Sonntag, 25. Juni 2017

NULL NULL SCHNEIDER - JAGD AUF NIHIL BAXTER (1994 Helge Schneider u.a.)


Weil er vom Verkauf seines Wagens nicht zurücktreten will, wird Zirkusclown Metulski vom Kunstsammler Nihil Baxter getötet. Dies ruft Kommissar Null Null Schneider zurück in die Kriminalistik, der sich mit seinem Gehilfen Körschgen mehr oder weniger direkt dran macht den Fall zu lösen...


Kombiniere: ein Wadenkrampf...

Befanden sich Helge Schneiders Vorgängerfilme „Johnny Flash“ und „Texas - Doc Snyder hält die Welt in Atem“ noch halbwegs im Bereich des Geschichteerzählens, wenn auch dort bereits das Publikum damit vor den Kopf schlagend sich an wenige gängige Regeln filmischer Erzählungen zu halten, da überrumpelte der Komiker mit seinem Folgewerk „00 Schneider - Jagd auf Nihil Baxter“ den Zuschauern endgültig, indem er eine sich an keinerlei Filmregeln haltende Nummernrevue ablieferte, die derart improvisiert war, dass Ausrutscher wie das Schauen in die Kamera oder plötzliche Lachflashs enthalten blieben. Parkplatzwärter Helmut Körschgen wurde gar absichtlich aufgrund jeglicher fehlender Schauspielleistung überhaupt erst besetzt.

Klassische Komödienwitze, wie sie der Zuschauer aus Otto-Filmen oder Werken von Dieter Hallervorden kannten, sind kaum noch enthalten, und wenn sie es sind, fallen sie ziemlich einfach gehalten und infantil aus. Wer etwas mit dem Film anfanfangen möchte, und noch mehr mit dem Folgewerk „Praxis Dr. Hasenbein“, in welchem Helge sein Verfahren der improvisierten Nichterzählung, wie ich sie einfach einmal nenne, auf die Spitze trieb, der muss etwas mit der Improvisationskunst Helge Schneiders und Konsorten anfangen können, der muss einen Hang zur schlechten Erzählung mögen, der muss aber auch die Kunst hinter dem vermeindlichen Schund erkennen, der beileibe kein Schönreden desaströser Zustände ist. Denn wer gut beobachtet, der erkennt die geistreichen Intentionen gesellschaftliche Normen und Kinoklischees zu zerlegen, mit ihren Eigenschaften zu spielen und sich mit ihnen auf absurde Art auseinanderzusetzen.

Wer also die Arbeiten Helge Schneiders, egal ob im Musik- oder im Filmbereich, auf albernen Klamauk reduziert, der verkennt das Genie dahinter. Jener der sich auf das was uns Helge Schneider als Film verkaufen möchte, einstellen kann, der erlebt nicht nur hemmungslosen Klamauk, der zu großen Lachanfällen führen kann, er kann auch intellektuell gefordert werden, vorausgesetzt die Scheuklappen konservativen Kunstgefühls sind abgelegt. Im Vergleich zum Vorgänger und Nachfolger haben sich meiner Meinung nach aber dennoch Schwächen eingeschlichen, die das Erleben auf Unterhaltungsbasis im Vergleich ein wenig reduzieren.

So ist die recht dominant eingebrachte Rolle des Nihil Baxter zu nervenzerrend interpretiert, selbst bei Wohlwollen in ihrer extrem vorgetragenen Art kaum auszuhalten und eher der noch vorhandenen Unreife des Komikers zum Überagieren geschult, sprich eine Art Übertreibung darbietend, die es viele Jahre später in „Null Null Schneider 2“ (und ich behaupte mal auch in anderen Filmen, hätte Helge solche gedreht) nicht ohne Grund mehr gegeben hat. Auch kurze Momente des Stillstands, die in anderen Werken des Komikers meist für überraschend stillere Komik genutzt wurden, nagen aufgrund ihrer Länge an den Nerven des Publikums, z.B. dann wenn Baxter ewig klagt wie langweilig ihm ist, während er sich lustlos mit seiner Kunstsammlung befasst.

Auch das zu häufige wiederholen recht sympathischer Witze, wie dem Ersatzreimen aus Kinderzeiten a la Hase, Hase, Popase tut dem Film nicht gut, verliert der Humor doch damit langsam seinen Charme und wirkt wie das Hinwegtäuschen von Einfallslosigkeit. Ich schreibe wirkt, denn schaut man sich das Gesamtwerk an, ist dies kaum möglich, bei all den schrägen Ideen die Helge und sein Team uns in meist grotesker Art vorsetzen. Denn den aufgezählten Schwachpunkten stehen Stärken gegenüber, welche die konfuse Fasterzählung gestemmt bekommen. „00 Schneider“ mag ein anstrengend zu schauender Film sein, aber auch ein unglaublich witziger und unterhaltsamer.

Running Gags, wie die von Kunze gespielten Frauenrollen, so ziemlich jeder Auftritt Helmut Körschgens und das Gespür fürs Absurde (wunderbar herrlich die Pilotenkommentare während eines Flugzeugfluges, oder die Kameraaufnahme beim Rennen eines in Unterhose gekleideten, scheinbar geistig Verwirrten) sind bereits dominante Trümpfe innerhalb eines Filmes in welchem man mit allem rechnen muss, eben weil es keine Regeln zu geben scheint. Satirische Ansätze sind stark verkleidet vorhanden, ebenso wie besagte Filmklischees, die oft kaum noch zu erkennen sind, so bizarr wie der Ausnahmekomiker sie verarbeitet.

Manches Mal wäre es schön gewesen Helge hätte seinen Mitspielern mehr Raum zur Entfaltung gelassen, manches Mal ist es gut dass er dies nicht zulässt, oder in der Ausnahme eben doch. So ist sie eben, die Improvisation, macht man sie rückgängig, um zu wiederholen und Fehler auszubügeln, manipuliert man sie bereits. Helge Schneider wird schon gewusst haben wann eine Szene im Kasten ist und wann eine Wiederholung von Nöten war. Das Gespür dafür erkennt man dem herrlich kaputten Gesamtwerk stilistisch an. Dass Christoph Schlingensief als Kameramann und Mitregisseur beteiligt war, verwundert mit Kenntnis dessen Filme kaum, ist seine Art der Filmschundkunst jener von Schneider doch recht ähnlich, nur dass Helge sich dem humorvollen Part verschrieben hat, während Schlingensief stilistisch ähnlich vorgehend eher gesellschaftskritische Dramen umgesetzt hat. Im Gegenzug war Helge häufig an Prokten Schlingensiefs beteiligt.


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SHERLOCK 10 - DIE BRAUT DES GRAUENS (Sherlock - The Abominable Bride 2016 Douglas Mackinnon)


1895: Eine Frau schießt in ihrem Brautkleid gekleidet mit zwei Pistolen auf Passanten und erschießt sich schließlich selbst durch den Mund in den Kopf. Obwohl sie nun im Leichenschauhaus liegt, erscheint sie nachts vor Zeugen auf offener Straße ihrem Ehemann und tötet auch diesen. Die Polizei steht vor einem Rätsel und holt sich die Hilfe von Sherlock Holmes...


Warum die Haushälterin schweigt...

Die Serie „Sherlock“ lebt neben ihren wunderbar besetzten, teilweise neuinterpretierten Charakteren, von der Moderne, in welche die Figuren des 19. Jahrhunderts in unsere Zeit hineinkatapultiert wurden, und da weiß die Idee zu gefallen, dass ein TV-Special, welches uns die Wartezeit zwischen der dritten und vierten Staffel versüßen soll, in der Ausnahme einmal zu jener Zeit spielt, in welcher die ursprünglichen Abenteuer von Sherlock Holmes in den Geschichten von Arthur Conan Doyle stattgefunden haben. Da verwundert es zu Beginn umso mehr, dass wir am Anfang eine Zusammenzählung jener Ereignisse vorgesetzt bekommen, die bisher geschahen. Aber im Laufe der Erzählung ergibt auch dies Sinn, entpuppt sich „Die Braut des Grauens“ doch als Film mit direktem Zusammenhang zur Reihe und damit doch nicht als einzig für sich stehendes TV-Special einer erfolgreichen TV-Serie.

Es dauert lange, aber gelegentlich spielt „Sherlock - Die Braut des Grauens“ überraschend plötzlich wieder in unserer Zeit, und da wird, wie typisch für diese Serie, nicht nur wieder alles auf den Kopf gestellt und damit alles anders, als wie von uns vermutet - wie so oft gehen die Autoren der Reihe auch diesmal noch einen Schritt weiter und spielen verschmitzt mit der Idee (zumindest kurz angedeutet), dass alles was wir in den drei Staffeln bisher sahen sich im Gedankenpalast eines im 19. Jahrhundert lebenden Sherlock Holmes abgespielt haben könnte, da Sherlock sich dort eine alternative Welt, die in seiner Zukunft spielt, ausmalt. Das ist freilich nur nebensächliche Spielerei, aber einer jener Faktoren, die das Reinschalten immer wieder lohnt, eben weil die Autoren sich auf Gedankenspiele einlassen, die zur Charakterzeichnung des zutiefiest aufgrund seiner Intelligenz gelangweilten Sherlocks passt.

Umgekehrt: warum sich Sherlock, wie sich erst spät herausstellt, in seinen Gedankenpalast zurückzieht und Überlegungen eines Kriminalfalles im 19. Jahrhundert stattfinden lässt, ergibt im Nachhinein mehr oder weniger tatsächlich Sinn, was aber auch am mittlerweile fast schon üblichen Kniff liegt, dass die eigentliche Geschichte sich gar nicht wie vermutet um den angegangenen Kriminalfall dreht, sondern dieser lediglich das Tor zum eigentlichen Ereignis darstellt.

Die Ablenkungen vom ursprünglichen Kriminalfall sind in Staffel 3 ein wenig zu dominant angegangen worden, so dass „Sherlock“ dort kaum noch Krimi-Serie war. Mir hat sie dementsprechend auch nicht so gut gefallen (was aber noch mehr daran lag, dass clever klingende Ideen nicht so geistreich ausfielen wie intelligente Ideen der Vorgänger). Um so erleichterter war ich, dass der Kriminalfall um „Die Braut des Grauens“ trotz ähnlichem Stellenwertes für die Gesamtgeschichte nicht in den Hintergrund fällt und bis zum Schluss von Bedeutung bleibt und befriedigend aufgelöst wird. Hierfür setzt man in „Sherlock“ erstmals ein politisches Statement, jedoch eines zu einem heutzutage gesellschaftssicheren Themas, so dass man nicht riskierte eine Zuschauergruppe vor den Kopf zu schlagen.

Richtig sinnvoll kann auch ebenfalls erstmals das Spiel mit den Metaebenen beginnen, eben weil „Die Braut des Grauens“ nicht wirklich, wie es zunächst scheint, im 19. Jahrhundert spielt und Sherlock sich mit den Figuren in seinem Gedankenpalast somit darüber unterhalten kann wie reißerisch ein Setting ausgefallen sein kann, oder wie sich der Titel „Die Braut des Grauens“ anhört. Wer genau aufpasst bekommt in einem Nebensatz während eines kleineren, schnell gesprochenen Monologes Sherlocks sogar die Auflösung dessen präsentiert, wie der Meisterdetektiv einst seinen Mord vortäuschen konnte, ein Rätsel das man uns verspielt zankend in Folge 7 auf Teufel komm raus nicht lüften wollte.

Es gibt also viele Gründe sich „Die Braut des Grauens“ anzuschauen, der wichtigste dürfte aber wohl jener sein, dass die Autoren hier zur alten Form zurückgefunden haben, sprich eine interessante Geschichte mit pfiffigen Ideen und intelligenten, wie unterhaltsamen Dialogen präsentieren und sich, im Gegensatz zur mauen dritten Staffel, wieder mehr auf den Kriminalfall konzentrieren und den Bruder Sherlocks wieder etwas reduzierter einsetzen. Die Chemie zwischen Watson und Sherlock stimmt weiterhin und wird als Herzstück des Ganzen zurückentdeckt, und dank der Spielerei zwischen beiden Handlungszeiten wird das TV-Special zur Serie im letzten Drittel noch eine Spur verspielter und interessanter, als man zunächst vermutet hätte.

Dank eines geistreichen Umgangs mit diesem Perspektivwechsel und dem Erkennen der Möglichkeiten von diesem, wird „Die Braut des Grauens“ in dieser Phase noch besser als zuvor. Bereits das Niveau der ersten Stunde hatte mich nach der eher enttäuschenden dritten Staffel zufrieden gestimmt und hätte mir als Wiedergutmachung bereits gereicht. Das Gedankenspiel mit Einweihung ins 21. Jahrhundert hat schließlich zudem wieder das intellektuelle Interesse an der Geschichte endgültig geweckt, so dass „Die Braut des Grauens“ sich damit sogar als besonders wertvoller Beitrag der „Sherlock“-Reihe entpuppte.


Weitere Besprechungen zu Die Braut des Grauens:


SHERLOCK HOLMES IN NEW YORK (1976 Boris Sagal)


Kurze Zeit nachdem Sherlock seinen Erzfeind Moriarty laufen lassen musste, krallt dieser sich in Amerika den Sohn von Irene Adler, um Holmes in Schach zu halten, damit dieser ihn nicht an seinem groß angelegten Goldraub hindern kann...


3 Sekunden vor dem richtigen Stockwerk...

Mit Roger Moore und John Huston starbesetzt erzählt man, wie es der Titel bereits verrät, von Sherlocks Aufbruch nach Amerika, um dort gegen seinen Erzfeind Moriarty zu kämpfen.Warum Irene Adler in der hier besprochenen Erzählung lediglich das hilflose Opfer ohne kriminelle Vergangenheit ist, bleibt das Geheimnis des Autors. Sie dient lediglich als Love Interest des intelligenten Kriminalisten, der ihr, wie diverse Andeutungen mehr als deutlich machen, gegen die übliche Sherlock-Regel wohl auch körperlich näher kam. Generell hält man sich ansonsten an die grundlegenden Elemente einer Sherlock Holmes-Geschichte, lediglich der Drogenkonsum des Privatdetektivs findet keine Erwähnung.

Überraschend für mich war für eine amerikanische Holmes-Geschichte, dass Watson nicht so dümmlich charakterisiert wurde, wie es ihm sonst in Produktionen dieses Landes widerfährt. Ansonsten leidet der Film aber an den üblichen Krankheiten seines Entstehungslandes. Das angeblich hochraffinierte Verbrechen Moriartys ist freilich so schlicht ausgefallen wie Holmes erforderliche Kombinationsgabe in diesem Streifen. Eine Geschichte über den berühmten Detektiv kann nun einmal nur so schlau ausfallen, wie die Verantwortlichen des Projektres selber sind, und da man zudem einen Film erschaffen wollte, dem auch ein schlicht denkendes Publikum folgen kann, sind die Aufgaben die Holmes zu bewältigen hat nicht sonderlich schwierig zu erfüllen.

Da sich die komplette Handlung an dem Verbrechen Moriartys orientiert ist das Ergebnis dementsprechend schlicht und spannungsarm ausgefallen. Langweilig wird es trotzdem nie, interessant genug um von einem wirklich unterhaltsamen Ergebnis zu sprechen jedoch auch nie. Einzig die Idee, wie das viele Gold in so kurzer Zeit weggeschafft wurde, wusste mich zu reizen, der Rest ist ein Kriminalfall, den auch jeder Routine-Kommissar hätte lösen können. Dank einer akzeptablen Besetzung der jeweiligen Rolle und der routinierten Umsetzung von Boris Sagal, der immerhin auch den großartigen „Der Omega Mann“ inszenierte, ist die vereinfachte Form einer Sherlock Holmes-Geschichte zumindest konsumierbar ausgefallen.


Samstag, 24. Juni 2017

PHASE IV (1974 Saul Bass)


Zwei Wissenschaftler untersuchen in einem Wüstengebiet das Phänomen intelligenter Ameisen...


Das Quadrat, der Kreis, der Punkt...

Was diverse Vertreter der Gattung Tier-Horror immer wieder verzweifelt versuchen, das hat Saul Bass bereits 1974 abgeliefert: einen Film über bedrohliche Ameisen zu erzählen. Im Science Fiction angesiedelt und zur Bestzeit der intellektuellen Beiträge dieses Genres entstanden, bietet „Phase IV“ intelligente Unterhaltung in liebevoller Umsetzung, kurzum einen Leckerbissen für Cineasten der Seinesgleichen sucht. „Phase IV“ ist ein in sich logisch erzählter Forscherfilm, der mit den Entdeckungen, welche die beiden Hauptfiguren im Laufe der Geschichte machen, niemanden kalt lassen wird.

Allein die Ausgangslage auf der alles aufbaut fasziniert. Gebannt lauscht man dem Off-Kommentar zu Beginn, der von einem stimmigen Soundtrack untermalt wird, während man einen ersten Vorgeschmack auf die Geduld des Kamerateams bekommt, wenn hochinteressante Aufnahmen echter Ameisen gezeigt werden. Modelle, Animationen oder anderweitige Attrappen braucht man auch in den kommenden 90 Minuten nicht erwarten. Bilder, die zum Staunen einladen, erwarten den Zuschauer, der jedoch nicht das schnelle Erzähltempo heutiger Tage erwarten darf. Auch der Zuschauer muss Geduld besitzen, ist „Phase 4“ doch in einer Langsamkeit erzählt, welche sich das moderne Kino heutzutage nicht mehr gönnt. Und der Streifen benötigt diese Vorgehensweise, um sich vollends entfalten zu können. Nur so kann er diese dichte Atmosphäre aus Gefahr und wissenschaftlicher Neugierde gewinnen, die ihn so packend schauen lässt.

„Phase vier“ gehört neben „Rollerball“, „Jahr 2022 - Die überleben wollen“ und einigen anderen Vertretern dieser Zeit zu den besten Science Fiction-Werken, die je gedreht wurden. Bass genießt es regelrecht mit den Erwartungen des Zuschauers zu spielen. Schockiert muss er gemeinsam mit den Protagonisten erfahren, dass es der Mensch ist der untersucht wird, und noch später wird dem Zuschauer klar dass sich das Annähern des Filmtitels durch das Erleben der einzelnen Vorphasen, an den Ameisen orientiert und nicht an den Forschungen der Menschen.

Bass bietet uns einen tiefen Einblick in die Arbeit der Wissenschaftler, lässt uns an ihren Erfolgen und ihrem Scheitern teilhaben, sorgt stets dafür dass wir verstehen was auf Forschungsebene vor sich geht, und sein Spiel mit dem langsamen Vertauschen der Rollenmuster, unterteilt in vernünftig und emotional, sorgt dafür verschiedene Blickwinkel auf das was geschieht zu gewinnen und beschäftigt uns gleichzeitig mit den sozialen und emotionalen Seiten dieses Projektes - wenn auch stets aus nüchterner, sachlicher Perspektive betrachtet.

„Phase IV“ lebt von seinem realistischen Touch. Die Ameisen werden zu einer spürbaren Bedrohung. Sie wirken nie lächerlich. Der Gedanke als Spitze der Nahrungskette eventuell ausgetauscht zu werden verunsichert. Der Zuschauer kann sich bestens mit dem was passiert identifizieren - vorausgesetzt er kann sich erwachsen auf den ruhigen und sachlichen Erzählstil einlassen, der neben der großartigen Fotografien den Streifen überhaupt erst zu einem solchen Meilenstein der Filmgeschichte werden lässt. Die Geschichte wird bis zur letzten Konsequenz erzählt und endet mit zurückgelassenen Rätseln, die den Zuschauer im nachhinein beschäftigen können. „Phase IV“ gehört für mich zu jenen Werken, an deren Dramaturgie oder anderweitiger erzählerischer Elemente ich keine Schwachpunkte feststellen kann. Er ist eben ein Meisterwerk seines Fachs, und alle paar Jahre genieße ich seine Brillanz auf ein Neues.


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Donnerstag, 22. Juni 2017

HORROR HOUSE 2 (La Casa 5 1990 Claudio Fragasso)


Ein Priester zieht mit seiner Familie in ein verfluchtes Haus. Nachdem die dort spukende Hexe seinen Sohn in ihre Dimension gezogen hat, ist der Priester von der Hilfe eines Abtrünnigen der Kirche abhängig, der sich von der Macht der Hexe einst hat verführen lassen...


Der schwarze Schwan...

„Horror House 2“ ist eine deutsche Titelgebung, eine erfundene, denn mit „Horror House“ hat er nichts zu tun. Wahrscheinlich dachte wer dass die Parallelen der Geschichte um ein von bösen Mächten heimgesuchtes Haus und das Vorhandensein einer Szene mit einem elektrischen Stuhl bereits ausreichen würden, um das Erfinden eines Fortsetzungsrufes zu legitimieren. Dann hätte aber „Shocker“ bei all seiner Verwandtschaft zu „Horror House“ eher die Ehre gebührt, als dem kleinen italienischen Hexen-Horror, der laut der OFDb einer ganz anderen Horror-Reihe angehört.

Zwar hat „Beyond Darkness“ (Alternativtitel) auch mit dieser inhaltlich nur das unheimliche Treiben irgendwelcher bösen Mächte in irgendeinem x-beliebigen Haus gemein, so dass der Titel „Horror House 2“ genauso viel Sinn ergibt wie der Bezug zu der wahren Reihe, welcher er angehört, doch selbst wenn man aufgibt sich mit solch unnötigen Fragen zu beschäftigen, deren Antworten wahrscheinlich ohnehin nur in der Geldgier irgendwelchem Produzentendenkens zu finden sind, bleibt noch immer die Frage offen, warum der hier besprochene Film als Teil 3 nach „Ghosthouse“ und „Witchcraft - Das Böse lebt“ im Original „La Casa 5“ heißt. Wer weiß, vielleicht haben die User der OFDb auch noch nicht alle Fortsetzungen miteinander verlinkt, eigentlich ist auf deren Wissen und Fleiß jedoch Verlass.

Wie auch immer, „House 5“ (ebenso dämlicher Alternativtitel) ist der etwas arg bemühte Versuch mittels eines Exorzisten-Themas einen kruden Mix aus Spukhaus-Horror, Hexen-Horror und eben besagtem Exorzisten-Horror zu erschaffen. Herausgekommen ist ein oft lose, trotz aufeinander aufbauender Szenen, zusammengeschustert wirkendes Stück Dämonenbekämpfung, das sich trotz ewigem Drehens im Kreise für ein derart billig heruntergekurbeltes Stück 08/15-Horror halbwegs passabel guckt. Claudio Fragasso, der auch für den herrlich dämlichen „The Riffs 3“ verantwortlich war, beherrscht es zumindest eine halbwegs düstere Stimmung über den Film zu legen.

Aber die kann nicht lange jene undurchdachten Zusammenhänge zusammen halten, die Episoden-haft aus jeglichem Exorzismusversuch einen Misserfolg macht, bis es beim letzten Mal schließlich, aus welchem Grund auch immer, doch noch funktioniert. Dass für keinen dieser Versuche ein komplexes Verfahren nötig ist, zeigt immer wieder auf wie wenig mächtig das eigentlich zu bekämpfende Wesen ist. Lediglich dem Autor und seinen Protagonisten scheint das nie aufzufallen. Dabei zeigt doch spätestens der völlig an den Haaren herbeigezogene Fernexorzismus eines älteren Priesters, der sich bislang weigerte das Böse persönlich zu bekämpfen, wie leicht es schließlich war der Hexe Herr zu werden - oder dem Dämon, was auch immer, die Geschichte macht nie ganz deutlich gegen wen oder wieviele man nun tatsächlich kämpft.

Nicht nur dass einige Passagen, gerade den Übertritt in die andere Dimension um ein Kind zu befreien betreffend, sehr direkt bei Spielbergs „Poltergeist“ geklaut ist, auch die Tochter der nervig strahlend fröhlichen Priesterfamilie erinnert stark an die „Poltergeist“-Tochter Carol-Anne, die man dreister Weise dann auch hier Carol genannt hat. Der Autor dachte sich wahrscheinlich, dass diesen dreisten Klau keiner bemerkt, wenn der Sohn anstatt die Tochter in die Zwischenhölle gezogen wird - was ein raffinierter Schurke - aber wir hellen Köpfchen des Allessehens haben sein Spiel durchschaut.

Zumindest jenes was es zu durchschauen gibt in diesem Ideenmix, in welchem selbst der Autor irgendwann nicht mehr durchblickt, und dies obwohl es eigentlich nur um diverse Austreibungen zur Zurückgewinnung besagten Sohnes geht. Aber da sind noch ganz andere Storyelemente vorhanden, die nie genau herausgearbeitet werden und je nach Szene eine andere Gewichtung erhalten. Besonders hervor sticht die Rolle des abtrünnigen Priesterfreundes, bei der man nie begreift, warum er als Gläubiger aufgrund des Kennenlernens der dunklen Seite der Macht, trotzdem ein Nichtgläubiger sein soll.

Er ist von der Kirche verstoßen, dennoch bemächtigt einen Exorzismus durchzuführen, kurz nachdem er höchstpersönlich erwähnt dass er dies als Ungläubiger nicht kann (obwohl er eigentlich an Gott glaubt). Immer wieder heißt es er wurde vom Glauben der Hexe verführt, was nie bestätigt wird. Und als sie selbiges vor unseren Augen tut, schafft es der Abtrünnige erneut zu widerstehen. Erlöst wird er in seinem Sterbemoment jedoch erst von einem echten Priester. Da blicke mal wer durch, trotz erkennbarer Kirchenkritik jemand mit vollkommener Kenntnis als Ketzer zu brandmarken.

Er ist nur eines vieler Elemente aus „Tanz der Hexen I“ (Alternativtitel), die beim Gesamtüberblick so gar keinen Sinn ergeben wollen. Dass freilich auch keine der hier agierenden Person einen Sinn in ihrem jeweiligen Tun erkennen lässt, spielt da schon keine Rolle mehr. Dass der Nonsens auf seine ganz eigene, naiv charmante Art dennoch recht kurzweilig zu schauen ist, liegt neben des bereits erwähnten atmosphärischen Grundtons mitunter auch am Tempo des Streifens, welches die frisch eingezogene Familie bereits nach kurzer Anlaufzeit Dinge erleben lässt, die Familien vergleichbarer Geschichten erst im Finale durchmachen. Aufgrund billigster Spezialeffekte, theatralischen Anbiederungsszenen an Gott und den anderen in dieser Review angesprochenen Punkten kann man Fragassos Film trotz besagter Pluspunkte dennoch freilich zu keinem Zeitpunkt ernst nehmen.


Weitere Besprechungen zu Horror House 2: