Sonntag, 23. April 2017

10 CLOVERFIELD LANE (2016 Dan Trachtenberg)


Als Michelle nach einem Autounfall erwacht, findet sie sich im unterirdischen Bunker von Howard wieder, der ihr erklärt, dass die Erde nach einem Angriff unbewohnbar geworden ist und sie hier gemeinsam mit dem ebenfalls im Bunker wohnenden Emmett einige Jahre aushalten müssten, ehe man wieder raus kann. Das merkwürdige Verhalten Howards lässt Michelle an der Wahrheit dieser Geschichte zweifeln...


Fakten gegen Indizien...

„10 Lane Cloverfield“ bietet weder das Found Footage-Verfahren des Kino-Hits „Cloverfield“, noch dessen Monster. Hinter dieser Nicht-wirklich-Fortsetzung steckt die Idee des Produzenten J.J. Abrams eine Art lose Reihe leicht verwandter Szenarien miteinander zu verbinden, vielleicht vergleichbar mit John Carpenters in den 80er Jahren gescheiterter Idee mit „Halloween 3“ jährlich immer wieder andere Horrorgeschichten innerhalb der mit Michael Myers gestarteten „Halloween“-Reihe herauszubringen.

Das Werk, in welchem Spielfilm-Neuling Dan Trachtenberg die Regie übernahm, mag somit vom Titel her eine Art Schwindel sein um mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, dies wird jedoch nicht für einen Film unter Wert durchgezogen, denn „10 Lane Cloverfield“ kann sich wahrlich sehen lassen. Als jemandem den bereits das Plakat zum Film gefallen hat, hat es mich gefreut, dass die Idee der dort angewandten Schriftgrafik auch im Vor- und Abspann eingesetzt wird. Und die Ausgangssituation des Films klang mit einem John Goodman in der Hauptrolle ebenfalls reizvoll. Ich bin somit recht guter Dinge an „The Cellar“ (Alternativtitel) herangegangen und war während des Sichtens dementsprechend glücklich solch ein gelungenes Stück Kammerspiel vorzufinden, das wahrlich keine Wünsche offen lässt.

Vielleicht mag der Beginn etwas unnötig oberflächlich inszeniert sein, da wir da aber nur von wenigen Minuten sprechen, bevor Michelle im Bunker erwachen darf, ist der maue Anfang auch nicht der Rede wert, zumal er uns eine Charaktereigenschaft Michelles offenbart, die noch wichtig wird und auch für das Schlussbild des Streifens von Bedeutung ist. Trachtenberg bindet einen ohne Wenn und Aber an Michelle. Es ist sie, durch die wir das Treiben im Film erleben, es ist ihre Perspektive der Dinge, welche die Geschehnisse beeinflusst. Mögen wir auch manches Mal an ihrem Denken und ihrem Tun zweifeln, am Ende gibt es ohnehin kaum eine Szene, in welcher sie nicht zu sehen ist. Sie ist die Identifikationsfigur, mit ihr müssen wir durch die Grundsituation durch.

Welcher Dinge diese Situation ist, bekommen wir dementsprechend vor Michelle nicht heraus. Wir wissen immer nur so viel wie sie selbst weiß. Diverse Ereignisse scheinen Beweise für eine Lüge zu sein, andere Ereignisse scheinen die Geschichte um eine unbewohnbare Erdoberfläche zu bewahrheiten. Ebenso ergeht es die Frage um den Charakter Howards. Klare Beweise zeigen seine Hilfsbereitschaft und seine Ehrlichkeit, Indizien deuten jedoch eine zusätzliche Seite des undurchschaubaren Mannes an. Handelt es sich hierbei um eine Wahrheit die parallel neben einer anderen Wahrheit existiert, immerhin können positive Charaktereigenschaften neben negativen co-existieren, oder ist es ein durch den Wunsch nach Freiheit hervorgerufenes Hineinsteigern in Fehlschlüsse nur scheinbarer Fakten was Michelle an ihm zweifeln lässt?

Durch den langsamen und nüchternen Stil, mit dem Trachenberg seinen Film erzählt, erreicht der Regisseur einen Spannungsbogen, der fast rein über Dialoge aufrecht erhalten wird. Die Anwesenheit einer dritten Person verhindert das zu starre Schwarz/Weiß-Denken Michelles. Durch diese Person wird das Treiben im Bunker erst wirklich realistisch und verhindert, dass wir zu extrem in die „Howard ist ein Psychopath“-Richtung denken. Somit verhindert er auch, dass „Valencia“ (Alternativtitel) überhaupt zu sehr in die „vom Psychopathen gefangen gehalten“-Richtung gedrängt wird, mit welcher „10 Cloverfield Lane“ zu viel von seiner Individualität eingebüßt hätte.

Die Geschehnisse von „10 Cloverfield Lane“ lassen sich tatsächlich nicht vorher sagen. Der spannende Genre-Mix aus Thriller, Drama und möglichem Science Fiction bleibt immer auf einem interessant erzählten Hoch. Nie geben die Verantwortlichen der Geschichte dem Zuschauer die Gewissheit sich auf etwas verlassen zu können. Gleichzeitig ist der Plot um die Eingeschlossenen abwechslungsreich genug erzählt, um die Geschichte nicht auf der Stelle treten zu lassen. Und Howards ungewöhnliches, fast unberechenbar scheinendes, Verhalten sorgt für eine unterschwellige Unruhe, bei der man immer das Gefühl hat, dass da bald etwas aufkocht, immer auf die Explosion wartend.

Das schwer einzuordnende, sehr konservativ gehaltene Verhalten Howards, welches einen Gegenpol zum eher alltäglich lockeren Verhalten von Michelle und Emmett bildet, sorgt nicht nur für besagte Spannungskurve und ist nicht nur der Glaubwürdigkeit wegen von Nutzen, wenn es um die Frage geht wer für Fälle wie diesen einen solchen Bunker bauen und/oder missbrauchen würde, es wird von den Verantwortlichen des Streifens glücklicher Weise auch dafür genutzt philosophische Fragen am Rande aufzuwerfen, mit denen sich der Zuschauer entweder beschäftigen kann oder auch nicht.

Bin ich es dem Hausherr aus Dankbarkeit schuldig, mich seinen Lebensgewohnheiten anzupassen, wenn dieser mir das Leben gerettet hat und mir gewährt mit ihm auf engstem Raum zu leben, während die ganze Welt vor die Hunde gegangen ist? Kann ich meinem Freiheitsdrang nachgehen, der bedeutet mich gegen jene Person zu stellen, der ich mein Leben zu verdanken habe? Wo fängt das Recht auf das Individuum an, wo hört es auf? Wie viel ist es wert gerettet zu werden? Schließlich ist Leben Leben, und ohne Howard hätte Michelle ihres nicht mehr. Die ganzen Fragen fußen schließlich zudem lediglich nur auf Annahmen darüber, dass mit Howard etwas nicht stimmen würde. Sich mürrisch, wunderlich und bestimmend verhalten ist immerhin kein Beweis für Wahnsinn, lediglich für eine andere Sichtweise der Dinge. Und alles was gegen Howard spricht, sind Vermutungen, Indizien und Ahnungen.

„10 Cloverfield Lane“ lebt von dieser Ungewissheit, und dies sogar sehr gut. Zwar gibt es immer wieder Momente, in welchen man die ein oder andere Figur aufgrund nicht nachvollziehbarem Verhaltens am liebsten ohrfeigen möchte, schließlich glaubt man je nach Filmphase an verschiedene Möglichkeiten der Wahrheit, diese ärgerlichen Verhaltensweisen gehen jedoch nie auf Kosten der Glaubwürdigkeit der Figuren. Diese sind alle drei im einzelnen durchdacht und gehen tiefer als die meisten Figuren amerikanischer Blockbuster. Für einen solchen ist Trachtenbergs Werk aber auch erfreulich zurückhaltend umgesetzt und beweist, dass man auf diese Art trotzdem beste Unterhaltung jenseits von verkopften Kunst-Kino bieten kann.

Auch in seiner Schlussphase bleibt „10 Cloverfield Lane“ hoch interessant und packend inszeniert, und dankenswerter Weise schließt der Film nicht so geheimnisvoll wie er begann. Im Gegensatz zum Restfilm und zum indirekten Vorgänger „Cloverfield“ werden offene Fragen beantwortet, während gleichzeit manches nicht gelüftete Randgebiet der Wahrheit den Zuschauer noch einige Zeit nach dem Sichten beschäftigen kann. Es ist schön dass der Schluss des Filmes einem hierfür Spielraum schenkt. Das rundet ihn mit seinen philosophischen Fragen in der ersten Filmhälfte ab, so dass man wahrlich von einem gelungenen Erlebnis sprechen kann, welches einen geistreicher zu unterhalten weiß als die meisten anderen US-amerikanischen Filme, die bei uns im Kino gezeigt werden.


Weitere Reviews zum Film: 


ZWEI DURCH DICK UND DÜNN (Il ritorno di Shanghai Joe 1974 Bitto Albertini)


Der gutherzige Scharlatan Bill entdeckt auf der Suche nach Wasser für ein durstiges Dorf zufällig eine Ölquelle, welche sich der reiche Barnes unter den Nagel reißen will. Dessen Pläne das Dorf um seinen Reichtum zu bringen werden stets durch den umherziehenden Chinesen Shanghai Joe verhindert, der sich nach einiger Zeit mit Bill zusammen tut...


Zwei Fäuste und zwei Handkanten...

Ich hatte meinen Spaß mit dem eher tolpatschig umgesetzten, aber äußerst charmanten Versuch mit „Karate Jack“ die Genres Eastern und Western zu vereinen. Dementsprechend war ich erfreut zu lesen, dass es eine Fortsetzung gibt. Leider hatten die Produzenten mit „Zwei durch dick und dünn“ andere Pläne als mit dem Original, denn der deutsche Titel sollte sich nicht nur wie ein Bud Spencer/Terence Hill-Film anhören, man versuchte mit diesem Projekt tatsächlich an den Erfolgen des schlagfreudigen Duos anzuknüpfen, welches zu Beginn seiner Erfolgswelle in Spaß-Western unterwegs war. „Karate Jack“ war mit seinem anderen Genre-Mix als Alternative zur Western-Komödie gedacht und gewann lediglich durch die deutsche Synchronisation ein wenig an Humor. Eine leichte Verwandschaft zu den Spencer/Hill-Filmen war aber tatsächlich dort bereits erkennbar.

Das Einstreuen so ziemlich jeden Eastern-Klischees ließ den Vorgänger jedoch trotzdem anders wirken. Seine unbeholfene Art, das scheinbare Fehlen einer zu erzählenden Geschichte und die Besetzung des so gar nicht wirksamen Chen Lee machten aus dem Film etwas Besonderes. Er war zu charmant um ihn wirklich als missglückt zu bezeichnen und zu wackelig angegangen um ihn wirklich ernst nehmen zu können.

Die unter Regisseur Bitto Albertini entstandene Fortsetzung ist hingegen ein Formelprodukt, eine von Produzenten durchdachte Marketing-Idee zu einer Zeit, in welcher es noch nicht bewiesen war, dass man das Konzept der Spencer/Hill-Komödien nicht einfach mit ähnlichen Hauptfiguren kopieren kann. Auch Werke wie „Vier Fäuste schlagen wieder zu“ und „Vier Fäuste und ein heißer Ofen“ versuchten sich an einer solchen Kopie, dies sogar noch direkter angeknüpft als der hier besprochene Streifen, nach diesen missglückten Gehversuchen war man jedoch schlauer und ließ es bleiben die beiden beliebten Haudegen ersetzen zu wollen.

Anbei wurde Shanghai Joe für die Fortsetzung ebenfalls ausgetauscht. Statt Chen Lee agiert nun Chen Lie, klingt gleich, liest sich anders - aber vor allen Dingen schaut er sich auch anders, denn nun ist Shanghai Joe professioneller besetzt, was den Reiz dieser Figur im Wilden Westen mindert. Mit ernsterer Mine als sein Vorgänger agierend, obwohl die Fortsetzung im Gegensatz zu Teil 1 eine Komödie sein soll, besitzt er nicht mehr den Charme des Original Shanghai Joes, auch wenn die Neubesetzung definitiv besser kämpfen kann.

Leider ertönt aber auch mit jedem Kampf des Helden ein eigens für ihn komponiertes Shanghai Joe-Lied, deutlich orientiert an den Soundtracks der Spencer/Hill-Filme, aber eben leider so gar nicht passen wollend in einen schundigen Karatefilm, der im Wilden Westen spielt. Nicht nur dass die Fortsetzung dadurch um den flotten Soundtrack des Originals beraubt wurde (welches Caiano damals einfach von einem seiner früheren Filme übernahm), die Erkenntnis, dass eine musikalische Untermalung während der Kampfszenen diesen die Atmosphäre raubt, ging ebenfalls verloren.

So schaut sich „Return of Shanghai Joe“ (Alternativtitel) arg bemüht und leider auch anstrengend für den Zuschauer, der weder einen kurzweiligen Spencer/Hill-Klon vorgesetzt bekommt, noch solch unbeholfenen Spaß wie „Karate Jack“. Es wird diesmal eine echte Geschichte erzählt, die andererseits wiederum ziemlich uninspiriert ausgefallen ist. Und als Pluspunkt hat man Klaus Kinski diesmal für eine größere Rolle gewinnen können. Aber was nutzt dies, wenn das Endprodukt in seiner zu konstruierten Art lediglich langweilt, eben weil sie die Leichtfertigkeit eines funktionierenden Trivialproduktes vermissen lässt? Wer auch immer auf die Idee kam der Reihe ein neues Etikett aufkleben zu müssen, er wurde mit dieser Schnapsidee zumindest nicht belohnt, denn eine weitere Geschichte um Shanghai Joe ist nicht mehr entstanden. Zu wissen, dass dieses Produzentendenken nicht gefruchtet hat, beschert mir zumindest eine innere Zufriedenheit und somit eine Art Trostpreis nach dem Sichten eines missglückten Filmes.


Samstag, 22. April 2017

BLAIR WITCH 3 (Blair Witch 2016 Adam Wingard)


Der Bruder der seit Jahren vermissten Heather macht sich mit Freunden und Bekannten auf in die Wälder von Burkitsville, um das mysteriöse Haus zu finden, welches die letzten Aufnahmen der Dokumentarfilmerin zeigten. Schon bald geschehen im Wald merkwürdige Dinge...


Der menschliche Wurm...

Als 1970 Rainer Erler mit „Die Delegation“ die Filmmethode des Found Footage erfand, gelang ihm ein interessanter Ausnahmefilm, der die Medienwelt jedoch nicht nachhaltig beeindruckte. Deodatos 1980 erschienender Kannibalen-Schocker „Nackt und zerfleischt“ wies ebenfalls Passagen dieser Art zu Drehen auf, machte aber eher durch seine drastischen Gewaltdarstellungen von sich reden, anstatt durch den interessanten Doku-Stil, so dass er stilistisch wie intellektuell stark unterschätzt wurde und nur von Gore-geilen Horror-Freaks beachtet. Mit „The Blair Witch Project“ rückte 1999 das Genre des Found Footage erstmals für das breite Publikum in den Fokus. Von kleinen Nachahmern wie „The St. Francisville Experiment“ und die Amateurfilm-Zuschauerbeleidigung „The Dark Area“ einmal abgesehen, beides Filme die nur der Allesgucker der Videothekenwelt beachtete, blieb es jedoch erneut ruhig um die reizvolle Art mit Ruckelkameras Geschichten einmal anders zu erzählen.

Erst als „Paranormal Activity“ 2007 ein großer Zuschauererfolg wurde, da wurden auch kleine, wie große Studios endlich auf die Methode des Found Footage aufmerksam. Nachfolger wie „Cloverfield“ und „[Rec]“ wurden lukrative Hits, nervenkitzelnde Werke wie „Die Höhle“ gingen in der Flut billiger Direkt-DVD-Produktionen wie „Paranormal Entity“ und „RAW - Der Fluch der Grete Müller“ aber fast unter, während der Auslöser dieser Welle x Fortsetzungen erfuhr, inklusive Spinn-Off „Paranormal Activity - Die Gezeichneten“ und einer parallelen Fortsetzung, die in Japan zu Ehren des Originals gedreht wurde. Dass in dieser Welle nichts von einer Fortsetzung von „The Blair Witch Project“ zu hören war, verwunderte aufgrund der mit wenig Kosten zu scheffelnden Geldmacherei schon.

Zwar war man mit dem Misserfolg der 2000 erschienenden Fortsetzung „Blair Witch 2“ sehr übel in die Nesseln getreten, verachtete das Publikum doch diesen unterschätzten Versuch Teil 1 auf andere Art fortzusetzen, doch sollte dies all die geldgeilen Produzenten Amerikas eigentlich nicht wirklich davon abhalten weiter zu machen. Trotzdem war es erst 2016 endlich so weit. „The Blair Witch Project“, jener Film der die Wirksamkeit des Found Footage im Horror-Genre erkannte, bekam eine weitere Fortsetzung beschert, zu einer Zeit wo kein Hahn mehr nach ihr krähte und viele Cineasten ohnehin genervt vom Found Footage-Verfahren waren.

Er erschien also zu einer Zeit, in der man nichts um die Zuschauermeinungen im Internet geben musste, erst recht nicht als Freund der ersten Fortsetzung, die für „Blair Witch 3“ jedoch ignoriert wird. Und so ging ich trotz der kritischen Worte im Netz unvoreingenommen an die zweite Fortsetzung jenes Gruselfilmes heran, der mir einst die Angst lehrte und auch in etlichen Wiedersichtungen das Gefühl gab es vor lauter Furcht nicht allein zu Hause auszuhalten. Eine solch enorme Wirkung habe ich von „Blair Witch 3“ freilich gar nicht erst erwartet.

Etwas mehr Grusel-Feeling hätte es aber dann doch sein dürfen, denn der von den Regisseuren des Originals mitproduzierte „The Woods“ (Arbeitstitel) schaut sich bereits in der Vorphase, lange vor den ersten Gruselszenen, ziemlich mau, wenn rein technisch die Erwartungshaltung zwar mit neuen interessanten Aufnahmemöglichkeiten steigt, parallel dazu aber immer wieder zu bemerken ist, dass das Verständnis für Psychologie, welches Teil 1 sowohl im Erzählerischen als auch im Spiel mit dem Zuschauer bewies, so gut wie gar nicht vorhanden ist. Die obligatorischen Streitereien in der Gruppe, sowie diverse andersartige Gefühlsausbrüche, wirken nicht mehr authentisch. Sie entstehen, selbst betrachtet aus dem Blickwinkel der Ami-Kultur, in unglaubwürdigen Momenten aus nichtigen Gründen, lange bevor Elemente wie Hunger, Durst und Angst das alltägliche Verhalten manipulieren können.

Dennoch weiß allein der stimmige Wald zu wirken. Und dass die Verantwortlichen der Geschichte einen Störfaktor in die Gruppe eingebaut haben, der möglicher Weise das Projekt manipuliert, beschert der ansonsten wiedergekäuerten Story von Teil 1 einen Zusatzreiz. Sehr viel mehr war auch nicht nötig, bereits Teil 1 lebte vom „weniger ist mehr“-Prinzip und ließ den Zuschauer teilweise lediglich auf einen schwarzen Bildschirm, oftmals sogar nur auf verwackelte Aufnahmen der Botanik, starren. Immer dann wenn „The Blair Witch Project 3“ (Alternativtitel) seinen berühmten Teil 1 kopiert, schaut sich die zweite Fortsetzung tatsächlich auch am besten. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass jene Momente am besten wirken, in denen wir Aufnahmen aus Teil 1 sichten, die direkt eindringliche Erinnerungen daran wecken, wie unheimlich das Original ausgefallen war.

Das ist alles andere als ein Lob für eine Fortsetzung, und tatsächlich kann man schon einmal vorweg nehmen, dass „Blair Witch 3“ kein sympathisches Stück Film geworden ist. Als halb funktionierendes Stück mangelhafter Durchschnittskost ist er aber zumindest nicht wirklich schlecht ausgefallen. Zwar wird Adam Wingards Beitrag der Reihe gegen Ende immer ungruseliger und leider auch unsinniger (keine Ahnung was die so gar nicht nachvollziehbare Szene soll, in welcher die Hauptdarstellerin sich wie ein Wurm durch einen engen, unterirdischen Gang wuselt), ein Hauch Restatmosphäre bleibt aufgrund der gewählten Handlungsorte und der gruseligen Hintergrundgeräusche aber immer bestehen.

Im Internet wird dem Film oft vorgeworfen, dass er zu viel zeigt, und ab diesem Moment, in dem er sich in diesem Punkt vom kultigen Teil 1 distanziert, bergab ginge. Das kann ich nicht bestätigen. Es wird mehr gezeigt, aber nicht wirklich nennenswert mehr. Der Phantasie bleibt genügend Raum gelassen, wahre neue Erkenntnisse um die Legende der Hexe von Blair gibt es nicht. Aufgrund des mangelnden Gefühls für Stimmung und Glaubwürdigkeit tut es „Blair Witch 3“ sogar gut, dass er versucht hat mit flotteren Aktionen gegen den mangelnden Gruselgehalt anzukämpfen. Aber freilich machen solche Verzweiflungstaten nach längeren scheiternden Gehversuchen auch keinen guten Film mehr.

Es ist schade, dass „Blair Witch 2“ seinerzeit so wenigen zu gefallen wusste, der hatte immerhin eine tolle Idee die Reihe mittels Found Footage-Szenen aus dem Bereich des Found Footages herauszukatapultieren. Und ich denke das war die richtige Entscheidung. „The Blair Witch Project“ hätte im klassischen Filmverfahren weiter fortgesetzt werden müssen, dann wären sicherlich brauchbare Nachzügler dabei herausgekommen, vielleicht auch leicht verdaulichere als die etwas ungewöhnliche, für simple Geister zu sperrig erzählte, Geschichte der ersten Fortsetzung. Zumindest beweist nun „Blair Witch 3“, dass man nicht ewig auf erneut in die Wälder ziehende Dokufilmer setzen kann, das haut weder Eingefleischte noch Neulinge der Reihe vom Hocker - zumindest so lange, wie keiner mit an Bord ist, der das nötige Gespür dafür beherrscht, wie aus dem Original und dem Nachzügler „Paranormal Activity“ derart angsteinflößende Filme werden konnten.


Weitere Reviews zum Film: 


Donnerstag, 20. April 2017

THE REDWOOD MASSACRE (2014 David Ryan Keith)


Teenager sind mitten im Wald auf der Suche nach einem Haus, in dem einst ein schreckliches Familienmassaker stattfand, um zum 20. Jahrestages dieses Verbrechens dort Party zu machen. Nach und nach werden sie Opfer eines maskierten Irren, der mordend durch den Wald stampft...


Der Umleger...

Der semi-professionell umgesetzte „The Redwood Massacre“ mag manch einem aufgrund der sehr hohen Blutrate trotz seiner routiniert erzählten, allein schon in der „Freitag der 13.“-Reihe schon x-fach wiederholten, Geschichte gefallen haben, ich persönlich konnte im fertigen Produkt nicht einmal ein Stück mittelmäßige Kost für den hungrigen Dauergast im Genre erkennen. Zwar umgeht Regisseur und Autor David Ryan Keith die Peinlichkeiten eines „Slasher“ und Co, obwohl auch er sichtlich ein Fan der Vorlagen aus den 70er und 80er Jahren ist, andererseits verhindert sein zu professioneller Inszenierungsstil wiederum, dass man mit dem fertigen Produkt so großzügig umgehen könnte, wie mit Werken a la „Lock the Doors - Trügerische Sicherheit“, die einen Amateurfilm-Bonus besitzen.

Was soll man sagen? Um wirklich auch nur halbwegs gefallen zu können, ist einfach zu viel falsch gemacht worden. Ein maskierter Killer der immer und überall im Wald auftaucht, sobald sich Opfer gefunden haben, grast nicht einmal den bereits in der „Freitag der 13.“-Reihe minimal gesäten Spannungsbogen ab, bietet also nicht einen Hauch von dem was den Zuschauer angespannt im Sessel sitzen lassen würde. Wenn nun noch brutale Morde im Wald allein nicht ausreichen und im Zuge der Torture-Porn-Welle ausgewählte Opfer noch in einer Hütte gefoltert werden müssen, dann hat Keith einen weiteren Teil dessen nicht verstanden, was die Filme, die als Vorbilder des Streifens herhielten, ausmachte.

Müde Verbeugungen, wie das Türzuschieben aus „Blutgericht in Texas“, oder die Kopfbedeckung, die an „Freitag der 13. 2“ erinnert, welches wiederum aus „Der Umleger“ entliehen wurde, können nicht das ersetzen, was das simple Rezept eines Jason-Filmes ausgemacht hat. Zwar ist „The Redwood Massacre“ in tollen Waldkulissen gedreht, deren Unendlichkeit durch den Hintergrund deutlich wird und damit eine beunruhigende Stimmung hätte entfachen können, neben der Digitaloptik, die nie an das Bild klassischer Kameras heranreichen kann, verhindert ein noch größeres Problem das Entfalten einer nervenkitzelnden Atmosphäre: der mieserable Soundtrack.

Bedeutungsschwanger schwebt er über allen Szenen, hochdramatisch komponiert wenn simpelste Probleme in billig zusammengeschusterten Dialogen besprochen werden, übertrieben düster in nicht ansatzweise spannenden Momenten ausgefallen, und episch im Zweikampf gegen das maskierte Opfer erklingend, so als ob man gerade eine Kriegsschlacht in einem Historienfilm Hollywoods sichten würde. Zumindest weiß der zu aufdringliche Soundtrack Keith gegen Ende dabei zu helfen ein angebliches Finale vorzutäuschen, bevor der Film dann doch noch einen Bogen schlägt.

Das ist eine der wenig guten Ideen. Ich bin tatsächlich darauf hereingefallen, obwohl der Gegner recht schlicht ins angebliche Jenseits befördert wurde, was aber daran liegt, dass „The Redwood Massacre“ zuvor nicht gerade durch Einfallsreichtum zu überzeugen wusste, und ich ihm solch einen plumpen Schluss tatsächlich zugetraut hätte. Als kleiner Lichtblick hält zudem das Entstehen einer Freundschaft zwischen zwei Stereotypen her, von der einer in Vergleichsfilmen die typische Hassperson bis zum Schluss gewesen wäre, so dass sie sich hier überraschend zum vertrauenswürdigen Verbündeten mausern darf, was aber nur dann inmitten der komplett klischeelastigen Geschichte eine den Film positiv beeinflussende Veränderung hervorgerufen hätte, wenn man auch den Mut besessen hätte, sie als Final Girl einzusetzen.

Kurzum: „The Redwood Massacre“ steckt so tief in Stereotypen und Klischees einer immer wieder erzählten Geschichte fest, dass er in seiner sich endlos drehenden Gewaltorgie lediglich zu langeweilen weiß. Sympathische Figuren und ereignisreiche Momente sichtete man auch im Vorbild der „Freitag der 13.“-Reihe kaum, dafür besaßen die meisten von denen allein schon aufgrund des Soundtracks ein gewisses Maß düsterer Grundatmosphäre. Dass „The Redwood Massacre“ zudem noch auf DVD ohne deutschen Untertitel herausgekommen ist, so dass der Englischunkundige zum arg mäßig ausgefallenen Deutschton schalten muss, ist auch nicht gerade hilfreich für ein besseres Seherlebnis. Allerdings verfälscht die eher schlechte Synchronisation nicht die Qualität des Streifens. Der ist auch im Originalton langweilig und unoriginell ausgefallen. Einzig schade ist es um die wirksame Maske des Killers und das einladende Coverdesign, das richtig Lust auf den Film gemacht hat.


Weitere Reviews zum Film: 



Montag, 17. April 2017

DIE UNHEIMLICHE MACHT DER NINJAS (Iga ninpôchô 1982 Mitsumasa Saito


Wer auch immer Lady Ukyo besitzt, herrscht über das ganze Land. Donjo verbündet sich mit einem mächtigen Zauberer, der ihm ein Liesbeselexier mixt, welches Ukyo an Donjo binden soll. Ninja Jotaro, der die Zwillingsschwester Ukyos liebte, die zur Herstellung des Trankes sterben musste, versucht die Pläne Donjos zu durchkreuzen...


Warum man niemals eine wertvolle Teekanne verschenken sollte...

Sicherlich war das hier Erzählte 1982 schon nicht mehr neu, und auch im Härtegrad steht „Die unheimliche Macht der Ninjas“ hinter manch heftiger gearteten Werken zurück. Letztendlich ist der wilde Genre-Mix aus Eastern, Fantasy, Abenteuer, Märchen und Romantik aber trotzdem ein netter kleiner Zeitvertreib für zwischendurch geworden, der zumindest Leuten wie mir, die seltener Gast im asiatischen Kampfsportfilm sind, zu gefallen weiß. Da ich mich im Genre nicht so gut auskenne, weiß ich nicht wie innovativ die Kampfmethoden Donjos übernatürlicher Helfer sind. Somit konnte ich mich für den Säure kotzenden Einen und den „Critters“-artig Stacheln abschießenden Anderen begeistern.

Dass die eigentliche Geschichte Standard im Genre ist und die Kampfsportszenen lediglich routiniert ausgefallen sind, weiß ich auch als Ausnahmegast im Genre, letztendlich ist beides aber gut genug ausgefallen, um einen nicht ganz so ernst gemeinten Film tragen zu können. Wo andere Werke durch die Stärke des Helden bei sich ewig in Kreis drehender Story langweilen können, eben weil lediglich ständig die Gegner wechseln, da wissen die Gegner Jotaros auf gleicher Stärke, manchmal gar mächtiger zu kämpfen, so dass die Geschichte mal die gute und mal die böse Seite zum Sieger erklärt - nicht ohne am Ende den Guten ein Happy End zu bescheren, aber selbst dieses findet nur unter einem sehr großen Opfer statt.

Was der Magier von den Plänen des dümmlichen, wie machtgeilen und aufbrausenden Donjos hat, wird nie ganz klar, teilweise wähnte ich ihn für kurze Zeit als Fallensteller der guten Seite. Aber der Zauberer soll so böse sein, wie er dargestellt wird, gewinnt aber trotzdem in der Schlussszene an Sympathie, wenn er den Film mit einem humoristischen, selbstkritischen Kommentar schließt. Nicht nur er ist es, der „Ninja Wars“ (Alternativtitel) trotz der harten und halbwegs realistischen Umsetzung trotzdem zum Märchen werden lässt, auch die romantische Grundstimmung, zum Beispiel durch den Panflöte spielenden Ninja verkörpert, verweist den von Liebe und Macht handelnden Kampfsportfilm immer wieder auf das Genre Märchen, wenn auch eines für Erwachsene, mit diversen Fantasyelementen härter gezeichnet.

Viel mehr gibt es über „Death of a Ninja“ (Alternativtitel) nicht zu sagen. Manches Mal fällt der Plot etwas verwirrend aus, gerade was den Köpfetausch für die Augen europäischer Zuschauer betrifft, für welche die Asiaten schnell sehr ähnlich aussehen. An anderer Stelle geht es wiederum besonders schlicht und naiv vonstatten. Ruhige Szenen wechseln sich mit Actionmomenten ab, Einzelkämpfe mit Massenschlachten. Der im deutschen Titel hervorgehobene Begriff der Ninjas findet thematisch eher nebensächlich statt, kann auch eine reine Übersetzungsthematik der Deutschen sein. Ich weiß es nicht, der deutsche Untertitel war leider an der deutschen Synchronisation orientiert, nicht am Originalton. So oder so geht es um gut ausgebildete, über Magie verfügende Kämpfer, da interessiert es letztendlich nicht weiter ob diese sich nun Ninja nennen oder nicht.