessen vorgehalten, was aus einer Partnerschaft werden kann, sollte, bzw. nicht sollte.

Es ist wohl dem Drehbuch zu verdanken, dass selbst diese Nebenfiguren empathisch beleuchtet werden, Tiefe erhalten und zu weit mehr werden als für Randaussagen nützliche Stereotypen. Dass dies bei Bens Freunden nur bedingt funktioniert, verwundert aufgrund der unangenehmen Ekelkomik in diesen Reihen nicht, die Rogens grenzwertigen Humor ebenso in den Film einbringen, wie Rogen in vorgenommener Besetzung seine persönlichen Freunde integriert, seine Standard-Crew. Dass aber selbst deren verkörperte Figuren den Ansatz von Tiefe besitzen und der Zuschauer die Schwächen sich stark gebender, schmuddeliger Männer entdecken kann, beweist die Sensibilität des Streifens, bzw bei Nichtfunktionieren der Mangel an Sensibilität beim Zuschauer.

Was bei Ben zu Hause passiert ist selbst mir als Freund seiner Filme oftmals zu viel des Schlechten und kratzte damit leicht an der ansonsten angenehm zu schauenden Fassade des Wohlfühlfilms. Aber mit diesen kleinen Abstrichen kann ich leben innerhalb eines Filmes der stillen Komik, der urplötzlichen lauten Lacher, der ansteckenden Romantik und der nachvollziehbaren Reibereien. Es ist herzerwärmend zwei unterschiedliche Menschen dabei zu begleiten das Liebenswerte ineinander zu entdecken, und es tut ebenso gut ganz nebenbei eine entstehende Männerfreundschaft mitzuerleben, deren einzige Basis es zunächst ist Vater zu sein / Vater zu werden. Vielleicht ist es letztgenannter, nicht zu unterschätzender Aspekt, der dabei hilft aus „Beim ersten Mal“ keinen reinen Frauenfilm werden zu lassen. Aber allein die Besetzung Seth Rogens ist eigentlich schon der erste Schritt gegen solch ein Klischee-Kino zu steuern.


Weitere Besprechungen zu Beim ersten Mal: 


GRÜNE AUGEN IN DER NACHT (Eye of the Cat 1969 David Lowell Rich)


Wylie war immer der Lieblingsneffe der todkranken Tante Danny. Ihr Ableben steht kurz bevor, und ihre Katzen sollen ihren Reichtum erben. Friseurin Kassia bekam dies alles in all den Jahren von Danny als Kundin erzählt und heckt nun den Plan aus Wylie zurückzuholen, damit dieser alles erbt, um sie am Geld zu beteiligen. Es gibt nur ein Problem an diesem Plan: Wylie hat eine Todesangst vor Katzen...


So ein Katzenjammer...

Als Katzen-Horror beworben und auf manchen Internetseiten auch als solcher bezeichnet, entpuppte sich „Grüne Augen in der Nacht“ eher als Thriller, der aufgrund einer unter Katzenangst leidenden Hauptfigur kleine Momente eines Horrorfilms aufblitzen lässt. Ansonsten geht es eigentlich um Erbschleicherei, um den miesen Plan eine schwerkranke Frau um die Ecke zu bringen, um die Gier nach Geld und um Schein und Sein. Wer also ähnliches wie „Strays - Blutige Krallen“ erwartet, ist im falschen Film. Im Gegensatz zu „Die Rache der 1000 Katzen“ und „Uninvited“ werden besagte Tiere aber zumindest, wenn auch nicht zentral, möglichst effektiv eingesetzt, so dass man an Ermangelung an Katzen-Horrorfilmen dann doch zu Richs Werk greifen kann, wenn es einen denn unbedingt in Richtung dieser Thematik zieht.

Am besten ist es aber freilich man löst sich von dem was man las und erlebt „Eye of the Cat“ (Originaltitel) einfach als das was er ist: ein verspielter, nicht ernst gemeinter Gaunerfilm. Dank absichtlich unsympathischer Figuren und dem Eingeweihtsein in die Verschwörung (mit Ausnahme einer finalen Wendung, welche die meisten jedoch schneller erahnen werden, als es dem Autor lieb war) funktioniert der Streifen fast schon eher als eine Art schwarze Komödie. Sein weltfremder Charakter unterstützt ihn dabei, wirkt alles Erzählte doch abgerückt von der unseren Realität, so unglaubwürdig der zu konstruierte Plot angegangen wird. Das stört in der ersten Hälfte des Streifens mehr, als dass es förderlich wäre, unterstützt aber immerhin die bessere zweite Hälfte darin nicht alles all zu ernst zu nehmen, allein schon weil selbst fauchende Katzen in Nahaufnahmen noch immer eine Niedlichkeit besitzen anstatt Unbehagen zu erzeugen.

Dass nur eine Hälfte von „Wylie“ (Alternativtitel) funktioniert und die Schlusspointe für einen Langfilm eher unbefriedigend daher kommt, legt die Vermutung nahe, dass der Streifen als Kurzgeschichte in einem Episodenfilm besser aufgehoben gewesen wäre. Vergleichbare Geschichten aus „Geschichten aus der Schattenwelt“ und „Der Makler“ bestätigen diese Theorie, lieferten diese beiden Werke im Gegensatz zu jeglichen Langfilmen zu diesem Thema doch die wahren Höhepunkte bisheriger cineastischer Schauergeschichten um Katzen ab.

Nun muss man sich aber damit abfinden, dass „Grüne Augen in der Nacht“ ein Langfilm geworden ist und unverständlicher Weise zudem noch einer, der über 100 Minuten läuft, so dass man sich entweder vom Film abwenden kann, oder geduldig die trotz angenehmer Schrulligkeit schwer verdauliche erste Hälfte tapfer durchsteht, um die angenehm unterhaltsame zweite Hälfte genießen zu können. So oder so ist das Werk aus dem Hause Universal nur ein Kompromiss und kein wahrliches Filmvergnügen, aufgrund seiner ungewöhnlichen Art ist er aber zumindest für interessierte Cineasten einen theoretischen Blick wert. Allein dass der Vorspann im Split-Screen-Verfahren stattfindet, Jahre bevor De Palma in „Phantom im Paradies“ und „Carrie“ mit diesem von sich reden machte, ist das Sichten des zu unausgegoren ausgefallenen Filmes für solch ein Publikum bereits wert.


Samstag, 9. September 2017

COOTIES (2014 Jonathan Milott u.a.)


Für einen Job als Vertretungslehrer während der Sommerschulzeit kehrt Schriftsteller-Neuling Clint in seine Heimatstadt Fort Chicken zurück. Direkt am ersten Arbeitstag bricht eine Epidemie unter den Kindern aus. Sie verwandeln sich in Zombies. Die Lehrer versuchen sich gemeinsam gegen die kleinen Bestien zur Wehr zu setzen, aber die gefräßigen Plagegeister sind keine leichten Gegner...


Drecks Danville...

Die Idee und die Umsetzung von „Cooties“ mag nicht so innovativ und außergewöhnlich sein, wie sie Produzent und Hauptdarsteller Elijah Wood laut Interview empfinden mag, immerhin mixt sie lediglich die klassischen Kinder-Horrorfilme a la „Ein Kind zu töten“ und „The Children - In ihnen schlummert das Böse“ mit dem Sub-Genre des Zombiefilms, letztendlich haben sich jedoch genügend amüsante Situationen und Ideen eingeschlichen, die den Streifen durchaus unterhaltsam gestalten. Albernheiten, gesellschaftskritische Seitenhiebe und relativ zahm ausgefallener Splatstick geben sich die Hand in einer Geschichte, die eigentlich nichts anderes erzählt als die vielen Zombiefilme die es zuvor gab ebenso.

Sicherlich mag es interessant und ein wenig schwarzhumorig erscheinen, wenn Erwachsene auf kleine Kinder einprügeln, eine zu sehr in hektische Bewegungen getauchte Kamera und zu schnelle Schnitte lassen einen jedoch zu selten in diese wunderbare Randidee des Streifens eintauchen, diesbezüglich hatte ich von „Cooties“ ein wenig mehr erwartet. Als Ausgleich darf zumindest die oft kritisierte zu zahme Methode Kinder zu erziehen für einige Lacher sorgen, erst recht wenn Kollegen untereinander jenen den Kindern gegenüber angewöhnten überkorrekten Ton beibehalten, innerhalb von Situationen die Aufgrund ihrer Extreme selbst gewöhnliche Höflichkeit nicht mehr nötig gehabt hätten.

Sicherlich kann man „Cooties“ als Kritik dieser Erziehungsmethoden betrachten und die Zombies als Sinnbild dessen sehen, zu welch kleinen Bestien die ewig nörgelnde, verwöhnte Generation, die regelrecht gezüchtet wird, verkommt. Dafür geht das Drehbuch jedoch nicht analytisch tief genug vor, und die Kritik am Fleischkonsum aus Massentierhaltung als Auslöser der Pandemie dominiert gegenüber besagtem Aspekt. Will man tatsächlich Kritik an besagter Erziehung äußern, welche die Kinder zu sehr in Watte packt und nicht auf das wirkliche Leben vorbereitet, so habe ich mir gedacht, müsste man viel eher einen Horrorfilm drehen, in welchem verweichlichte Kinder es nicht schaffen (als Kinder oder als Erwachsengewordene) sich gegen Zombies zur Wehr zu setzen. Das wäre effektiver als den Kampf Erwachsener gegen das Ergebnis ihrer zu überbehüteten Erziehung zu zeigen, zumal wir diese in der Realität in erschreckender Konsequenz so richtig erst im Alter spüren werden.

Wie auch immer, „Cooties“ versteht sich hauptsächlich ohnehin als Spaßfilm der keine ernstzunehmende Kritik äußern will, sondern das belustigende Szenario lediglich dafür nutzt einigen Dingen im amerikanischen Alltag den Mittelfinger zu zeigen. Auch dies ist nicht neu im Horror-Genre und erst recht bei Zombie-Komödien. Das Werk von Jonathan Milott und Cary Murnion ist stilistisch wie inhaltlich recht gewöhnlich ausgefallen, um so erleichterter darf man jedoch über den Unterhaltungswert sein, der zwar auch nicht außergewöhnlich ausgefallen ist, aber in seiner routinierten Art deutlich kurzweiliger und treffsicherer ausgefallen ist, als sich rein auf Splatstick ausruhende Langeweiler wie „Juan of the Dead“, „Doghouse“, „Dead Snow“ und Co.

Als einzig ungewöhnlich sticht die Figurenkonstellation bezüglich einer möglichen Love Story hervor, die anders verläuft als in 08/15-Handlungen dieser Art üblich. Da die Figuren aber dem Humor zuliebe zu oberflächlich bleiben, wird damit weder Tiefgang gewonnen, noch nennenswerte emotionale Momente herbeigeführt. Somit bleibt auch mit dieser einzigen Abänderung der Norm die Hauptabsicht bei der Bespaßung des Publikums, und wer nicht all zu hohe Erwartungen an „Cooties“ hegt und einen bunten Comicfilm sichten möchte, der wird zumindest zufriedenstellend nett unterhalten. Einzig der zu plötzliche Schluss nervt. Spielte man hier mit dem Gedanken einer bislang nicht verwirklichten Fortsetzung?


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DER DÄMON UND DIE JUNGFRAU (La frusta e il corpo 1963 Mario Bava)


Christian, der verstoßene Sohn eines todkranken Grafen, kehrt auf sein Schloss zurück und weckt verdrängte Begierden in Nevenka, der Ehefrau seines Bruders, mit der er einst ein Verhältnis hatte. Nur wenige Stunden nach seiner Ankunft wird Christian tot aufgefunden. Als es in den Tagen darauf zu weiteren Todesfällen kommt, beginnt Nevenka daran zu glauben, dass Christian dem Grabe entstiegen ist, um Rache zu nehmen...


Wer hat denn da schon wieder seine Schuhe nicht abgeputzt?...

Nachdem Mario Bava nach seinem geglückten Einstieg ins Horror Genre mit „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ sich erst einmal in anderen Genres ausgetobt hatte, kehrte er 1963 mit „Der Dämon und die Jungfrau“ zu diesem zurück, erneut einen Paukenschlag gothischen Flairs abliefernd, aber dennoch etwas völlig anderes präsentierend als das was es im legendären Schwarz/Weiß gehaltenen Hexenfilm zu erleben gab.

„Der Mörder von Schloss Menliff“ (Alternativtitel) ist ein waschechter Grusel-Krimi, nicht etwa in solch verwaschener Form ausgefallen wie die deutschen Wallace-Filme gleicher Entstehungszeit, die eigentlich reine Kriminalfilme blieben, sondern unheimlich umgesetzt, wie seinerzeit „Orlacs Hände“. Tatsächlich darf man rätseln, ob der Spuk einen weltlichen Hintergrund hat, oder ob er tatsächlich übernatürlicher Herkunft ist, und obwohl uns Bava am Ende eine Antwort auf die Frage nach dem Täter liefert, bleibt die Frage nach Spuk oder Nichtspuk dennoch nicht völlig aufgeklärt.

Damit darf „The Body and the Whip“ (Alternativtitel) nach dem Schauen noch ein wenig nachwirken, aber eigentlich tut er dies vielmehr über das Seherlebnis an sich, anstatt über seine Geschichte. Will man Mario Bava als den Künstler erleben, von dessen Ruf man immer wieder hört, sitzt man mit „Der Dämon und die Jungfrau“ vor dem richtigen Film um sein Können in allen Zügen genießen und bewundern zu können. Nicht nur dass sich der gute Mann im Spiel mit Farben und Schatten geradezu austobt, so wie er es später noch des öfteren tun sollte, auch viele Perspektiven an sich und diverse Kamerafahrten sind eine Wucht für sich. Zwar war laut den offiziellen Daten wer anders für die Kameraarbeit zuständig, aber Bavas Stil ist unverkennbar wiederzuerkennen. Der Regisseur hat sich in die Arbeit besagten Kameramannes stark eingemischt.

„Night is the Phantom“ (Alternativtitel) ist somit ein optischer Leckerbissen, ein Seherlebnis der besonderen Art und damit ein Highlight des italienischen Horrorfilms, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Ein mit Würde agierender Christopher Lee verfeinert den Eindruck und bietet einen weiteren Grund einzuschalten, zumal er mit der ungewöhnlichen Frisur, die er in diesem Film tragen muss, fast schon eher wie Leonard Nimoy anstatt wie Christopher Lee aussieht. Lee selbst soll einmal geäußert haben, dass „Der Dämon und die Jungfrau“ seine liebste italienische Arbeit gewesen sei, und dass er den Regisseur zu schätzen wusste, erkennt man daran, dass er nur zwei Jahre nach „Vampire gegen Herakles“ erneut mit besagtem Regisseur zusammen gearbeitet hat.

Der analytische Teil der vordergründig als Grusel-Krimi anvisierten Geschichte, ist nicht nur eine hoch gewagte Aussage seiner Zeit gewesen, „Son of Satan“ (Alternativtitel) erzählt von unterdrückten Bedürfnissen, die auch heutzutage für viele noch ein Tabu sind, oder zumindest auf Unverständnis stoßen. Nevenka sehnt sich nach der Lust der Gewalt. Sie ist nicht schlicht einem Sadisten verfallen, wie manch einer glauben mag, sie sehnt sich in ihren ehrlichen Augenblicken nach Gewalt. Mehr noch, obwohl Christian im Schloss seines Vaters nicht willkommen ist, ist er Nevenka gegenüber keineswegs der Tyrann, den er den anderen Bewohnern des Schlosses gegenüber nur allzugerne mimt. Auch seine Lust, sein Spiel mit der Frau seines Bruders, ist ehrlich gemeint und lehnt sich gegen die Konventionen der Gesellschaft auf, welche Nevenka dazu zwangen den Zweitgeborenen zu heiraten, bzw. diesen zwangen Nevenka anstatt seine wahre Liebe zu heiraten.

Der Sadomasochismus wird nicht kritisiert, nicht als Entrückung der Norm dargestellt, sondern lediglich als eine Form der Sexualität unter vielen präsentiert, was gerade im hochgradig katholischen Italien seinerzeit nicht gerade auf Begeisterung gestoßen sein wird. „Der Dämon und die Jungfrau“ erzählt von der Unterdrückung solcher sexuellen Sehnsüchte, vom biederen Umfeld, welches derartige Wünsche dämonisiert und zeigt das Ergebnis, welches aus Zwang diese Lust zu unterdrücken erwächst. Der Horrorfilm ist das perfekte Genre zum thematisieren solcher Auswüchse, das ideale Plädoyer für mehr Akzeptanz der ignoranten Masse, in Deutschland mehr denn je, wo selbst besagtes Genre lange Zeit um seine Anerkennung und Entkriminalisierung im harten Bereich kämpfen musste, dies teilweise bis heute sogar noch muss, z.B. bei dem eigentlich recht intellektuell ausgefallenen „Nackt und zerfleischt“.

Da Bava uns keine minutenlangen Szenen des Auspeitschens zeigt, wie der reißerische und dümmliche „Mark of the Whip“ viele Jahrzehnte später, wird „Der Dämon und die Jungfrau“ in seinem Anliegen mit besagtem Thema biedere Gemüter aufzuwecken nie zu einer reißerischen oder stillosen Angelegenheit. Aufgrund seines frühen Erscheinungsjahres weiß der Ansatz zu beeindrucken, so dass der ohnehin durch seine Optik, seine stimmige Atmosphäre und der Anwesenheit Christopher Lees sehenswerte Film um einen weiteren Sehwert bereichert wird, was „What“ (Alternativtitel) endgültig zu einer Pflicht interessierter Cineasten werden lässt. Damit stellt er wesentlich mehr dar, als lediglich einen Leckerbissen für Stammzuschauer seines Genres.


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Donnerstag, 7. September 2017

THE GREY - UNTER WÖLFEN (The Grey 2011 Joe Carnahan)


In der Nähe einer Ölbohrstation in Alaska hält John Ottway Ausschau nach Wölfen, um die Arbeiter vor diesen zu schützen. Das ist sein Job. Als man mit einem Flugzeug Richtung Heimat fliegt, kommt es zu einem Unglück. Die Maschine stürzt ab, sechs Arbeiter überleben wie durch Zufall zusammen mit John. Unter lebensunwürdigen Bedingungen versuchen sie zu überleben, müssen aber recht schnell herausfinden, dass sie mitten in einem Jagdrevier von hungrigen Wölfen gelandet sind...


Der Tod schenkt Wärme...

Ein zu melodramatisch abgefilmter Suizid-Versuch, ein reißerisch inszenierter Flugzeugabsturz, eine Anhäufung von Stereotypen und eine Kamera, welche den Protagonisten stets zu dicht an der Nase hängt, all dies ließ mich zunächst glauben einen typischen Film für das einfach gestrickte Kinopublikum heutiger cineastischer Tage beizuwohnen. Aber kurz nach der Notlandung wurde ich eines besseren belehrt. Urplötzlich durfte ich an einer empathischen Sterbeszene teilnehmen, die alles andere als typisch in den bisherigen Handlungsverlauf eingebunden war.

Aus Stereotypen wurden mit der Zeit glaubwürdige Figuren, auch der „Bösewicht“ des Streifens bekommt, wenn auch erst recht spät, eine sympathische Seite beschert. Die Dramatik der Figuren ist der Geschichte stets wichtiger als die ebenfalls nicht vernachlässigte Bedrohung, der man ausgesetzt ist, und diese wiederum ist derart dicht inszeniert, das ein Spannungshoch herrscht. Man befindet sich mental mittendrin in einem fiesen Szenario, menschliche Wärme ebenso spürend wie den peitschenden Frost der Umgebung, in der alles spielt.

Warum bei solch einem wunderschönen Film zunächst derart viele Eingeständnisse für ein Massenpublikum anvisiert wurden, welches gar nicht zum Zielpublikum des Streifens gehört, wissen sicherlich nur die Produzenten zu beantworten. Auch später noch finden sich immer wieder typische Ignoranzen von Großproduktionen im fertigen Film wieder, so z.B. in der Fähigkeit der Überlebenden bei Eiseskälte noch ihre Hände fingerfertig benutzen zu können, aber solche kleinen Ausrutscher in eine Kinorealität sind zu verzeihen inmitten eines menschlich erzählten Plots, in welchem sich Drama und Thrill hochgradig funktionierend die Hand geben.

Dass die Optik des Films im weiteren Verlauf nur leicht besser ausfiel und lediglich mit lebensfeindlichen Bildern vom ewig andauernd scheinenden Schneesturm zu trumpfen weiß, enttäuscht ein wenig. Wie viel besser hätte die lobenswerte Arbeit von Autor und Regie und somit der komplette Film ausfallen können, bei künstlerisch wertvollen Kameraaufnahmen? Aber auch daran erkennt man die große Kino-Mentalität von „The Grey“, der scheinbar doch eher als Möchtegern-Blockbuster anvisiert wurde, aufgrund mangelnder Action und Entgegensteuerungen zu erwartender Handlungsabläufe das denkfaule Mainstreampublikum aber sicherlich zu überfordern, oder zumindest zu enttäuschen weiß. Man kann unter diesen Bedingungen von Glück reden, dass der hier besprochene Abenteuerfilm überhaupt so wirkungsreich ausgefallen ist.

Es ist lange her, dass ich Liam Neeson zuletzt in einer nennenswerten Rolle erlebt habe. Oft kreuzt er meinen cineastischen Weg nicht, obwohl sein Talent wahrlich nicht gering zu nennen ist. Umso mehr habe ich mich gefreut ihn durch diese Geschichte zu begleiten, und Originalton sei Dank konnte ich auch seine effektive, dunkle Stimme genießen, die ihn glaubwürdig zwischen Kämpfer, rationalem Denker und Empath pendeln ließ, erkennbar machend, dass kein Widerspruch in dieser charakterlichen Vereinigung steckt. Aber das wichtigste Lob gilt wohl dem abwechslungsreichen Drehbuch, welches die Überlebenden wahrlich durch die Hölle gehen lässt, durch immer neue lebensgefährlichen Situationen den Figuren nach und nach den Mut nehmend in einem hoffnungslosen Kampf ums Überleben, und die Wölfe dabei immer nur dann auftauchen lassend, wie es auch förderlich für die Stimmung des Streifens ist. Gegen den Gegner Kälte wirken sie zahm und zweitrangig, aber wer sie unterschätzt hat bereits verloren.

Ich weiß nicht wer für das Ende zuständig war, aber ich habe fast einen Kniefall vor Dankbarkeit vollzogen, nachdem die Hoffnung bestätigt wurde, dass nach besagter letzter Aufnahme auch tatsächlich der Abspann folgte. Gern werde ich mit dem ungeklärten Restszenario gedanklich zurückgelassen, zumal auch andere denkwürdige Szenen in Erinnerung bleiben, über deren Folgen es sich (auch bei alternativer Fortführung der Geschehnisse) zu senieren lohnt. Ich kann nicht abstreiten, dass viele Wolfsattacken und emotionale Momente ein wenig zu dick aufgetragen sind, und manche Schneeaufnahme will wahrlich nicht authentisch wirken, aber „The Grey - Unter Wölfen“ hatte mich trotz solcher kleinen Abstriche definitiv in seinem Sog, und bei der handvoll Mentalitäten, die er durch seine unterschiedlichen Figuren aufweist, ist auch eine dabei gewesen, die meine eigene halbwegs wiederspiegelte.

Eine Art Wutgebets-Szene dürfte viele kalt gelassen haben, mich hat sie gepackt mit ihrer Provokation gegen Gott, Gott müsse es sich erst einmal verdienen, dass man auch an ihn glauben möge. Es waren oftmals scheinende Nebensächlichkeiten wie diese, die mich beeindruckt und überzeugt haben. Aber eigentlich halte ich die Ansammlung dieser Hinterfragung von menschlichen Existenzen, Gottesglaube und Wichtigkeiten im Leben, auf die man nach dem Überleben hofft, für den wahrhaftigen Schwerpunkt dieser Geschichte, die vordergründig lediglich vom Überleben in Extremsituationen zu handeln scheint.


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Sonntag, 3. September 2017

DIE KLASSE VON 1984 (Class of 1984 1982 Mark L. Lester)


Der Musiklehrer Mr. Norris ist neu an der Abraham Lincoln Highschool und legt sich sogleich mit einer Bande Jugendlicher an, welche die komplette Schule terrorisiert. Die Situation eskaliert...


Die wahre Zukunft Stegmans...

Um das Verrohen der Jugend wurde sich schon mindestens seit der 50er Jahre im Medium Film Gedanken gemacht. Dass es ganze Schulen treffen kann, war 1982 aber noch ein recht neuer Gedanke und damit vorausschauend mit Blick auf die Ghettoschulen, die gerade in 90er Jahre-Filmen zu diesem Thema ins Visier geraten sollten. Mark L. Lester nutzt die Thematik für einen Reißer. Manch einer mag den Tiefgang vermissen, die glaubwürdige gesellschaftskritische Aussage, die analytische Frage nach dem Warum, die Sensibilität mit solch einem schwierigen Thema umzugehen. „Die Klasse von 1984“ ist ein Thriller, der sich einzig auf die Konfrontation Lehrer und Schüler konzentriert, auf das Eskalieren der Situation, auf die äußeren Schauwerte. Aber will man den Streifen fair beurteilen, muss man auch bedenken, dass der Film nichts anderes sein will. Im Gegensatz zu einem „Dangerous Minds“ ist er somit nicht heuchlerisch ausgefallen, und das erspart ihm im Vergleich zu diesem manche Peinlichkeiten.

Da die Zeit nicht unübersehbar an „Class of 1984“ (Originaltitel) vorbeigezogen ist und der Film schon zu seiner Zeit kein Werk mit Tiefgang war, haben sich trotzdem manche Lächerlichkeiten eingeschlichen. Die Beleidigungen der Teens wirken viel zu kindlisch, Subkulturen wie die Punk- und Gothicszene werden hier noch als Buhmann verkauft. Aber diese Schwachpunkte nagen kaum am Gesamtwerk, erst recht wenn man es sich im etwas weniger reißerisch ausgefallenen Originalton zu Gemüte führt. Trotz fehlendem Tiefgangs ist Lester immerhin ein unglaublich packender Film gelungen, der dank der sehr zugänglichen Figur des Mr. Norris den Zuschauer nicht außen vor lässt.

Auch Norris hat seine Schattenseiten, tut Dinge die sich für einen Pädagogen nicht gehören, aber in einem Film der brutalen Schauwerte kann man Norris Taten zumindest emotional mitempfinden. Man versteht warum sein inneres Gleichgewicht aus den Fugen gerät. Und das diesbezüglich oftmals zu übertrieben ausgefallene Finale ist derart düster mit hohem Spannungsbogen nah am Horrorfilm-Stil orientiert, dass man dort längst die Spielfilmmentalität akzeptiert hat und den Realismus längst nicht mehr vermisst. Das Finale ist Nervenkitzel pur, hervorragend inszeniert und der Leckerbissen eines Streifens, der sich ohnehin sehen lassen kann.

Wer Hauptdarsteller Perry King nur aus „Trio mit vier Fäusten“ kennt, wird sich wundern wie vielschichtig sein Spiel ausfällt und wie gut sein Talent tatsächlich geartet ist. Ihm zur Seite stehen die stets gern gesehenen Stars Roddy McDowall, der es auch hier nicht lassen kann manches mal mimisch überzuagieren (aber genau darum mag man ihn doch eigentlich) und der am Anfang seiner Karriere stehende Michael J. Fox, hier noch ohne J., der in seiner zu klein geratenen Rolle aber noch nicht beweisen darf zu was er fähig ist. Dass der Gegenpart der Jugendgang viel zu alt besetzt wurde, ist man aus amerikanischen Filmen gewohnt, besitzt in „Guerrilla High“ (Alternativtitel) aber den Vorteil körperlicher Überlegenheit gegenüber Mr. Norris, so dass seine aussichtslos scheinende Position hierdurch noch verstärkt wird.

Mark L. Lester dreht die Gewaltschraube mit fortschreitender Laufzeit immer höher, verliert darüber hinaus aber nicht den emotionalen Aspekt der Geschichte aus den Augen, der weit mehr Einfluß auf den Action und Thrill orientierten Film ausmacht, als die meisten Anhänger des Streifens wohl zugeben würden. Das verschenkte Talent Stegmans, die Attacke auf Arthur, der komplette Terry Corrigan-Charakter und nicht zuletzt das was Norris Frau vor dem Finale angetan wird sorgen für Empathie beim Zuschauer, wissen zu bedrücken und vereinfachen damit freilich fast schon manipulativ den Zugang zu Norris‘ Racheakt als eine Art emotionale Befreiung.

Intellektuell ist „Die Klasse von 1984“ zu keinem Zeitpunkt ausgefallen, und pseudo-intellektuelle Zuschauer werden ihm genau dies ankreiden. Dass die Stärken woanders zu suchen sind, übersehen solche Gestalten gerne und glauben ein Film wie dieser würde lediglich den Voyeurismus nach Gewalt und Nacktheit fröhnen. Hierbei wird gerne übersehen, dass zumindest das Zusammenspiel von Ursache und Wirkung, von einigen Übertreibungen abgesehen, die aber zu solch einer Art Film dazugehören, glaubwürdig ausgefallen ist und großteils psychologisch stimmig angegangen wurde.

Winzige analytische Ansätze und das Verständnis für die einzelnen Figuren zeigen zudem, dass Lesters Werk keineswegs dümmlich ausgefallen ist. Man verweigert sich lediglich dem Tiefgang. Freilich muss man ein guter und vorurteilsfreier Beobachter sein um dies zu bemerken, aber sowohl den Fans als auch den Gegnern des Streifens ist dies eigentlich egal. Die lieben und hassen den Film meist aufgrund seiner ausgearteten Situationen, anstatt für die Treffsicherheit, mit der Lester jenseits wahren Bahnhofskino-Feelings ein solch bedrückendes Szenario fast einzig durch das Verwenden von Klischees kreiert.


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THE GUARD - EIN IRE SIEHT SCHWARZ (The Guard 2011 John Michael McDonagh)


Der irische Polizist Boyle ist mit seiner ruppigen Art und dem Drang selbst manches Gesetz nicht einzuhalten nicht gerade ein Vorzeigebulle. Da nervt es um so mehr, dass er aufgrund von Drogenschmugglern in seiner Gegend von nun an mit einem überkorrekten Amerikaner vom FBI zusammenarbeiten muss...


Ski fahren oder schwimmen?...

Auch wenn der deutsche Beititel und der Trailer uns „The Guard - Ein Ire sieht schwarz“ als Komödie zum Thema Vorurteile und Rassismus verkaufen will, so findet sich diese Thematik in John Michael McDonaghs Komödie doch kaum, sind die aufkommenden rassistischen Spitzen doch lediglich Provokationen des im Zentrum stehenden Iren, um den überkorrekten Amerikaner Everett, einen Schwarzen, zu verarschen. In dieser sehr sympathisch ausgefallenen, gemütlich inszenierten Krimi-Komödie geht es viel mehr um den kulturellen Zusammenknall zweier Länder, die sich in Sachen charakterlicher Freiheit stark unterscheiden. Der Amerikaner ist von der Political Correctness geprägt und lebt im Glauben manches nicht sagen zu dürfen, der Ire hingegen liebt die Freiheit alles sagen zu dürfen, auf die Gefahr hin nicht gemocht zu werden.

Das schöne am Ergebnis dieser weit weniger provokativ ausgefallenen Komödie, als man meinen sollte, ist das Verhindern von Schwarz/Weiß-Zeichnungen und das Fernbleiben einer Moral oder einer Positionierung zu einer von beiden Mentalitäten. Beide Personen leben mit ihrer Art zu denken recht gut. Trotz kultureller Reibereien lernen sich beide kennen, mögen sich, auch wenn sie einander suspekt und befremdlich empfinden und machen ihre Arbeit gut. Keiner verändert den anderen. Es wächst der Respekt zwischen beiden. Man erkennt, eben weil beide auch andere Seiten ihres Charakters durchschimmern lassen und damit der Figurentyp jeweils nicht vollkommen zu einer Extreme neigt, dass beide Mentalitäten ihre Daseinsberechtigung haben und nicht mehr oder weniger zur Kritik stehen wie vieles andere im Leben auch.

Sicherlich ist es traurig, dass der Amerikaner glaubt nicht alles sagen zu dürfen, um im Vorfeld bloß nie Gefahr zu laufen jemanden zu verletzen. Und klar ist es traurig, dass ein erwachsener Mann zu Drogen neigt und manches Mal unsensibel jemanden mit seinen Worten vor den Kopf stößt, der eine Umarmung nötiger gehabt hätte als direkte Worte. Aber so besitzen beide Arten zu leben nun einmal ihr Für und Wider, ihre angenehmen und unangenehmen Seiten, und es ist der zurückhaltenden Inszenierung des Regisseurs zu verdanken, dass man dies inmitten einer Geschichte aus Übertreibungen und Bodenständigkeit frei von angelernten Vorurteilen so rational annehmen kann.

Die gelungene Besetzung trägt ihr übriges dazu bei und weiß bis in die Nebenrollen hinein zu gefallen und zu überzeugen. Provokative Spitzen wechseln sich mit den angenehmen Seiten der Mentalitäten ab, laute Töne schallen in eine ruhige Atmosphäre hinein, Comic-artige Situationen und Figuren finden sich inmitten eines halbwegs authentisch ausgefallenen Alltags wieder. „The Guard“ bleibt selbst im Action-reicheren Finale ziemlich unaufgeregt erzählt, neigt nie zu reißerischen oder voyoristischen Bildern, selbst dann nicht wenn Boyle zwei Prostituierte zu sich bestellt und mit ihnen loslegt. McDonagh inszeniert stilvoll und die unbedingt erwähnenswerte visuelle Ästhetik unterstützt ihn dabei. So wird „The Guard“ zu einer cineastisch wertvollen Komödienerfahrung für vielseitig interessierte Filmliebhaber anstatt zur Provokomödie für das gemeine Volk.


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Samstag, 2. September 2017

DADDY'S CADILLAC (License to Drive 1988 Greg Beeman)


Les ist frisch durch die Führerscheinprüfung gerasselt und hat zwei Wochen Stubenarrest, da ruft die attraktive Mercedes an um ein Date-Versprechen einzulösen. Les beschließt heimlich Opas Cadillac zu nutzen. Was soll bei einem harmlosen, nächtlichen Ausflug schon Schlimmes passieren?...


Immer auf den Kaffee achten...

„Daddy‘s Cadillac“ mag nicht das Niveau der John Hughes-Teenie-Klassiker aus selbigem Jahrzehnt besitzen, dass er von diesen inspiriert wurde merkt man aufgrund der vielen schrulligen Randfiguren jedoch sofort. Sie sind es, die den eigentlichen Reiz des Streifens ausmachen und aus einer eigentlich ausgeleierten Teenie-Chose, in welcher der ausgeflippte, zentrale Jugendliche weit konservativer ausfällt als gewollt, ein sympathisches Stück Film kaum nennenswerter Aneinanderreihung nichtiger Handlungselemente machen. Schwebt die Bedeutungslosigkeit der Geschichte auch stets über allen Ereignissen, „License to Drive“ (Originaltitel) geht nie die Luft aus, es bleibt einfach auf simpler Ebene stets spaßig.

Trotzdem sympathisiere ich in erster Linie mit der ersten halben Stunde, welche im Aufbau der Geschichte und im Vorstellen der Charaktere die wahren Highlights besitzt. Wie der Vater vollgepackt mit Babyeinkäufen von Les sitzen gelassen wird, damit dieser Mercedes anstatt nach Hause viel weiter weg fahren darf, und ganz besonders die Fahrprüfung, die sich als Höllenfahrt mit einem strengen und kaffessüchtigen Prüfer herausstellt, in diesen Szenen ist der zweite Film mit den beiden Coreys am witzigsten, hier funktioniert die Situationskomik am unverkrampftesten.

Danach wirkt „Daddy‘s Cadillac“ immer eine Spur zu bemüht den Abend mit Absurditäten noch weiter hochzuschaukeln, bzw. simple Ereignisse wilder darzustellen als sie eigentlich sind. Aber auch in dieser längeren Phase mangelt es nicht an Nebenfiguren, die dafür sorgen, dass der Film nie wirklich abstürzt. Der unglaublich simpel, wie wirkungsreich ausgefallene Vater von Les wird insgesamt hierfür zur wichtigsten Figur, wohingegen die Geschwister und die Mutter, die am offensichtlichsten bei Werken von John Hughes abgekupfert wurden, maximal für ein leichtes Lächeln sorgen.

Von den wenigen Werken, die ich vom hauptsächlich für das Fernsehen tätigen Regisseur Greg Beeman kenne, ist „Daddy‘s Cadillac“ trotz all seiner Beinahe-Probleme der unterhaltsamste Film. Während ich mit „Mom und Dad retten die Welt“ noch halbwegs sympathisiere, hat er mit „Ein Satansbraten ist verliebt“ eine wahre Gurke abgeliefert, insgesamt wirken diese Beiträge aber ohnehin stets wie Auftragsarbeiten, wahrscheinlich haben die Produzenten auf jegliche dieser Werke mehr Einfluss gehabt als Beeman selbst - und die Autoren sowieso.

Mag die deutsche Stimme auch einiges von dem bremsen was Corey Feldman als vorlauter, nerviger Freund an Charme zu versprühen weiß, die Kompatibilität der beiden Coreys, die in „The Lost Boys“ erstmals zusammenarbeiteten und nach dem hier besprochenen Streifen nur noch in den beiden „Dream a Little Dream“-Filmen zusammen agierten, ist nicht zu übersehen. Man spürt geradezu, dass sie sich privat verstanden haben, wohingegen der dritte Freund im Bunde, der für den typischen schüchternen Teen einer Freundesclique steht, für den Plot eigentlich nicht nötig gewesen wäre und deshalb auch nie auffällt. Es ist, als wäre er nie mit dabei gewesen.

Dass Mercedes mit Heather Graham ein wenig zu sehr Richtung Top-Modell besetzt wurde, schadet leider der Glaubwürdigkeit um den alles auffangenden romantischen Hintergrundplot, da „Daddy‘s Cadillac“ sich aber ohnehin als Freude versprühender, nicht ernst zu nehmender Partyfilm versteht, spielt es kaum noch eine Rolle, dass jeglich romantisches Feeling nie wirklich aufkommt. Aber auch außerhalb einer funktionierenden Lovestory wäre eine glaubwürdigere Besetzung neben dem recht klein gewachsenen Haim wünschenswert gewesen. Wer weiß wie gut der Streifen ausgefallen wäre, wenn die Chemie auch zwischen dem Liebespaar funktioniert hätte. Dann hätte man neben der gut funktionierenden Blödelei vielleicht noch einen Film fürs Herz erleben dürfen und der Teenie-Spaß hätte mehr geboten als kurzweilige Unterhaltung, die kaum im Gedächtnis hängen bleibt. Spaßig war diese Teenie-Komödie nach all den Jahren aber auf jeden Fall wieder einmal.


Weitere Besprechungen zu Daddy's Cadillac: 


Mittwoch, 30. August 2017

THE ASPHYX (1972 Peter Newbrook)


Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt ein Adliger bei seinem morbiden Hobby Tote zu fotografieren einen Fleck auf jeglichen Bildern, die direkt während des Sterbeprozesses festgehalten wurden. Was zunächst als die Körper verlassenen Seelen vermutet wird, erweist sich bei einer zufälligen Filmaufnahme als ein Wesen, welches sich dem Körper nähert, anstatt sich von ihm zu entfernen. In dem Adligen wächst der Gedanke einen solchen Todesgeist einzufangen, in der Hoffnung dadurch unsterbliches Leben zu erlangen...


Was blaue Kristalle von weißen unterscheidet...

Etwas naiv mag sie ja ausgefallen sein, aber reizvoll ist die Geschichte von „The Asphyx“ durchaus, auch wenn sie in weit fortgeschrittenen Zeiten der Nutzung des Mediums Films auf den Glauben setzt, dass einzig zu Beginn der laufenden Bilder ein gerade Sterbender, und somit ein Asphyx, auf Film eingefangen wurde. Wahrscheinlich erwartete man vom Zuschauer automatisch, dass dieser ohnehin weiß gerade nur einer fiktiven Geschichte beizuwohnen, wofür sollte man also all zu glaubwürdig werden? Auch das eher an Theater anstatt an Spielfilme erinnernde Agieren der Schauspieler spricht für solch eine Denkweise, und letztendlich hätten die Verantwortlichen von „The Asphyx“ damit auch recht, eine solch naive Geschichte bleibt im Bewusstsein des Zuschauers auch beim tieferen Eintauchen Fiktion. Aber gerade deshalb hätte der Grusler von Regisseur Peter Newbrook im Gegenzug unbedingt stimmungsvoller ausfallen müssen.

Man mag sich kaum ausmalen welch wundervoller Film unter der Produktion der Hammer-Studios aus dieser sympathischen Geschichte entstanden wäre, die sich nie all zu lange auf einer Idee ausruht und seine Protagonisten während ihrer Forschung erfreulicher Weise sogar oftmals Falsches vermuten lässt. An anderer Stelle finden die Fortschritte der Forschung wiederum zu arg beschleunigt statt und die Erkenntnisse scheinen wie aus dem Nichts zu kommen. So wie der Asphyx erklärt wird, steht zum Beispiel keinerlei Zusammenhang zu einer Vermutung durch sein Einfangen könne man ewiges Leben erlangen. Genau dieser Schluss wird jedoch ohne Zweifel automatisch aus ersten Erkenntnissen gezogen.

Das könnte man alles noch als Kleinkrämerei bezeichnen, wenn „Experiments“ (Alternativtitel) an sich als kleiner Grusler für zwischendurch funktionieren würde, aber dafür stehen ihm drei Dinge im Weg. Zum einen ist das theoretisch morbide Szenario viel zu lebensfroh eingefangen, selbst in anfänglich dramatischen Momenten, zum anderen wurde sich im Bereich der Deko wenig Mühe gegeben. Alles wirkt steril, der stimmige Gothik-Look vergleichbarer Werke dieser Zeit fehlt. Am ärgerlichsten ist jedoch die Besetzung der Hauptrolle ausgefallen. Wo ein Cushing eine Glanzleistung aus den Vorgaben des Charakters herausgeholt hätte, wirkt ein durchaus engagierter Robert Stephens mimisch leider wie ein Komiker, der in ein ernstes Genre gesetzt wurde. Zu fröhlich wie der Grundton des Streifens kommt er mimisch daher, und wenn die Geschichte zum Ende hin düstere Wolken über das Geschehen legt, bekommt der gute Mann nicht einmal die tragischen Momente mit seinem lustig scheinenden, zu rundem Gesicht glaubwürdig gespielt.

Man kann es dementsprechend als Stärke des Drehbuchs bezeichnen, dass diese dramatischen Momente trotzdem halbwegs zu wirken wissen. Der Gedanke was das dort Geschehene für einen Menschen wirklich bedeuten muss ist erschütternd, aber eben auch nur in solcher Theorie gedacht. Den zu unecht spielenden Darstellern in ihrer zu schlicht ausgefallenen Theaterdeko kann man diese Empathie nicht wirklich entgegenbringen. Dafür wirkt alles zu gespielt und frei jedweder morbiden Atmosphäre abgefilmt. Das wirkt sich leider auch auf andere Bereiche aus. Das abwechslungsreiche, augenzwinkernde Wechselspiel der Selbstmordmethoden im Laufe der Geschichte, hätte ein sympathisches Gimmick für den Film werden können, zumindest wenn man den Figuren charakterlich einen solch experimentierfreudigen Touch zusprechen würde. Da man dies jedoch nicht tut, wirkt der Wechsel der Tötungsmethoden unglaubwürdig und aufgesetzt anstatt kultig.

Die Geschichte ist stark genug ausgefallen, um das Treiben theoretisch interessiert bis zum Schluss zu verfolgen. Aber immer wieder erwichte ich mich dabei mir vorzustellen wie dieser naive, wie hochgradig sympathische Plot wohl in den Händen besserer Filmemacher ausgefallen wäre. Wäre die Zeit für derartige Filme nicht längst vorbei, würde ich mit einer Neuverfilmung sympathisieren, aber die würde bei heutigen Methoden wohl kaum besser ausfallen als der bislang einzige Versuch aus dem Jahre 1972. Freilich freue ich mich trotzdem, dass es der damals billig auf VHS verramschte Film mittlerweile bei uns auf DVD geschafft hat. Den nicht korrekturgelesenen deutschen Untertitel, der vor fehlenden Wörtern, Rechtschreibfehlern und zu kurz eingeblendeter längerer Textstellen nur so strotzt, hat „The Asphyx“ jedoch auch in seiner Mittelmäßigkeit nicht verdient.


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